Unter Südkalifornien hat sich nach Berechnungen eines internationalen Forscherteams mehr tektonische Spannung aufgebaut als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der vergangenen tausend Jahre. Besonders kritisch ist der Cajon Pass nordöstlich von Los Angeles, an dem sich die San-Andreas- und die San-Jacinto-Verwerfung begegnen und ein Beben von einem System auf das andere überspringen könnte. Wann sich die aufgestaute Energie entlädt, kann niemand vorhersagen – doch die möglichen Folgen sind immens.
Nordöstlich von Los Angeles verengt sich die Landschaft am Cajon Pass zu einem der wichtigsten Verkehrskorridore Kaliforniens. Autobahnen, Eisenbahnlinien und Energieverbindungen führen durch dieses Gebiet, während sich tief darunter zwei der gefährlichsten Bruchsysteme Nordamerikas annähern: die San-Andreas- und die San-Jacinto-Verwerfung. Genau hier könnte entschieden werden, ob das nächste große Erdbeben an einer Verwerfung endet oder sich über beide Systeme hinweg fortsetzt. Die Forscher sprechen deshalb von einem „Erdbeben-Tor“. Öffnet es sich, wäre nicht nur ein einzelner Abschnitt betroffen, sondern ein weitaus größerer Teil des dicht besiedelten Südkaliforniens.
Höchste Spannung seit tausend Jahren
Die im Juni 2026 unter dem Titel „Cajon Pass and the Southern San Andreas Fault System: Earthquake Cycle Stress Accumulation and Present-Day Loading“ im Fachjournal Journal of Geophysical Research: Solid Earth veröffentlichte Studie rekonstruiert die Erdbebenzyklen der vergangenen tausend Jahre. Das Team um die Geophysikerin Liliane Burkhard von der Universität Bern speiste dafür geologische Befunde, Radiokarbondatierungen, Auffälligkeiten in Baumringen und historische Berichte über Bodenbrüche in ein physikalisches Vierdimensionalmodell ein. Dieses berechnet, wie frühere Erdbeben Spannungen auf benachbarte Verwerfungsabschnitte verlagerten, wie sie sich während langer Ruhephasen erneut aufbauten und wie sich tiefere Gesteinsschichten anschließend entspannten. Das Ergebnis ist keine Messsonde im Erdinneren, sondern eine Modellrechnung – allerdings eine, die den heutigen Zustand mit einem ganzen Jahrtausend seismischer Geschichte vergleicht.
California's two biggest fault lines have not ruptured together near Los Angeles in over a century. A new model just found the exact stress conditions that history shows precede a joint rupture. Those conditions are happening again, right now.
— The Modern Pulse (@manavspeakfacts) June 21, 2026
Two of Southern California's most… pic.twitter.com/0jEXZNId4c
Auf dem San-Jacinto-Bernardino-Abschnitt errechnet das Modell derzeit eine Coulomb-Spannung von 3,6 Megapascal. Das ist der höchste Wert, der an irgendeinem Punkt der gesamten Tausendjahressimulation auftritt. Der südliche Mojave-Abschnitt der San-Andreas-Verwerfung liegt bei 2,8 Megapascal. Entscheidend ist nicht allein die Höhe der Werte, sondern dass beide Systeme gleichzeitig stark belastet sind. Eine solche Annäherung der Spannungszustände trat in der Modellrekonstruktion auch vor Erdbeben auf, deren Bewegungen durch den Cajon Pass hindurchliefen.
Das Tor blieb nicht immer geschlossen
Beim Fort-Tejon-Erdbeben von 1857 riss ein rund 350 Kilometer langer Abschnitt der San-Andreas-Verwerfung auf. Das Beben erreichte vermutlich eine Magnitude von etwa 7,9, stoppte jedoch am Cajon Pass und sprang nicht auf das San-Jacinto-System über. Anders verlief nach den Rekonstruktionen das Wrightwood-Beben von 1812: Damals dürfte der Bruch durch den Knotenpunkt hindurchgelaufen und auf beide Verwerfungssysteme übergegangen sein. Die Vergangenheit zeigt damit beide Möglichkeiten – ein geschlossenes Tor, das die Ausbreitung stoppt, und ein offenes Tor, das aus mehreren Bruchabschnitten ein zusammenhängendes Großereignis macht.
Southern California is currently on high alert as major fault lines have reached their greatest stress levels in the past 1,000 years.
— Massimo (@Rainmaker1973) July 10, 2026
A recent study reconstructed a thousand year history of earthquakes along sections of the San Andreas and San Jacinto fault systems.… pic.twitter.com/zLUbs6SCPQ
Ein gemeinsamer Bruch könnte nach Einschätzung Burkhards eine Magnitude zwischen etwa 7,4 und 7,8 erreichen und ein deutlich größeres Gebiet treffen als ein isoliertes Beben. Gefährdet wären nicht nur Los Angeles, sondern auch San Bernardino, Riverside und das Coachella Valley. Hinzu kommt ein Problem, das sich nicht mit eingestürzten Gebäuden erledigt: Mehrere Aquädukte, von denen Südkaliforniens Wasserversorgung abhängt, kreuzen die San-Andreas-Verwerfung. Reißen diese Leitungen, könnten Millionen Menschen über längere Zeit ohne ausreichendes Wasser dastehen – ausgerechnet dann, wenn Brände gelöscht, Verletzte versorgt und zerstörte Stadtteile stabilisiert werden müssen.
Zwei Minuten, die Südkalifornien verändern
Wie ein solches Ereignis aussehen könnte, hat der US Geological Survey bereits im sogenannten ShakeOut-Szenario durchgerechnet. Mehr als 300 Wissenschaftler und Ingenieure modellierten dafür ein Beben der Magnitude 7,8 auf dem südlichen San-Andreas-System. Die Simulation geht von fast zwei Minuten heftiger Erschütterungen, rund 1.800 Todesopfern und etwa 53.000 Verletzten aus, die in Notaufnahmen behandelt werden müssten. Rund 1.600 Brände könnten ausbrechen; die gesamten wirtschaftlichen Verluste wurden je nach Berechnungsstand auf ungefähr 190 bis mehr als 200 Milliarden Dollar geschätzt. Besonders verheerend wären demnach nicht nur die direkten Gebäudeschäden, sondern Brände, unterbrochene Wasserversorgung und der längerfristige Stillstand der Wirtschaft.
California major earthquake faults have accumulated stress levels not seen in the past 1,000 years according to recent modeling. Researchers examined the Cajon Pass region northeast of Los Angeles where the San Andreas and San Jacinto fault systems converge closely. This zone… pic.twitter.com/eWAzZoNW4G
— Massimo (@Rainmaker1973) July 7, 2026
Bereits die UCERF2-Prognose des US Geological Survey bezifferte 2008 die Wahrscheinlichkeit eines Bebens ab Magnitude 6,7 auf dem südlichen San-Andreas-System innerhalb von 30 Jahren auf 59 Prozent – der höchste Wert aller damals untersuchten Verwerfungen Kaliforniens. Die neue Studie setzt nun noch einen drauf: Ausgerechnet jene Abschnitte, die ein gemeinsames Großbeben ermöglichen könnten, stehen laut Modell unter der höchsten Spannung seit tausend Jahren. Einen Termin können die Wissenschaftler selbstverständlich nicht nennen. An der Gefahr selbst besteht jedoch kein Zweifel. Die Frage ist daher nicht, ob Südkalifornien auf das nächste schwere Erdbeben vorbereitet sein muss, sondern ob seine Infrastruktur dem Ereignis standhält. Lucy Jones bringt die zeitliche Unsicherheit auf den Punkt: Das System könne noch hundert Jahre halten – oder morgen brechen.






