Der Nobelpreisträger Michael Levitt hat mit weiteren Forschern – unter ihnen der bekannte Epidemiologe und Statistiker John Ioannidis – knapp 57 Millionen in den USA ausgestellte Totenscheine zwischen 2003 und 2023 ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass ein großer Anteil von Todesfällen im Zuge neuer Vorgaben in andere Todesursachen umklassifiziert wird: Im Falle von Covid-19 ergibt sich laut Studie eine Überfassung von 44 bis 63 Prozent.
Der folgende Artikel ist eine Übernahme vom Multipolar-Magazin:
Stanford. (multipolar) Die COVID-19-Sterbefälle wurden in den USA während der Corona-Krise um bis zu zwei Drittel übererfasst. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Juni veröffentlichte US-amerikanische Studie des Chemie-Nobelpreisträgers Michael Levitt. Er wertete zusammen mit seinen Co-Autoren – darunter der Epidemiologe und Statistiker John Ioannidis – sämtliche knapp 57 Millionen zwischen 2003 und 2023 in den USA ausgestellten Todesscheine neu aus und verglich das Ergebnis mit der daraus erzeugten offiziellen Todesursachenstatistik. Dabei nahmen die Forscher die neben der Haupttodesursache zusätzlich in den Totenscheinen angegebenen begleitenden Todesursachen genauer unter die Lupe. Je nach Gewichtung der begleitenden Todesursachen lag die Übererfassung der COVID-19-Todesfälle bei 44 bis 63 Prozent.
Die Wissenschaftler stellten fest, dass es in dem 21-jährigen Untersuchungszeitraum bei der statistischen Aufbereitung der Todesfälle immer wieder zu Neubewertungen gekommen ist. Die ursprünglich im Todesschein gemeldete Todesursache änderte sich dabei, insbesondere nach Veröffentlichung neuer Versionen der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) sowie dem Hinzufügen neuer ICD-10-Codes. Bei einem Drittel der Todesfälle habe sich der ICD-Code für die ausgewählte Hauptursache bei der statistischen Aufbereitung für die offizielle nationale Statistik geändert. Bei etwa der Hälfte davon sei es sogar zu einer Verschiebung in eine andere übergeordnete Krankheitskategorie gekommen.
Solche Verschiebungen seien im Laufe der Zeit häufiger geworden und hätten während der Corona-Krise, insbesondere in den Jahren 2020 bis 2021, mit der Einführung der COVID-19-Kodierung erheblich zugenommen, so die Ergebnisse der Studie weiter. Durch die Neuklassifizierung habe sich die Zahl der Todesfälle in der Statistik, bei denen COVID-19 als Hauptursache ausgewählt wurde, fast verdoppelt. Umgekehrt reduziere die Berücksichtigung von Multimorbidität durch Gewichtung mehrerer, in den Totenscheinen angegebenen Todesursachen die COVID-19-Belastung um etwa die Hälfte bis zwei Drittel. Bei der von den Wissenschaftlern vorgenommenen Gewichtung hätten sich die Todesfallzahlen für verschiedene Krankheitskategorien wieder an die ursprünglich gemeldeten Todesursachen angenähert.
Die Forscher halten die Vorgabe, nur eine zugrunde liegende Todesursache auf dem Totenschein anzugeben, für nicht mehr zeitgemäß. Die meisten Menschen würden heutzutage an den kombinierten Auswirkungen mehrerer Ursachen sterben, die ihre Gesundheit über einen variablen Zeitraum hinweg untergraben. COVID-19 sei ein klassisches Beispiel dafür, dass fast alle Todesfälle in Verbindung mit schweren Begleiterkrankungen auftraten und dass mehrere Begleiterkrankungen einen starken Zusammenhang mit tödlichen Verläufen bei SARS-CoV-2-Infektionen aufwiesen. Die starke Übererfassung von COVID-19-Todesfällen könne damit zusammenhängen, dass die Krankheit ein dominantes, allgegenwärtiges Thema im Gesundheitswesen, in den Medien und in der Gesellschaft war und übermäßige Testungen durchgeführt wurden.
Es sei daher möglich, dass die WHO-Regeln, die – ähnlich wie in anderen Ländern – auch in die US-Regeln zur Neuklassifizierung der Sterblichkeitskodierung integriert wurden, zu einer deutlichen Überschätzung der COVID-19-Sterblichkeitslast geführt haben. Vermutlich sei COVID-19 im Zeitraum 2020 bis 2023 in den USA kumulativ für etwa 100.000 Todesfälle bei Menschen unter 65 Jahren und für etwa 300.000 Todesfälle bei Menschen ab 65 Jahren verantwortlich gewesen, schließen Levitt und seine Kollegen. Die oberste US-Gesundheitsbehörde gibt für diesen Zeitraum die Gesamtzahl aller COVID-19-Todesopfer in den Vereinigten Staaten mit rund 1,17 Millionen an. Im vergangenen Jahr kam bereits eine Studie zu Todesfällen in Athener Krankenhäusern zu dem Ergebnis, dass fast jeder zweite „Corona-Tote“ nicht an Covid starb.
Auch in Deutschland wird auf der Todesursachenbescheinigung im ersten Teil nur ein „Grundleiden“ inklusive weiterer „vorausgegangener Ursachen“ angegeben. Im zweiten Teil können andere wesentliche Krankheitszustände angegeben werden, die zum Tode beigetragen haben. Zwar kann in Deutschland die offizielle Todesursachenstatistik mit den aus den Totenscheinen kodierten jeweiligen Grundleiden beantragt werden, wie in einem Werkstattbericht des Bayerischen Landesamts für Statistik (Seite 53) ausgeführt wird. Allerdings haben Forschende bislang keinen Zugriff auf die im zweiten Teil der Todesurkunde angegebene Multikausalkette der Todesursachen.
