Impfungen und Autismus: Die Risse im Fundament des „Kein Zusammenhang“-Dogmas

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Jahrzehntelang galt jeder Zweifel als erledigt: Impfungen verursachen keinen Autismus, die Wissenschaft habe gesprochen. Nun erklärt ausgerechnet die US-Gesundheitsbehörde CDC ihre eigene pauschale Aussage für wissenschaftlich nicht gedeckt und räumt ein, dass sie auch zur Bekämpfung von Impfskepsis verbreitet wurde. Gleichzeitig geraten zwei einflussreiche dänische Studien wegen widersprüchlicher Fallzahlen, einer veränderten Datenerfassung und verschwundener Folgejahre erneut unter Beschuss.

„Vaccines do not cause autism“ – Impfungen verursachen keinen Autismus. Dieser Satz stand jahrelang auf den Seiten amerikanischer Gesundheitsbehörden und diente weit über die USA hinaus als wissenschaftlicher Schlussstrich. Diskussion beendet, Kritiker widerlegt, Eltern beruhigt. Seit Juli 2026 liest sich die entsprechende Seite der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) allerdings völlig anders.

Die pauschale Aussage sei „not an evidence-based claim“ (also keine auf Beweisen basierende Behauptung), schreibt die CDC nun. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten nicht ausgeschlossen, dass Impfungen im Säuglingsalter zur Entstehung von Autismus beitragen könnten. Danach folgt ein Satz, der den politischen Charakter der früheren Sprachregelung offenlegt: Die CDC und andere Einrichtungen des US-Gesundheitsministeriums hätten die Behauptung auch verbreitet, um „vaccine hesitancy“, also Impfskepsis, zu verhindern. Wissenschaftliche Gewissheit und gesundheitspolitische Erziehungsarbeit gingen offensichtlich fließend ineinander über.

Die CDC zieht inzwischen eine Grenze, die in der öffentlichen Debatte jahrelang verwischt wurde. Für die MMR-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln sieht die Behörde weiterhin starke epidemiologische Belege gegen einen Zusammenhang mit Autismus. Bei anderen Impfstoffen, die Säuglinge im ersten Lebensjahr erhalten, hält sie die Datenlage dagegen nicht für ausreichend, um einen Zusammenhang pauschal auszuschließen. Der alte Satz bezog sich trotzdem auf „Impfungen“ insgesamt. Er war weiter gefasst als die Evidenz, auf die er sich berief.

13 Fälle zwischen zwei Tabellen

Eine der wichtigsten Arbeiten zur MMR-Impfung erschien 2002 im New England Journal of Medicine. Für „A Population-Based Study of Measles, Mumps, and Rubella Vaccination and Autism“ werteten Kreesten Madsen, Poul Thorsen und weitere Forscher die Daten von 537.303 dänischen Kindern aus. 440.655 von ihnen hatten die MMR-Impfung erhalten. Das Fazit der Autoren fiel entsprechend selbstbewusst aus: Die Studie liefere „strong evidence against the hypothesis that MMR vaccination causes autism“. Diese Worte – also dass die Studie „starke Beweise gegen die Hypothese“ liefere, wonach MMR-Impfungen Autismus verursachen würden – machten Karriere. Die Madsen-Studie wurde über Jahre als einer der wissenschaftlichen Eckpfeiler für die Behauptung zitiert, die Autismusfrage sei bei MMR erledigt. Mehr als zwanzig Jahre später sorgen ausgerechnet die veröffentlichten Tabellen für Ärger.

Karl Jablonowski und Brian Hooker von Children’s Health Defense nahmen die Arbeit 2025 in ihrem Beitrag „Unadjusted Analysis of a Population-Based Study of Measles, Mumps, and Rubella Vaccination and Autism“ im Fachjournal Integrative Medicine: A Clinician’s Journal erneut auseinander. Tabelle 2 weist insgesamt 608 geimpfte und 130 ungeimpfte Kinder mit Autismus oder einer anderen Autismusspektrum-Diagnose aus. Daraus ergibt sich ein unbereinigtes relatives Risiko von 1,03 – praktisch kein Unterschied. Die Fallzahlen aus Tabelle 1 führen dagegen zu 631 geimpften und 117 ungeimpften Kindern mit einer entsprechenden Diagnose. Mit diesen Zahlen steigt das unbereinigte relative Risiko auf 1,18, also einen rechnerischen Anstieg um 18 Prozent. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reicht von 0,97 bis 1,44, der p-Wert liegt bei 0,095. Ein statistisch gesicherter Zusammenhang ist das nicht. „Starke Beweise“ gegen einen Zusammenhang sehen auf Grundlage dieser Rohzahlen allerdings ebenfalls anders aus.

Der Unterschied entsteht durch lediglich 13 ungeimpfte Kinder, die in den beiden Tabellen offenbar verschieden auftauchen. Bei einer vergleichsweise kleinen Zahl diagnostizierter Fälle genügt eine solche Abweichung, um die Gegenrechnung erheblich zu verändern. Seit der Veröffentlichung sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen. Eine überzeugende öffentliche Erklärung für die widersprüchlichen Summen wäre längst fällig. Jablonowski und Hooker ersetzen mit ihrer einfachen Gegenrechnung allerdings nicht das vollständige Modell der ursprünglichen Studie. Madsen und seine Kollegen werteten nicht nur Kopfzahlen aus, sondern berücksichtigten Beobachtungszeiten und behandelten den Impfstatus als zeitabhängig: Ein Kind galt bis zur MMR-Impfung als ungeimpft und danach als geimpft. Zudem korrigierten sie nach Alter, Geschlecht, Geburtsgewicht, Schwangerschaftsdauer, Bildungsstand der Mutter, Kalenderjahr und sozialem Status. Das Ergebnis lag bei einem relativen Risiko von 0,92 für Autismus und 0,83 für andere Autismusspektrum-Störungen.

Die beiden Tabellen widersprechen sich. Bereits 13 anders zugeordnete Fälle verschieben das unbereinigte Ergebnis von praktisch keinem Unterschied zu einem rechnerisch um 18 Prozent erhöhten Risiko. Trotzdem wurde die Studie jahrzehntelang als „starker Beweis“ gegen einen Zusammenhang verkauft. Solange die Autoren diesen Widerspruch nicht erklären und ihre Berechnungen vollständig offenlegen, bleibt ausgerechnet in einem der wichtigsten Beweisstücke des offiziellen Narrativs eine erhebliche Lücke. Die ursprüngliche Studie arbeitete zwar mit Beobachtungszeiten, einem wechselnden Impfstatus und mehreren statistischen Korrekturen. Nichts davon erklärt jedoch, warum ihre beiden Tabellen unterschiedliche Fallzahlen enthalten. Ein kompliziertes Rechenmodell kann keinen Widerspruch in den zugrunde liegenden Daten beseitigen.

Die neuere Studie fällt deutlich größer aus

Die MMR-Frage hängt inzwischen nicht mehr allein an der Arbeit von 2002. Eine weitere dänische Untersuchung erschien 2019 unter dem Titel „Measles, Mumps, Rubella Vaccination and Autism: A Nationwide Cohort Study“ in den Annals of Internal Medicine. Sie umfasste 657.461 Kinder, von denen 6.517 während der Beobachtungszeit eine Autismusdiagnose erhielten.

Die Forscher errechneten für geimpfte Kinder eine bereinigte Hazard Ratio von 0,93 gegenüber ungeimpften Kindern. Auch bei Kindern mit einem autistischen Geschwister oder anderen bekannten Risikofaktoren fanden sie keinen statistisch belastbaren Anstieg. Diese wesentlich größere Untersuchung stützt die Aussage, dass die MMR-Impfung das Autismusrisiko nicht erhöht. Sie erklärt jedoch nicht, warum die beiden Tabellen der älteren Madsen-Arbeit unterschiedliche Fallzahlen enthalten. Neuere Forschung kann eine alte Studie in ihrer Bedeutung relativieren. Sie kann deren Ungereimtheiten nicht nachträglich beseitigen.

Thiomersal verschwand – die Erfassung änderte sich

Noch schmutziger wird die Geschichte bei einer zweiten Arbeit aus demselben dänischen Forscherumfeld. Im Jahr 2003 veröffentlichten Kreesten Madsen, Poul Thorsen und weitere Autoren im Fachjournal Pediatrics die Studie „Thimerosal and the Occurrence of Autism: Negative Ecological Evidence From Danish Population-Based Data“. Thiomersal ist ein quecksilberhaltiges Konservierungsmittel, das 1992 aus den betreffenden dänischen Impfstoffen entfernt worden war. Die Forscher verglichen die Entwicklung der registrierten Autismusfälle vor und nach diesem Ausstieg. Weil die Zahlen anschließend weiter stiegen, werteten sie dies als Argument gegen einen Zusammenhang zwischen Thiomersal und Autismus.

Mitten im entscheidenden Zeitraum änderte Dänemark jedoch die Erfassung. Bis 1994 enthielt das verwendete psychiatrische Register stationär behandelte Patienten. Ab 1995 kamen auch ambulante Kontakte hinzu. Plötzlich flossen damit zahlreiche Diagnosen in die Statistik ein, die vorher gar nicht erfasst worden waren. Der auffällige Anstieg nach dem Ende der Thiomersal-Impfstoffe fiel ausgerechnet in jene Jahre, in denen Dänemark sein statistisches Netz erheblich weiter auswarf. Die Autoren erwähnten diesen Registerbruch in ihrer Arbeit. Sie räumten sogar ein, dass die Aufnahme ambulanter Fälle die gemessene Inzidenz überhöhen könne. Trotzdem wanderte die steigende Kurve als bequemes Argument durch die Impfdebatte: Thiomersal verschwand, Autismus nahm weiter zu, also könne kein Zusammenhang bestehen. Die Änderung der Datengrundlage störte dieses eingängige Bild und wurde entsprechend selten mitgeliefert.

Hinzu kommen Daten aus dem Jahr 2001, die im veröffentlichten Paper nicht mehr auftauchten. Eine 2022 im Fachjournal Cureus erschienene Auswertung früherer Manuskriptfassungen und interner Korrespondenz zitiert eine E-Mail der Mitautorin Marlene Lauritsen vom November 2002. Darin erklärte sie, die neuesten Zahlen für 2001 seien noch nicht im Manuskript enthalten – Inzidenz und Prävalenz gingen in diesem Jahr jedoch weiter zurück. Die spätere Veröffentlichung endet mit dem Jahr 2000. Der fallende Wert für 2001 blieb draußen. Spätere dänische Daten zeigten zwar erneut steigende Autismusdiagnosen, doch ausgerechnet bei einer Studie, deren Argument auf dem Verlauf einer Kurve beruht, darf ein bereits bekanntes Folgejahr mit sinkenden Werten nicht einfach verschwinden. Andernfalls wird aus Datenauswahl schnell Ergebnisgestaltung.

Poul Thorsen und die verschwundene Million

Mitten in diese alte wissenschaftliche Baustelle platzt nun der Fall Poul Thorsen. Er war Mitautor beider dänischen Arbeiten und hatte zuvor als Gastwissenschaftler bei der CDC gearbeitet. Ab 2002 verwaltete er große Teile jener amerikanischen Forschungsgelder, mit denen in Dänemark unter anderem der mögliche Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus untersucht wurde. Von 2000 bis 2009 überwiesen die CDC nach Angaben des US-Justizministeriums mehr als elf Millionen Dollar an zwei dänische Einrichtungen. Thorsen soll mit fingierten Rechnungen und gefälschten Unterschriften mehr als eine Million Dollar auf eigene Konten umgeleitet haben. Mit dem Geld kaufte er laut Anklage unter anderem ein Haus in Atlanta, ein Harley-Davidson-Motorrad sowie Fahrzeuge von Audi und Honda.

Die US-Justiz klagte ihn bereits 2011 an. Thorsen blieb danach fast 14 Jahre außerhalb ihrer Reichweite, bis deutsche Behörden ihn im Juni 2025 in Passau festnahmen. Im Mai 2026 lieferte Deutschland ihn an die Vereinigten Staaten aus. Seitdem sitzt er ohne Kaution in Bundeshaft und muss sich noch wegen zweier Fälle von Wire Fraud sowie neun Geldwäschevorwürfen verantworten. Nun bereitet Thorsen nach Angaben des zuständigen Bundesstaatsanwalts Nathan Kitchens ein Schuldbekenntnis vor. Die entsprechende Anhörung wurde für den 1. September angesetzt. Noch ist offen, welche Vorwürfe die geplante Vereinbarung umfasst.

Die Strafsache betrifft das Abzweigen von Forschungsgeldern und keine nachgewiesene Fälschung der Autismusstudien. Trotzdem trifft der Fall ausgerechnet einen Forschungsbereich, in dem Behörden über Jahrzehnte bedingungsloses Vertrauen verlangten. Millionen Dollar flossen in Untersuchungen zur Impfstoffsicherheit, während einer der beteiligten Forscher und späteren Geldverwalter laut US-Justiz gefälschte Rechnungen einreichte und die Mittel für Haus, Autos und Motorrad verwendete. Viel schlechter lässt sich Glaubwürdigkeit kaum verwalten.

Die WHO hält am Schlussstrich fest

Die Weltgesundheitsorganisation bleibt bei ihrer kategorischen Linie. Ihr Global Advisory Committee on Vaccine Safety wertete 31 Primärstudien und fünf Meta-Analysen aus und erklärte im Dezember 2025 erneut, es gebe keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. Zwanzig der 31 Einzelstudien sowie sämtliche Meta-Analysen fanden keine entsprechende Verbindung. Elf Arbeiten mit Hinweisen auf einen Zusammenhang stufte das Komitee wegen methodischer Mängel und eines hohen Verzerrungsrisikos als wenig belastbar ein.

Damit beansprucht die WHO weiterhin jene Gewissheit, von der die CDC inzwischen zumindest bei der pauschalen Aussage über alle Impfungen abgerückt ist. Dabei handelt es sich nicht um einen belanglosen Streit über Formulierungen. Die CDC erklärt ausdrücklich, dass bei mehreren im Säuglingsalter verabreichten Impfstoffen die nötigen Studien fehlen, um einen Autismuszusammenhang auszuschließen. Die WHO fasst ihre Bewertung weiterhin in dem Satz zusammen, Impfungen verursachten keinen Autismus.

Auch die WHO urteilt nicht aus sicherer Entfernung über ein fremdes Geschäftsfeld. Die Gates Foundation und Gavi gehören seit Jahren zu ihren großen Geldgebern und Partnern. Beide investieren Milliarden in weltweite Impfprogramme; gemeinsam mit der WHO treiben sie unter anderem die Global Polio Eradication Initiative voran. Damit bewertet eine Organisation die Sicherheit jener Impfprogramme, die sie zusammen mit einigen ihrer wichtigsten Geldgeber selbst ausbaut, finanziert und politisch verteidigt. Die regelmäßige Versicherung, das zuständige Expertengremium arbeite unabhängig, beseitigt diesen institutionellen Interessenkonflikt nicht. Global Polio Eradication Initiative: Partnerorganisationen

Die wissenschaftliche Lage lässt sich nicht länger mit einem Slogan abräumen. Die MMR-Impfung wurde in großen Kohorten untersucht, wobei insbesondere die neuere dänische Studie gegen einen Zusammenhang mit Autismus spricht. Gleichzeitig enthält die ältere Madsen-Arbeit widersprüchliche Fallzahlen. Die Thiomersal-Studie legte ihre wichtigste Kurve über einen Bruch in der Registererfassung und ließ ein bereits bekanntes Folgejahr mit sinkenden Zahlen außen vor. Und einer ihrer Mitautoren steht nach fast 14 Jahren auf der Flucht vor einem Schuldbekenntnis wegen mutmaßlich abgezweigter CDC-Forschungsgelder.

Die CDC räumt inzwischen selbst ein, dass ihr alter Satz „Vaccines do not cause autism“ in dieser Pauschalität nicht durch die vorhandene Evidenz gedeckt war. Zugleich bestätigt die Behörde, dass diese Sprachregelung auch verbreitet wurde, um Impfskepsis einzudämmen. Die aufgezeigten Probleme liefern keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Impfungen Autismus verursachen. Sie zerlegen jedoch den behaupteten Schlussstrich, mit dem Behörden, Medien und „Faktenchecker“ jede weitere Frage jahrzehntelang abwürgten. Die Debatte wurde nicht von der Wissenschaft beendet. Sie wurde politisch für beendet erklärt – mit einem Satz, den die CDC inzwischen selbst beerdigt hat.

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