AKW weg, Stromfresser her: Bei Regensburg soll 300-MW-Rechenzentrum entstehen

(C) Report24/KI

Deutschland will beim KI-Boom mitmischen und braucht dafür immer größere Rechenzentren – samt gewaltigem Stromhunger rund um die Uhr. Bei Wenzenbach nahe Regensburg steht nun ein Campus mit bis zu 300 Megawatt Anschlussleistung im Raum, dessen Strombedarf laut Gemeinde sogar über dem heutigen Verbrauch der gesamten Stadt Regensburg liegen würde. Währenddessen wird im selben Bayern mit Isar 2 ein Kernkraftwerk zurückgebaut, das jahrzehntelang zuverlässig enorme Strommengen lieferte.

Am 15. April 2023 war Schluss. Isar 2 ging nach 35 Jahren Betrieb endgültig vom Netz, obwohl der Druckwasserreaktor mit 1.410 Megawatt Nettoleistung zu den leistungsstärksten deutschen Kraftwerken gehörte. Mittlerweile wird die Anlage zerlegt. Nur wenige Jahre später muss Bayern darüber nachdenken, wie der Strom für eine völlig neue Klasse von Großverbrauchern bereitgestellt werden soll. Beim geplanten Rechenzentrum in Wenzenbach geht es allein bei der Anschlussleistung um gut ein Fünftel dessen, was Isar 2 an Elektrizität ins Netz liefern konnte.

Zwei Milliarden Euro und Strom für eine ganze Stadt

Der spanische Projektentwickler Ignis Energy Germany prüft nämlich auf bislang vor allem land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen rund um den Abbachhof den Bau eines riesigen Rechenzentrumscampus. Mehrere Gebäude, bis zu 300 Megawatt Anschlussleistung und ein zusätzlicher Batteriespeicher mit rund 100 Megawatt Leistung stehen im Raum. Das Investitionsvolumen könnte nach Angaben des Unternehmens mehr als zwei Milliarden Euro erreichen.

Am Stromanschluss entscheidet sich, ob aus den Plänen überhaupt etwas wird. TenneT plant in unmittelbarer Nähe ein großes neues Umspannwerk mit 380-Kilovolt-Anbindung. Der Standort ist für Ignis vor allem deshalb interessant, weil dort künftig große Strommengen verfügbar sein könnten. Noch prüft der Netzbetreiber, ob die verlangte Leistung tatsächlich bereitgestellt werden kann. Ein Rechenzentrum dieser Größe lässt sich eben nicht einfach irgendwo hinstellen und an die nächste Mittelspannungsleitung anschließen.

Die Größenordnung zeigt ein Blick auf ganz Deutschland. Sämtliche deutschen Rechenzentren kamen 2025 laut Bitkom zusammen auf 2.980 Megawatt installierte Leistung. Ein Campus mit 300 Megawatt entspräche also rund einem Zehntel dieser Größenordnung. Gleichzeitig stieg der Strombedarf der Branche binnen zehn Jahren von zwölf auf 21,3 Milliarden Kilowattstunden. Der KI-Boom dürfte den Hunger weiter anheizen: Die speziell für Künstliche Intelligenz eingesetzte Rechenzentrumskapazität soll nach Bitkom-Prognosen von 530 Megawatt im Jahr 2025 auf 2.020 Megawatt im Jahr 2030 steigen.

Der KI-Boom braucht Strom – immer

Die 300 Megawatt in Wenzenbach bezeichnen die mögliche Anschlussleistung, nicht automatisch einen dauerhaften Verbrauch in dieser Höhe. Würde diese Leistung theoretisch ein ganzes Jahr vollständig abgerufen, kämen allerdings rund 2,63 Milliarden Kilowattstunden zusammen. Schon diese Rechnung zeigt, welche Energiemengen bei den neuen digitalen Großprojekten im Raum stehen. Und Server interessieren sich herzlich wenig dafür, ob gerade gutes Energiewende-Wetter herrscht. KI-Systeme, Cloud-Dienste und Rechenzentren laufen tagsüber wie nachts, im sonnigen Juli ebenso wie während einer windstillen Dezembernacht. Der Strom muss verfügbar sein, wenn die Rechner ihn brauchen.

Deutschland hat inzwischen mehr als 206 Gigawatt Wind- und Solarleistung installiert. Report24 zeigte erst im August anhand der tatsächlichen Produktionsdaten, wie wenig diese beeindruckende Zahl über die Versorgung zu einem bestimmten Zeitpunkt aussagt. Bei reichlich Wind und Sonne entstehen enorme Leistungsspitzen, wenige Tage später müssen wieder Dutzende Gigawatt aus anderen Quellen kommen. Für einen 300-Megawatt-Dauerverbraucher ist die Zahl auf dem Typenschild eines Solarparks herzlich uninteressant, wenn dort nach Sonnenuntergang kein Strom mehr herauskommt.

Hier wird der deutsche Sonderweg besonders grotesk. Auf der einen Seite will Berlin Deutschland zum KI-Standort machen und den Ausbau der Rechenzentren beschleunigen. Auf der anderen Seite wurden die letzten Kernkraftwerke 2023 aus politischen Gründen abgeschaltet. Isar 2 allein hatte mit seinen 1.410 Megawatt fast die fünffache Nettoleistung des geplanten Anschlusses in Wenzenbach und konnte seinen Strom unabhängig von Tageszeit und Wetter produzieren.

Ausgerechnet Strom wird zum Standortproblem

Bitkom warnt längst davor, dass Deutschland beim Ausbau der Rechenzentren international zurückfällt. Die Branche verlangt schnellere Netzanschlüsse und vor allem günstigeren Strom. Deutschland will bei KI und Clouddiensten aufholen und stellt die Betreiber gleichzeitig vor hohe Strompreise und knappe Netzkapazitäten. Das Wenzenbacher Projekt ist dabei kein kurioser Einzelfall, sondern ein Vorgeschmack auf das, was mit dem KI-Ausbau noch kommt. Rechenzentren wachsen in Dimensionen hinein, die vor einigen Jahren nur großen Industriebetrieben vorbehalten waren. Dazu braucht es neue Stromleitungen, Umspannwerke und vor allem Erzeugungsleistung, auf die sich Betreiber jederzeit verlassen können.

Rund um den Abbachhof gibt es zusätzlich Streit um Flächenverbrauch und Wasserschutz. Eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen den Standort, auf dem heute noch Felder, Wald und ein historischer Hof mit einer Kapelle aus dem 12. Jahrhundert liegen. Wie die Kühlung später aussehen und wie viel Wasser tatsächlich benötigt würde, ist bislang offen. Ignis plant nach Angaben der Gemeinde einen geschlossenen Kühlkreislauf mit Grauwasser.

Auch diese Fragen werden zu klären sein. Die weit größere Geschichte spielt sich jedoch im Stromnetz ab. Deutschland träumt von KI, Clouddiensten und digitaler Souveränität und entdeckt dabei gerade, dass die virtuelle Welt eine sehr reale Infrastruktur braucht. Isar 2 wird währenddessen weiter zerlegt. Die Politik kann Kernkraftwerke abschalten und anschließend Milliardenprojekte für die digitale Zukunft ankündigen. Dem Server ist das egal. Er braucht Strom – 24 Stunden am Tag.

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