Aus den Staatskanzleien von Brüssel, London, Paris und Berlin werden weiterhin Durchhalteparolen „bis zum letzten Ukrainer“ ausgegeben. Gleichzeitig führen ukrainische Frauen einen verzweifelten Kampf, um nicht einen weiteren Sohn oder ihren Partner an die Rekrutierungskommandos zu verlieren. Sie wollen keine weiteren sinnlosen Opfer für ein korruptes Regime und dessen Krieg.
Der Osten und der Süden der heutigen Ukraine sind seit jeher russischsprachig. Diese vergleichsweise industriellen Gebiete wurden von den sowjetischen Bürokraten der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen, um dort eine stärkere Einflussbasis gegenüber den bäuerlichen Ukrainern zu haben.
1991 wurden die russischsprachigen Gebiete mit in die „Unabhängigkeit“ gezwungen, die Bewohner nicht gefragt. Nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker hätte es Abstimmungen darüber geben müssen, in welcher Region die Einwohner zur Ukraine bzw. zu Russland gehören wollen.
Als durch den Maidan-Putsch 2013/14 rabiate antirussische Nationalisten und Verehrer des NS-Kollaborateurs Stephan Bandera an die Macht kamen, wehrten sich die Bewohner des Donbass sowie der Regionen Odessa und Charkow dagegen. Als die Ukrainisierung der russischen Gebiete von Kiew immer mehr forciert, ein Großangriff auf den Donbass geplant und ein NATO-Beitritt vorbereitet wurde, kam Russland 2022 den Separatisten zu Hilfe.
Seitdem dauert der Krieg an und hat hunderttausende Todesopfer gefordert. Da das Regime in Kiew mit dem Rücken zur Wand steht und der Soldatenmangel immer größer wird, setzt es auf gewaltsame Zwangsrekrutierungen – besonders gern in den (von Kiew kontrollierten) Regionen Odessa und Charkow, weil man die dortigen Russischsprachigen besonders gern an der Front verheizt.
„Busifizierung“
Wie Marta Havryshko auf ihrem Blog schreibt, stehen Frauen zunehmend an vorderster Front des Widerstands gegen die zwangsweisen Mobilisierungspraktiken in der Ukraine – ein Phänomen, das die Ukrainer bitter als „Busifizierung“ bezeichnen (weil die Rekrutierungskommandos ihre Opfer in Kleinbusse zerren).
Viele der Frauen, die sich den Einberufungsbeamten entgegenstellen, sind genau diejenigen, die man dort erwarten würde: die Ehefrauen, Freundinnen, Mütter, Schwestern und Großmütter der Männer, die verschleppt werden.
Ihre Beweggründe bedürfen kaum einer Erklärung. Sie wollen die Menschen, die sie lieben, nicht verlieren. Sie fürchten um ihre Ehemänner, Söhne und Brüder. Sie haben Angst, Witwen zu werden. Sie fürchten, dass ihre Kinder ohne Väter aufwachsen müssen. Sie fürchten das Klopfen an der Tür, den Anruf, die Stille.
In einem neuen Beitrag berichtet Havryshko darüber, wie der Widerstand konkret abläuft und sie bringt dazu zahlreiche Fotoaufnahmen und Videos, die das sehr drastisch zeigen. Etwa aus Kryvyi Rih, wo Beamte eine Frau attackieren, die sich gegen die Verschleppung ihres Mannes wehrt. Oder aus Odessa, wo eine Frau schon vom Boden aus schreit, „Verdammt seist du!“, während ihr Mann gewaltsam zur Mobilmachung abgeführt und gegen seinen Willen an die Front geschickt wird.
Erweiterter Widerstand
Doch es gibt noch eine andere Gruppe von Frauen, deren Anwesenheit weit mehr über die Situation aussagt. Sie verteidigen Männer, die sie nicht kennen. Sie sind ihnen noch nie begegnet. Sie kennen ihre Namen nicht. Vielleicht werden sie sie nie wiedersehen.
Sie sind einfach zufällig vor Ort, wenn Rekrutierungsbeamte und Polizei einen Mann auf der Straße ergreifen und versuchen, ihn gewaltsam in ein Fahrzeug zu zerren. Oder sie hören einen Mann um Hilfe schreien. Oder sie hören andere Frauen rufen und Fremde um Beistand bitten, um zu verhindern, dass schon wieder ein Mann abgeführt wird. Und sie greifen ein.
Warum? Warum riskieren sie es, geschubst oder geschlagen zu werden oder Pfefferspray abzubekommen? Warum riskieren sie eine Festnahme? Warum setzen sie sich der Gefahr einer Strafverfolgung wegen Behinderung der militärischen Rekrutierung aus? Warum stellen sie ihren eigenen Körper zwischen den Staat und einen völlig Fremden?
Die Antwort verrät – so Hayryshko – etwas Wichtiges darüber, was jahrelanger Krieg mit einer Gesellschaft macht – und, vielleicht noch wichtiger, was er nicht zu zerstören vermag.
Politische Motive
Hinter diesem Widerstand steht nicht nur ein einziges Motiv. Für manche Frauen ist das Verhalten jedes Mannes, der sich den Rekrutierungsbeamten entzieht, ein Akt politischen Protests gegen ein Mobilmachungssystem, das sie als zutiefst ungerecht empfinden – ein System, dessen menschliche Last ihrer Ansicht nach unverhältnismäßig stark auf jenen lastet, die über das wenigste Geld, den geringsten Einfluss und die schlechtesten Möglichkeiten verfügen, sich zu schützen: Arbeiter, Landbewohner und sozial Benachteiligte.
Für andere ist der Widerstand gegen die Mobilmachung zu einem Ersatz für politisches Gehör geworden. In einem Land, in dem Wahlen während des Krieges ausgesetzt sind, kann die physische Verhinderung einer Zwangsrekrutierung zu einer eigenen, archaischen Form der Stimmabgabe werden: ein direktes, wütendes Misstrauensvotum.
Wieder andere betrachten ihr Handeln als Teil einer umfassenderen Ablehnung des endlosen Krieges. Jeder neue Rekrut ist in ihren Augen ein weiterer menschlicher Körper, der in eine Maschine geworfen wird, die nur überlebt, indem sie ständig neue Körper fordert.
Persönliche Motive
Doch Politik erklärt für Havryshko nur einen Teil des Ganzen. Es gibt ihrer Meinung nach noch ein weiteres Motiv, nämlich eines, das leiser und persönlicher ist und sich weit schwerer ignorieren lässt: die Trauer.
Einige der Frauen, die Fremde verteidigen, haben ihre eigenen Männer bereits an diesen Krieg verloren. Ihre Söhne. Ihre Ehemänner. Ihre Brüder. Andere haben Söhne, die derzeit kämpfen, verwundet oder vermisst sind oder sich in Gefangenschaft befinden.
Für diese Frauen ist der Krieg keine abstrakte Angelegenheit. Sie kennen ihn nicht in erster Linie durch Karten, Kommuniqués, patriotische Parolen oder Fernsehansprachen. Sie kennen den Krieg durch Schlaflosigkeit. Durch das Starren auf das Telefon mitten in der Nacht. Durch das Warten auf eine vertraute Stimme, die die einzigen Worte spricht, auf die es ankommt: „Ich lebe. Mir geht es gut.“
Und manche von ihnen werden diese Stimme nie wieder hören. Keine Medaille wird sie zurückbringen. Keine militärische Auszeichnung wird den leeren Stuhl füllen. Keine patriotische Rede wird einen Sohn in die Arme seiner Mutter zurückbringen. Vielleicht bäumt sich deshalb etwas in ihnen auf, wenn sie sehen, wie der Sohn einer anderen Frau fortgeschleift wird.
„Lasst ihn los!“
In Lwiw wurde eine Frau dabei gefilmt, wie sie sich Rekrutierungsoffizieren und Polizisten entgegenstellte, als diese versuchten, einen jungen Mann in ein Fahrzeug zu zerren: „Ihr habt meinen Bruder mitgenommen – und er ist gestorben! Schämt ihr euch nicht? Lasst den Jungen los! Lasst ihn los!“
Diese Worte sind niederschmetternd, gerade weil sie die Distanz zwischen der Tragödie der einen Familie und der möglichen Zukunft einer anderen Familie aufheben. „Du hast mir meinen genommen. Ich weiß, was danach kam. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie du ihr ihren nimmst.“
Auch anderswo tritt derselbe Instinkt immer wieder zutage. „Lass den Jungen gehen! Mein Sohn ist an der Front, und du machst so etwas hier!“, ruft eine Frau, während sie in Kiew versucht, einen jungen Mann davor zu bewahren, abgeführt zu werden.
In Dnipro schreit eine andere Frau Rekrutierungsoffiziere an: „Ihr habt mir meinen Sohn schon genommen!“
Dies sind – Havryshko – keine sorgfältig ausgefeilten Parolen einer organisierten politischen Bewegung. Sie seien ursprünglicher: die Sprache von Frauen, die am eigenen Leib erfahren haben, welchen Preis der Krieg fordert – bezahlt in der denkbar persönlichsten Währung.
Der Sohn einer anderen
Für die Autorin geschieht „etwas zutiefst Bewegendes“, wenn der festgehaltene Mann sehr jung wirkt. Das Politische trete für einen Moment in den Hintergrund. Aus dem Fremden werde ein Junge. Und die Frau, die ihn beobachtet, wird instinktiv zur Mutter. Nicht zu „seiner“ Mutter. Zu „einer“ Mutter. Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn hier wandelt sich privater Schmerz in Solidarität.
Eine Frau, die Nächte voller Angst um ihren eigenen Sohn verbracht hat, erkenne – so Havryshko weiter – eine andere Mutter, die womöglich bald ebenfalls schlaflose Nächte durchstehen muss. Eine Frau, die ihren Bruder zu Grabe getragen hat, erkenne die Schwester, die eines Tages vielleicht an einem anderen Grab stehen wird. Eine Witwe erkenne eine zukünftige Witwe, noch bevor diese überhaupt ahne, was ihr bevorsteht.
Sie seien Fremde, verbunden durch eine Katastrophe, die sie dieselbe Sprache gelehrt hat. Es sei eine Schwesternschaft, die ohne Parolen und Seminare auskommt. Keine institutionelle Schwesternschaft. Keine ideologische Schwesternschaft. Etwas Älteres, etwas, das tief aus dem Inneren komme: „Ich kenne deinen Schmerz, denn ich habe ihn selbst durchlebt. Und wenn ich verhindern kann, dass du meinen Schmerz erleiden musst, dann werde ich das tun.“
So beschützen sie die Männer anderer Frauen. Die Ehemänner anderer Frauen. Die Brüder anderer Frauen. Die Söhne anderer Frauen. Und manchmal tun sie dies mit nichts weiter als ihrer Stimme, ihren Händen und ihrem Körper.
Sabotage – oder die Verteidigung des Lebens?
Aus der Sicht militärischer Notwendigkeit, des Nationalismus und der Logik der totalen Mobilmachung bedeutet jeder Mann, der nicht in die Armee eintritt, einen Soldaten weniger. Widerstand wird zur Behinderung. Behinderung wird zur Sabotage. Und wenn man es nur weit genug treibt, beginnt Sabotage, Verrat zu ähneln. Das ist die kalte Rechnung des Krieges – und des korrupten Regimes in Kiew.
Doch Mütter folgen – so die Autorin – einer grundlegend anderen Rechnung. Das ukrainische Militär sehe Arbeitskräfte und Mobilisierungszahlen, eine Mutter einen Sohn.
Die Bürokratie sieht einen weiteren wehrfähigen Mann. Eine Mutter sieht das Kind, das sie einst ausgetragen, ernährt und beschützt hat – und an dessen Krankenbett sie wachte.
Die Kriegsmaschinerie fragt: Wie viele Männer brauchen wir noch? Die Mutter fragt: „Wie viele Söhne müssen noch verschwinden?“
Politisch unerwünscht
Diese Frauen, die sich der Mobilisierung widersetzen, sind für das Regime politisch unbequem und vom Mainstream-Diskurs in der Ukraine und im globalistischen Mainstream in Westeuropa ausgeschlossen – jenem Diskurs, der gerne für „Rusoriz“ (ein Kriegsjargon für „Russen-Schlachter“) spendet.
Diese unerwünschten Mütter legen den moralischen Widerspruch offen, den jeder langwierige Krieg schließlich unter Euphemismen zu begraben versucht.
Armeen benötigen „Personal“. Mobilisierung erfordert „Humanressourcen“. Verlustmeldungen zählen „Verluste“. Doch Mütter bestehen hartnäckig darauf, das Vokabular des Krieges in die Sprache des menschlichen Lebens zurückzuübersetzen. Personal sind Menschen. Humanressourcen sind Söhne. Verluste sind Tote. Und hinter jeder Zahl steht jemand, den seine Angehörigen nie wieder in die Arme schließen werden.
Die beschriebenen „Kriegsmütter“ verherrlichen nicht den Krieg (noch dazu einen sinnlosen). Ganz im Gegenteil. Weil sie seinen Preis nur allzu gut kennen, um ihn zu romantisieren. Manche haben diesem Krieg bereits das geopfert, was kein Staat je zurückgeben kann. Und wenn sie versuchen, den Sohn einer anderen zu retten, versuchen sie vielleicht auch – auf unmögliche, verzweifelte und zugleich wunderbare Weise –, eine andere Mutter davor zu bewahren, in dieselbe schwarze Leere zu stürzen.
In der militarisierten Vorstellung mag der Stopp der Rekrutierung eines Mannes wie Sabotage wirken. In der Vorstellung einer Mutter sieht das ganz anders aus. Es ist ein gerettetes Leben.
Und vielleicht ist dies – so die ukrainische Autorin Marta Havryshko – die älteste Pflicht, die Mütter je erkannt haben: das Leben von Kindern zu schützen – selbst wenn das Kind einer anderen Person gehört.
