30 Prozent: Großbritanniens Gasreserven fallen auf historisches August-Tief

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Großbritanniens Gasspeicher sind Ende August nur noch zu rund 30 Prozent gefüllt – der niedrigste August-Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleichzeitig kann das Land gerade einmal sieben Tage durchschnittlichen Winterverbrauch einlagern und wird wegen der sinkenden Nordseeförderung immer abhängiger von Norwegen und dem weltweiten LNG-Markt. Treffen im Winter Frost und Windflaute zusammen, muss London zusätzliche Gasmengen genau dann einkaufen, wenn sie auch alle anderen brauchen.

Großbritanniens Gasspeicher waren in dieser Woche nur zu rund 30 Prozent gefüllt. Im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt noch 46 Prozent, in den beiden Jahren davor jeweils mehr als 90 Prozent. Aktuell lagern rund 9.357 Gigawattstunden Gas im Land, gegenüber 13.635 Gigawattstunden vor einem Jahr. Bloomberg-Daten zufolge wurde im August noch nie ein niedrigerer Füllstand gemessen.

Chris O’Shea, Chef des British-Gas-Mutterkonzerns Centrica, bezeichnet die Lage als „große Sorge“ für die Energieversorgung und die nationale Sicherheit. Großbritannien habe sich zu lange darauf verlassen, dass andere Staaten für seine Versorgungssicherheit sorgen, während Investitionen in Gasspeicher und Gaskraftwerke ausblieben. Für den kommenden Winter befinde sich „fast kein Gas“ in den britischen Speichern, warnte O’Shea.

Sieben Wintertage müssen reichen

Die 30 Prozent wirken noch dramatischer, wenn man die ohnehin geringe britische Speicherkapazität betrachtet. Nach Angaben des Energieministeriums kann das Land lediglich 1,7 Milliarden Kubikmeter Gas einlagern. Das entspricht etwa sieben Tagen durchschnittlichen Winterverbrauchs. Deutschland und andere europäische Staaten verfügen dagegen über Speicher, die ihren Bedarf über wesentlich längere Zeiträume abdecken können.

Das britische System lebt deshalb von der laufenden Belieferung. Gas kommt aus der heimischen Nordsee, über Pipelines aus Norwegen, per LNG-Tanker sowie über Leitungen vom europäischen Festland. Doch die eigene Förderung schrumpft weiter: National Gas erwartet für diesen Sommer einen Rückgang der britischen Nordseelieferungen von 13,9 auf 13,1 Milliarden Kubikmeter. Norwegische Lieferungen sollen dagegen um 24 Prozent steigen, die LNG-Mengen sogar um 65 Prozent. Der Rückgang der heimischen Förderung wird also nicht beseitigt, sondern durch eine wachsende Abhängigkeit vom Ausland ausgeglichen.

Auch Deutschland und die EU starten mit deutlich niedrigeren Reserven als im Vorjahr in den letzten Teil der Füllsaison. Ende August waren die deutschen Speicher zu rund 52 Prozent und die Speicher der EU zu knapp 64 Prozent gefüllt. Großbritannien trifft dieselbe Entwicklung jedoch mit einem viel kleineren eigenen Puffer. Die britischen Speicher sollen keine ganze Heizperiode abdecken. Sie müssen Verbrauchsspitzen auffangen, kurzfristige Lieferausfälle überbrücken und Gaskraftwerke versorgen, wenn die Windstromproduktion einbricht.

Bei Windflaute explodiert der Gasbedarf

Was das bedeutet, zeigte der vergangene Winter. Am 5. Januar 2026 erreichte der britische Gasverbrauch während einer Kältewelle 407 Millionen Kubikmeter an einem einzigen Tag. Gleichzeitig brach die Stromproduktion aus Wind und anderen wetterabhängigen Quellen ein. Innerhalb von nur 36 Stunden sprang die Leistung der Gaskraftwerke von rund 2,3 auf 26,1 Gigawatt – die größte jemals registrierte Schwankung der britischen Gasverstromung innerhalb eines solchen Zeitraums. Vor diesem Verbrauchshoch waren die Speicher noch zu mehr als 70 Prozent gefüllt. Ende August dieses Jahres sind es nur rund 30 Prozent. Eine längere Frostperiode würde den Heizbedarf massiv erhöhen, während eine gleichzeitige Windflaute auch die Stromversorgung stärker an das Gasnetz hängen würde. Dann muss Großbritannien einen erheblich größeren Teil seines Spitzenbedarfs über laufende Importe decken.

Die Vorstellung, immer mehr Windkraft könne fossile Kraftwerke einfach ersetzen, scheitert ausgerechnet dann, wenn Energie am dringendsten benötigt wird. Fällt der Wind aus, müssen britische Gaskraftwerke innerhalb weniger Stunden Leistungen hochfahren, die Dutzenden großen Windparks entsprechen. Wetterabhängige Stromerzeugung spart Gas, solange das Wetter mitspielt. Eine verlässliche Reserve ersetzt sie nicht. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Offshore-Speicher Rough, der rund die Hälfte der britischen Speicherkapazität ausmacht. Centrica setzte die reguläre Einspeicherung dort 2025 aus, weil sich das Geschäft wegen der geringen Preisunterschiede zwischen Sommer und Winter nicht mehr rechnete. Dasselbe Problem wie in Deutschland also, seit des Wegfalls des günstigen russischen Pipelinegases. Der Konzern will rund zwei Milliarden Pfund in die Modernisierung investieren, verlangt dafür jedoch einen staatlich geregelten Finanzierungsrahmen. Während London noch über das Geschäftsmodell verhandelt, schrumpft der Speicherpuffer.

Die Verbraucher bezahlen wegen der angespannten Lage bereits mehr. Ofgem hebt die Preisobergrenze ab Oktober um vier Prozent an. Für einen typischen Haushalt mit Gas und Strom steigt der rechnerische Jahreswert von 1.663 auf 1.723 Pfund. Die durchschnittlichen Gaskosten steigen dabei sogar um acht Prozent. Ofgem nennt die höheren Großhandelspreise infolge des Krieges im Nahen Osten als Hauptgrund dafür. Doch das eigentliche Problem für Europa liegt vielmehr in der Kappung der Pipeline-Gasversorgung aus Russland, welche den Kontinent zunehmend abhängig von Importen aus Übersee gemacht hat.

Die britische Regierung verweist in Sachen Versorgungssicherheit auf Nordseegas, norwegische Pipelines, drei LNG-Terminals und Leitungen zum europäischen Festland. Doch das ist keine Antwort auf O’Sheas Warnung, sondern die Beschreibung des Problems. Die heimische Förderung sinkt, die Speicher reichen nur für wenige Wintertage und jede zusätzliche Tonne LNG muss auf einem umkämpften Weltmarkt gekauft werden. Großbritannien hat seine Energiesicherheit an funktionierende Pipelines, freie Schifffahrtsrouten, ausländische Produzenten und ausreichende Tankerlieferungen ausgelagert. Läuft alles nach Plan, fließt weiter Gas. Treffen jedoch Frost, Windflaute und eine Störung der Importe zusammen, bleiben kaum Reserven, um Zeit zu gewinnen.

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