Nazi-Keule wegen „Sonderbehandlung“: Der Doppelstandard des „Standard“

(C) Report24/KI / Screenshot X

Die Salzburger FPÖ fordert „Keine Sonderbehandlung für Ukrainer“ – und „Standard“-Journalist Thomas Mayer entdeckt darin NS-Terminologie. Sein eigenes Blatt, die Grünen und die SPÖ benutzen dasselbe Wort allerdings völlig selbstverständlich, sobald es gegen Unternehmen, Investoren oder ÖVP-Unterstützer geht. Der angebliche Nazi-Code entsteht offenbar erst durch die drei Buchstaben FPÖ.

Ein Kommentar von Heinz Steiner

Es gehört inzwischen zum politischen Ritual der Linken: Verwendet ein Freiheitlicher ein Wort, das irgendwann auch im Sprachgebrauch des Nationalsozialismus auftauchte, beginnt die Suche nach braunen Botschaften. Diesmal hat es den Begriff „Sonderbehandlung“ erwischt. Die Salzburger FPÖ wirbt mit dem Satz: „Unsere Salzburger zuerst – keine Sonderbehandlung für Ukrainer.“ Gemeint ist eine aus Sicht der Freiheitlichen ungerechtfertigte Bevorzugung bei Sozialleistungen. Dafür braucht kein deutschsprachiger Leser eine historische Übersetzung.

„Standard“-Journalist Thomas Mayer versteht den Satz trotzdem ganz anders. „Sonderbehandlung“ sei ein „berüchtigter Nazi-Begriff“, schrieb er auf X. Die Nationalsozialisten hätten damit Vergasungen und Hinrichtungen getarnt. Anschließend fragte Mayer, ob FPÖ-Vizelandeshauptfrau Marlene Svazek überhaupt wisse, was sie da plakatieren lasse. Der historische Hinweis stimmt. Die daraus gebastelte Unterstellung allerdings nicht.

Der Kontext lässt keinen Spielraum

Die Nationalsozialisten verwendeten „Sonderbehandlung“ innerhalb ihres Terrorapparates als Tarnbezeichnung für Mord. Das macht jedoch nicht jede Verwendung des Wortes acht Jahrzehnte später zu einer Anspielung auf den Holocaust. Der Duden führt neben der historischen Bedeutung ausdrücklich eine zweite an: „besondere [jemanden bevorzugende] Behandlung“. Genau darum geht es auf dem FPÖ-Plakat. Noch deutlicher wird die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie beschreibt die Verwendung des Wortes durch Gestapo, SS und Einsatzgruppen, hält für die Gegenwart aber fest: „Im allgemeinen Sprachgebrauch spielt die NS-Bedeutungsfacette keine Rolle“, der Begriff werde „völlig unproblematisch“ für eine besondere oder bevorzugende Behandlung verwendet.

Die Nationalsozialisten erfanden kein neues Wort, das ausschließlich für Mord stand. Sie missbrauchten einen gewöhnlichen deutschen Begriff als Tarnwort. Wer „Keine Sonderbehandlung für Ukrainer“ liest und an Vergasungen denkt, folgt daher nicht dem eigentlichen Sprachgebrauch und Wortsinn, sondern einer politischen Absicht: Aus Kritik an Privilegien soll eine versteckte Vernichtungsfantasie werden. Dafür muss man den eindeutigen Zusammenhang allerdings erst beseitigen – und anschließend sehr viel braune Farbe darüberkippen.

Der „Standard“ kann normales Deutsch

Wie konstruiert Mayers Empörung ist, zeigt das Archiv seines eigenen Blattes. Am 23. April 2021 veröffentlichte der „Standard“ folgende Überschrift: „Merkel im U-Ausschuss: ‚Wirecard genoss keine Sonderbehandlung‘“ Kein Leser würde dahinter die Behauptung vermuten, Wirecard-Mitarbeiter seien nicht vergast oder hingerichtet, sondern verschont worden. Jeder verstand, dass es um eine mögliche Bevorzugung des Konzerns durch die Bundesregierung ging. Der „Standard“ verwendete das Wort also genau in jener alltäglichen Bedeutung, die Mayer der FPÖ nun nicht zugestehen will.

Der vermeintliche Nazi-Begriff bereitete der Redaktion damals offenbar keine schlaflosen Nächte. Vielleicht lag es daran, dass Angela Merkel keine FPÖ-Politikerin war. Auch die österreichischen Grünen beherrschen dieses angeblich so verdächtige Deutsch. Der Wiener Grün-Politiker Rüdiger Maresch forderte bereits 2008: „Keine Sonderbehandlung für große Investoren.“ Die Konstruktion entspricht fast Wort für Wort dem Salzburger Plakat. „Keine Sonderbehandlung für große Investoren“ bei den Grünen, „Keine Sonderbehandlung für Ukrainer“ bei der FPÖ. Damals suchte offenbar niemand nach einer sprachlichen Nähe zur SS.

Und damit nicht genug: Noch im Juli 2025 überschrieben die Wiener Grünen eine Aussendung mit den Worten „Sonderbehandlung für SPÖ im Gemeindebau muss beendet werden“. Im Text verlangten sie erneut ein Ende der „Sonderbehandlung des Großkunden SPÖ“. Auch hier war jedem klar, dass angebliche Mietprivilegien gemeint waren – keine nationalsozialistischen Mordaktionen.

Auch bei der SPÖ bleibt die Nazi-Keule im Schrank

Selbst im österreichischen Nationalrat wird das Wort ohne jeden historischen Unterton verwendet. Die SPÖ-Abgeordnete Julia Herr kritisierte dort einen Steuererlass für Siegfried Wolf als „reine Sonderbehandlung für einen ÖVP-Unterstützer“. Niemand fragte anschließend, ob die Sozialistin mit diesem Satz Vergasungen oder Hinrichtungen gemeint habe. Sie warf der ÖVP schlicht vor, einen Unterstützer bevorzugt behandelt zu haben – dieselbe Bedeutung, die Mayer bei der FPÖ plötzlich nicht mehr erkennen will. Damit ist der Doppelstandard vollständig: Beim „Standard“, bei den Grünen und bei der SPÖ bedeutet „Sonderbehandlung“ eine Bevorzugung. Verwendet die FPÖ dasselbe Wort in demselben Sinn, soll darin plötzlich nationalsozialistische Vernichtungssprache stecken.

Natürlich gibt es Begriffe und Parolen, die untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden sind. „Sonderbehandlung“ besitzt jedoch bis heute eine gebräuchliche, unmissverständliche Alltagsbedeutung. Das zeigen nicht nur Duden und Bundeszentrale, sondern ausgerechnet jene politischen und medialen Kreise, die bei der FPÖ nun den Sprachalarm auslösen. Wer jedes gewöhnliche Wort unter Nazi-Verdacht stellt, das auch in Akten der SS, Gestapo oder NSDAP vorkam, kann die deutsche Sprache ohnehin bald schließen. Auch die Nationalsozialisten sprachen Deutsch.

Thomas Mayers Beitrag sagt damit viel über den medialen Umgang mit der FPÖ aus. Ein alltäglicher Begriff wird aus seinem eindeutigen Zusammenhang gerissen, mit seiner historischen Sonderbedeutung aufgeladen und anschließend als brauner Verdachtsmoment gegen den politischen Gegner eingesetzt. Ihm geht es offensichtlich nur darum, eine ihm ungeliebte Partei öffentlich zu diskreditieren und zu desavouieren.

Denn beim „Standard“ ist „Sonderbehandlung“ eine Überschrift. Bei den Grünen ist es eine politische Forderung. Bei der SPÖ ist es eine Parlamentsrede. Bei der FPÖ soll es plötzlich ein Nazi-Code sein. Vielleicht sollte sich die Zeitung lieber in „Der Doppelstandard“ umbenennen, zumal man seitens der dort tätigen Journalisten offensichtlich so etwas als Teil des eigenen Handwerks zu verstehen scheint.

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