Amerikas KI-Boom bekommt ein massives Problem: Die Stromversorgung. Riesige Rechenzentren schießen schneller aus dem Boden, als Kraftwerke und Netze nachgebaut werden können. Im größten Strommarkt der USA schrumpfen bereits die Reserven – und eine neue Untersuchung warnt vor massiven Engpässen bis 2030.
Am 22. Juli wurde in Nord-Virginia auf einmal sichtbar, welche Kräfte diese gigantischen Serverparks inzwischen im Stromnetz entfalten. Rechenzentren mit fast 4.000 Megawatt Last trennten sich innerhalb kurzer Zeit vom öffentlichen Netz und wechselten auf ihre Notstromversorgung. Für PJM verschwand damit auf einen Schlag eine Verbraucherlast in der Größenordnung mehrerer Großkraftwerke. Frequenz und Spannung reagierten sofort, die Netzbetreiber mussten eingreifen. PJM-Manager David Souder brachte es Anfang September auf den Punkt: „Diese Art des Betriebs ist nicht tragbar.“ PJM versorgt rund 67 Millionen Menschen in 13 Bundesstaaten und Washington D.C. – und ausgerechnet dort schiebt sich jetzt eine neue Großlast mit enormem Energiebedarf ins Netz. Bis 2030 erwartet der Netzbetreiber rund 32 Gigawatt zusätzliche Spitzenlast. Etwa 30 Gigawatt davon sollen allein auf Rechenzentren entfallen. Das entspricht der Leistung von Dutzenden großen Kraftwerksblöcken.
Der Stromhunger dieser Anlagen endet nicht am Feierabend. Rechenzentren laufen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, bei Sommerhitze ebenso wie in kalten Winternächten. Und während Milliarden für Chips, Server und neue KI-Infrastruktur bereitstehen, zieht der Kraftwerksbau nicht annähernd im selben Tempo mit. PJM warnt selbst, dass ein neues Gaskraftwerk inzwischen zwei- bis dreimal länger bis zur Fertigstellung brauchen kann als ein Hyperscale-Rechenzentrum. Die Serverhalle steht also längst, während für ihre Stromversorgung noch Genehmigungen laufen, Turbinen fehlen oder Netzanschlüsse gebaut werden. Dazu kommt: Selbst weit fortgeschrittene Kraftwerksprojekte verschwinden wieder. Seit 2020 wurden nach PJM-Angaben rund 24 Gigawatt bereits vereinbarter Projekte aufgegeben, darunter 13,5 Gigawatt Gaskraftwerke.
Die Folgen zeigen sich bereits jetzt. Für 2027/28 fehlen PJM mehr als 6.500 Megawatt gegenüber dem eigenen Zuverlässigkeitsbedarf. Für 2028/29 wächst die Lücke auf mehr als 6.800 Megawatt. Der Netzbetreiber plant inzwischen zusätzliche Beschaffungen, um überhaupt genügend gesicherte Leistung für die kommenden Jahre zu bekommen. Doch was ist, wenn die anderen Stromnetze in Nordamerika auf dieselben Probleme stoßen?
Und der große KI-Ansturm hat gerade erst begonnen.
Eine neue Untersuchung im Auftrag der Pennsylvania Public Utility Commission rechnet durch, was passiert, wenn der Stromverbrauch der Rechenzentren weiter in diesem Tempo steigt. Schon im normalen Referenzfall liegt das für 2030 berechnete Risiko von Versorgungsknappheiten fast sechsmal über dem Planungswert von PJM. Im ungünstigen Szenario schießt der Wert völlig aus dem bisherigen Rahmen: An mehr als 13 Tagen pro Jahr könnte es zumindest zeitweise Situationen geben, in denen nicht genügend Leistung zur Verfügung steht. Das bedeutet keine 13 Tage Dauer-Blackout für jeden Haushalt. Es bedeutet aber, dass aus einem statistischen Ausnahmefall ein regelmäßig auftretendes Versorgungsproblem werden könnte.
Der vielleicht härteste Befund steht an anderer Stelle der Untersuchung. Rechnet man ab 2027 keine neuen Rechenzentren mehr hinzu, fällt das Risiko für 2030 wieder unter den bisherigen PJM-Zielwert. Mit anderen Worten: Der gewaltige zusätzliche Stromhunger der Serverparks entscheidet in den Modellen darüber, ob das System noch komfortable Reserven besitzt oder in die Gefahrenzone rutscht. Noch drastischer ist die Entwicklung beim Verbrauch. Im angespannten Szenario steigt allein der zusätzliche Strombedarf der Rechenzentren zwischen 2029 und 2030 um mehr als 200 Terawattstunden. Ganz Pennsylvania verbrauchte 2025 rund 150 Terawattstunden. Ein einziger Wachstumsschub der Serverindustrie würde damit mehr Strom verschlingen als ein ganzer US-Bundesstaat heute innerhalb eines Jahres.
Das trifft auf ein Netz, dessen frühere Reserven längst geschrumpft sind. Zwischen 2011 und 2023 gingen im PJM-Gebiet rund 54 Gigawatt Kraftwerksleistung vom Netz. Jahrelang war das verkraftbar, weil der Verbrauch kaum wuchs und neue Gaskraftwerke nachkamen. Diese bequeme Phase ist vorbei. Jetzt kommt die KI-Industrie mit einem Strombedarf, der ganze Kraftwerksparks verlangt. Microsoft, Google, Amazon, Meta und andere Konzerne investieren Milliarden in neue Rechenzentren und immer leistungsfähigere Chips. Doch kein Algorithmus baut eine Gasturbine schneller, kein KI-Modell ersetzt eine Hochspannungsleitung und keine Pressemitteilung liefert ein einziges zusätzliches Megawatt an Strom.
