Die Kriegsrhetorik zwischen Europa und Russland erreicht die nächste Eskalationsstufe. Außenminister Sergej Lawrow warnt die europäischen Regierungen vor einem Angriff auf Russland – ein solcher Krieg werde „völlig anders“ und „sehr kurz“ sein. Nur wenige Tage zuvor hatte Polens Außenminister Radosław Sikorski erklärt, die NATO könne Russland bei einem Angriff „ziemlich schnell“ besiegen.
Lawrow ließ bei seinem Auftritt am Mittwoch keinen Zweifel daran, an wen seine Botschaft gerichtet war. Russland bereite keinen Angriff auf westliche Staaten vor und habe auch kein Interesse daran, erklärte der Außenminister. Doch Europa spreche praktisch täglich davon, sich auf einen Krieg mit Russland vorzubereiten. „Wenn Europa Russland angreift, wird es ein völlig anderer Krieg sein, und er wird sehr kurz sein“, so Lawrow. Der russische Außenminister ging noch einen Schritt weiter. Auch westliche Truppen in der Ukraine wären für Moskau keine harmlose „Friedenstruppe“. Lawrow bekräftigte die russische Linie, wonach eine solche Stationierung als direkte Kriegsbeteiligung gewertet würde. Mehrere europäische Staaten diskutieren seit Monaten über Soldaten, die nach einem möglichen Waffenstillstand oder Friedensabkommen in der Ukraine stationiert werden könnten.
Sikorski sieht Russland schnell geschlagen
Lawrows Warnung folgte auf kaum weniger scharfe Töne aus Warschau. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte am 12. September bei der Yalta European Strategy Conference in Kiew selbst mit einem schnellen Ausgang eines möglichen NATO-Krieges gegen Russland gerechnet. „Wenn Russland uns angreifen würde und wir die Handschuhe auszögen, denke ich, dass wir Russland ziemlich schnell besiegen würden“, erklärte Sikorski. Europa verfüge über eine überwältigende Überlegenheit in der Luft. Er verwies auf rund 2.500 Kampfflugzeuge der europäischen NATO-Staaten sowie F-35-Jets, JASSM-Marschflugkörper und weitere Waffen für Angriffe tief im gegnerischen Hinterland. Selbst ohne die USA sei diese Überlegenheit gewaltig, so der polnische Außenminister. Sikorski legte auch bei Russlands Energieinfrastruktur nach. Die Ukraine habe innerhalb von sechs Monaten einen großen Teil der russischen Raffineriekapazitäten ausgeschaltet. Europa könne nach seinen Worten den Rest innerhalb von sechs Wochen zerstören.
Moskau ließ diese Aussagen nicht unbeantwortet. Nikolai Patruschew, Putin-Berater und langjähriger Sekretär des russischen Sicherheitsrates, drohte Polen am Dienstag mit einem vernichtenden Gegenschlag. Sikorski unterschätze Russlands militärische Möglichkeiten und übersehe, dass Moskau im Ukraine-Krieg längst nicht sein gesamtes militärisches Potenzial einsetze, erklärte Patruschew. Falls Polen tatsächlich in einen Krieg gegen Russland eintrete, werde Moskau „das gesamte Arsenal der verfügbaren Kräfte und Mittel“ einsetzen. Die polnische Staatlichkeit könne dann innerhalb von „zwei oder drei Tagen“ aufhören zu existieren. Patruschew nannte keine bestimmten Waffensysteme.
Erst die Drohungen, dann schießen NATO-Jets
Während Politiker auf beiden Seiten über schnelle Siege und kurze Kriege sprechen, wird die Lage an der NATO-Ostflanke gefährlicher. Ein italienischer NATO-Kampfjet schoss am Dienstag über Litauen eine Drohne ab, die aus Richtung Belarus in den litauischen Luftraum eingedrungen war. Es war laut Reuters die erste mutmaßlich russische Drohne, die seit dem NATO-Beitritt der baltischen Staaten durch die dortige NATO-Luftverteidigung abgeschossen wurde. Litauens Präsident Gitanas Nausėda identifizierte das Fluggerät am Mittwoch als Gerbera-Drohne russischer Bauart. Nach dem bisherigen Stand war sie wahrscheinlich für die Ukraine bestimmt und durch ukrainische elektronische Kampfführung vom Kurs abgekommen. Das litauische Militär untersucht die Elektronik des Fluggeräts weiter. Gerbera-Drohnen werden von Russland häufig als billige Täuschkörper eingesetzt, können jedoch auch Sprengstoff tragen.
Auch an der polnischen Ostseeküste tauchte eine russische Gerbera-2-Drohne auf. Polnische Ermittler erklärten nach ersten Untersuchungen, das Fluggerät habe einen Sprengkopf getragen. Dieser wurde nach Angaben der Behörden unschädlich gemacht. Die gegenseitigen Warnungen werden damit immer unverhohlener. Sikorski spricht von einem schnellen Sieg über Russland, Patruschew von einem Ende Polens binnen weniger Tage – und Lawrow schickt nun seine eigene Botschaft nach Europa: Ein Angriff auf Russland würde in einem „sehr kurzen“ Krieg münden. Eine Warnung, die man im Westen durchaus ernst nehmen sollte.
