Das angebliche „Goldene Zeitalter des Islam“ bekam auf Wikipedia kräftige Nachhilfe. Ein einzelner Autor schrieb islamischen Gelehrten wissenschaftliche Leistungen zu, die teilweise auf verdrehten Quellen und falschen Zuschreibungen beruhten. Der Skandal um mehr als 87.000 Bearbeitungen wirft auch ein Schlaglicht auf die Gegenwart: Während historische Errungenschaften islamischer Wissenschaftler verklärt werden, liegen die meisten islamisch geprägten Staaten bei Innovationen weit hinter der Weltspitze. Und religiöse Denkverbote erschweren in manchen Ländern bis heute den wissenschaftlichen Fortschritt.
René Descartes verdankte seine philosophischen Erkenntnisse offenbar dem islamischen Gelehrten Al-Ghazali. Das jedenfalls behauptete der Wikipedia-Autor „Jagged 85“ und lieferte dafür sogar eine wissenschaftliche Quelle. Dumm nur, dass deren Verfasser ausdrücklich erklärte, er wolle einen solchen Einfluss gar nicht behaupten. Dafür gebe es nämlich keinerlei Beweise. Trotzdem machte der Wikipedia-Autor aus einem wissenschaftlichen Vergleich kurzerhand eine Geschichte über islamischen Einfluss auf die europäische Philosophie.
Ähnlich dreist ging er bei der Physik vor. Der persische Universalgelehrte Avicenna sollte bereits eine Impulstheorie entwickelt haben, die der späteren Newtonschen Mechanik nahekam. Als Beleg diente ein Zitat aus einer wissenschaftlichen Abhandlung. Allerdings bezog sich die entscheidende Passage auf den europäischen Philosophen Jean Buridan aus dem 14. Jahrhundert. Durch das Herausreißen aus dem Zusammenhang wanderte die wissenschaftliche Leistung plötzlich mehrere Jahrhunderte zurück in die islamische Gelehrtenwelt.
Selbst das heliozentrische Weltbild sollte islamischen Denkern bereits im 10. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Die dafür angeführte Quelle beschrieb allerdings ein geozentrisches Modell, bei dem weiterhin die Erde im Mittelpunkt des Universums stand. Nachdem andere Wikipedia-Autoren die Behauptung korrigiert hatten, tauchte später eine ähnliche Version wieder auf. Diesmal musste eine theosophische Zeitschrift als Beleg herhalten. Jagged 85 hatte seit 2005 mehr als 87.000 Artikelbearbeitungen vorgenommen. Zahlreiche davon dienten nach Feststellung anderer Wikipedia-Autoren einer übertriebenen Darstellung islamischer und anderer außereuropäischer Errungenschaften. Die interne Untersuchung deckte schweren Quellenmissbrauch auf. Die 87.000 Bearbeitungen waren freilich nicht allesamt Fälschungen. Doch das Ausmaß der dokumentierten Manipulationen reichte für eine dauerhafte Sperre im September 2012. Anfang Oktober 2026 holte der Publizist Crémieux die Affäre erneut ans Licht.
My latest article is about how a rogue Wikipedia editor confabulated and misattributed thousands of inventions and concepts to Muslims
— Crémieux (@cremieuxrecueil) October 1, 2026
This trolling made its way into blogs, articles, books, and TV programs. You might even believe some of his lies!
Link: https://t.co/4wYDCYPMm3 pic.twitter.com/yFOIaXqrSs
Religiöse Eiferer setzten Grenzen
Dabei hatte die islamische Welt während der abbasidischen Blütezeit zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert tatsächlich bedeutende Mathematiker, Astronomen und Ärzte hervorgebracht. Herrscher finanzierten wissenschaftliche Einrichtungen, förderten die Übersetzung antiker griechischer Werke und ermöglichten den Austausch von Wissen. Die Errungenschaften jener Epoche sind historisch dokumentiert. Doch die Geschichte zeigt auch die Schattenseiten religiöser Machtansprüche. Wissenschaftliche Freiräume hingen vielfach vom Wohlwollen der Herrscher ab. Sobald religiöse Autoritäten ihre Deutungshoheit gefährdet sahen, konnten wissenschaftliche Projekte zwischen die Fronten geraten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert das Osmanische Reich.
Sultan Murad III. ließ im 16. Jahrhundert in Konstantinopel eine bedeutende Sternwarte errichten. Der Astronom Taqi al-Din erhielt dafür erhebliche staatliche Unterstützung. Doch dem obersten islamischen Rechtsgelehrten Ahmed Kadızade passte das Projekt überhaupt nicht. Er setzte den Sultan unter Druck, bis dieser schließlich nachgab. Anfang 1580 ließ Murad III. die Sternwarte zerstören. Ein wissenschaftliches Prestigeprojekt, das der Herrscher selbst gefördert hatte, fiel dem Machtkampf mit der religiösen Rechtsgelehrsamkeit zum Opfer. Der Historiker Baki Tezcan beschreibt den Vorgang als politischen Konflikt um die Kontrolle des Wissens und die Autorität der Rechtsgelehrten. Gleichzeitig verloren rationale Wissenschaften an den osmanischen Hochschulen an Bedeutung, während die religiös geprägte Rechtswissenschaft ihre Stellung behauptete. Die Medizin blieb eine wichtige Ausnahme. Es ging also auch darum, wer festlegen durfte, welche Formen des Wissens Autorität besaßen. Religiöse Deutungshoheit wurde damit zu einer politischen Machtfrage.
Jahrhunderte später bestehen solche Konflikte in Teilen der islamischen Welt fort. In Pakistan beispielsweise müssen Wissenschaftler bei religiös sensiblen Themen mit Blasphemievorwürfen rechnen. Die Menschenrechtsorganisation Freedom House stellt in ihrem Länderbericht ausdrücklich fest, dass es bei religiösen Fragen keine akademische Freiheit gebe. Wie soll sich freies wissenschaftliches Denken entfalten, wenn die Auseinandersetzung mit religiösen Vorstellungen strafrechtliche Konsequenzen haben kann?
Der Islam behindert Innovationen
Die heutige Innovationsbilanz der islamisch geprägten Staaten fällt außerordentlich ernüchternd aus. Im Global Innovation Index 2026 der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) befindet sich unter den zwanzig führenden Volkswirtschaften kein mehrheitlich islamisch geprägter Staat. Die Vereinigten Arabischen Emirate erreichen Platz 25, Malaysia Rang 34, Saudi-Arabien Platz 42, die Türkei Rang 45 und Katar Platz 47. An der Spitze stehen dagegen die Schweiz, Schweden, die USA, Südkorea und Singapur. Selbst vergleichsweise kleine Staaten lassen große und rohstoffreiche Länder weit hinter sich. Milliarden aus dem Ölgeschäft und ehrgeizige staatliche Technologieprogramme garantieren eben noch lange keine wissenschaftlichen Durchbrüche. Die reichen Golfmonarchien zeigen das besonders deutlich. Die Vereinigten Arabischen Emirate liegen bei den Voraussetzungen für Innovationen weltweit auf Platz 12, bei den tatsächlichen Ergebnissen jedoch nur auf Rang 42. Saudi-Arabien und Katar weisen ähnliche Unterschiede auf. Die WIPO stellt fest, dass diese Staaten ihre umfangreichen Investitionen bislang nur unzureichend in Innovationsergebnisse umsetzen.
Dieser Index bewertet das gesamte Innovationssystem einschließlich Wirtschaft, Infrastruktur und Institutionen. Korruption, politische Repression, fehlender Wettbewerb und wirtschaftliche Fehlentwicklungen spielen ebenfalls eine Rolle – sind aber ihrerseits auch auf das politische System Islam zurückzuführen. Religiös begründete Denkverbote setzen zusätzliche Grenzen. Man kann Milliarden in Universitäten und Forschungszentren investieren. Solange bestimmte Fragen aus Macht- und Glaubensgründen tabu sind, bleibt die wissenschaftliche Freiheit eingeschränkt. In der christlichen Welt, wo die Kirchen im Zuge der Aufklärung ihre absolute Macht über die Menschen verloren haben, gedeiht derweil die Wissenschaft und Menschen streben nach Erkenntnis und Fortschritt. Für moslemische Geistliche ist das wohl „Haram“ …
