Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten belegen, dass konservativ denkende Menschen im Schnitt zufriedener und optimistischer sind als linke, bzw. liberale Leute. Doch das ist nicht alles: Im linken Spektrum werden bestimmte psychische Erkrankungen offensichtlich zu einer eigenen politischen Identität.
Seit Jahren zeigen Umfragen und wissenschaftliche Untersuchungen ein bemerkenswertes Muster: Menschen mit konservativen politischen Ansichten berichten im Durchschnitt von höherer Lebenszufriedenheit, größerem Optimismus und besserem psychischen Wohlbefinden als politisch Liberale bzw. Linke. Nun legt eine neue Studie nach und kommt zu einem interessanten Schluss. Demnach entwickeln sich psychische Erkrankungen in den Vereinigten Staaten zunehmend zu einer eigenen politischen Identität – und diese ist vor allem im linken politischen Spektrum verankert.
Die Untersuchung – veröffentlicht unter dem Titel „Just a Little Melancholic, Maybe a Little Blue: Mental Health as an Emerging Political Identity“ – der Politikwissenschaftlerin Lauren Van De Hey von der Utah State University wurde in der Fachzeitschrift Political Behavior veröffentlicht und analysiert die politische Bedeutung psychischer Erkrankungen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer häufiger von Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Problemen betroffen ist. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob Menschen ihre psychischen Erkrankungen zunehmend als Teil ihrer persönlichen und politischen Identität verstehen. Genau dafür fand die Forscherin deutliche Hinweise.
Wenn psychische Erkrankungen zur Gruppenidentität avancieren
Van De Hey beschreibt in ihrer Studie die Entstehung einer neuen „Mental-Health-Identität“. Menschen mit psychischen Erkrankungen sehen sich demnach nicht mehr nur als Individuen mit gesundheitlichen Problemen, sondern zunehmend als Teil einer gemeinsamen Gruppe mit gemeinsamen politischen Interessen. Die Forscherin erklärt: „Ich stelle außerdem fest, dass sich eine neue politische Identität im Bereich psychische Gesundheit herausbildet, die besonders unter jüngeren Amerikanern der Generation Z und unter liberalen Amerikanern ausgeprägt ist.“ Gleichzeitig betont sie, dass sich die politischen Ursachen und politischen Folgen dieser Identität deutlich von jenen unterscheiden, die bei körperlichen Behinderungen oder schweren körperlichen Erkrankungen zu beobachten sind. Psychische Erkrankungen hätten in den USA inzwischen eine politische Dimension angenommen, die bei den meisten körperlichen Leiden nicht zu finden sei.
Die Daten zeigen dabei sehr große Unterschiede zwischen den politischen Lagern. Während unter den sehr konservativen Befragten lediglich 16 Prozent angaben, irgendwann in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung gelitten zu haben, lag dieser Anteil bei den sehr liberalen Teilnehmern bei 39 Prozent. Menschen mit einer starken „Mental-Health-Identität“ ordneten sich zudem deutlich häufiger dem linken politischen Spektrum zu als dem konservativen. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang demnach bei Angehörigen der Generation Z.

Die Identität wird politisch
Die Studie zeigt jedoch nicht nur Unterschiede bei der Selbstwahrnehmung. Sie dokumentiert auch deutlich erkennbare politische Folgen. Menschen, die sich selbst als psychisch krank kategorisieren und ihre Erkrankung als wichtigen Teil ihrer Identität betrachten, unterstützen deutlich häufiger höhere Staatsausgaben für Gesundheit, Bildung und Sozialprogramme. Gleichzeitig zeigen sie eine stärkere politische Mobilisierung als Personen ohne eine solche Identität.
Interessant dabei ist, dass psychische Erkrankungen offenbar nicht zu politischem Rückzug führen. Während körperliche Behinderungen häufig mit geringerer politischer Beteiligung verbunden sind, konnte Van De Hey bei Menschen mit starker Mental-Health-Identität genau das Gegenteil beobachten. Die Forscherin schreibt dazu, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig das Gefühl hätten, mit anderen Betroffenen eine gemeinsame Gruppe zu bilden. Sie seien eher bereit, sich politisch für Veränderungen einzusetzen und Gesetze zu unterstützen, die sie als gerechter für Menschen mit psychischen Problemen ansehen.
Das Rätsel der unglücklicheren Linken
Die neue Studie knüpft an eine Forschungslinie an, die seit Jahren für Diskussionen sorgt. Bereits 2023 widmete sich das Magazin der Columbia University der Frage, warum politisch Linke, bzw. Liberale deutlich häufiger von Depressionen, Angstzuständen und allgemeiner Unzufriedenheit berichten als Konservative. Die Autoren stellten fest, dass amerikanische Liberale seit Langem niedrigere Werte bei Glücksempfinden und psychischem Wohlbefinden aufweisen als konservative Bürger.
Forscher der University of Florida und der University of Toronto werteten mehrere Datensätze aus und identifizierten verschiedene Faktoren, die zu diesem Unterschied beitragen könnten. Konservative verfügen demnach häufiger über ein stärkeres Gefühl persönlicher Kontrolle über ihr Leben, ein höheres Selbstwertgefühl, mehr Optimismus und eine stärkere religiöse Einbindung. Auch sind konservative Menschen eher verheiratet und können auf stabile Familienstrukturen zurückgreifen, was bei den Linken weniger der Fall ist. All diese Faktoren gelten seit Langem als Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit.
Vielleicht spielt auch die persönliche Wahrnehmung der Menschen eine Rolle. Gerade konservativ denkende Menschen sehen in Depressionen oder Angststörungen weniger eine psychische Erkrankung. Das stärker ausgeprägte Verantwortungsgefühl in dieser Gruppe – Van De Hey spricht von einem „Ethos persönlicher Verantwortung“ – führt dazu, dass man in konservativen Kreisen solche Probleme vor allem selbst zu bewältigen versucht, bevor man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Man betrachtet dies eher als eine kleine Unannehmlichkeit des Lebens, die bewältigbar ist. Im Gegensatz zu den Linken bzw. Liberalen identifiziert sich der Konservative nicht (so sehr) mit den psychischen Problemen.
Besonders auffällig: Junge linke Frauen
Die deutlichsten Unterschiede zeigen sich bei jungen Frauen. Daten des Institute for Family Studies ergaben, dass 37 Prozent konservativer Frauen angaben, mit ihrem Leben vollkommen zufrieden zu sein. Bei moderaten Frauen lag dieser Wert bei 28 Prozent. Unter linken, bzw. liberalen Frauen erreichte er lediglich 12 Prozent. Junge konservative, bzw. rechte Frauen waren damit mehr als dreimal so häufig mit ihrem Leben sehr zufrieden wie ihre liberalen Altersgenossinnen. Gleichzeitig berichteten liberale Frauen zwei- bis dreimal häufiger von Unzufriedenheit mit ihrem Leben.
Ähnlich deutlich fallen die Unterschiede bei Einsamkeit aus. Unter liberalen Frauen zwischen 18 und 40 Jahren gaben 29 Prozent an, mehrmals pro Woche unter Einsamkeit zu leiden. Bei konservativen Frauen lag dieser Anteil bei lediglich 11 Prozent. Die Forscher führen dies unter anderem auf höhere Heiratsraten, stärkere religiöse Bindungen und stabilere soziale Netzwerke zurück. Oder anders ausgedrückt: Der linke Nihilismus schadet dem seelischen Wohlbefinden.

Eine Entwicklung mit politischen Folgen
Die Studie von Lauren Van De Hey zeichnet das Bild einer gesellschaftlichen Entwicklung, die weit über medizinische Fragen hinausgeht. Psychische Erkrankungen erscheinen zunehmend nicht mehr nur als Gesundheitsproblem, sondern als identitätsstiftendes Merkmal mit politischen Konsequenzen. Die Autorin warnt daher ausdrücklich vor den weitreichenden und vor allem negativen Auswirkungen dieser Entwicklung.
Ihre Ergebnisse hätten „weitreichende Konsequenzen für die Interessenvertretung im Bereich psychischer Gesundheit und für die Rolle, die die Mental-Health-Identität in der politischen Sphäre spielen wird – insbesondere wenn die Generation Z älter wird“. Für einen nicht unerheblichen Teil der jüngeren Generation wird psychische Gesundheit offenbar nicht mehr nur als medizinischer Zustand verstanden, sondern zunehmend als Teil der eigenen politischen und gesellschaftlichen Identität. Doch wenn dieser Trend anhält, werden Menschen mit solchen seelischen, psychischen Problemen zusehends das politische Tagesgeschäft immer stärker mitbestimmen.
