Politiker verhängten Lockdowns, Berufsverbote und gesellschaftliche Ausschlüsse, während Ärzte, Lehrer, Arbeitgeber, Wirte und Sicherheitsdienste den staatlichen Willen bis hinunter in den Alltag vollstreckten. Jeder konnte sich auf eine höhere Instanz berufen: auf Gesetze, Verordnungen, Dienstanweisungen, Ärztekammern, Impfkommissionen oder „die Wissenschaft“. Psychologische Experimente zeigen, wie Autoritäten das persönliche Gewissen ausschalten, Verantwortung nach oben verschieben und gewöhnliche Menschen zu Übergriffen bewegen – besonders dann, wenn diese glauben, einem höheren moralischen Ziel zu dienen.
Im Oktober 2025 traf der deutsche Bundesgerichtshof eine Entscheidung, die den Charakter der Corona-Impfkampagne deutlicher offenlegte als viele politische Aufarbeitungsversuche. Ärzte, die bis zum 7. April 2023 Corona-Impfungen verabreichten, handelten demnach in Ausübung eines ihnen anvertrauten öffentlichen Amtes. Für mögliche Fehler bei Aufklärung, Behandlung oder Impfung haftet deshalb grundsätzlich der Staat. Über mögliche Impfschäden des Klägers selbst sagte das Urteil nichts aus. Doch es klärte, in wessen Auftrag der Arzt mit der Spritze tätig geworden war: Er erfüllte eine staatliche Aufgabe.
Millionen Menschen glaubten, eine gewöhnliche medizinische Behandlung im vertrauten Arzt-Patienten-Verhältnis zu erhalten. Hinter dem weißen Kittel stand jedoch eine vom Staat organisierte Kampagne, deren politische Ziele über Ministerien, Gesundheitsbehörden, Impfkommissionen, Ärztekammern und Medien bis in die Ordinationen und Impfstraßen getragen wurden. Der Politiker entschied, der Experte empfahl, die Kammer mahnte, der Arzt impfte. Trat ein Schaden ein, zeigte jeder auf die Instanz über ihm. Eine perfektere Zerlegung der Verantwortung hätte sich kaum entwerfen lassen.
Während der Corona-Jahre funktionierte dieses Prinzip weit über die Impfkampagne hinaus. Minister beriefen sich auf Modellierer, Behörden auf Verordnungen, Schulleiter auf Ministerien, Lehrer auf Dienstanweisungen und Arbeitgeber auf gesetzliche Vorgaben. Der Polizist löste die Demonstration auf, der Sicherheitsmann verweigerte den Zutritt, der Kellner kontrollierte den Impfstatus und der Krankenhausmitarbeiter schickte Angehörige nach Hause. Niemand wollte entschieden haben. Alle hatten angeblich nur die Regeln und Vorgaben befolgt.
450 Volt im Dienst der Wissenschaft
Wie weit Menschen dabei gehen können, zeigte Stanley Milgram Anfang der 1960er-Jahre an der Yale University. Vierzig Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren glaubten, an einem wissenschaftlichen Experiment über Lernen und Gedächtnis teilzunehmen. Einer sollte sich Wortpaare merken, der andere ihn bei jeder falschen Antwort mit einem Stromstoß bestrafen. Tatsächlich war der angebliche Schüler ein eingeweihter Mitarbeiter und erhielt keinen Strom. Der ahnungslose Teilnehmer saß jedoch vor einem eindrucksvollen Apparat mit 30 Schaltern, die von 15 bis 450 Volt reichten. Die letzten Stufen waren mit „Danger: Severe Shock“ und schließlich nur noch mit „XXX“ beschriftet.
Mit jeder falschen Antwort sollte die Spannung steigen. Bald begann der Mann im Nebenraum zu protestieren, klagte über Schmerzen und verlangte, aus dem Experiment entlassen zu werden. Später schlug er gegen die Wand und antwortete schließlich überhaupt nicht mehr. Der Versuchsleiter im grauen Kittel blieb ruhig. „Bitte fahren Sie fort“, sagte er. Das Experiment erfordere, dass der Teilnehmer weitermache. Viele Männer schwitzten, zitterten, stotterten und lachten nervös. Einige flehten den Versuchsleiter an, das Experiment abzubrechen. Drei erlitten unkontrollierbare Krampfanfälle. Sie erkannten offensichtlich, dass sie einem anderen Menschen schwere Schmerzen zufügten und womöglich dessen Leben gefährdeten. Trotzdem betätigten 26 der 40 Teilnehmer den letzten Schalter mit 450 Volt. Keiner brach ab, bevor der vermeintliche Schüler bei 300 Volt erstmals heftig gegen die Wand geschlagen hatte.
Milgram veröffentlichte die Ergebnisse 1963 unter dem Titel „Behavioral Study of Obedience“ im Journal of Abnormal and Social Psychology. Das Experiment wird gerne als Beweis für menschliche Grausamkeit erzählt. Seine Teilnehmer hatten jedoch sichtbar Gewissensbisse. Sie handelten gegen ihr eigenes Unbehagen, weil eine anerkannte Autorität die Verantwortung übernahm, das Geschehen als wissenschaftlich notwendig darstellte und jeden Schritt als bloße Fortsetzung des vorherigen erscheinen ließ.
Ein Teilnehmer fragte während des Experiments, wer die Verantwortung trage, falls dem Mann im Nebenraum etwas zustoße. Der Versuchsleiter erklärte, er übernehme sie. „In Ordnung“, antwortete der Mann sinngemäß – und betätigte die Schalter bis 450 Volt. Die Gefahr war ihm bewusst. Die Zusicherung der Autorität reichte aus, um sein persönliches Urteil und seine eigenen ethischen Maßstäbe beiseitezuschieben.
Nähe zum Opfer zerstört den Gehorsam
Milgram veränderte die Versuchsanordnung immer wieder. Befand sich der vermeintliche Schüler im selben Raum, sank der Anteil jener, die bis 450 Volt gingen, von 65 auf 40 Prozent. Mussten die Teilnehmer dessen Hand selbst auf eine Platte drücken, um den Stromstoß auszulösen, blieben noch 30 Prozent gehorsam. Erteilte der Versuchsleiter seine Anweisungen lediglich über das Telefon, sank der Wert auf rund 21 Prozent. Einige Teilnehmer täuschten dann sogar Gehorsam vor und verwendeten heimlich schwächere Stromstöße.
Die Entfernung zwischen Befehlendem, Ausführendem und Opfer entschied wesentlich über das Verhalten. Wer das Gesicht des Leidenden sah, ihn berühren und die eigene Hand unmittelbar zur Schädigung einsetzen musste, konnte die persönliche Verantwortung schwerer verdrängen. Wer dagegen nur eine untergeordnete Hilfsaufgabe erfüllte, während ein anderer Teilnehmer den Stromstoß auslöste, machte fast immer weiter. Lediglich drei von 40 Männern verweigerten sich in dieser Versuchsanordnung. 92,5 Prozent blieben Teil des Vorgangs, solange jemand anderes den entscheidenden Schalter betätigte.
Die politische Corona-Maschinerie verteilte ihre Eingriffe nach demselben Muster. Der Minister, der Schulen schließen ließ, musste keinem verzweifelten Kind begegnen, das nur noch zu Hause sitzen durfte. Der Modellierer, der einen weiteren Lockdown verlangte, stand keinem ruinierten Gastwirt gegenüber. Die Mitglieder einer Impfkommission sahen nicht, wie ein Arbeitnehmer unter der Drohung des Arbeitsplatzverlustes sich dann doch gegen seinen Willen die Genspritze injizieren ließ. Die Entscheidung fiel weit entfernt vom Betroffenen, während die praktische Ausführung in immer kleinere Handgriffe zerlegt wurde.
Der Arbeitgeber kontrollierte lediglich den Nachweis. Der Sicherheitsdienst setzte lediglich das Hausrecht durch. Die Personalabteilung leitete lediglich die Vorgaben weiter. Der Arzt folgte lediglich der Empfehlung des Impfgremiums. Der Kellner durfte einen langjährigen Stammgast nicht mehr bedienen, doch verantwortlich war angeblich die Regierung. So konnte jeder einen Teil der Ausgrenzung vollziehen, ohne sich deren gesamten Folgen stellen zu müssen.
Eine 2014 in PLOS ONE veröffentlichte Auswertung mit dem Titel „Meta-Milgram: An Empirical Synthesis of the Obedience Experiments“ untersuchte 21 Versuchsbedingungen mit insgesamt 740 Teilnehmern. Die Legitimität und Nähe des Versuchsleiters, dessen geschlossenes Auftreten, die Entfernung zum Opfer, der persönliche Anteil an der schädigenden Handlung und das Verhalten anderer Gruppenmitglieder beeinflussten den Gehorsam erheblich. Menschen folgen Autoritäten demnach nicht mit einer festen, unveränderlichen Wahrscheinlichkeit. Die Situation wird so gestaltet, dass Widerstand leichter oder schwerer fällt.
Milgram ließ in einer weiteren Variante zwei eingeweihte Teilnehmer den Gehorsam verweigern. Sobald diese öffentlich aufstanden und das Experiment abbrachen, folgte ihnen die überwältigende Mehrheit der tatsächlichen Versuchspersonen. Nur noch zehn Prozent gingen bis 450 Volt. Widersprachen sich zwei Versuchsleiter gegenseitig, brach der Gehorsam vollständig zusammen. Eine gespaltene Autorität verlor ihre Macht.
Auch deshalb musste das Corona-Regime den Eindruck erwecken, Politik, Behörden, Ärzteschaft und Wissenschaft sprächen mit einer einzigen Stimme. Jeder öffentlich widersprechende Arzt beschädigte die Autorität der gesamten Kampagne. Jeder Wissenschaftler, der Lockdowns, Maskenpflichten oder Impfzwang infrage stellte, bewies, dass es sehr wohl Alternativen gab. Deshalb reichte eine sachliche Widerlegung aus Sicht des politischen Systems nicht aus. Die Abweichler mussten diskreditiert, zensiert, desavouiert, beruflich bedroht und aus dem Kreis der anerkannten Fachleute entfernt werden.
Der wirksamste Befehl klingt wie Moral
Neuere Forschungen zu Milgram räumen mit der Vorstellung auf, Menschen würden unter Autoritätsdruck zu willenlosen Robotern. Alexander Haslam und Stephen Reicher beschreiben den Mechanismus als „engagierte Gefolgschaft“. Menschen lassen sich besonders leicht zu schädigenden Handlungen bewegen, wenn sie sich mit dem Ziel der Autorität identifizieren und ihr eigenes Tun für moralisch richtig halten.
In der 2014 im Journal of Social Issues veröffentlichten Studie „Nothing by Mere Authority: Evidence That in an Experimental Analogue of the Milgram Paradigm Participants Are Motivated Not by Orders but by Appeals to Science“ untersuchten Haslam, Reicher und Megan Birney die Wirkung der verschiedenen Aufforderungen des Versuchsleiters. Ausgerechnet der offenste Befehl – „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen“ – war am wenigsten erfolgreich. Wirksamer waren Appelle an den wissenschaftlichen Wert und die Notwendigkeit des Experiments.
Der wirksamste Befehl klingt folglich gar nicht wie einer. Er kommt als Dienst an der Wissenschaft, Schutz der Schwachen und Beitrag zum Gemeinwohl daher. Genau darin lag die Stärke der Corona-Propaganda. „Bleiben Sie zu Hause.“ „Schützen Sie andere.“ „Lassen Sie sich impfen.“ „Gemeinsam gegen Corona.“ Jeder Eingriff erhielt einen moralischen Zweck, und jeder Vollstrecker durfte glauben, mit seiner Härte Menschenleben zu retten.
Ein Lehrer, der ein Kind wegen einer verrutschten Maske zurechtwies, musste sich nicht als Schikaneur betrachten. Er schützte angeblich die Klasse. Ein Arbeitgeber, der Ungeimpfte täglich zum Test zwang oder vom Arbeitsplatz ausschloss, setzte keinen medizinischen Zwang ein. Er sorgte angeblich für Sicherheit. Ein Wirt, der eine Familie vor die Tür setzte, diskriminierte keine Bürger aufgrund ihres Gesundheitsstatus. Er handelte angeblich gesellschaftlich solidarisch. Selbst Denunziation ließ sich als Sorge um andere verkaufen.
Damit wurde aus Gehorsam Überzeugung. Die Politik brauchte nicht überall widerwillige Befehlsempfänger. Sie gewann Mitstreiter, die ihre eigene moralische Identität an die Durchsetzung staatlicher Vorgaben banden. Je stärker sie sich als vernünftig, solidarisch und wissenschaftstreu verstanden, desto aggressiver konnten sie gegen jene vorgehen, die dieses Selbstbild infrage stellten.
21 von 22 Krankenschwestern gehorchten
Wie schnell eine berufliche Hierarchie das eigene Fachwissen verdrängt, zeigte Charles Hofling 1966 in einem realen Krankenhaus. Für die unter dem Titel „An Experimental Study in Nurse-Physician Relationships“ im Journal of Nervous and Mental Disease veröffentlichte Untersuchung rief ein unbekannter angeblicher Arzt auf einer Station an. Er wies eine Krankenschwester an, einem Patienten 20 Milligramm des erfundenen Medikaments „Astroten“ zu verabreichen.
Die Anweisung verletzte mehrere Sicherheitsregeln. Der Arzt war der Schwester unbekannt, telefonische Verordnungen waren in dieser Form unzulässig, das Medikament stand auf keiner genehmigten Liste und die Packung nannte zehn Milligramm als maximale Tagesdosis. Verlangt wurde also die doppelte Höchstmenge. Trotzdem bereiteten 21 von 22 Krankenschwestern die Verabreichung vor. Die Versuchsleiter stoppten sie erst an der Tür zum Patientenzimmer.
Vorher befragte Pflegekräfte und Schüler hatten mehrheitlich behauptet, sie würden eine solche Anweisung niemals ausführen. Auf dem Papier erkannten sie die Gefahr. Im Krankenhaus genügte die Stimme eines angeblichen Arztes, um Fachwissen, Sicherheitsvorschriften und eigenes Urteil beiseitezuschieben. Der hierarchisch Höhergestellte musste nicht einmal persönlich anwesend sein.
Während Corona reichte diese Autoritätskette von Gesundheitsministern über Impfkommissionen und Ärztekammern bis in Krankenhäuser und Ordinationen. Wer widersprach, riskierte seine Stelle, seine Zulassung, seine Aufträge oder zumindest seinen Ruf. Aus medizinischer Beratung wurde ein hierarchisch abgesichertes Vollzugsprogramm.
Ärztekammern zogen die Grenzen des Sagbaren
Die Österreichische Ärztekammer warnte Ärzte im Dezember 2021 davor, öffentlich von Corona-Impfungen abzuraten. Aufgrund der verfügbaren Daten und der Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums bestehe grundsätzlich kein Anlass dafür. Wer dennoch widersprach, musste mit einem Disziplinarverfahren rechnen. Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres wollte zudem festlegen lassen, welche Ärzte überhaupt Impfbefreiungen ausstellen durften.
Eine parlamentarische Anfragebeantwortung aus dem Jahr 2023 bezifferte die Folgen. Seit Beginn des Corona-Wahns waren 46 Disziplinarverfahren gegen Ärzte wegen kritischer Äußerungen zu Corona, den Maßnahmen oder den Impfungen eingeleitet worden. Sieben hatten bis dahin zu rechtskräftigen Disziplinarstrafen geführt, 22 Verfahren waren noch anhängig. Das waren keine freundlichen Empfehlungen unter Kollegen. Die Standesvertretung machte Ärzten klar, dass Abweichungen von der staatlich-medizinischen Linie ihre berufliche Existenz gefährden konnten.
Einen dieser Fälle stoppte der österreichische Verwaltungsgerichtshof. Ein Arzt hatte die Verhältnismäßigkeit einzelner Maßnahmen kritisiert, die Wirkung einfacher Stoffmasken bestritten und sich wegen der kurzen Beobachtungsdauer gegen eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Gleichzeitig befürwortete er Impfungen für Risikopatienten. Der Disziplinarrat der Ärztekammer bestrafte ihn trotzdem wegen einer angeblichen Schädigung des Ansehens der Ärzteschaft. Der Verwaltungsgerichtshof bestätigte schließlich, dass Ärzte sich am öffentlichen Diskurs beteiligen und gesundheitspolitische Maßnahmen sachlich kritisieren dürfen.
In Deutschland schrieb die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg im November 2021 mehr als 20.000 Ärzten und Psychotherapeuten, die Impfverweigerung sei „frech und gesellschaftlich inakzeptabel„. Sie forderte gesetzliche Grundlagen für 2G oder 3G in Arztpraxen und brachte getrennte Sprechstunden ins Spiel. Menschen ohne entsprechenden Nachweis sollten in einem beispielhaft genannten Modell zwischen 7.00 und 7.10 Uhr behandelt werden, bevor von 8.00 bis 18.00 Uhr die politisch erwünschten Patienten an die Reihe kamen. Der Arzt, der dabei mitmachte, konnte sich auf seine Standesvertretung berufen. Die Standesvertretung verwies auf Politik und Impfkommissionen. Die Impfkommission berief sich auf Studien und „die Wissenschaft“. Und die Regierung erklärte, lediglich dem Rat ihrer Experten zu folgen. Die Verantwortung wanderte so lange durch die Institutionen, bis sie sich scheinbar im Nichts auflöste.
Dasselbe geschah am Arbeitsplatz. Mit 3G wurden Arbeitgeber in Deutschland und Österreich zu Kontrolleuren des Gesundheitsstatus ihrer Beschäftigten. Vorgesetzte prüften Tests und Impfbescheinigungen, Personalabteilungen erfassten Nachweise, Pförtner verweigerten den Zugang. Im deutschen Gesundheitswesen mussten Einrichtungen fehlende Impf- oder Genesenennachweise an die Gesundheitsämter melden, die Betretungs- und Tätigkeitsverbote aussprechen konnten. Der Staat privatisierte seinen Zwang und ließ ihn von Menschen ausüben, die ihren Kollegen am nächsten Tag wieder in die Augen sehen mussten.
Das Stanford-Prison-Experiment wird bis heute gerne als Beweis angeführt, dass Menschen automatisch grausam werden, sobald man ihnen eine Uniform und Macht über andere gibt. Der Wissenschaftshistoriker Thibault Le Texier hat diese Erzählung in seiner 2019 im American Psychologist veröffentlichten Untersuchung „Debunking the Stanford Prison Experiment“ anhand von Archivmaterial und Teilnehmerinterviews schwer beschädigt. Die angeblichen Wärter waren instruiert und zu hartem Verhalten gedrängt worden; viele wussten, welches Ergebnis Philip Zimbardo erwartete. Die 2006 im British Journal of Social Psychology veröffentlichte BBC Prison Study „Rethinking the Psychology of Tyranny“ zeigte dagegen, dass Rollen allein keine stabile Tyrannei erzeugen. Die Wärter entwickelten keine geschlossene Gruppenidentität, während sich die Gefangenen zusammenschlossen und Widerstand leisteten.
Autoritäre Systeme benötigen deshalb mehr als Uniformen, Vorschriften und Hierarchien. Sie brauchen eine Erzählung, die den Vollstreckern erklärt, warum ihre Härte notwendig, wissenschaftlich abgesichert und moralisch wertvoll sei. Das Corona-Regime lieferte diese Erzählung täglich. Es gab jedem kleinen Aufpasser eine höhere Mission und jeder beteiligten Institution eine Stelle, an die sie die Verantwortung weiterreichen konnte.
Milgrams Versuchspersonen hörten die Schreie des Mannes im Nebenraum und drückten weiter, weil der Wissenschaftler im grauen Kittel die Verantwortung übernahm. In den Corona-Jahren sahen Millionen Menschen Ausgrenzung, zerstörte Existenzen, vereinsamte Alte und gequälte Kinder – und hielten sich trotzdem an die Anweisungen. Schließlich hatten sie die Regeln nicht gemacht. Sie hatten sie nur befolgt.
Im vierten Teil geht es darum, wie Regierungen Angst, soziale Normen und gezielte Kommunikation einsetzten, um genau dieses Verhalten herzustellen. Denn selbst die mächtigste Autorität braucht ein Publikum, das ihre Befehle für die eigene freie und moralisch richtige Entscheidung hält.






