Diesmal kam keiner durch: Marokko zeigt, wie schnell sich Ceuta abriegeln lässt

(C) Report24/KI

Ende Juli strömten nach jüngsten Schätzungen bis zu 80.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta und überrannten die spanische Exklave binnen kürzester Zeit. Gut zwei Wochen später marschierten erneut Hunderte Migranten Richtung Grenze – diesmal mobilisierte Rabat Tausende Sicherheitskräfte, riegelte Straßen, Berge und Strände ab und ließ nach Angaben spanischer Polizeikreise keinen einzigen durch. Damit steht eine Frage im Raum, an der Madrid und Rabat kaum Freude haben dürften: Wenn Marokko Ceuta am 15. August derart effektiv abschotten konnte, was geschah dann eigentlich am 30. und 31. Juli?

Gestern Abend berichtete Report24 noch darüber, dass der große Ansturm auf Ceuta wohl ausgeblieben war. Nun gibt es die Gewissheit. Denn am Samstag bot sich wenige Kilometer vor Ceuta ein völlig anderes Bild als noch zwei Wochen zuvor. Bei Castillejos, dem marokkanischen Fnideq, hatten sich Hunderte überwiegend schwarzafrikanische Migranten gesammelt und versuchten in mehreren Anläufen, Richtung spanische Grenze vorzustoßen. Marokkos Sicherheitsapparat wartete diesmal auf sie: Polizei und Gendarmerie sperrten die Zufahrten, Kräfte standen in den Bergen und entlang der Küste, ein Hubschrauber überwachte das Gebiet aus der Luft. Als sich die Gruppen näherten, griffen die Beamten durch, setzten Tränengas ein und drängten die Migranten zurück. „El Pais“ meldete schließlich mindestens 294 aufgegriffene Personen – 248 Subsahara-Afrikaner sowie 46 Marokkaner und andere Nordafrikaner. Die Zusammenstöße spielten sich rund drei Kilometer vor dem eigentlichen Grenzübergang ab.

Auch wenn einige Social-Media-Accounts Videos von anstürmenden Migranten zeigen, sieht es so aus: Nach dem derzeitigen Stand kam am 15. August keiner durch. El País zieht am Sonntag eine eindeutige Bilanz. Kein Migrant erreichte den Tarajal, niemand gelangte bis zur neuen schwimmenden Sperre vor Ceuta. Ein hoher spanischer Polizeibeamter formulierte es gegenüber der Zeitung noch deutlicher: „No ha llegado ninguno“ – keiner sei angekommen. Derselbe Beamte zieht selbst den Vergleich mit Ende Juli und erklärt, Marokko habe sich diesmal „voll eingesetzt“. Seine Schlussfolgerung fällt entsprechend vernichtend aus: Rabat könne den Weg für illegale Migranten schließen, wenn es wolle.

Damit bekommt der neue Ansturm eine politische Sprengkraft, die weit über die einigen hundert Migranten vom Samstag hinausreicht. Am 30. und 31. Juli hatten die marokkanischen Sicherheitskräfte dieselbe Grenze vor sich, dieselben Straßen, dieselben Berge, dieselben Strände – und auf einmal strömten Menschenmassen nach Ceuta, wie sie die kleine spanische Stadt noch nie erlebt hatte. Das spanische Innenministerium bezifferte allein die Einreisen innerhalb von 24 Stunden zunächst auf rund 49.000. Reuters sprach später von mehr als 72.000 Menschen, El País nennt inzwischen unter Berufung auf die neuesten Schätzungen sogar mehr als 80.000. Tausende kamen über Land, andere schwammen oder ließen sich mit improvisierten Schwimmhilfen über das Wasser treiben. Die wenigen spanischen Grenzkräfte konnten diesen Massen nichts entgegensetzen.

Am gestrigen 15. August dagegen stoppte Rabat schon einige hundert Menschen Kilometer vor der europäischen Außengrenze. Marokko kontrollierte Zufahrtsstraßen nach Fnideq, fing Migranten bereits auf dem Weg in den Norden ab, verstärkte die Patrouillen und zog Tausende Polizisten, Gendarmen und Soldaten zusammen. Schon am Vortag hatte EFE entlang der rund 80 Kilometer langen Straße von Tanger nach Fnideq zahlreiche Kontrollstellen beobachtet. Reuters berichtete von Straßensperren, verschärfter Überwachung und dem Abfangen von Migranten, bevor sie überhaupt in das unmittelbare Grenzgebiet gelangen konnten. Spanien stellte seinerseits inzwischen mehr als 1.600 Polizisten und Guardia-Civil-Beamte ab; hinzu kamen militärische Kräfte und die nach dem Juli-Desaster errichtete maritime Barriere. Doch diesen Schutzwall mussten die spanischen Beamten am Samstag kaum testen – Marokko erledigte die Arbeit vorher.

Dass Rabat die Mittel dafür besitzt, war ohnehin kein Geheimnis. Ein hoher marokkanischer Regierungsvertreter erklärte Reuters Anfang August, das Königreich setze 24.000 Sicherheitskräfte entlang seiner nördlichen Küste ein und habe in den vergangenen zwei Jahren mehr als 150.000 illegale Ausreiseversuche verhindert. Marokko präsentiert sich seit Jahren als unverzichtbarer Türsteher Europas. Wer solche Zahlen selbst ins Feld führt, kann sich nach einem Grenzsturm von Zehntausenden schwerlich hinter einem Mangel an Personal und Möglichkeiten verstecken. Am 15. August lieferte der marokkanische Sicherheitsapparat die praktische Vorführung dazu.

Auch Madrid kommt aus der Geschichte keineswegs sauber heraus. Gewerkschaften der spanischen Grenzbeamten erklärten gegenüber Reuters, sie hätten die Zentralregierung vor dem Massenansturm Ende Juli sechsmal gewarnt. Seit einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs verbreiteten sich in sozialen Netzwerken Videos und Meldungen, wonach Migranten, die schwimmend Ceuta erreichten, nicht mehr unmittelbar nach Marokko zurückgeschoben werden dürften. Die Gewerkschaften beobachteten steigende Zahlen, verlangten Verstärkung, klare Anweisungen und zusätzliche Aufnahmeplätze. Die Regierung von Pedro Sánchez reagierte nach ihrer Darstellung viel zu spät. Das Innenministerium hält dagegen, man habe die Lage geprüft und Maßnahmen vorbereitet. Eine schwimmende Barriere kam jedoch erst am 1. August – nach dem großen Ansturm.

Die Rechnung für dieses Versagen zahlt Ceuta bis heute. Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach zuletzt von rund 5.000 Migranten, die sich weiterhin in der Stadt befinden. Reuters-Reporter sahen noch am Freitag unzählige Invasoren unter improvisierten Bambusverschlägen am Strand El Trampolín; spanische Soldaten bewachten Supermärkte und Polizei patrouillierte durch die Straßen. El Mundo berichtete unter Berufung auf die Guardia Civil von inzwischen 15 angezeigten Vergewaltigungen beziehungsweise schweren sexuellen Übergriffen seit dem Massenansturm. Polizeiquellen bestätigten gegenüber El Español ebenfalls 15 Anzeigen und zwei Festnahmen in diesem Zusammenhang. Bei Grenzkontrollen fassten die Behörden außerdem einen Mann mit Terrorismus-Vorgeschichte, gegen den nach Medienberichten ein internationaler Haftbefehl über Interpol vorlag.

All das geschieht in einer Stadt mit kaum mehr als 80.000 Einwohnern. Der Zustrom von Ende Juli entsprach damit größenordnungsmäßig fast einer Verdoppelung der Bevölkerung innerhalb weniger Tage, selbst wenn der überwiegende Teil der Invasoren inzwischen wieder nach Marokko zurückkehrte. Krankenhäuser und Aufnahmestrukturen kämpfen weiterhin mit den Folgen; Tausende dieser Migranten schlafen oder leben provisorisch in der Stadt, darunter zahlreiche Minderjährige. Am 15. August standen deshalb nicht nur Grenzbeamte am Tarajal. Soldaten bewachten Geschäfte, die normalerweise vollen Strände blieben weitgehend leer und die Stadt wartete darauf, ob sich das Inferno von Ende Juli wiederholen würde. Und ausgerechnet jetzt zeigt Marokko, wie ein funktionierender Grenzschutz aussieht, wenn Rabat ihn ernst meint.

Dabei besitzt die Frage nach einer Migrationswaffe eine ausgesprochen deutliche Vorgeschichte. Im Mai 2021 ließ Marokko innerhalb weniger Tage rund 10.000 Menschen nach Ceuta ziehen, nachdem Spanien den Polisario-Chef Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez warf Rabat damals offen vor, wegen eines außenpolitischen Streits die Grenzen geöffnet zu haben. Das Europäische Parlament ging noch weiter: Es verurteilte ausdrücklich Marokkos Einsatz von „Grenzschutz und Migration“ als politischen Druck gegen einen EU-Mitgliedstaat. Die Europarlamentarier störten sich besonders daran, dass Rabat dabei auch Minderjährige zum Spielball seiner Politik machte.

Fünf Jahre später wiederholt sich zumindest das auffällige Muster. Marokkos Kräfte verlieren Ende Juli ausgerechnet in dem Moment die Kontrolle, in dem Zehntausende Richtung Ceuta ziehen. El País schreibt inzwischen unter Berufung auf spanische Polizeiquellen sogar davon, dass sich die marokkanischen Sicherheitskräfte damals angesichts der Massen zurückgehalten hätten. Zwei Wochen darauf riegelt derselbe Staat die gesamte Gegend mit einer beeindruckenden Effizienz ab und stoppt bereits einige hundert Migranten. Das Königreich hat dabei noch ein sehr eigenes Interesse an der kleinen spanischen Stadt: Rabat erkennt Spaniens Souveränität über Ceuta und Melilla bis heute nicht an.

Der Zeitpunkt könnte zudem kaum pikanter sein. Nur wenige Tage nach dem Masseneinbruch erhob Marokkos Justizminister Abdellatif Ouahbi den Anspruch auf Ceuta und Melilla erneut öffentlich. Madrid reagierte ungewöhnlich scharf. Verteidigungsministerin Margarita Robles erklärte die Städte für spanisch und unantastbar, das Außenministerium stellte klar, über Spaniens territoriale Integrität werde nicht verhandelt. Rabat verschärfte anschließend vor dem 15. August die Grenzkontrollen derart, dass kein einziger der neuen Invasoren nach Ceuta gelangte.

Das macht aus den beiden Wochenenden beinahe ein Lehrstück darüber, wie abhängig Spanien und letztlich die Europäische Union von Marokkos Gutwilligkeit geworden sind. Brüssel kann Grenzschutzregeln beschließen, Madrid kann Guardia Civil und Soldaten nach Ceuta schicken und neue Sperren ins Meer setzen. Die eigentliche Schleuse liegt jedoch auf der anderen Seite. Öffnet Rabat den Raum vor der Grenze, erreichen Menschenmassen innerhalb kürzester Zeit spanischen Boden. Schließt Rabat ihn mit Straßensperren, Polizei, Gendarmerie und Militär, schaffen es offenbar nicht einmal einige hundert bis zum Zaun. Bereits 2021 musste das Europäische Parlament feststellen, welchen politischen Hebel Marokko damit in der Hand hält.

Der 15. August war deshalb keineswegs jener ausgebliebene „Sturm auf Ceuta“, als den man den Tag nach den ersten ruhigen Stunden noch hätte missverstehen können. Der Sturm setzte sich in Bewegung. Marokko stoppte ihn. Und eben darin liegt die eigentliche Nachricht: Hunderte versuchten es – null kamen durch. Zwei Wochen zuvor kamen bis zu 80.000. Pedro Sánchez muss sich fragen lassen, warum seine Regierung die vielen Warnungen ihrer eigenen Grenzbeamten offenbar nicht in ausreichende Maßnahmen umsetzte. Und gegenüber Rabat steht eine noch unangenehmere Frage im Raum. Marokko hat am 15. August demonstriert, dass es die Schleuse vor Ceuta binnen Stunden verriegeln kann. Wer eine Schleuse so vollständig schließen kann, besitzt auch die Macht darüber, was geschieht, wenn sie offensteht.

«Odette»: Der neue Roman vom widerständen Bestsellerautor Akif Pirinçci – JETZT versandkostenfrei bestellen!


Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, unterstützen Sie uns bitte mit einer Spende!

Informationen abseits des Mainstreams werden online mehr denn je bekämpft. Um schnell und zensursicher informiert zu bleiben, folgen Sie uns auf Telegram oder abonnieren Sie unseren Newsletter! Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, freuen wir uns außerdem sehr über Ihre Unterstützung.

Unterstützen Sie Report24 via Paypal: