Die Psychologie der Corona-Jahre (5/7): Geimpfte gegen Ungeimpfte

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Politik und Medien machten aus einer persönlichen medizinischen Entscheidung während der Corona-Jahre einen moralischen Gesinnungstest: Wer sich die neuartigen Genspritzen verabreichen ließ, galt als solidarischer Lebensretter; wer ablehnte, wurde zum gefährlichen Außenseiter erklärt. Dabei wussten Behörden von Anfang an, dass die behauptete Verhinderung von Infektionen und Übertragungen wissenschaftlich überhaupt nicht nachgewiesen war. Doch Brüssel hatte längst Milliardengeschäfte mit den Pharmakonzernen eingefädelt – und aus Millionen Ungeimpften entstand der perfekte Sündenbock für eine Politik, deren Versprechen Stück für Stück zusammenbrachen.

Am 15. November 2021 um Mitternacht erklärte die österreichische Bundesregierung Millionen Menschen zu Bürgern zweiter Klasse. Wer weder gegen Covid-19 geimpft noch frisch genesen war, durfte seine Wohnung nur noch aus bestimmten Gründen verlassen. Ein Spaziergang blieb erlaubt, der Besuch eines Bekleidungsgeschäfts nicht. Der geimpfte Nachbar konnte einkaufen, essen gehen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, während der Ungeimpfte seinen Alltag nach staatlichen Ausnahmevorschriften organisieren musste. Die Ausgangsbeschränkungen galten sogar für Kinder ab zwölf Jahren. Bundeskanzler Alexander Schallenberg kündigte an, die Vorgaben würden „sehr konsequent kontrolliert und auch sanktioniert“.

Vier Tage später lieferte Schallenberg gleich noch den eigentlichen Zweck dieser Schikane. „Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die Ungeimpften zur Impfung zu bringen, anstatt die Geimpften einzuschränken“, erklärte er. Der Sonder-Lockdown und die 2G-Regeln hätten die Impfbereitschaft bereits erhöht, aber eben nicht ausreichend. Die Regierung entzog Menschen ihre Rechte also keineswegs allein wegen einer angeblichen Ansteckungsgefahr. Sie wollte ihnen das Leben so unangenehm machen, bis sie sich dem staatlich gewünschten Eingriff beugten. Als selbst dieser Druck nicht genug Bürger zur Spritze trieb, folgte die nächste Eskalation: die allgemeine Impfpflicht.

Am 4. Februar 2022 stand das entsprechende Gesetz im österreichischen Bundesgesetzblatt. Erwachsene mit Wohnsitz in Österreich sollten sich gegen Covid-19 impfen lassen; bei Verstößen drohten Geldstrafen von bis zu 3.600 Euro. Die Regierung setzte die Pflicht im März aus und hob sie im Juli wieder auf. Doch die Grenzüberschreitung war längst erfolgt. Ein Staat, der angeblich die Gesundheit seiner Bürger schützen wollte, erklärte einen körperlichen Eingriff zur Pflicht und die Verweigerung zur Verwaltungsübertretung. Wer seinen eigenen Körper nicht der politischen Kampagne unterordnete, sollte dafür bezahlen.

Deutschland spielte dasselbe Stück mit anderer Besetzung. Gesundheitsminister Jens Spahn verkündete am 25. August 2021 im Bundestag: „Wir erleben gerade eine Pandemie der Ungeimpften.“ Gleichzeitig versprach er Geimpften und Genesenen, sie würden keine Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren mehr erleben. „Wir impfen Deutschland zurück in die Freiheit“, erklärte der Minister. Was eigentlich ein unveräußerliches Grundrecht hätte sein müssen, behandelte die Regierung plötzlich wie eine Prämie für medizinischen Gehorsam. Wenige Monate später kontrollierten Restaurants, Hotels, Kinos, Theater und Geschäfte den Impfstatus ihrer Kunden. Private Treffen Ungeimpfter beschränkte der Staat auf den eigenen Haushalt und höchstens zwei weitere Personen. Olaf Scholz sprach von „harten Beschränkungen für Ungeimpfte“ und versicherte, das sei „keine Schikane“. Wer so etwas ausdrücklich dazusagen muss, weiß gewöhnlich selbst, wie es aussieht.

Auch die Schweiz verwandelte den Impfstatus in einen staatlichen Passierschein. Ab September 2021 galt in Restaurants, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie bei Veranstaltungen in Innenräumen eine Zertifikatspflicht. Im Dezember folgte 2G. War bei einem privaten Treffen auch nur eine ungeimpfte oder nicht genesene Person ab 16 Jahren anwesend, durften insgesamt höchstens zehn Menschen zusammenkommen. Die persönliche Entscheidung eines Einzelnen bestimmte damit plötzlich die zulässige Größe einer Familienfeier. Bei der Volksabstimmung vom 28. November stimmten trotzdem mehr als 1,36 Millionen Schweizer gegen das Covid-19-Gesetz – rund 38 Prozent der Abstimmenden. Die angeblich geschlossene solidarische Mehrheit existierte vor allem in den Redaktionen und Regierungserklärungen.

Der behauptete Fremdschutz war nie nachgewiesen

Die gesamte politische Trennung zwischen „gefährlichen Ungeimpften“ und „verantwortungsvollen Geimpften“ beruhte auf einem Versprechen, das die Zulassungsstudien überhaupt nicht belegt hatten. Bereits am 10. Dezember 2020 hielt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA in ihrem Prüfbericht zu BioNTech/Pfizer fest, dass die vorhandenen Daten für eine Bewertung asymptomatischer Infektionen und der Virusübertragung nicht ausreichten. Weitere Untersuchungen seien notwendig, um festzustellen, ob die mRNA-Spritze die Virusausscheidung und die Weitergabe des Erregers verhindere. Die Frage, ob ein Geimpfter andere Menschen anstecken konnte, war damit von Anfang an offen. Politik und Medien beantworteten sie trotzdem so, als hätten die Hersteller längst einen zuverlässigen Fremdschutz nachgewiesen.

Die berühmten „95 Prozent Wirksamkeit“ stammten aus einer ganz anderen Rechnung. Für die 2020 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie „Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine“ zählten die Forscher innerhalb eines begrenzten Beobachtungszeitraums acht symptomatische Covid-Fälle in der Impfgruppe und 162 in der Placebogruppe. Daraus ergab sich zumindest auf dem Papier eine relative Verringerung der registrierten Erkrankungsfälle. Die Untersuchung zeigte jedoch weder, dass Geimpfte nicht erkranken konnten, noch dass sie vor einer Infektion, einer Übertragung oder späteren Virusvarianten dauerhaft geschützt waren. Selbst für die behauptete Verhinderung von Todesfällen lagen nach dem FDA-Bericht zunächst nicht genügend Daten vor. Aus einem eng begrenzten Studienergebnis machten Pharmakonzerne, Regierungen und ihre medialen Lautsprecher eine politische Rundumversicherung.

Hinzu kam der tatsächliche Zulassungsstatus. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA führt für BioNTech/Pfizer den 21. Dezember 2020 als Datum der bedingten Zulassung an. Erst am 10. Oktober 2022 wandelte sie diese in eine reguläre Zulassung um. Während Jens Spahn seine „Pandemie der Ungeimpften“ verkündete, Österreich den Sonder-Lockdown verhängte und die Bundesregierung in Wien sogar die allgemeine Impfpflicht beschloss, verfügte das Präparat also lediglich über eine bedingte Zulassung. Die Menschen sollten ihre Bewegungsfreiheit, ihren Arbeitsplatz und ihre gesellschaftliche Teilhabe von einer Genspritze abhängig machen, deren langfristige Eigenschaften und tatsächliche Auswirkungen auf die Virusübertragung zu diesem Zeitpunkt keineswegs abschließend feststanden.

Spätestens im Sommer 2021 brach auch in der Praxis die Behauptung zusammen, Geimpfte könnten andere nicht gefährden. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC untersuchte einen Corona-Ausbruch im Bezirk Barnstable in Massachusetts. Von 469 erfassten Fällen entfielen 346 – und damit 74 Prozent – auf Menschen, die nach offizieller Definition „vollständig geimpft“ waren. Die gemessenen PCR-Zykluswerte lagen bei geimpften und ungeimpften testpositiven Personen auf einem ähnlichen Niveau. Die CDC änderte daraufhin ihre Empfehlungen zum Maskentragen. Der Bericht erschien am 30. Juli 2021. Jens Spahn verkündete seine „Pandemie der Ungeimpften“ fast vier Wochen später. Österreich sperrte die Ungeimpften erst dreieinhalb Monate danach ein. Die Verantwortlichen wussten also längst, dass ihr Freiheitspass keinen Freifahrtschein gegen Ansteckung darstellte.

Eine weitere Bestätigung lieferte die 2022 in The Lancet Infectious Diseases veröffentlichte Studie „Community Transmission and Viral Load Kinetics of the SARS-CoV-2 Delta Variant in Vaccinated and Unvaccinated Individuals in the UK„. Die Forscher fanden bei geimpften und ungeimpften Infizierten eine vergleichbare Spitzenviruslast. In Haushalten steckten „vollständig geimpfte“ Ausgangspatienten 25 Prozent ihrer Kontakte an, ungeimpfte Ausgangspatienten 23 Prozent. Die Genspritze machte ihren Träger also keineswegs zu einem ungefährlichen Mitmenschen, während der Verzicht darauf jemanden automatisch zur wandelnden Virenschleuder erklärte. Trotzdem durften Geimpfte Restaurants betreten, Familienfeiern besuchen und arbeiten, während Ungeimpfte zu Hause bleiben mussten.

71 Milliarden Euro und die selbstgestellte Beschaffungsfalle

Brüssel hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst bis über beide Ohren in sein Impfgeschäft verstrickt. Anfang Januar 2021 stellte die EU-Kommission eine Erweiterung ihrer BioNTech/Pfizer-Bestellungen auf bis zu 600 Millionen Dosen in Aussicht. Im April bestätigten Pfizer und BioNTech, dass die EU diese Größenordnung erreicht hatte. Im Mai folgte der nächste Vertrag über bis zu 1,8 Milliarden zusätzliche Dosen für die Jahre 2021 bis 2023. Darunter befanden sich 900 Millionen fest vorgesehene Dosen und eine Option auf weitere 900 Millionen. Allein die Verträge mit diesen beiden Herstellern eröffneten damit Zugriff auf bis zu 2,4 Milliarden Spritzen.

Der Europäische Rechnungshof bezifferte die gesamte Einkaufstour der EU später auf bis zu 4,6 Milliarden Dosen im Wert von rund 71 Milliarden Euro. Für ungefähr 450 Millionen Einwohner entsprach das mehr als zehn Dosen pro Kopf – vom Säugling bis zum Greis. Bis Ende 2021 hatte die Kommission bereits über 2,55 Milliarden Euro an Vorauszahlungen an die Hersteller geleistet. Die Mitgliedstaaten übernahmen außerdem Teile der finanziellen Risiken, die normalerweise bei den Pharmakonzernen liegen. Die Gewinne blieben bei den Unternehmen. Für die politischen, gesundheitlichen und finanziellen Folgen durften die Bürger geradestehen.

Damit entstand eine selbstgestellte Beschaffungsfalle. Wer Milliarden Dosen bestellt, milliardenschwere Verträge unterschreibt und seinen Bürgern die Spritze als Eintrittskarte in die Freiheit verkauft, kann anschließend schwerlich eingestehen, dass der behauptete Fremdschutz niemals nachgewiesen war. Ein solches Eingeständnis hätte nicht nur die 2G-Regeln und die Ausgrenzung Ungeimpfter erschüttert. Es hätte auch den gigantischen Einkauf als politische Wette entlarvt, deren Voraussetzungen von Anfang an auf Hoffnung, Herstellerangaben und fragwürdigen Versprechen beruhten. Also hielt das Corona-Regime an seiner Geschichte fest. Die bereits bestellte Ware musste in die Oberarme gespritzt werden – und wer sich verweigerte, wurde zum Störenfried erklärt.

Wie wenig Interesse Brüssel an Transparenz hatte, zeigte später auch der Umgang mit den Nachrichten zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Pfizer-Chef Albert Bourla. Die EU-Kommission verweigerte einer Journalistin der New York Times den Zugang zu den betreffenden Textnachrichten und behauptete, sie verfüge nicht über die angeforderten Dokumente. Am 14. Mai 2025 kassierte das Gericht der Europäischen Union diese Entscheidung. Die Richter hielten der Kommission vor, sie habe weder nachvollziehbar erklärt, wie sie nach den Nachrichten gesucht habe, noch ob diese gelöscht worden seien. Während man gewöhnliche Bürger dazu zwang, ihren Impfstatus beim Betreten eines Restaurants vorzuzeigen, sollten die Hintergründe milliardenschwerer Pharmageschäfte schön brav im Dunkeln bleiben.

Die „Pandemie der Ungeimpften“ als politische Schuldmaschine

Die später von der Bundesregierung nachgeschobene Behauptung, von Februar bis Oktober 2021 seien in jeder erfassten Altersgruppe mehr als 90 Prozent der mit Covid-19 auf Intensivstationen behandelten Patienten ungeimpft gewesen, änderte an diesem Grundproblem nichts. Diese Zahl stammte nicht aus einer damals verfügbaren Echtzeitauswertung des DIVI-Intensivregisters. Es handelte sich vielmehr um eine nachträgliche Zusammenstellung von RKI-Meldedaten aus Monaten, in denen erhebliche Teile der Bevölkerung nach amtlicher Definition noch gar nicht als „vollständig geimpft“ galten. Noch am 8. Dezember 2021 erklärte die DIVI in einer Bundestagsanhörung, der Impfstatus werde erst seit kurzer Zeit erfasst und für verlässliche Aussagen brauche man weitere Daten. Spahns Hetzformel hatte also keine saubere Datengrundlage, als sie politisch eigentlich gebraucht wurde.

Das RKI selbst hatte bereits am 30. September 2021 eingeräumt, dass Angaben zum Impfstatus fehlten, geimpfte Covid-Fälle dadurch untererfasst wurden und die berechnete Wirkung der Präparate deshalb zu hoch ausfallen konnte. Mit anderen Worten: Die Behörden wussten, dass ihr Zahlenwerk Löcher hatte. Trotzdem verwandelten Politiker und Medien die fragwürdigen Erhebungen in einen moralischen Schuldspruch gegen Millionen Menschen. Wer sich nicht spritzen ließ, würde die Intensivstationen füllen, Ärzte überlasten und die gesamte Gesellschaft in Geiselhaft nehmen. Dass dieselben Behörden geimpfte Fälle unvollständig erfassten, passte nicht in die politische Erzählung und verschwand entsprechend schnell aus den Schlagzeilen.

Im November 2021 musste die britische Gesundheitsbehörde UKHSA bereits erklären, warum die gemeldeten Fallraten bei Geimpften in vielen Altersgruppen höher erschienen als bei Ungeimpften. Alter, Testverhalten, Vorerkrankungen, frühere Infektionen und unsichere Bevölkerungsdaten erschwerten eine saubere Einordnung. Solche methodischen Einwände entdeckten die Behörden auffallend zuverlässig, sobald die Zahlen dem offiziellen Impf-Narrativ widersprachen. Wenn dieselben Daten Ungeimpfte belasteten, genügten dagegen nackte Fallzahlen für politische Schuldzuweisungen, Talkshow-Hetze und Forderungen nach neuen Zwangsmaßnahmen.

Im RKI-Wochenbericht vom 13. Januar 2022 entfielen in den Meldewochen 50/2021 bis 01/2022 bereits 55,3 Prozent der erfassten symptomatischen Fälle bei den 18- bis 59-Jährigen auf Menschen, die offiziell als „grundimmunisiert“ galten. Bei den über 60-Jährigen waren es 53,7 Prozent. Personen mit einer sogenannten „Auffrischimpfung“ führte das RKI in einer zusätzlichen Tabelle und schloss sie aus dieser jeweiligen Vergleichsrechnung sogar aus. Wer Spahns primitiver Logik gefolgt wäre, hätte spätestens jetzt von einer „Pandemie der Geimpften“ sprechen müssen. Doch die politische Schuldzuweisung funktionierte immer nur in eine Richtung. Das RKI räumt inzwischen selbst ein, dass nicht nur Ungeimpfte für das weitere sogenannte „Pandemiegeschehen“ verantwortlich waren.

Die Behauptung von der „Pandemie der Ungeimpften“ diente deshalb vor allem als politische Schuldmaschine. Denn so verlängerte nicht die Regierung den Ausnahmezustand, sondern der ungeimpfte Nachbar. Nicht der Staat entzog Menschen ihre Rechte, sondern die Betroffenen hätten sich durch ihre Entscheidung angeblich selbst ausgeschlossen. Und nicht die Politik setzte Geimpfte weiterhin unter Druck, sondern eine Minderheit hielt angeblich die ganze Gesellschaft in Geiselhaft. Frank Ulrich Montgomery, damals Vorsitzender des Weltärztebundes, trieb diese groteske Umkehrung am 7. November 2021 bei „Anne Will“ auf die Spitze: Deutschland erlebe eine „Tyrannei der Ungeimpften„. Die Menschen ohne gesellschaftliche Sonderrechte wurden zu Tyrannen erklärt – von jenen, die ihnen diese Rechte gerade entzogen.

Ein Etikett genügt, um Menschen gegeneinander aufzubringen

Wie leicht Menschen bereits durch eine bloße Einteilung in zwei Lager geraten, zeigte der Sozialpsychologe Henri Tajfel vor mehr als fünf Jahrzehnten. Für die 1971 im European Journal of Social Psychology veröffentlichte Studie „Social Categorization and Intergroup Behaviour“ teilten Tajfel und seine Kollegen Schüler anhand belangloser Kriterien in Gruppen ein, unter anderem nach angeblichen Vorlieben für bestimmte Gemälde. Die Jungen kannten die übrigen Mitglieder ihrer Gruppe nicht, hatten keine gemeinsame Geschichte und konkurrierten auch nicht um knappe Güter. Trotzdem bevorzugten sie bei der Verteilung echter Belohnungen die eigene Seite.

Einige Teilnehmer verzichteten sogar auf einen größeren gemeinsamen Gewinn, wenn sie dadurch den Abstand zur anderen Gruppe vergrößern konnten. Es reichte also schon, Menschen ein Etikett anzuhängen, um Bevorzugung und Benachteiligung auszulösen. In Tajfels Experiment ging es um Bilder und Punkte. Während der Corona-Jahre kamen staatliche Propaganda, Angst, soziale Ächtung, berufliche Nachteile und die Behauptung hinzu, die andere Gruppe gefährde Menschenleben. Wer unter solchen Bedingungen aus „geimpft“ und „ungeimpft“ zwei moralische Lager machte, wusste, welche gesellschaftliche Dynamik daraus entstehen würde.

Das politische Etikett erledigte gleichzeitig mehrere Aufgaben. Es machte den angeblichen Gegner jederzeit erkennbar, lieferte eine einfache Erklärung für komplizierte Entwicklungen und befreite die Regierung von der Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen. Wenn Maßnahmen scheiterten, lag es an den Ungeimpften. Wenn das Virus trotz hoher Impfquoten weiter zirkulierte, hatten sich angeblich noch nicht genug Menschen spritzen lassen. Wenn Geimpfte erneut Masken tragen (sic!) oder weitere Dosen erhalten sollten, störte weiterhin die falsche Minderheit den großen Gemeinschaftserfolg. Jede Niederlage des Corona-Regimes lieferte so gleich den Anlass für die nächste Runde der Ausgrenzung.

Der Ungeimpfte wurde zum Vertragsbrecher erklärt

Dass Menschen Impfungen als moralische Verpflichtung gegenüber einer Gruppe betrachten können, hatten Wissenschaftler bereits vor Beginn der Corona-Kampagne untersucht. Lars Korn, Robert Böhm, Nicolas Meier und Cornelia Betsch veröffentlichten 2020 in den Proceedings of the National Academy of Sciences die Studie „Vaccination as a Social Contract„. In vier Experimenten mit insgesamt mehr als 2.200 Teilnehmern prüften sie, wie Menschen auf Personen reagieren, die sich einer gemeinsamen Impfentscheidung verweigern. Teilnehmer, die Impfungen als gesellschaftliche Pflicht betrachteten, behandelten Ungeimpfte weniger großzügig und unterstützten deren Bestrafung stärker.

Damit lag die psychologische Anleitung für die spätere Spaltung bereits auf dem Tisch. Wer sich spritzen ließ, erfüllte angeblich seinen Vertrag mit der Gemeinschaft. Wer ablehnte, galt als „Trittbrettfahrer“, der vom Einsatz der anderen profitiere und deshalb Nachteile verdiene. Die Corona-Politik musste dieses Muster nur noch mit passenden Schlagworten füttern: Solidarität, Verantwortung, Gemeinschaft, Rücksichtnahme. Dass der behauptete Fremdschutz gar nicht nachgewiesen war, störte dabei kaum. Der vermeintliche Vertragsbruch existierte zuerst in der politischen Erzählung – und anschließend in den Köpfen jener Bürger, die sich zu ihren freiwilligen Vollstreckern machten.

Wie schnell dabei persönliche Interessen als Einsatz für das Gemeinwohl auftreten, untersuchten Alexander Bor, Frederik Jørgensen, Marie Fly Lindholt und Michael Bang Petersen. Für ihre 2023 in Political Psychology veröffentlichte Studie „Moralizing the COVID-19 Pandemic: Self-Interest Predicts Moral Condemnation of Other’s Compliance, Distancing, and Vaccination“ werteten sie Angaben von rund 94.000 Menschen aus acht Ländern aus, darunter Deutschland und Schweden. Große Mehrheiten hielten es für gerechtfertigt, Verstöße gegen Corona-Vorgaben moralisch zu verurteilen. Etwa die Hälfte machte gewöhnliche Bürger für die Schwere der Pandemie verantwortlich. Besonders stark verurteilten jene Menschen andere, die selbst große Angst vor dem Virus hatten oder ihren Alltag bereits erheblich eingeschränkt hatten.

Wer sein eigenes Leben der Corona-Politik untergeordnet hatte, wollte offenbar nicht akzeptieren, dass andere sich dieser Unterwerfung entzogen. Der gehorsame Bürger hatte Kontakte abgebrochen, Masken getragen, seine Kinder testen lassen und sich brav seine Spritzen abgeholt. Wenn der ungeimpfte Nachbar trotzdem weiterlebte, ohne sich dem Ritual anzuschließen, stellte allein dessen Existenz die eigene Opferbereitschaft infrage. Also erschien es gerechter, auch ihn zur Anpassung zu zwingen. Persönliche Angst, verletzter Stolz und das Bedürfnis nach Bestätigung verkleideten sich als moralische Fürsorge für die Gemeinschaft.

Der Impfstatus wurde zur politischen Identität

Wie gründlich diese Spaltung in Deutschland und Österreich wirkte, untersuchten Luca Henkel, Philipp Sprengholz, Lars Korn, Cornelia Betsch und Robert Böhm. Ihre 2023 in Nature Human Behaviour veröffentlichte Studie „The Association Between Vaccination Status Identification and Societal Polarization“ stützte sich auf Angaben von 5.305 Menschen, darunter 3.267 Geimpfte und 2.038 Ungeimpfte. Die Befragungen liefen von Dezember 2021 bis Juli 2022 – also während der Debatten über 2G, Impfpflicht und den gesellschaftlichen Ausschluss der falschen Statusgruppe.

Die Forscher fragten nicht nur, ob jemand geimpft war, sondern auch, wie stark die jeweilige Person ihren Status als Teil ihrer eigenen Identität betrachtete. Eine stärkere Identifikation hing mit schärfer wahrgenommenen Gruppenunterschieden, Diskriminierung der Gegenseite und politischer Lagerbildung zusammen. Insgesamt 82 Prozent der Ungeimpften empfanden den öffentlichen Impfdiskurs als unfair, moralisierend und bevormundend. Unter den Geimpften sagten dies lediglich 23 Prozent. Wer auf der staatlich bevorzugten Seite stand, nahm dieselbe Kampagne offenbar als vernünftige Aufklärung wahr, die für die Ausgeschlossenen längst Drohung, Demütigung und Existenzangst bedeutete.

Stark mit ihrem Impfstatus identifizierte Geimpfte bewerteten den öffentlichen Diskurs positiver und benachteiligten Angehörige der anderen Gruppe in Verteilungsspielen stärker. Bei Ungeimpften ging eine ausgeprägte Statusidentifikation dagegen mit geringerem Vertrauen in die Regierung, Widerstand gegen die Impfpflicht und der Nutzung alternativer Medien einher. Die Regierung hatte zunächst den Impfstatus zum Zugangskriterium für Arbeit, Gastronomie, Kultur und soziale Kontakte gemacht. Anschließend wunderten sich dieselben politischen Kreise darüber, dass immer mehr Menschen ihre Entscheidung gegen die Genspritze als Widerstand gegen ein übergriffiges System verstanden.

Eine internationale Untersuchung machte das Ausmaß der gesellschaftlichen Verrohung noch deutlicher. Alexander Bor, Frederik Jørgensen und Michael Bang Petersen veröffentlichten 2023 in Nature die Studie „Discriminatory Attitudes Against Unvaccinated People During the Pandemic„. In drei Experimenten mit 15.233 Teilnehmern aus 21 Ländern untersuchten sie Abneigung, stereotype Zuschreibungen und die Bereitschaft, Ungeimpfte aus privaten oder politischen Zusammenhängen auszuschließen. In 19 der 21 Länder äußerten Geimpfte diskriminierende Einstellungen gegenüber Ungeimpften. Das Ausmaß entspreche dabei Vorurteilen, die Wissenschaftler sonst gegenüber Einwanderern oder gesellschaftlichen Minderheiten messen.

Die Forscher fanden keine vergleichbare Diskriminierung Geimpfter durch Ungeimpfte. Lediglich bei einzelnen negativen Gefühlsbewertungen bildeten Deutschland und die Vereinigten Staaten Ausnahmen. Unter den befürworteten Maßnahmen befand sich sogar der Entzug grundlegender Rechte. Gerade in Gesellschaften mit starken Erwartungen an gemeinschaftliches Verhalten fiel die Diskriminierung besonders hart aus. Je erfolgreicher Politik und Medien die Genspritze zur Bürgerpflicht erklärten, desto leichter ließ sich derjenige bestrafen, der diese Pflicht nicht erfüllen wollte.

Die angeblich Solidarischen verachteten ihre Gegner stärker

Maximilian Filsinger und Markus Freitag untersuchten dieselbe Spaltung in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, der Schweiz und Großbritannien. Ihre 2024 in Scientific Reports veröffentlichte Studie „Asymmetric Affective Polarization Regarding COVID-19 Vaccination in Six European Countries“ wertete Angaben von 6.379 Menschen aus. Beide Seiten bevorzugten die eigene Gruppe und standen der anderen skeptischer gegenüber. Doch unter den Impfbefürwortern fiel die Feindseligkeit in sämtlichen sechs untersuchten Ländern erheblich stärker aus.

Auf einer Skala von null bis zehn erreichten die Impfbefürworter in Deutschland einen Polarisierungswert von 7,17. Bei den Impfgegnern lag er bei 2,95. In der Schweiz standen 6,46 Punkte auf der einen und 2,87 Punkte auf der anderen Seite gegenüber. Deutsche Impfbefürworter bewerteten Impfgegner bei Eigenschaften wie „egoistisch“ und „engstirnig“ mit 4,10 auf einer Skala bis fünf. Die Gruppe, die Restaurants betreten, Veranstaltungen besuchen, ihren Beruf ausüben und sich täglich von Politikern als solidarische Mehrheit feiern lassen durfte, verachtete die ausgeschlossene Minderheit also deutlich stärker als umgekehrt.

Das ist auch deshalb bedeutsam, weil Politiker und Medien die gesellschaftliche Spaltung später gerne als gegenseitige Eskalation darstellten. Auf beiden Seiten habe es Übertreibungen gegeben, hieß es dann. Tatsächlich stand auf der einen Seite eine privilegierte Gruppe mit Regierung, Behörden, Leitmedien und Arbeitgebern im Rücken. Auf der anderen Seite standen Menschen, denen der Staat Bewegungsfreiheit, berufliche Möglichkeiten und gesellschaftliche Teilhabe entzog. Die Forschung zeigt, dass die Feindseligkeit keineswegs gleichmäßig verteilt war. Sie ging besonders stark von jenen aus, die sich selbst für moralisch überlegen hielten.

Wie schnell aus dieser Verachtung der Wunsch nach konkreter Bestrafung entstand, untersuchten Julian Schuessler und seine Kollegen. Für ihre 2022 in Social Science & Medicine veröffentlichte Studie „Public Support for Unequal Treatment of Unvaccinated Citizens: Evidence from Denmark“ legten sie Teilnehmern verschiedene Corona-Maßnahmen vor. Manche Vorschläge sollten für alle Erwachsenen gelten, andere ausschließlich für bewusst Ungeimpfte. Sobald nur die Fremdgruppe betroffen war, stieg die Zustimmung deutlich. Dies galt unter anderem für kostenpflichtige Tests, zusätzliche Nachweispflichten und den Entzug der Lohnfortzahlung während einer Isolation. Selbst bei der medizinischen Priorisierung zeigten sich entsprechende Unterschiede.

Die Bereitschaft zur Bestrafung entstand in einem Land mit hoher Impfquote und starkem gesellschaftlichem Vertrauen. Weder die konkrete Schwere der Pandemie noch das Vertrauen in staatliche Institutionen erklärten sie so stark wie die Zugehörigkeit zur eigenen Statusgruppe. Viele Bürger mussten folglich nicht erst mühsam zur Ausgrenzung gezwungen werden. Es genügte, ihnen einzureden, die Ungeimpften seien selbst schuld und hätten ihre Benachteiligung verdient. Der Staat lieferte den moralischen Rahmen – und ein erheblicher Teil der Bevölkerung verlangte die Sanktionen anschließend von sich aus.

Druck erzeugte den Widerstand, mit dem neuer Druck begründet wurde

Der politische Feldzug gegen Ungeimpfte erreichte nicht einmal zuverlässig das Ziel, mit dem Regierungen und Medien ihn rechtfertigten. Daniel Rosenfeld und Janet Tomiyama untersuchten für ihre 2022 in Social Science & Medicine veröffentlichte Studie „Jab My Arm, Not My Morality: Perceived Moral Reproach as a Barrier to COVID-19 Vaccine Uptake“ insgesamt 832 ungeimpfte Amerikaner. Das Gefühl, von Geimpften als unmoralisch verurteilt zu werden, gehörte zu den stärksten Merkmalen einer entschlossenen Ablehnung der Spritze. Es fiel stärker ins Gewicht als das persönlich wahrgenommene Covid-Risiko, bestehende Vorerkrankungen oder das Vertrauen in Wissenschaftler.

Ein österreichisches Experiment mit 1.170 Teilnehmern bestätigte diesen Zusammenhang. J. Lukas Thürmer und Sean McCrea veröffentlichten 2022 in Scientific Reports die Studie „The Vaccination Rift Effect Provides Evidence That Source Vaccination Status Determines the Rejection of Calls to Get Vaccinated„. Wenn ein Impfappell von einer geimpften Person ausging, unterstellten die Teilnehmer dem Absender schlechtere Motive und bewerteten ihn negativer als einen ungeimpften Absender. Unter Ungeimpften fiel dieser Effekt besonders stark aus. Der moralische Angriff überzeugte sie nicht. Er machte lediglich sichtbar, dass die Forderung aus dem gegnerischen Lager kam.

Das Corona-Regime erzeugte damit selbst einen Teil jenes Widerstands, den es anschließend für weitere Zwangsmaßnahmen heranzog. Politiker beschimpften Menschen, bedrohten ihre berufliche Existenz, nahmen ihnen die Bewegungsfreiheit und erklärten ihre wachsende Ablehnung danach zum Beweis für gesellschaftliche Gefährlichkeit. Jede neue Sanktion stärkte auf der einen Seite den Zusammenhalt der Ausgeschlossenen und auf der anderen Seite das Selbstbild der gehorsamen Mehrheit. Der Konflikt ernährte sich aus seinen eigenen Folgen. Je brutaler die Politik vorging, desto größer wurde der Widerstand – und desto entschlossener verlangten ihre Anhänger nach noch mehr Druck.

Die Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften war deshalb kein bedauerlicher Unfall einer ansonsten gut gemeinten Krisenpolitik. Regierungen machten den Impfstatus sichtbar, verbanden ihn mit Schuld und Tugend, verknüpften ihn mit Grundrechten und erklärten die Angehörigen der falschen Gruppe zur Gefahr für alle anderen. Sie wussten, dass die Genspritzen keinen zuverlässig nachgewiesenen Fremdschutz boten. Sie wussten, dass auch Geimpfte erkrankten und das Virus weitergaben. Und sie hielten trotzdem an einem System fest, das Milliarden bestellter Dosen politisch rechtfertigen und die Verantwortung für gescheiterte Versprechen auf eine entrechtete Minderheit abladen sollte.

Am Ende brauchte der Staat nicht einmal überall eigene Kontrolleure. Arbeitgeber prüften Zertifikate, Gastwirte scannten QR-Codes, Kollegen machten Druck, Freunde luden einander aus und Familien zerbrachen an einer Entscheidung, die niemals über den Wert eines Menschen hätte entscheiden dürfen. Die Regierung setzte den Rahmen – und gewöhnliche Bürger erledigten einen erheblichen Teil der Ausgrenzung selbst. Wie aus Nachbarn, Arbeitskollegen und Verwandten freiwillige Vollstrecker der Corona-Ordnung wurden, darum geht es im sechsten Teil.

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