Britischer Klinik-Skandal: 20 Frauen unnötig die Brust amputiert

(C) Report24/KI

Eine Krebsdiagnose ist Schock genug. Patientinnen legen ihr Leben anschließend in die Hände von Ärzten und müssen darauf vertrauen können, dass jeder schwere Eingriff medizinisch notwendig ist. Für mindestens 20 Frauen im Nordosten Englands kam Jahre später die nächste Hiobsbotschaft: Ihre Brust hätte niemals vollständig entfernt werden müssen.

Der aktuelle Skandal spielt sich im County Durham and Darlington NHS Foundation Trust ab. Eine laufende Überprüfung der dortigen Brustkrebsbehandlungen hat bislang 514 Fälle untersucht. Bei 315 Patientinnen stellten die Prüfer Schäden fest, 77 Frauen erlitten erhebliche Schäden. Eine Patientin ist gestorben. Hinzu kommen Fälle, in denen Krebs übersehen oder verspätet erkannt wurde und sich die Erkrankung anschließend weiter ausbreitete, wie Berichte des Guardian und des Independent zeigen.

Wie brutal solche Fehlentscheidungen das Leben der Betroffenen verändern, zeigt der Fall der 51-jährigen Denise Howarth. Bei ihr wurde im Februar 2023 Brustkrebs im Stadium 1 festgestellt. Ärzte entfernten zunächst den Tumor und Lymphknoten. Anschließend erklärten sie ihr, dass auch die gesamte Brust entfernt werden müsse. Howarth unterzog sich der Mastektomie und weiteren Krebsbehandlungen. Im September 2025 meldete sich die Klinik erneut bei ihr: Die Brustentfernung sei unnötig gewesen. Howarth spricht von zerstörtem Vertrauen, verlorener Lebensqualität und einem Eingriff, der sie für den Rest ihres Lebens begleiten wird.

Auch eine weitere Patientin, die in britischen Medien unter dem Namen „Jo“ auftritt, hatte einen kleinen Krebstumor. Weitere auffällige Bereiche hätten genauer untersucht und biopsiert werden müssen. Diese Stellen erwiesen sich später als gutartig. Trotzdem war zuvor die gesamte Brust entfernt worden. Erst nachträglich erfuhr die Frau, dass die Mastektomie vermeidbar gewesen wäre.

Nur die Oberfläche des Eisbergs?

Und das Ausmaß könnte noch erheblich wachsen. Der Klinikverbund überprüft derzeit Behandlungen aus dem Zeitraum Januar 2023 bis Februar 2025 sowie die Fälle von 640 ehemaligen Patientinnen, die sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe bei einer eigens eingerichteten Hotline meldeten. Am 24. September soll der Verwaltungsrat darüber beraten, ob die Untersuchung auf Tausende weitere Fälle bis zurück ins Jahr 2015 ausgeweitet wird.

Die Probleme waren offenbar seit Jahren bekannt. Ein Bericht des Royal College of Surgeons stellte fest, dass Brustkrebsfälle nicht ausreichend in den dafür vorgesehenen multidisziplinären Teams besprochen wurden. Dort sollen Chirurgen, Onkologen, Radiologen und weitere Spezialisten gemeinsam über die Behandlung entscheiden. Beim Klinikverbund in Durham und Darlington versagte diese Kontrollinstanz offenbar über längere Zeit. Im Zentrum der Aufarbeitung steht auch Amir Bhatti. Der Arzt war von 2013 bis 2024 klinischer Leiter der Brustkrebsabteilung. Seine klinische Tätigkeit wurde inzwischen eingeschränkt, während der Klinikverbund eine interne Untersuchung durchführt.

Spielte Gier eine Rolle?

Hinzu kommen die finanziellen Verflechtungen rund um die Abteilung. Nach BBC-Recherchen, auf die sich auch der Independent beruft, zahlte der staatliche Klinikverbund innerhalb von sechs Jahren fast sechs Millionen Pfund an private Brustkrebs-Diagnosekliniken und Operationsunternehmen, die von Bhatti geführt wurden beziehungsweise an denen er beteiligt war. Eine externe Untersuchung aus dem Jahr 2025 kritisierte diese Konstruktion. Durch die Auslagerung von Patiententerminen seien finanzielle Anreize entstanden, die ein Risiko für medizinische Standards darstellen könnten. Ob diese Verflechtungen einzelne Behandlungsentscheidungen beeinflussten, ist bislang nicht belegt.

Die Affäre beschäftigt inzwischen auch die Strafverfolger. Durham Police untersucht die Vorgänge, zudem arbeitet die britische National Crime Agency mit den Ermittlern zusammen. Geprüft wird, ob sich aus den Vorgängen in der Brustkrebsabteilung strafrechtlich relevante Sachverhalte ergeben. Betroffene Frauen und ihre Anwälte fordern eine öffentliche Untersuchung. Klinikchef Steve Russell entschuldigte sich bei den Frauen und ihren Familien. Der Klinikverbund habe früher zuhören und schneller handeln müssen. Die Führung verweist inzwischen auf Änderungen bei Kontrolle, Behandlung und Leitung der Abteilung.

Für mindestens 20 Frauen kommen diese Maßnahmen Jahre zu spät. Berichte lassen sich neu schreiben, Verantwortlichkeiten neu ordnen und Führungskräfte austauschen. Eine unnötig amputierte Brust bleibt jedoch für immer verloren. Wie viele weitere Fälle solchen unnötigen menschlichen Leides als Folge von völliger Inkompetenz werden wohl noch ans Tageslicht kommen?

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