Rennende Menschenmassen, Bereitschaftspolizei, Detonationen und Verletzte: In der spanischen Exklave Ceuta ist die Lage am Freitagmorgen erneut eskaliert. Tausende Migranten sollten aus ihren wilden Lagern an den Stränden in ein neues Camp am Hafen gebracht werden – doch dort gibt es bei weitem nicht genügend Plätze. Als sich eine Menschenwelle in Bewegung setzte, musste die Polizei den Massenansturm stoppen.
Der Großeinsatz begann gegen 6.30 Uhr. Guardia Civil und Policía Nacional rückten an, um zunächst Migranten vom Strand von Benítez zum neuen Lager im Hafen zu bringen. Doch aus dem geplanten, geordneten Transfer wurden schnell Wettrennen und regelrechte Menschenwellen auf der Straße. „El Faro de Ceuta“ berichtet von Migranten, die in großer Zahl losrannten, während die Sicherheitskräfte versuchten, die Gruppen unter Kontrolle zu halten. Das neue Hafenlager verfügt lediglich über rund 1.800 Plätze. In den wilden Lagern entlang von Benítez und Trampolín befinden sich jedoch Tausende Menschen. Allein im Bereich des Trampolín spricht „El Faro“ von mehr als 4.000 Migranten (so viel dazu, dass angeblich nur wenige der Invasoren geblieben seien). Für einen erheblichen Teil von ihnen gibt es damit im neuen Camp überhaupt keinen Platz. Die Regierung sucht bereits weitere Flächen, unter anderem nahe der Haftanstalt Mendizábal und beim ehemaligen Fußballplatz am Kavalleriequartier.
🚩 Siguen entrando inmigrantes al nuevo asentamiento del puerto
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Am Hafen spitzte sich die Lage weiter zu. Migranten versuchten nach Angaben der Lokalzeitung, in einer größeren Gruppe auf das Gelände vorzudringen. Die Bereitschaftspolizei UIP ging mit Anti-Riot-Ausrüstung vor. Es kam zu Detonationen, mehrere Menschen wurden verletzt. Aufnahmen zeigen Migranten mit Blut im Gesicht, andere hatten tränende Augen. Auch Kinder befanden sich in den Gruppen. Gleichzeitig brach rund um den Einsatz Verkehrschaos aus, weil offenbar nicht einmal rechtzeitig Unterstützung durch die örtliche Polizei angefordert worden war. Erst nach 9 Uhr gelangten die ersten Gruppen in das neue Lager. Dort sollen im Laufe des Tages bis zu 1.800 Migranten untergebracht werden. Zuerst werden Menschen aus Benítez aufgenommen, anschließend sollen Migranten vom Trampolín folgen. Selbst während die ersten Bewohner eintrafen, liefen noch Arbeiten an dem erst kurzfristig errichteten Camp.
Dass Madrid ausgerechnet den Hafen zur nächsten Massenunterkunft macht, sorgt bereits seit Tagen für Ärger. Das Innenministerium selbst stellte fest, dass das Lager zu einer „Zunahme der Risiken“ für den Hafen führt. Die Anlage befindet sich auf rund 16.000 Quadratmetern innerhalb einer kritischen und sensiblen Infrastruktur, weshalb zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen angeordnet wurden. Der Sindicato Unificado de Policía wollte das Lager deshalb vor Gericht stoppen. Die Polizeigewerkschaft verlangte unter anderem Nachweise zur Sicherheit, zum Katastrophenschutz und zur Vereinbarkeit mit dem Hafenbetrieb. Die Audiencia Nacional lehnte die beantragte sofortige Aussetzung am Donnerstag jedoch ab. Keine 24 Stunden später musste die Bereitschaftspolizei bereits gegen den Massenandrang auf das neue Lager vorgehen.
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Die Folgen des Grenzsturms vom Juli
Ursache des heutigen Chaos ist die Invasion vom 30. und 31. Juli. Nach den inzwischen korrigierten offiziellen Angaben der spanischen Regierung stürmten innerhalb von nur zwei Tagen rund 72.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta. Die Zahl entspricht fast der gesamten Bevölkerung der spanischen Exklave, die bei ungefähr 80.000 Einwohnern liegt. Vox bezeichnet die Ereignisse seit Ende Juli als „Invasion“. Selbst der sozialistische Innenminister Fernando Grande-Marlaska wählte später eine härtere Formulierung: Vor dem spanischen Kongress sprach er von einem „Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens“ und erklärte ausdrücklich, das Geschehen könne nicht mit üblichen irregulären Migrationsbewegungen verglichen werden.
Die Dimension zwang Madrid schließlich zu einem Schritt, der die Schwere der Lage auch amtlich festschreibt. Mit dem Real Decreto 681/2026 erklärte die Regierung Ceuta Ende August offiziell zu einer „Situation von Interesse für die nationale Sicherheit“. Im Dekret ist von einer „massiven und gleichzeitigen“ Einreise sowie davon die Rede, dass die normalen Kapazitäten bei Aufnahme, Verwaltung und öffentlicher Sicherheit überschritten worden seien. Der Sonderstatus soll nach derzeitiger Regelung bis zum 31. Dezember gelten. Auch das Militär bleibt deshalb in Ceuta. Am Donnerstag vollzog das spanische Heer einen Truppenwechsel: Einheiten von den Balearen und aus Teneriffa übernahmen Aufgaben zur Präsenz, Überwachung und Abschreckung sowie zur Unterstützung von Polizei und Guardia Civil. Mehr als 150 Soldaten von den Kanarischen Inseln waren bereits seit dem 20. August zusätzlich in der Exklave stationiert.
🚩Agentes de la Policía Nacional cargan contra los inmigrantes durante el traslado al nuevo asentamiento
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Schon die nächste Warnung aus Marokko
Während Ceuta noch immer mit den Folgen der Juli-Ereignisse kämpft, richtet sich der Blick bereits wieder auf die Grenze. Marokkanische Sicherheitskräfte hielten am Donnerstag bei Bab Sebta und entlang des Grenzzauns Übungen ab. Der marokkanische Grenzübergang wurde dabei für rund eine halbe Stunde geschlossen, verschiedene Sicherheitskräfte demonstrierten ihre Einsatzbereitschaft. Hintergrund sind neue Aufrufe in sozialen Netzwerken zu einer weiteren Invasion am 20. September. Bislang wurden auf marokkanischer Seite zwar keine größeren Ansammlungen von Migranten festgestellt. Die Übungen zeigen jedoch, dass die Warnungen auf beiden Seiten der Grenze ernst genommen werden.
Sieben Wochen nach der Invasion ist Ceuta damit weit von Normalität entfernt. Tausende Migranten leben weiterhin in provisorischen Lagern, Soldaten sichern die Exklave, Madrid hat eine nationale Sicherheitslage ausgerufen – und am Freitagmorgen musste die Bereitschaftspolizei Menschenwellen stoppen, weil für Tausende Migranten nur 1.800 neue Plätze bereitstehen. Während Spanien noch die Folgen der letzten Masseneinreise abarbeitet, bereiten sich die Sicherheitskräfte bereits auf den nächsten möglichen Ansturm vor.
