Financial-Times-Bericht: Putin soll Rückzug gebilligt haben – Selenskyj winkte ab!

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Anfang 2023 lag ein Friedensplan vor, der Russland zu weitreichenden territorialen Zugeständnissen verpflichtet hätte. Wladimir Putin soll der vorgeschlagenen Grenzziehung grundsätzlich zugestimmt haben. Doch Wolodymyr Selenskyj und sein Umfeld wollten lieber auf dem Schlachtfeld gewinnen, als über einen Kompromiss mit Moskau zu verhandeln. Inzwischen sind Hunderttausende Soldaten gefallen, verwundet worden oder gelten als vermisst – und die damaligen Friedensbedingungen erscheinen aus ukrainischer Sicht deutlich günstiger als die heutigen russischen Forderungen.

Ein ukrainischer Vermittler versucht, Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Friedensvorschlag auf seinem Smartphone zu zeigen. Doch der Staatschef und sein damaliger Präsidialamtschef Andrij Jermak wollen sich kaum damit beschäftigen. Territoriale Zugeständnisse an Russland? Kommen nicht infrage. Nach den militärischen Erfolgen bei Charkow und Cherson glaubt man in Kiew, die russischen Truppen auch ohne Verhandlungen weiter zurückdrängen zu können. So schildert es der ukrainische Filmproduzent Alexander Rodnyansky gegenüber der Financial Times. Die Zeitung hat einen geheimen diplomatischen Vorstoß rekonstruiert, der Anfang 2023 möglicherweise einen Ausweg aus dem Krieg hätte eröffnen können. Während westliche Politiker weiterhin auf einen ukrainischen Sieg setzten, lag offenbar ein Kompromissvorschlag vor, der Moskau einen erheblichen Teil seiner Eroberungen gekostet hätte.

Ein ungewöhnlicher Vorstoß

Hinter dem Vorstoß standen der amerikanische Anwalt Richard Conn, der Investmentbanker Bob Foresman und Matthias Warnig, der ehemalige Nord-Stream-Chef und langjährige Vertraute Wladimir Putins. Hinzu kam Rodnyansky, der zuvor bereits bei der Vorbereitung der Istanbuler Friedensgespräche mitgewirkt hatte. Im Januar 2023 trafen sich die vier Männer auf Gran Canaria und arbeiteten einen Friedensentwurf aus. Warnig und Rodnyansky sollten diesen anschließend Putin beziehungsweise der ukrainischen Führung vorlegen, um deren Haltung auszuloten. Während in den westlichen Hauptstädten weitere Waffenlieferungen vorbereitet wurden, versuchte diese kleine Gruppe, über persönliche Kontakte zu beiden Kriegsparteien einen diplomatischen Durchbruch zu erreichen.

Der Inhalt des Papiers dürfte manchen heutigen Kriegsbefürworter unangenehm berühren. Russland sollte große Teile jener Gebiete räumen, die seine Truppen seit Februar 2022 erobert und später annektiert hatten. Die neue Grenzlinie hätte sich weitgehend an den russischen Kontrollgebieten vor der Invasion orientiert. Die Ukraine sollte dafür die russische Kontrolle über die Krim anerkennen und Moskau eine freie Landverbindung zur Halbinsel gewähren. Ein NATO-Beitritt Kiews war ausgeschlossen, eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union hingegen möglich. NATO-Staaten sollten der Ukraine zudem Sicherheitsgarantien bieten. Angesichts der heutigen russischen Forderungen nach weiteren ukrainischen Gebieten wäre das für Kiew ein vergleichsweise günstiger Ausgangspunkt gewesen.

Putin zeigte sich interessiert, Selenskyj nicht

Auch im Kreml soll man sich mit dem Entwurf ernsthaft beschäftigt haben. Warnig berichtete den übrigen Vermittlern am 1. Februar 2023, Putin habe das Dokument persönlich Zeile für Zeile durchgearbeitet, Passagen eingekreist und Anmerkungen hinterlassen. Der russische Präsident habe der vorgeschlagenen Grenzziehung zugestimmt und sich auch für alternative Sicherheitsvereinbarungen offen gezeigt. Gegen eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine habe er keine grundsätzlichen Einwände erhoben. Seine rote Linie blieb der NATO-Beitritt. Warnig zufolge erklärte Putin sinngemäß, wenn man sich über die Grenzen und die NATO-Frage einigen könne, lasse sich über die übrigen Punkte sprechen. Damit wäre Moskau nach Darstellung des Putin-Vertrauten zu erheblichen territorialen Zugeständnissen bereit gewesen. Eine Zustimmung zum gesamten Friedensplan oder gar ein verbindliches Abkommen war damit allerdings noch nicht erreicht.

Ausgerechnet die ukrainische Führung zeigte daran offenbar wenig Interesse. Rodnyansky schilderte der Financial Times, Selenskyj und Jermak hätten geglaubt, den größten Teil ihrer Ziele auch ohne territoriale Kompromisse erreichen zu können. Er verglich ihre damalige Haltung mit der Vorstellung, die russische Armee werde plötzlich zusammenbrechen wie Saurons Streitmacht am Ende von „Der Herr der Ringe“. Seine ukrainischen Gesprächspartner hätten darüber gelacht und ihm zugestimmt. Der Vergleich stammte von Rodnyansky, doch er verdeutlicht, wie optimistisch man in Kiew damals die eigenen militärischen Aussichten einschätzte. Ein Kompromiss mit Putin erschien der Führung offensichtlich weniger attraktiv als die Aussicht, ihn militärisch zu schlagen.

Kein Interesse auch in Washington

Allerdings war auch die Rolle der Biden-Regierung alles andere als eindeutig. Conn unterhielt Kontakte zum Nationalen Sicherheitsrat der USA, verfügte jedoch über kein offizielles Mandat für Friedensverhandlungen. Nach Warnigs Darstellung ließ Putin deshalb durch seinen außenpolitischen Berater Juri Uschakow bei Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan nachfragen, ob Washington den informellen Kanal unterstütze. Die Antwort soll negativ ausgefallen sein. Ehemalige US-Regierungsvertreter bestreiten gegenüber der Financial Times allerdings, dass Uschakow eine solche Anfrage überhaupt gestellt habe. Sie verweisen darauf, dass bereits offizielle Kommunikationskanäle mit Moskau bestanden, und bezweifeln Putins tatsächlichen Friedenswillen. Wer den Vorstoß am Ende scheitern ließ, bleibt damit umstritten. Für offizielle Verhandlungen über den Entwurf reichte es jedenfalls nicht.

Was Kiew stattdessen erwartete, zeigte sich wenige Monate später. Die mit enormen Hoffnungen verbundene Gegenoffensive des Sommers 2023 sollte mit westlichen Waffen und NATO-Ausbildung die russischen Verteidigungslinien durchbrechen. Doch die versprochenen militärischen Erfolge blieben aus. Russland hielt seine wichtigsten Stellungen, während die ukrainischen Streitkräfte erhebliche personelle und materielle Verluste erlitten. Seither bestimmen Abnutzungskämpfe, Drohnenangriffe und zermürbende Stellungskriege das Geschehen an der Front. Die russischen Territorialforderungen sind inzwischen umfangreicher geworden. Aus der vermeintlich günstigen Gelegenheit, Moskau militärisch zu besiegen, wurde ein jahrelanger Verschleißkrieg.

So viel unnötiges Leid

Wie hoch der menschliche Preis mittlerweile ist, verdeutlichen die Schätzungen des amerikanischen Center for Strategic and International Studies. Für den gesamten Zeitraum von Februar 2022 bis Juni 2026 beziffert CSIS die ukrainischen militärischen Verluste auf 525.000 bis 625.000 Gefallene, Verwundete und Vermisste, darunter 125.000 bis 150.000 Tote. Auf russischer Seite schätzt das Institut rund 1,4 Millionen militärische Verluste, darunter bis zu 450.000 Tote. Zusammen sind dies mehr als zwei Millionen militärische Verluste. Wie viele davon durch einen Friedensschluss Anfang 2023 tatsächlich vermeidbar gewesen wären, lässt sich nicht beziffern. Das Ausmaß des Blutvergießens macht die Frage nach verpassten Verhandlungsmöglichkeiten allerdings umso drängender.

Auch Selenskyjs frühere Pressesprecherin Julija Mendel erhob bereits im September schwere Vorwürfe gegen die ukrainische Führung. Nach ihrer Darstellung wurden mehrfach mögliche Verhandlungslösungen verworfen, während sich die Bedingungen für die Ukraine von Gelegenheit zu Gelegenheit verschlechterten. Sie warf Selenskyj vor, aus politischen Gründen an einer Fortsetzung des Krieges festzuhalten, und kritisierte jene europäischen Politiker, die weiterhin auf eine militärische Niederlage Russlands setzen. Die Enthüllungen der Financial Times über den Vorstoß von Anfang 2023 liefern nun einen weiteren Fall, an dem sich diese Kritik festmachen lässt.

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