Der große Bevölkerungsaustausch: Zehn Millionen Ausländer für die Ukraine?

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Zehn Millionen ausländische Arbeitsmigranten und eine „neue Ukraine“: Diese Größenordnung brachte der frühere Wirtschaftsminister Tymofij Mylowanow bereits im vergangenen Jahr ins Gespräch. Nun veröffentlicht die Regierung in Kiew Pläne, um ausländischen Arbeitskräften den Zugang zum heimischen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Gleichzeitig sind Millionen Ukrainer geflohen und die Geburtenzahlen brechen weiter ein. Charkiws Bürgermeister protestiert bereits gegen die Prioritäten der Regierung.

Zehn Millionen Arbeitsmigranten. Diese Zahl nannte der frühere ukrainische Wirtschaftsminister Tymofij Mylowanow im Oktober 2025 gegenüber der „Ukrajinska Prawda“, als er nach dem Personalbedarf für einen wirtschaftlichen Aufschwung gefragt wurde. Seine Botschaft: „Stellt euch auf eine neue Ukraine ein.“ Der heutige Präsident der Kyiv School of Economics sprach davon, dass das Land künftig zig Millionen Arbeitskräfte importieren müsse. Vor allem für handwerkliche Berufe. Dies kommt einer Forderung nach einem umfassenden Bevölkerungsaustausch gleich.

Kiew hat bereits Pläne

Jetzt nimmt sich die Regierung in Kiew der Arbeitsmigration an. Am 22. Oktober veröffentlichte das Wirtschaftsministerium einen Verordnungsentwurf, der die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte erleichtern soll. Die Behörden wollen künftig jährlich jene Berufe erfassen, für die dringend Personal benötigt wird. Ausländische Bewerber sollen ihre Qualifikationen über ein vereinfachtes digitales Verfahren nachweisen können. Geplant ist zunächst ein höchstens zweijähriges Pilotprojekt. Die Regierung will damit die Personalnot bekämpfen, die durch Krieg, Mobilmachung und Auswanderung weiter verschärft wurde.

Die zehn Millionen aus Mylowanows Interview stehen zwar nicht als Zielzahl im neuen Entwurf. Doch der Zusammenhang wirft eine weitreichende Frage auf: Welche Rolle soll die Einwanderung künftig für den wirtschaftlichen und demografischen Wiederaufbau der Ukraine spielen? Schließlich sprach hier ein ehemaliger Wirtschaftsminister über einen Personalbedarf in Millionenhöhe. Nun schafft die Regierung Voraussetzungen, um den Arbeitsmarkt stärker für Ausländer zu öffnen.

Die Bevölkerungszahlen kollabieren

Das Ausmaß des ukrainischen Bevölkerungsschwunds ist erschreckend. Im ersten Halbjahr 2026 registrierten die Behörden gerade einmal 73.292 Geburten, während 259.853 Menschen starben. Auf ein Neugeborenes kamen damit mehr als dreieinhalb Todesfälle. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 sank die Zahl der Geburten um weitere 16 Prozent. Allein in der Europäischen Union standen Ende August rund 4,43 Millionen Menschen, die aus der Ukraine geflohen waren, unter vorübergehendem Schutz. Viele Familien haben sich inzwischen in Deutschland, Polen und anderen europäischen Staaten eine neue Existenz aufgebaut.

Die demografische Krise lässt sich durch Einwanderung vielleicht rechnerisch abfedern. Doch bei den von Mylowanow genannten Größenordnungen ginge es um weit mehr als die Besetzung offener Stellen. Zehn Millionen zusätzliche Einwohner würden die Bevölkerungsstruktur des Landes dramatisch verändern. Zumal der ehemalige Minister in seinem pessimistischen Szenario damit rechnete, dass langfristig nur noch zehn bis 15 Millionen Ukrainer in ihrer Heimat leben könnten. Das heißt, auf diese Zahl an zumeist alten Ukrainern sollen noch einmal in etwa gleich viele junge Migranten kommen. Man kann sich vorstellen, wie das Land dann in einigen Jahrzehnten aussehen würde.

Die Kritik wächst

Report24 beschäftigte sich bereits im Februar 2025 mit den Plänen und Vorschlägen ukrainischer Wirtschaftsvertreter zur Anwerbung von Arbeitskräften aus Asien und Afrika. Im September dieses Jahres berichteten wir über Mylowanows Zehn-Millionen-Aussage und den dramatischen Bevölkerungsschwund. Mit dem aktuellen Regierungsentwurf bekommt die damalige Debatte eine neue politische Bedeutung: Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte soll nun durch staatliche Verfahren erleichtert werden.

Gegenwind kommt ausgerechnet aus Charkiw, einer Stadt, die seit Kriegsbeginn immer wieder unter russischen Angriffen leidet. Bürgermeister Ihor Terechow kritisierte am 23. Oktober, dass das Ministerium die Vorteile für ausländische Arbeitskräfte sorgfältig aufliste, die Folgen für ukrainische Arbeitnehmer jedoch nicht einmal gesondert bewertet habe. Dabei suchen zahlreiche Binnenvertriebene nach einer neuen Beschäftigung, Menschen verlieren durch zerstörte Betriebe ihre Arbeitsplätze und viele Soldaten werden nach ihrer Rückkehr auf Umschulungen angewiesen sein.

Terechow fordert deshalb, das geplante Experiment zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte während des Krieges zu stoppen. Stattdessen solle sich die Regierung mit derselben Beharrlichkeit um die Beschäftigung ihrer eigenen Bürger kümmern, einschließlich jener Menschen, die man aus dem Ausland zurückholen möchte. Sein Vorwurf trifft den politischen Kern der Auseinandersetzung: Ein ukrainischer Arbeitnehmer dürfe keine Randnotiz sein, die das Ministerium erst nach einer öffentlichen Diskussion nachträglich berücksichtigt. Die Regierung hat sich in ihrer Demografiestrategie bis 2040 zwar auch die Rückkehr ausgewanderter Ukrainer und eine höhere Geburtenrate zum Ziel gesetzt. Doch selbst nach einem Kriegsende dürfte es schwer werden, Millionen Familien zurückzuholen. https://en.interfax.com.ua/news/general/1225207.html

Mylowanows „neue Ukraine“ mag als wirtschaftspolitische Zukunftsvision gedacht gewesen sein. Für die Männer an der Front und die Millionen ausgewanderten Familien stellt sich jedoch eine andere Frage: Welche Zukunft erwartet sie selbst in diesem Land? Kiew sucht nach Arbeitskräften im Ausland. Charkiws Bürgermeister muss die Regierung derweil daran erinnern, dass sie zuerst Verantwortung für ihre eigenen Bürger trägt.

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