Die Ukraine verliert ihre Bevölkerung in einem atemberaubenden Tempo. 2025 wurden nur noch 168.778 Kinder geboren, während 485.296 Menschen starben – fast drei Todesfälle auf jedes Baby. Gleichzeitig treibt Brüssel die Beitrittsverhandlungen mit einem Land voran, dem Arbeitskräfte und Nachwuchs wegbrechen und in dem auf 10,7 Millionen Beschäftigte bereits 10,2 Millionen Pensionisten kommen.
Die Schulglocken läuteten am 1. September wieder, doch immer weniger Kinder hörten sie. Nur 243.400 Erstklässler nahmen im neuen Schuljahr ihren Platz in ukrainischen Klassenzimmern ein. Im Schuljahr 2018/19 waren es noch 454.900 gewesen. Binnen acht Jahren ist die Zahl damit um fast die Hälfte eingebrochen. Und die kommenden Jahrgänge werden noch dünner: 2025 registrierten die Behörden gerade einmal 168.778 Geburten. 2016 waren es noch fast 400.000 gewesen.
Die Sterberegister zeigen gleichzeitig in die andere Richtung. Den 168.778 Neugeborenen standen im vergangenen Jahr 485.296 Todesfälle gegenüber. Schon 2024 lautete die Bilanz 176.679 Geburten zu 495.090 Toten. Der Krieg hat den Absturz beschleunigt, doch das Problem begann Jahre zuvor: Bereits vor der russischen Invasion sank die Zahl der Geburten kontinuierlich. Doch die Zahlen werden immer kritischer. Gegenüber 2021 kamen 2025 rund 38 Prozent weniger Kinder zur Welt.
Die ukrainische Gesellschaft zerfällt
Der Bevölkerungsschwund frisst sich längst durch den Arbeitsmarkt und das Sozialsystem. Nach Angaben der Kyiv School of Economics (KSE) standen 2025 noch 10,7 Millionen Beschäftigte insgesamt 10,2 Millionen Pensionisten gegenüber. Dazu kamen 1,7 Millionen Veteranen, 3,6 Millionen Menschen mit Behinderungen und 4,6 Millionen Binnenvertriebene. Seit 2021 sank allein die Zahl der Beschäftigten um 1,3 Millionen. Die KSE warnt vor weiter wachsendem Druck auf Arbeitsmarkt, Sozialleistungen und Bildungsfinanzierung.
Wie weit die Sorge inzwischen reicht, machte Tymofij Mylowanow bereits im vergangenen Jahr deutlich. Der frühere ukrainische Wirtschaftsminister und heutige Präsident der Kyiv School of Economics erklärte der „Ukrajinska Prawda“, in seinem pessimistischen Szenario könnten langfristig nur noch zehn bis 15 Millionen Ukrainer im Land verbleiben. Noch kritischer fiel seine Antwort auf die Frage aus, wie viele ausländische Arbeitskräfte benötigt werden könnten: „Zehn Millionen.“ Mylowanow sprach von einer „neuen Ukraine“ und erklärte, künftig könnten Arbeitskräfte nicht mehr zu Zehntausenden, sondern zu Millionen ins Land kommen. Ein gewaltiger geplanter Bevölkerungsaustausch also, der durch den Krieg noch extremer ausfallen dürfte.
Das Ausmaß der Entwicklung lässt sich schon heute in ganzen Landstrichen beobachten. Reuters berichtete Ende 2025 über verwaiste Dörfer, geschlossene Schulen und nahezu leere Geburtsstationen. Die Bevölkerung sei von rund 42 Millionen vor der russischen Großinvasion auf weniger als 36 Millionen gefallen. Ukrainische Demografen rechnen bis 2051 mit nur noch rund 25 Millionen Einwohnern. UN-Szenarien sehen für das Jahr 2100 je nach Entwicklung sogar nur noch neun bis 23 Millionen Menschen.
Nationaler Suizid
Mitten in diese Entwicklung platzte nun eine Warnung ausgerechnet aus Selenskyjs früherem engsten Umfeld. Iuliia Mendel war von 2019 bis 2021 Pressesprecherin des ukrainischen Präsidenten. Am 15. September veröffentlichte sie im britischen „Spectator“ einen Beitrag unter einer Überschrift, die kaum härter ausfallen könnte: „Zelensky’s strategy is national suicide“ – Selenskyjs Strategie ist nationaler Suizid. Mendel beschreibt einen Abnutzungskrieg, den die wesentlich kleinere Ukraine ihrer Ansicht nach auf Dauer kaum durchhalten könne. Kiew verliere Menschen, Territorium und wirtschaftliche Substanz, während immer neue Mobilisierungsrunden die verbliebenen Reserven des Landes aufzehrten. Sie wirft der Führung vor, trotz dieser Entwicklung auf eine Fortsetzung des Krieges zu setzen und die Interessen einer korrupten Elite über die Zukunft des Landes zu stellen.
Selenskyj hatte seine ehemalige Sprecherin nur zwei Tage zuvor mit Sanktionen belegt und ihr die Verbreitung russischer Propaganda vorgeworfen. Wenige Tage später wollte Mendel bei einer von AfD-Abgeordneten organisierten Veranstaltung im Europäischen Parlament auftreten. Der Zutritt zum Gebäude wurde ihr verweigert. Die Parlamentsverwaltung wollte nicht erklären, weshalb Mendel nicht hineingelassen wurde. Sie selbst brachte den Vorgang mit den kurz zuvor verhängten Sanktionen in Verbindung.
Und dieses Land soll in die EU?
Währenddessen schreitet der EU-Beitrittsprozess weiter voran. Im Juni öffnete die Europäische Union mit der Ukraine das erste Verhandlungscluster zu Rechtsstaatlichkeit, demokratischen Institutionen, öffentlicher Verwaltung und wirtschaftlichen Kriterien. Bereits einen Monat später folgte das Cluster zu Außen-, Handels-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Brüssel verhandelt damit inzwischen über die Aufnahme eines Landes, dessen Bevölkerung schrumpft, dessen Arbeitsmarkt ausdünnt und dessen Sozialsysteme immer stärker unter Druck geraten und ohne ausländische Gelder nicht mehr funktionsfähig wären.
Die langfristigen Probleme reichen weit über zerstörte Straßen, Kraftwerke und Fabriken hinaus. Gebäude lassen sich wieder errichten. Fehlende Geburtenjahrgänge lassen sich jedoch nicht nachbauen. Ein Arbeitsmarkt mit immer weniger Beschäftigten, Millionen Menschen im Ausland und fast ebenso vielen Pensionisten wie Erwerbstätigen stellt jede künftige Regierung vor gewaltige Aufgaben – und bei einem Beitritt zwangsläufig auch die Europäische Union.
Die Größenordnung zeigt Mylowanows Rechnung. Wenn ein ehemaliger ukrainischer Wirtschaftsminister bereits über bis zu zehn Millionen zusätzliche Arbeitsmigranten spricht, geht es längst schon um eine mögliche tiefgreifende Veränderung der Bevölkerungsstruktur – oder einfach gesagt um eine Umvolkung. Zugleich hofft Kiew darauf, Millionen geflüchtete Ukrainer zurückzuholen. Wie viele tatsächlich heimkehren werden, hängt von Krieg, Sicherheit, Einkommen und Zukunftsaussichten ab. Doch die Aussichten sind schlecht und der allergrößte Teil der Auslandsukrainer dürfte auch weiterhin im Ausland bleiben wollen.
52 Millionen Menschen lebten zu Beginn der 1990er-Jahre in der Ukraine. Heute brechen die Geburtenzahlen ein, Millionen Menschen leben im Ausland und auf 10,7 Millionen Beschäftigte kommen bereits 10,2 Millionen Pensionisten. Mendel nennt Selenskyjs Kurs „nationalen Suizid“. Während die Ukraine demografisch ausblutet, treibt Brüssel ihren Beitritt zur Europäischen Union weiter voran.
