Sanktionen ausgesetzt: Brüssel wütet über Trumps Diesel-Deal mit Russland

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Brüssel kritisiert Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Russland und verlangt weiter harten Sanktionsdruck auf Moskau. Gleichzeitig importiert die EU russisches Flüssiggas im Milliardenwert – die Lieferungen aus dem Yamal-Projekt sind 2026 sogar gestiegen. Europas Düngerhersteller kämpfen derweil mit teurem Erdgas und Werksschließungen, während die Bauern unter hohen Produktionskosten leiden. Der Streit um Trumps Diesel-Deal rückt damit auch Europas eigene Russlandgeschäfte ins Rampenlicht.

Die Empörung in Brüssel ließ nicht lange auf sich warten. US-Präsident Donald Trump hatte am Freitag, dem 9. Oktober, nach einem Gespräch mit Wladimir Putin angekündigt, russischen Diesel wieder auf den internationalen Markt zu lassen. Mehr als 300.000 Tonnen sollen sofort geliefert werden, weitere 500.000 Tonnen im November und eine Million Tonnen kurz darauf. Weitere Lieferungen stellte Trump abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien in Aussicht. Washington lockerte dafür vorübergehend seine Sanktionen gegen russischen Diesel. Angesichts der weltweit hohen Treibstoffpreise will Trump damit die Versorgung verbessern und den Preisdruck senken.

Kallas spielt den Moralapostel

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas zeigte sich wenig begeistert. Bereits am Samstag erklärte sie, die Aussetzung der Sanktionen gegen russischen Diesel verschaffe Moskau zusätzliche Einnahmen zur Kriegsführung. Für eine Lockerung des Drucks auf Russland sei jetzt der falsche Zeitpunkt. Am Montag berieten die europäischen Außenminister in Luxemburg über weitere Sanktionen. Kallas stellte dabei erneut den wirtschaftlichen Druck auf Moskau in den Mittelpunkt.

Für Kallas dürfte allerdings auch ein Blick auf die europäischen LNG-Terminals interessant sein. Dort legten zwischen Januar und September 2026 insgesamt 167 Tanker mit Flüssiggas aus dem russischen Yamal-Projekt an. Zusammen 12,18 Millionen Tonnen, im Durchschnitt eine Ladung alle 1,6 Tage. Der geschätzte Warenwert: satte 7,88 Milliarden Euro. Diese Zahlen veröffentlichte die deutsche Umweltorganisation Urgewald ausgerechnet am Tag von Trumps Ankündigung. Grundlage sind Schiffsdaten des Analyseunternehmens Kpler sowie europäische Marktpreise. Die tatsächlichen Vertragspreise können davon abweichen. Die russischen Yamal-Lieferungen an die EU stiegen gegenüber den ersten neun Monaten des Vorjahres sogar um 9,5 Prozent. Europa nahm damit 85 Prozent der erfassten Exporte dieses Projekts ab, obwohl dessen weltweite Liefermengen leicht zurückgingen. Der europäische Markt bleibt für das russische Flüssiggasgeschäft damit von enormer Bedeutung. Und die entsprechenden Gaslieferungen sind nur ein Teil des europäischen Energiehandels mit Russland.

Russland ist weiterhin ein wichtiger EU-Handelspartner

Die EU-Kommission selbst beziffert die gesamten Warenimporte aus Russland für 2025 auf 27,9 Milliarden Euro. Rund 20 Milliarden Euro entfielen auf mineralische Brennstoffe. Die USA importierten im selben Jahr russische Waren im Gesamtwert von umgerechnet rund 3,78 Milliarden US-Dollar. Bei diesem Vergleich geht es um sämtliche Waren, einschließlich der in Amerika weiterhin gekauften Düngemittel und Chemieprodukte. Während Washington seine direkten Energieimporte aus Russland seit 2022 weitgehend eingestellt hatte, bezog Europa weiterhin erhebliche Mengen russisches Gas. Europas Russlandhandel ist seit Kriegsbeginn insgesamt stark zurückgegangen, die verbliebenen Energiegeschäfte haben aber nach wie vor einen beträchtlichen Umfang.

Brüssel hat inzwischen den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas beschlossen. Allerdings dürfen bestehende langfristige LNG-Verträge noch bis zum 1. Januar 2027 erfüllt werden, Pipelinegasverträge teilweise sogar bis Anfang November 2027. Washington ermöglicht mit seiner neuen Sanktionsausnahme zusätzliche Dieselgeschäfte, während die EU bereits bestehende Verträge abwickeln lässt. Der rechtliche Unterschied ist erheblich. Für russische Gasexporteure bleiben die europäischen Kunden aber weiterhin eine Einnahmequelle.

Russischer Dünger ist unerlässlich

Noch unangenehmer wird die wirtschaftliche Rechnung beim Düngemittelhandel. Russland lieferte 2023 rund 3,6 Millionen Tonnen Harnstoff und Stickstoffdünger im Wert von 1,28 Milliarden Euro in die EU. Ein Jahr später waren es bereits 4,4 Millionen Tonnen für rund 1,5 Milliarden Euro. Damit stammten 30 Prozent der europäischen Einfuhren dieser Produktgruppen aus Russland. Ausgerechnet während Brüssel die wirtschaftliche Abkopplung von Moskau vorantrieb, wuchs bei diesen Düngemitteln die Abhängigkeit. Erst im Juli 2025 führte die EU zusätzliche, schrittweise steigende Zölle auf entsprechende russische Produkte ein.

Und was passierte gleichzeitig mit den europäischen Herstellern? Sie kämpften mit einem enormen Kostennachteil. Für die Herstellung von Stickstoffdünger braucht man große Mengen Erdgas, das sowohl als Rohstoff als auch als Energieträger dient. Laut EU-Kommission entfallen 70 bis 80 Prozent der Produktionskosten darauf. Russland verfügt über vergleichsweise günstiges Erdgas, europäische Hersteller müssen dagegen wegen des teuren Flüssiggases mit deutlich höheren Energiepreisen kalkulieren. Das schlägt sich in ihrer Wettbewerbsfähigkeit nieder.

Düngemittelfabriken schließen, Bauern zahlen drauf

Die Folgen sind inzwischen quer über den Kontinent sichtbar. Seit 2023 haben in der EU Ammoniakwerke dauerhaft geschlossen, auf die zusammen neun Prozent der europäischen Produktionskapazitäten entfielen. Weitere Anlagen liegen still oder kämpfen um ihre Rentabilität. Die EU-Kommission räumt in ihrem Düngemittel-Aktionsplan selbst ein, dass europäisches Ammoniak international einfach preislich nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Sie warnt sogar vor weiterer Deindustrialisierung. Während Europa also seine heimischen Produktionskapazitäten verliert, bleibt die Landwirtschaft auf Importe angewiesen.

Für die Bauern wird daraus zusehends eine kostspielige Angelegenheit. Im April 2026 lagen die Preise für Stickstoffdünger um 71 Prozent über dem Durchschnitt von 2024. Die Energiekrise im Nahen Osten hat den Preisdruck zusätzlich verschärft. Viele Landwirte können diese Mehrkosten kaum an ihre Abnehmer weitergeben. Weniger Dünger einzusetzen spart zwar Geld, kann aber die Ernteerträge verringern. Die teure Energie trifft damit die gesamte Produktionskette – vom Düngemittelwerk über den Bauernhof bis zur Lebensmittelversorgung.

Eurokraten am Werk

Mittlerweile versucht Brüssel auf Eurokraten-Art gegenzusteuern. Seit Juli 2025 gelten zusätzliche Zölle auf bestimmte russische Düngemittel. Im Mai 2026 setzte die EU zugleich für ausgewählte Stickstoffdünger und Grundstoffe aus anderen Ländern die Einfuhrzölle für ein Jahr aus. Nach Schätzungen der Kommission sollen Bauern und Hersteller dadurch rund 60 Millionen Euro sparen. Russland und Belarus sind von dieser Erleichterung ausgeschlossen. Die EU sucht also nach Ersatzlieferanten, während ihre heimische Düngerindustrie weiterhin unter hohen Gaspreisen leidet.

Am Ende bleibt der Widerspruch zwischen Europas Sanktionsforderungen und den eigenen wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Kallas kritisiert zusätzliche russische Energieexporte wegen der Einnahmen für Moskau. Gleichzeitig laufen Europas russische Gasverträge weiter, und selbst die EU-Kommission dokumentiert die verheerenden Folgen hoher Energiekosten für heimische Düngerhersteller. Brüssel kann seine Übergangsfristen mit der Versorgungssicherheit begründen. Doch weshalb soll Washington sofort auf zusätzlichen russischen Diesel verzichten, während Europa selbst noch bis 2027 Gas aus Russland bezieht? Die Sanktionen verteidigt Brüssel mit großen Worten. An Europas LNG-Terminals laufen die russischen Milliardengeschäfte jedoch weiter.

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