Große Klappe bei der Migrationspolitik, ernüchternde Zahlen bei den Abschiebungen: Friedrich Merz und Alexander Dobrindt feiern ihren angeblichen Kurswechsel, doch im ersten Halbjahr 2026 wurden 18 Prozent weniger Menschen abgeschoben als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig läuft der Familiennachzug mit Zehntausenden Visa fast unvermindert weiter. Rund 259.000 Menschen sind ausreisepflichtig. Die vollmundigen Versprechen der Union prallen auf eine Regierungsbilanz, die bei den Rückführungen in die falsche Richtung zeigt.
„Wir haben aus der Migrationswelle eine Migrationswende gemacht“, verkündete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt im September triumphierend im Bundestag. „Kontrolle, Kurs und klare Kante“ lautete seine Erfolgsformel. Die schwarz-rote Bundesregierung habe Deutschland migrationspolitisch wieder auf Kurs gebracht. Friedrich Merz hatte zuvor schon den großen Politikwechsel versprochen. Man könnte meinen, in Berlin hätten sie das Problem inzwischen fest im Griff. Doch ausgerechnet die Abschiebestatistik macht Dobrindts Jubelrede einen gehörigen Strich durch die Rechnung.
GLUT exklusiv: Das Auswärtige Amt erteilte von Januar bis September dieses Jahres 80.870 Visa zum Zwecke des Familiennachzugs. Im 3. Quartal 2026 erteilten die Auslandsvertretungen sogar mehr Visa als im Vorjahresquartal. Veränderung ist nicht in Sicht: https://t.co/OTuSdS7p4S pic.twitter.com/NlcgwGpxQS
— Björn Harms (@Spreeathen1) October 10, 2026
Gerade einmal 9.663 Menschen wurden im ersten Halbjahr 2026 aus Deutschland abgeschoben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 11.807 gewesen. 2.144 Abschiebungen weniger! Ein Einbruch um 18,2 Prozent! Das sind die offiziellen Zahlen der Bundesregierung, schwarz auf weiß in den Unterlagen des Bundestags. Ausgerechnet bei einem der zentralen Wahlversprechen der Union geht es bergab. Merz wollte mehr Abschiebungen, Dobrindt verkündet den Erfolg – und die Behörden schieben weniger Menschen ab als ein Jahr zuvor.
Viel heiße Luft
Dabei hatte Merz nach dem tödlichen Messerangriff von Aschaffenburg im Januar 2025 noch den entschlossenen Macher gegeben. Gleich am ersten Tag seiner Kanzlerschaft wollte er die Grenzen dauerhaft kontrollieren und sämtliche Versuche illegaler Einreisen zurückweisen lassen. Auch Menschen mit Schutzanspruch sollten davon betroffen sein. Mehr Abschiebehaftplätze, schnellere Rückführungen, zusätzliche Befugnisse für die Bundespolizei. Er verlangte sogar, dass Deutschland künftig mehr Menschen abschiebt, als illegal einreisen. Die CDU veröffentlichte diese Forderungen als großes Programm für den Politikwechsel. Heute sitzt Merz im Kanzleramt. Doch ausgerechnet die Abschiebezahlen entwickeln sich entgegen seinen großspurigen Wahlversprechen.
Zumal es an ausreisepflichtigen Menschen wahrlich nicht mangelt. Zum 30. Juni 2026 waren im Ausländerzentralregister 258.845 Personen erfasst, die Deutschland verlassen müssen. Davon verfügten 199.271 über eine Duldung, bei 59.574 bestand keine Duldung. Die Gründe für einen vorübergehenden Abschiebungsstopp reichen von fehlenden Reisedokumenten bis zu rechtlichen oder gesundheitlichen Hindernissen. Eine gewaltige Zahl. Und während die Regierung einen neuen Rückführungskurs verspricht, schafft sie es in der aktuellen Halbjahresbilanz nicht einmal, die Abschiebezahlen des Vorjahres zu halten.
Besonders deutlich werden die Schwierigkeiten am Beispiel Syrien. Ende März sprach Merz auf einer Pressekonferenz mit Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa von einer möglichen Rückkehr von rund 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer innerhalb von drei Jahren. Am nächsten Tag erklärte der Kanzler, diese Zielmarke stamme von al-Scharaa. An der enormen Herausforderung ändert das wenig. Im ersten Halbjahr 2026 wurden gerade einmal drei Menschen direkt nach Syrien abgeschoben. Drei in sechs Monaten! Insgesamt betrafen Abschiebungen 495 syrische Staatsangehörige, überwiegend mit anderen Zielländern. Dazu erfasste die Bundespolizei 2.776 freiwillige Ausreisen syrischer Staatsangehöriger mit Grenzübertrittsbescheinigung. Die Rückkehrperspektive, über die Merz öffentlich sprach, ist von den bisherigen Ergebnissen noch weit entfernt.
Keine Änderungen beim Familiennachzug
Bei den Abschiebungen geht es also rückwärts. Beim Familiennachzug dagegen bleibt die Gesamtzahl der erteilten Visa nahezu stabil auf einem weiterhin sehr hohen Niveau. Eine aktuelle Recherche des Magazins GLUT liefert dazu neue Zahlen aus dem Auswärtigen Amt. Von Januar bis September 2026 erteilten die deutschen Auslandsvertretungen insgesamt 80.870 Visa zum Familiennachzug. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 84.166. Ein Rückgang um magere 3,9 Prozent! Und im dritten Quartal 2026 wurden mit 27.286 Visa sogar etwas mehr ausgestellt als ein Jahr zuvor. Während die Regierung ihre Beschränkungen beim Familiennachzug herausstellt, bewegt sich die Gesamtstatistik weiterhin auf einem hohen Niveau.
Dobrindt hatte die Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten als wichtigen Baustein seiner neuen Migrationspolitik präsentiert. Seit Juli 2025 gilt diese Einschränkung für zwei Jahre. Allerdings betrifft sie nur Angehörige dieser bestimmten Schutzgruppe, Härtefälle ausgenommen. Der Familiennachzug zu anerkannten Flüchtlingen, Erwerbsmigranten und anderen Aufenthaltsberechtigten läuft grundsätzlich weiter. So kann die Bundesregierung eine Verschärfung vorweisen, ohne dass sich die Zahl aller erteilten Familiennachzugsvisa entsprechend stark verändert. Wie viele Angehörige allein aus der betroffenen Schutzgruppe nun weniger nachziehen, geht aus der Gesamtstatistik nicht hervor.
Weniger Asylanträge
Und Dobrindts gefeierter Rückgang der Asylanträge? Den gibt es tatsächlich. Von Januar bis September 2026 registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 55.366 Neuzugänge im Asylsystem, rund 37 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Darauf verweist die Bundesregierung mit Begeisterung. Allerdings waren die Asylerstanträge schon 2024 und damit lange vor dem Amtsantritt von Merz deutlich gesunken. Auch der Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 veränderte die Migrationsbewegungen aus Syrien. Wie viel der Rückgang den Grenzkontrollen zu verdanken ist und wie viel anderen Entwicklungen, lässt sich aus dieser Statistik allein nicht ablesen. Einen bereits laufenden Trend vollständig als eigenen Erfolg zu präsentieren, ist jedenfalls eine gewagte politische Rechnung.
Hinzu kommt ein weiterer Zahlenvergleich. Von Januar bis September 2026 überstellte Deutschland 2.103 Asylbewerber im Rahmen des europäischen Dublin-Systems in andere Staaten. Gleichzeitig nahm die Bundesrepublik 3.274 Personen aus anderen Staaten zurück. Auch hier ergibt sich eine negative Überstellungsbilanz. Von der versprochenen umfassenden Kontrolle über die Migration ist jedenfalls bei diesen Rückführungs- und Überstellungszahlen wenig zu erkennen.
Weiterhin Rekordeinbürgerungen
Und während Merz von einer neuen Migrationspolitik spricht, erreichten die Einbürgerungen 2025 einen neuen Rekord. 333.343 Menschen erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit, darunter rund 65.600 bisherige syrische Staatsangehörige. Die rechtlichen Grundlagen dafür schuf maßgeblich noch die Ampelregierung. Allerdings erklärt die Zahl auch, weshalb ein Rückgang ausländischer Staatsangehöriger in bestimmten Herkunftsgruppen nicht automatisch eine erfolgreiche Rückkehrpolitik bedeutet. Mit dem deutschen Pass verschwinden die Eingebürgerten aus der Ausländerstatistik. Deutschland haben sie deshalb noch lange nicht verlassen.
Merz und Dobrindt haben durchaus Verschärfungen beschlossen. Sie haben Grenzkontrollen verlängert, den Familiennachzug für eine bestimmte Gruppe ausgesetzt und Änderungen im Asylrecht auf den Weg gebracht. Doch die Union hat vor der Wahl auch Erwartungen geweckt, die weit über den Rückgang der Asylantragszahlen hinausgingen. Insbesondere die schnellere Rückführung ausreisepflichtiger Menschen gehörte zum Kern ihrer Ankündigungen. Die Behörden der Bundesländer vollziehen Abschiebungen, doch der Bund trägt Verantwortung für die gesetzlichen und diplomatischen Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung muss sich deshalb fragen lassen, weshalb die versprochene Beschleunigung in der Halbjahresbilanz nicht sichtbar wird.
Dobrindt feiert die „Migrationswende“, Merz verweist auf seinen angeblichen Kurswechsel. Auf den Regierungsbänken klingen die Erfolgsmeldungen bereits nach vollbrachter Arbeit. In der Abschiebestatistik steht dagegen ein Minus von 18 Prozent. Für die politische Siegesfeier sind Merz und Dobrindt offenbar schon bereit. Die versprochene Abschiebeoffensive lässt auf sich warten.