In China stehen Arbeiter nach den Nationalfeiertagen plötzlich vor leergeräumten Fabriken. Maschinen verschwunden, Unternehmer abgetaucht, monatelang keine Löhne. In einer Schuhfabrik sollen verzweifelte Beschäftigte sogar damit gedroht haben, vom Dach zu springen. Während Peking seine angeblichen wirtschaftlichen Erfolge feiert, zeigen offizielle Statistiken massive Probleme bei privaten Investitionen, Immobilien und kleineren Industriebetrieben.
Da geht man nach einem Feiertag wieder zur Arbeit und findet eine leergeräumte Fabrik vor. Die Maschinen sind weg, das Geld ebenso. In der chinesischen Stadt Putian in der Provinz Fujian soll sich Anfang Oktober genau das abgespielt haben. Die Beschäftigten einer kleinen Schuhfabrik kämpfen um ausstehende Löhne. Ihre Verzweiflung ging nach Angaben eines früheren Mitarbeiters so weit, dass mehrere Arbeiter auf das Dach des Gebäudes stiegen und damit drohten, sich in die Tiefe zu stürzen. Polizei und Feuerwehr rückten an. Glücklicherweise sprang niemand.
Der ehemalige Mitarbeiter, der unter dem Decknamen Dong Wei mit der chinesischsprachigen Epoch Times sprach, schilderte die dramatischen Ereignisse vom 3. Oktober. Der Fabrikbesitzer habe während des nur eintägigen Feiertags die Maschinen abtransportieren lassen. Als die Arbeiter davon erfuhren, versammelten sie sich vor dem Betrieb und verlangten ihr Geld. Laut Dong Wei stehen insgesamt mehr als eine Million Yuan an Löhnen aus, hinzu kommen Schulden bei Zulieferern. Ihm selbst schulde der Unternehmer mehr als zwei Monatsgehälter. Der Fabrikbesitzer sei zwar noch erreichbar, erkläre aber lediglich, kein Geld zu haben. Eine Insolvenz habe der Betrieb bislang ebenfalls nicht angemeldet. Besonders bitter: Dong Wei hatte selbst überlegt, auf das Dach zu steigen. Schließlich entschied er sich dagegen. Geld könne man wieder verdienen, erklärte er sinngemäß. Ein verlorenes Leben bekomme man nicht zurück. Der Chef habe eine Zahlung bis Ende Oktober versprochen, doch der ehemalige Arbeiter glaubt nicht mehr daran.
China Holiday Ends. The Company Is Gone.
— Owl My God | China Documentary (@OwlMyGodUS) October 7, 2026
A worker in China returned from the National Day holiday on October 6 expecting to get back to work. Instead, he found an empty office, scattered documents, and a boss who had apparently vanished. pic.twitter.com/hQBRtdDKfE
Es knirscht im ganzen Land
Und Fujian ist offenbar kein Einzelfall. In Xiaogan in der Provinz Hubei erklärte ein Arbeiter namens Zhao am 6. Oktober, die Fabrik für Metall- und Kunststoffwaren, in der er beschäftigt war, sei ausgeräumt worden. Der Besitzer sei verschwunden. Als die Beschäftigten am 5. Oktober ihr Geld verlangten, erhielt Zhao nach eigenen Angaben etwas mehr als 3.000 Yuan. Über 2.000 Yuan blieben offen. Die Lohnauszahlungen seien schon vorher ständig hinausgezögert worden.
In Yongkang in der Provinz Zhejiang sollen wiederum mehr als 60 Beschäftigte einer Fabrik für isolierte Trinkbecher seit drei Monaten auf ihr Gehalt warten. Auch dort sei der Unternehmer verschwunden. Eine Frau berichtete, dass ihre Eltern während der Feiertage gemeinsam mit anderen Arbeitern eine ganze Woche lang vor dem Fabriktor ausharrten. Sie wollten verhindern, dass die letzten Maschinen ebenfalls abtransportiert werden. Die Schilderungen stammen aus Interviews und Videos chinesischer Beschäftigter; die einzelnen Vorfälle konnten bislang nicht unabhängig bestätigt werden.
Keine rosigen Zahlen
Und selbst Pekings offizielle Wirtschaftszahlen liefern reichlich Gründe für die wachsende Verzweiflung. Im September erreichte der offizielle Einkaufsmanagerindex für große Industriebetriebe noch 50,6 Punkte. Mittelständische Unternehmen kamen lediglich auf 49,7 Punkte, kleinere Betriebe auf 48,9. Werte unter 50 signalisieren eine schrumpfende Geschäftstätigkeit. Während große Konzerne weiter expandieren und vom Technologieboom profitieren, geraten kleinere Unternehmen zunehmend unter Druck. Gerade von diesen Betrieben hängen die Existenzen zahlloser Arbeiterfamilien ab. Noch deutlicher zeigen sich die Probleme bei den Investitionen. Von Januar bis August brachen die privaten Anlageinvestitionen gegenüber dem Vorjahr um 10,1 Prozent ein. Selbst ohne den Immobiliensektor betrug der Rückgang noch 6,4 Prozent.
Die Investitionen in Immobilienprojekte stürzten sogar um 19,9 Prozent ab. Jahrelang galt der künstlich aufgeblasene Immobilienboom als einer der wichtigsten Wachstumsmotoren Chinas. Jetzt fehlen Bauaufträge, Investitionen und Arbeitsplätze. Das trifft auch Zulieferer, Handwerksbetriebe und kleinere Fabriken. Die chinesischen Verbraucher halten ihr Geld ebenfalls zusammen. Während der sogenannten Golden Week Anfang Oktober sanken die durchschnittlichen Ausgaben pro Inlandsreise auf knapp 894 Yuan. Das waren 1,9 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2022. Zwar boomten gleichzeitig längere Auslandsreisen, doch im Inland bleibt die Konsumlaune schwach. Arbeitsplatzunsicherheit, stagnierende Löhne und die anhaltende Immobilienkrise belasten die Haushalte.
Von wegen Arbeiterparadies
Auch der Ärger unter den Beschäftigten wächst. Bereits in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 registrierten chinesische Gerichte rund 648.000 arbeitsrechtliche Streitfälle gegen Arbeitgeber. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum war das ein Anstieg um 37,5 Prozent. Viele Arbeiter klagen über überlange Arbeitszeiten, niedrige Löhne und miserable Arbeitsbedingungen. Als chinesische Verbraucher über eine WeChat-Anwendung Unternehmen mit geregelten freien Wochenenden bewerten und gezielt unterstützen wollten, griffen die Behörden ein. Im September sperrten sie die Plattform unter Verweis auf nicht näher erläuterte Regelverstöße. Rund 150.000 Menschen hatten sich bereits daran beteiligt. Selbst diese friedliche Form des Protests ließen die kommunistischen Behörden nicht lange gewähren.
Peking versucht unterdessen, die Wirtschaft mit weiteren Milliardensummen zu stützen. Am 9. Oktober stellte die Regierung zusätzliche Schuldenkontingente von 550 Milliarden Yuan bereit. Davon sollen allein 300 Milliarden Yuan den laufenden Betrieb von Verwaltungen auf Kreis- und Bezirksebene absichern. Der Rest fließt in Infrastrukturprojekte. Selbst die öffentlichen Haushalte brauchen also zusätzliche Finanzspritzen, während die kommunistische Führung unter Xi Jinping weiterhin auf industrielle Modernisierung und technologische Stärke setzt.
Der Export soll die Lage retten
Dabei produziert China weiterhin gewaltige Mengen an Waren für den Weltmarkt. Die großen Hightech-Konzerne wachsen, die Exporte laufen und die Automatisierung schreitet voran. Doch dieser industrielle Fortschritt garantiert den Beschäftigten kleinerer Fabriken weder sichere Arbeitsplätze noch pünktliche Lohnzahlungen. Sinkende Investitionen und ein schwacher Binnenkonsum erhöhen zudem den Druck auf chinesische Hersteller, ihre Produkte im Ausland abzusetzen. Für die europäische Industrie bedeutet das zusätzliche Konkurrenz aus Fernost.
Die Kommunistische Partei kann zwar offiziell weiterhin positive Wachstumszahlen präsentieren. Doch was sind diese Erfolgsmeldungen für Arbeiter wert, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben? In Fujian stiegen verzweifelte Beschäftigte auf ein Fabrikdach, in Zhejiang bewachten die Leute tagelang die Maschinen ihres Arbeitgebers. Während Peking vom wirtschaftlichen Fortschritt spricht, kämpfen diese Menschen um das Geld, das sie mit ihrer Arbeit längst verdient haben. So viel dazu, dass kommunistische Regimes im Interesse der Arbeiter handeln würden…