Der Konflikt um die Krim begann Jahrzehnte vor dem Jahr 2014. Bereits während des Zerfalls der Sowjetunion kämpfte die Halbinsel um einen eigenen politischen Status, stimmte mit überwältigender Mehrheit für ihre Autonomie und suchte eine möglichst weitgehende Eigenständigkeit gegenüber Kiew. Die spätere Eingliederung in die Russische Föderation lässt sich ohne diese Vorgeschichte kaum verstehen.
Eine Analyse von Heinz Steiner
Im Januar 1991 stand die Sowjetunion bereits sichtbar vor dem Zerfall. Nationalistische Bewegungen gewannen in mehreren Teilrepubliken an Einfluss, Moskaus Macht schwand, und auch auf der Krim stellte sich die Frage nach der eigenen Zukunft. Am 20. Januar ließ die damalige Führung der Halbinsel ihre Bevölkerung abstimmen. Gefragt wurde nach der Wiederherstellung der Krim als Autonome Sozialistische Sowjetrepublik – ausdrücklich „als Subjekt der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und Teilnehmer des Unionsvertrags“. Das Ergebnis fiel überwältigend aus. Mehr als 1,44 Millionen Menschen nahmen teil, 93,26 Prozent stimmten mit Ja. Damit unterstützten rund drei Viertel sämtlicher Wahlberechtigter diesen neuen Status. Die ukrainische Sowjetrepublik reagierte wenige Wochen später und stellte die Krim-ASSR wieder her. Allerdings blieb die Halbinsel Teil der Ukrainischen SSR.
Offenbar bringen Sie hier einiges durcheinander.
— Hawx (@hawx1110) August 26, 2026
Der Post bezieht sich auf das Referendum vom 20. Januar 1991 auf der #Krim. Hier haben sich laut wikipedia sogar 94% für die Wiederherstellung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Krim als Subjekt der UdSSR ausgesprochen. pic.twitter.com/F7YLwtofOg
Auch das Referendum vom Dezember gehört zur Geschichte
Am 1. Dezember 1991 folgte das ukrainische Unabhängigkeitsreferendum. Landesweit votierten 90,32 Prozent der Teilnehmer für die Loslösung von der Sowjetunion. Auch auf der Krim fand die ukrainische Unabhängigkeit eine Mehrheit, allerdings mit erheblichem Abstand zum Rest des Landes: 54,19 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen dort auf ein Ja. In Sewastopol waren es 57,07 Prozent. Dieses Ergebnis gehört ebenso zur historischen Wahrheit wie die Abstimmung vom Januar. Die Bevölkerung der Krim hatte wenige Monate zuvor mit überwältigender Mehrheit für einen eigenen autonomen Status als Subjekt der Sowjetunion gestimmt und unterstützte im Dezember gleichzeitig mehrheitlich die ukrainische Unabhängigkeit. Die politischen Vorstellungen auf der Halbinsel waren damit keineswegs so eindeutig, wie sie heute häufig dargestellt werden.
Die Spannungen zwischen Simferopol und Kiew verschwanden nach dem Zusammenbruch der UdSSR nicht. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzungen um Autonomie, Kompetenzen und die Bindung an Russland prägten die folgenden Jahre. Anfang 1994 gewann der offen prorussische Juri Meschkow die Präsidentschaftswahl auf der Krim mit rund 73 Prozent der Stimmen. Bei einer weiteren Abstimmung im selben Jahr unterstützten 78,4 Prozent der Teilnehmer eine stärkere vertragliche Eigenständigkeit der Halbinsel, 82,8 Prozent sprachen sich für die Möglichkeit einer russisch-ukrainischen Doppelstaatsbürgerschaft aus.
Die politische Ausrichtung großer Teile der Krim-Bevölkerung war damit längst klar erkennbar. Kiew reagierte schließlich mit einem massiven Eingriff in die politische Ordnung der Halbinsel. Am 17. März 1995 hob die Werchowna Rada mehrere Gesetze der autonomen Republik sowie die damalige Krim-Verfassung auf. Auch das Amt des Präsidenten der Krim verschwand. Meschkows Präsidentschaft war damit beendet, die Autonomiebestrebungen jedoch noch lange nicht.
Der Konflikt war längst da
Die weit verbreitete Erzählung, der Krim-Konflikt habe praktisch erst 2014 begonnen, lässt mehr als zwei Jahrzehnte politischer Auseinandersetzungen verschwinden. Schon 1991 stritt die Halbinsel um ihren Status, ihre Autonomie und ihr Verhältnis zu Kiew. In den folgenden Jahren wählten die Bewohner ausgesprochen prorussische Politiker und unterstützten eine größere Eigenständigkeit gegenüber der ukrainischen Zentralregierung. Die Ereignisse von 2014 standen damit am Ende einer langen Entwicklung, die im Maidan-Putsch endete. Die völkerrechtliche Bewertung der damaligen russischen Eingliederung ist eine eigene Frage.
Historisch lässt sich der Konflikt jedoch nicht auf das Auftauchen russischer Soldaten und das Referendum vom März 2014 reduzieren. Die entscheidenden Bruchlinien waren bereits beim Zerfall der Sowjetunion vorhanden. Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Abstimmungen von 1991: Sie zeigen eine Krim, deren Bevölkerung früh nach einem eigenen politischen Weg suchte und deren Verhältnis zu Kiew schon lange vor dem Maidan von Spannungen geprägt war.
