Als Ursache des israelisch-palästinensischen Konflikts wird in der linksliberalen Öffentlichkeit stets die „Nakba“ von 1948 präsentiert. Dieser selektiven und einseitigen proarabischen Darstellung sollen hier historische Fakten entgegengestellt werden.
Die gegenwärtige territoriale und demografische Lage in Palästina geht zurück auf den UN-Teilungsplan und die arabisch-israelischen Kriege in den Jahren 1948 und 1967. Der Konflikt wurzelt aber letztlich im muslimisch-jüdischen Verhältnis seit dem 7. Jahrhundert.
Das arabische Narrativ lautet, dass es sich bei Palästina um ein arabisch-muslimisches Land handelt, das von den Zionisten mit britischer und US-Hilfe gestohlen wurde. Diese Erzählung wurde seit der 1968er Bewegung von der westlichen Linken, deren Vertreter heute die westlichen Medien dominieren, übernommen. Sie wird heute auch oftmals sogar von denjenigen Systemmedien wiederholt, die eigentlich eine einigermaßen israelfreundliche Haltung einnehmen.
Und in dem kritischen alternativen Milieu, das sich in den letzten Jahren um die Fragen Corona, Ukraine und Klima herausgebildet hat, gibt es den Reflex, immer das Gegenteil von dem zu vertreten, was die US-Regierung sagt. Damit kam man bei vielen Themen zu brauchbaren Ergebnissen – aber eben nicht immer. Gerade zum jüdisch-arabischen Konflikt ist Wissen zu historischen und ideologischen Hintergründen unabdingbar.
Juden und Araber in Palästina
Die Bezeichnung Palästina, abgeleitet von den Philistern, scheint ab dem 2. Jahrhundert gebräuchlich zu sein und wurde wohl von den Römern eingeführt, um den überwiegend jüdischen Charakter der Region Judäa, die von verschiedenen Völkern bewohnt war, zu verwischen. Als Teil des römischen und dann des byzantinischen Reiches war das Gebiet jahrhundertelang überwiegend christlich. Nach der arabischen Eroberung (634 bis 638) dauerte es über hundert Jahre, bis die Mehrheit der Bevölkerung islamisiert und das Arabische das Griechische als Verkehrssprache verdrängt hatte.
Die Kreuzzüge waren eine halbherzige Gegenreaktion des katholischen Europas auf die jahrhundertelange arabisch-islamische Expansion vor allem gegen die orientalischen Christen (siehe unseren Dreiteiler hier, hier und hier). Durch sie wurde in Palästina 1099 für knapp zwei Jahrhunderte das christliche Königreich Jerusalem gegründet. Die wechselhaften Kriege zwischen Kreuzfahrern und Muslimen führten zu gegenseitigen Massakern, die jüdische Minderheit wurde von beiden Seiten drangsaliert.
1516 fiel die Region dann an das Osmanische Reich. Angesichts der dünnen Besiedlung startete die osmanische Verwaltung 1561 den erfolglosen Versuch, das Land mit europäischen Juden neu zu bevölkern. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten in Palästina etwa 280.000 Menschen, darunter knapp 10.000 Juden, etwa 25.000 christliche Araber, die Mehrheit muslimische Araber. Die vier jüdischen Zentren waren Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung des Gebietes, weshalb die Osmanen Muslime aus Ägypten, Bosnien und dem Kaukasus neu ansiedelten. 1881 begann die zionistische Einwanderung, die vorerst schleppend verlief.
Unter britischer Herrschaft
Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg übernahm Großbritannien Palästina, zu dem damals das heutige Israel, die Palästinensergebiete sowie Jordanien gehörten. Die britische Herrschaft förderte ab den 1920er Jahren die jüdische Einwanderung. Teile der arabischen Bevölkerung reagierten mit antijüdischen Pogromen in den Jahren 1920, 1921 und 1929.
Die Slogans der Angreifer waren „Die Juden sind unsere Hunde!“, „Wir werden das Blut der Juden trinken!“ und „Schlachtet die Juden ab!“. Das war vor dem Holocaust. Und die Slogans wurden in die Praxis umgesetzt. An verschiedenen Orten kam es zu barbarischen Massakern. In den Städten Hebron, Safed, Tulkarem, Kalkiya und Gaza wurden die jüdischen Bewohner umgebracht beziehungsweise vertrieben – schließlich auch aus Jaffa.
Dennoch strömten von 1920 bis 1936 über 270.000 Juden ins britische Mandatsgebiet. Mit der Nazi-Machtergreifung in Deutschland nahm die jüdische Migration ins britische Palästina nochmal an Fahrt auf. Von 1933 bis 1941 erreichten aus dem Deutschen Reich etwa 55.000 Juden Palästina. Der Zufluss von relativ qualifizierten europäischen Juden und europäischem Kapital förderte die ökonomische Entwicklung Palästinas, was auch viele muslimische Einwanderer aus Ägypten anzog. Dass letztere heute zu den „palästinensischen Ureinwohnern“ gezählt, die jüdischen Immigranten aber als Kolonialisten betrachtet werden, wird den historischen Abläufen nicht gerecht.
Faktum ist auch, dass die Zionisten – ganz im Gegensatz zur üblichen Praxis während der islamischen Expansion – bis 1948 kein Land raubten, sondern es – sowohl unter osmanischer als auch unter britischer Herrschaft – kauften. Die Verkäufer waren meist arabische Großgrundbesitzer, die selbst in Beirut, Damaskus oder Kairo lebten. Ab der britischen Machtübernahme war auch ehemals osmanisches Staatsland dazugekommen.
Arabischer Aufstand
Bis 1939 war die Zahl der jüdischen Bevölkerung des britischen Mandatsgebiets Palästina auf 460.000 angestiegen, etwa 30 Prozent der Einwohner. Der Unmut der muslimischen Bevölkerung darüber war angewachsen und führte zu arabischen Aufständen von 1936 bis 1939, die Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, anführte. Sie wurden von der britischen Armee niedergeschlagen. Gleichzeitig machte Großbritannien aber Zugeständnisse an die arabische Seite und beschränkte ab 1939 die jüdische Einwanderung nach Palästina weitgehend – ausgerechnet während der Zeit des Holocaust. Das wiederum führte zu zunehmenden Konflikten zwischen den Zionisten und Großbritannien.
Ein 1937 vorgelegter erster Teilungsplan, der den Großteil des Landes den Arabern zusprach, wurde von den Zionisten begeistert aufgenommen, von den arabischen Vertretern jedoch abgelehnt; sie verlangten, ganz Palästina zu einem arabischen Staat zu machen. Arabische Nationalisten und islamische Kräfte verbündeten sich nun mit den Nazis gegen Briten und Juden. Die Muslimbrüder in Ägypten, die sich ohnehin am italienischen Faschismus orientierten, kooperierten mit der von Alfred Heß geführten NSDAP-Auslandssektion in Ägypten.
Und al-Husseini, der Mufti von Jerusalem und wichtigste Führer der palästinensischen Araber, arbeitete ab 1937 mit dem NS-Regime zusammen, das er bereits seit 1933 unterstützt hatte. Von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebte er in Deutschland, war mit Adolf Eichmann befreundet und verbreitete die nationalsozialistische Propaganda im arabischen Raum. Er unterstützte den Holocaust und wirkte daran mit, indem er Fluchtwege für Juden aus Osteuropa zu blockieren suchte und so Tausende dem NS-Regime auslieferte. 1943 verhinderte er beispielsweise die von den NS-Behörden bereits genehmigte Ausreise von 5.000 jüdischen Kindern nach Palästina; sie wurden später im KZ Auschwitz ermordet.
Zudem wurde al-Husseini Mitglied der SS und mobilisierte Muslime auf dem Balkan für die Waffen-SS sowie drei arabische Einheiten für die Nazis. Er verlangte von der deutschen Luftwaffe die Bombardierung Tel Avivs und forderte die Araber Syriens, des Iraks und Palästinas mit Berufung auf den Koran und Mohammed dazu auf, die Juden in Palästina sämtlich zu töten, und sprach von der „besten Chance, diese dreckige Rasse loszuwerden“. 1946 konnte al-Husseini unbehelligt von den Siegermächten nach Ägypten ausreisen, wo ihn Hassan al-Banna, der Führer der Muslimbruderschaft, mit einer Lobrede empfing.
Zionistischer Aufstand und UN-Teilungsplan
Gleichzeitig blockierte die britische Kolonialverwaltung die Einreise von Holocaust-Überlebenden nach Palästina. Daraufhin organisierte die zionistische Miliz Hagana, die während des Krieges für die Briten gekämpft hatte, die illegale Einwanderung der Holocaust-Überlebenden. Die Briten ließen 50.000 von ihnen in den Jahren 1945/46 in Vertriebenenlager in der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurückbringen. Andere wurden in Zypern interniert, führende Zionisten eingesperrt.
Daraufhin eskalierten bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Hagana und der zionistischen Untergrundorganisation Irgun einerseits und den Briten andererseits. Die Zionisten zerstörten nicht nur Eisenbahnlinien, sondern sprengten auch das britische Hauptquartier in die Luft. Als die Unruhen immer weiter zunahmen und eine Wiederherstellung der Kontrolle durch Großbritannien unabsehbar schien, legte die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1947 mit Zweidrittelmehrheit den UN-Teilungsplan für Palästina und die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates vor.
Der Teilungsplan sprach 56 Prozent des Landes der jüdischen Bevölkerung – 1947 etwa 600.000 Menschen – und 43 Prozent der arabischen zu. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ein großer Teil des jüdischen Gebietes aus der Negev-Wüste bestand und die arabische Seite von den „besseren“ Gebieten deutlich mehr bekommen sollte. Außerdem war schon davor der östliche Teil des britischen Mandatsgebiets Palästina als Jordanien abgetrennt worden und von der Aufteilung ausgenommen.
Nur drei Tage nach dem Bekanntwerden des Planes Ende November 1947 begannen arabische Freischärler mit Überfällen auf jüdische Passanten und Autobusse. Versorgungskonvois für jüdische Siedlungen wurden systematisch angegriffen. Schließlich wurde die Nabelschnur zwischen Tel Aviv und Jerusalem durchtrennt. Unterstützt wurden die arabischen Milizen auch von der „arabischen Befreiungsarmee“ unter dem Kommando von Fawzi al-Kaoukjis, der von 1941 bis 1945 von Berlin aus für die Nazis gearbeitet hatte. Das erklärte Ziel der Angriffe war es, die jüdische Bevölkerung aus ihren Siedlungszentren zu vertreiben. Die „arabische Legion“, die von britischen Offizieren ausgebildet, bewaffnet und befehligt wurde, zwang die Zionisten nicht nur zur Aufgabe der Altstadt von Jerusalem, sondern auch von etlichen jüdischen Agrardörfern.
Nach einigen Wochen Defensive ging die Hagana aber dazu über, die arabischen Milizen in ihren eigenen Basen anzugreifen. Und die nationalistischen jüdischen Milizen Irgun und Lechi beantworteten die blutigen Überfälle auf jüdische Zivilisten mit Gegenschlägen. So begann die Flucht oder Vertreibung von Juden und Arabern in die jeweils zukünftig eigenen Gebiete.
Staatsgründung und Krieg
Den UN-Teilungsplan lehnte die arabische Seite insgesamt scharf ab. Für die palästinensische Delegation, auf die immer noch der berüchtigte Mufti von Jerusalem erheblichen Einfluss hatte und die von der Arabischen Liga unterstützt wurde, kam nur ein einheitlicher arabischer Staat in Frage. Auch den Vorschlag einer Minderheit in der UN-Kommission, die von Indien und Jugoslawien angeführt wurde, aus Palästina einen föderalen jüdisch-arabischen Staat zu machen, wies die arabische Seite zurück. Azzam Pascha, der Generalsekretär der Arabischen Liga, erklärte der New York Times Mitte März 1948 ganz offen: „Wir werden die Juden ins Meer werfen.“
Von jüdischer Seite hingegen wurde der Teilungsplan akzeptiert und als Grundlage für die Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 genommen. Die USA und die Sowjetunion waren die ersten Staaten, die Israel anerkannten. Obwohl die Unabhängigkeitserklärung explizit alle benachbarten Völker zu Frieden, guter Nachbarschaft und Zusammenarbeit aufrief, erklärten am 15. Mai Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon und der Irak dem neuen jüdischen Staat den Krieg.
Dieser Krieg der arabischen Staaten gegen Israel begann Mitte Mai 1948 und dauerte über ein Jahr. Israel war hinsichtlich der Bewaffnung dramatisch unterlegen, besaß keine reguläre Armee, sondern nur kampferprobte Milizen. Dennoch blieb es gegen die Übermacht siegreich und konnte sein Gebiet nicht nur behaupten, sondern erweiterte es gegenüber dem UN-Teilungsplan um 21 Prozent.
Dass Israel diesen ungleichen Kampf gegen die Armeen mehrerer Staaten gewinnen konnte, hatte drei Ursachen. Erstens war die Motivation der jüdischen Kämpfer sehr hoch, da sie buchstäblich mit dem Rücken zum Meer und gegen die Vernichtung kämpften. Zweitens gab es Rivalitäten auf arabischer Seite, die ein abgestimmtes Vorgehen erschwerten. Und drittens wurde die israelische Armee schließlich vom sowjetischen Lager mit Waffen versorgt. Die sowjetische Unterstützung war wohl dadurch motiviert, dass der neue jüdische Staat durch linkszionistisch-sozialistische Kräfte geführt wurde.
Das Ergebnis war jedenfalls, dass die arabisch-palästinensische Kompromisslosigkeit verhinderte, dass ein palästinensischer Staat – damals zu relativ günstigen Bedingungen – erstmals das Licht der Welt erblickte. Die nicht von Israel eroberten Gebiete wurden von Jordanien und Ägypten annektiert.
