Die Stimmung innerhalb der österreichischen Polizei habe einen historischen Tiefpunkt erreicht. Zu diesem Schluss kommt Irene Eisenhut von der Freien Exekutivgewerkschaft. In einem Interview sprach sie über finanzielle Einschnitte, Probleme bei der Ausrüstung, mangelnde Unterstützung durch den Dienstgeber und zunehmende Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Nachwuchskräften. Die aktuellen Entwicklungen würden nicht nur die Motivation der Beamten beeinträchtigen, sondern langfristig auch die Sicherheit der Bevölkerung gefährden.
Seit beinahe 33 Jahren steht Eisenhut im Polizeidienst. Nach ihrer Einschätzung sei die Stimmung unter den Beamten derzeit schlechter als jemals zuvor. Die Gründe dafür seien vielfältig und reichten weit über die aktuelle Sparpolitik hinaus. Viele Polizisten hätten das Gefühl, von ihrem Dienstgeber nicht ausreichend unterstützt und wertgeschätzt zu werden.
Sehen Sie hier ein Interview vom 15.6.2026 von NAbg. Eisenhut mit Report24 Chefredakteur Florian Machl.
Schon bei der Grundausstattung würden sich Probleme zeigen. Uniformteile seien häufig über lange Zeiträume nicht verfügbar, selbst bei Standardgrößen komme es zu Lieferengpässen. Im Spezialbereich würden einzelne Beamte teilweise jahrelang auf dringend benötigte Ausrüstungsgegenstände warten. Hinzu komme eine Infrastruktur, die nach Einschätzung vieler Mitarbeiter längst nicht mehr den Anforderungen einer modernen Polizei entspreche.
Wertschätzung und Bezahlung als zentrale Streitpunkte
Besonders kritisch beurteilt Eisenhut die geplanten Änderungen beim Dienstzeitmanagement. Diese würden für zahlreiche Beamte spürbare finanzielle Einbußen mit sich bringen. Nach Berechnungen der Gewerkschaft könnten sich die Einkommensverluste auf mehrere hundert Euro pro Monat belaufen. Zusätzlich entstünden höhere Kosten durch häufigere Fahrten zum Dienstort.
Für viele Polizisten sei die Bezahlung nicht nur eine Frage des Einkommens, sondern auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung. Wer bereit sei, seine Gesundheit und im Ernstfall sogar sein Leben für die Sicherheit anderer einzusetzen, erwarte eine entsprechende Wertschätzung durch den Staat. Genau diese werde von vielen Kollegen zunehmend vermisst.
Positiv bewertet Eisenhut dagegen Fortschritte bei der persönlichen Schutzausrüstung. Verbesserungen bei Schutzwesten durch den damaligen Innenminister Kickl und die flächendeckende Einführung von Bodycams hätten die Sicherheit der Beamten erhöht. Dennoch könnten diese Maßnahmen die zahlreichen strukturellen Probleme nicht überdecken.
Beamte fühlen sich bei Gerichtsverfahren alleingelassen
Besondere Kritik übt die Gewerkschafterin an der rechtlichen Situation von Polizisten nach Schusswaffeneinsätzen. Komme es im Zuge eines Polizeieinsatzes zu einer tödlichen Schussabgabe, werde von der Staatsanwaltschaft regelmäßig wegen Mordverdachts ermittelt. Dies sei zwar juristisch begründet, habe für die betroffenen Beamten jedoch weitreichende Folgen.
Da Rechtsschutzversicherungen Vorsatzdelikte in der Regel ausschließen, müssten die Polizisten ihre anwaltliche Vertretung häufig selbst finanzieren. Eine Unterstützung durch den Dienstgeber sei nicht vorgesehen. Nach Angaben Eisenhuts bestätigte auch eine parlamentarische Anfrage, dass Beamte für ihr Handeln selbst verantwortlich seien und keine automatische rechtliche Absicherung erhalten.
In solchen Fällen springen häufig die Gewerkschaften ein. Eisenhut verweist auf einen Fall im Burgenland, bei dem zwei Polizisten nach einem Angriff mit einer Machete tödliche Schüsse abgegeben hatten. Die finanzielle Unterstützung für die anwaltliche Vertretung sei damals von der Freien Exekutivgewerkschaft übernommen worden.
Nachwuchsmangel und sinkende Attraktivität des Berufs
Ein weiteres Problem sieht Eisenhut in der Personalentwicklung. Die Polizei habe zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend Nachwuchs zu gewinnen. Der Beruf sei mit hohen Risiken, unregelmäßigen Dienstzeiten und erheblichen Belastungen für Familie und Privatleben verbunden. Gleichzeitig würden die finanziellen Rahmenbedingungen immer unattraktiver.
Um genügend Bewerber zu finden, seien die Aufnahmebedingungen in mehreren Bereichen bereits gelockert worden. Körperliche Leistungsanforderungen müssten nicht mehr vor Dienstantritt erfüllt werden, sondern erst bis zum Ende der Grundausbildung. Auch die Anforderungen im Bereich Schwimmen seien reduziert worden.
Trotz steigender Bewerberzahlen bleibe die Zahl der Ausbildungsabbrüche hoch. Besonders in Wien würden zahlreiche Anwärter während der Ausbildung erkennen, welche fachlichen Anforderungen und welche Belastungen mit dem Polizeiberuf verbunden sind. Nach Angaben Eisenhuts liege die Abbruchquote bei rund 40 Prozent.
Für die Gewerkschafterin steht fest, dass die Kombination aus Sparmaßnahmen, Personalmangel und mangelnder Wertschätzung die Polizei vor große Herausforderungen stellt. Sollte dieser Kurs fortgesetzt werden, drohten weitere Abgänge erfahrener Beamter und zunehmende Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Kräfte. Die Folgen würden letztlich nicht nur die Exekutive selbst treffen, sondern auch die öffentliche Sicherheit in Österreich.
Sehen Sie hier die gesamte Pressekonferenz mit LH-Stellvertreter Udo Landbauer und NAbg. Irene Eisenhut.
