Fast 60 Millionen Euro Vorauszahlungen flossen an einen Lieferanten, der die bestellten Artilleriegranaten zuvor offenbar noch nie produziert hatte. Selbst nach den ersten Lieferproblemen vergaben die estnischen Beschaffer weitere Aufträge und überwiesen zusätzliche Millionen. Nun trat Verteidigungsminister Hanno Pevkur zurück – während der Rechnungshof im Verteidigungsapparat ein Buchhaltungschaos in Milliardenhöhe aufgedeckt hat.
Im August 2024 suchte Estland unter Hochdruck Artilleriemunition für die Ukraine. Das staatliche Zentrum für Verteidigungsinvestitionen RKIK schloss einen ersten Vertrag mit der in Italien registrierten Datasel S.R.L. und überwies 15 Millionen Euro im Voraus. Im Oktober folgte der nächste Auftrag mit weiteren zehn Millionen Euro Vorauszahlung. Die erste Lieferung sollte bereits im November erfolgen. Datasel meldete Verzögerungen und Schwierigkeiten. Ende 2024 unterzeichnete RKIK trotzdem zwei weitere Verträge und zahlte erneut Geld vorab.
Der estnische Rechnungshof beziffert die problematischen Vorauszahlungen an Lieferanten insgesamt auf 72,1 Millionen Euro. Bei 71,6 Millionen Euro bestehen Streitigkeiten wegen nicht erhaltener oder nicht vertragsgemäß gelieferter Ware. Auf Datasel entfielen rund 59,8 Millionen Euro. Der Rechnungshof warnt, dass Estland am Ende rund 70 Millionen Euro aus dem eigenen Staatshaushalt ersetzen beziehungsweise abschreiben könnte.
Finanziert wurden die Beschaffungen über den EU-Militärtopf mit dem geradezu grotesken Namen „Europäische Friedensfazilität“. Ein erheblicher Teil des Geldes stammt laut Pevkur aus Erträgen eingefrorener russischer Zentralbankvermögen. Brüssel hat per Rechtsakt festgelegt, dass diese durch die Immobilisierung entstandenen Gewinne nicht Russland zugerechnet werden, und schöpft sie seitdem zur Finanzierung der Ukraine ab.
Vom Softwareunternehmen zum Munitionslieferanten
Besonders auffällig ist die Wahl des Vertragspartners. Datasel gehört der indischen Neco Defence Munitions. Nach Recherchen von Eesti Ekspress hatten weder Datasel noch Neco Defence Munitions zuvor die von Estland bestellten Artilleriegranaten produziert. Trotzdem erhielt das Unternehmen innerhalb weniger Monate Aufträge und Vorauszahlungen im zweistelligen Millionenbereich. Die italienischen Unternehmensdaten zeichnen ein ungewöhnliches Bild. Datasel wird dort im Bereich Computerprogrammierung beziehungsweise Software geführt.
2023 lag der Umsatz bei lediglich 123.408 Euro. 2024 waren es bereits 26,54 Millionen Euro. Die Datenbank weist derzeit zwei Mitarbeiter aus. Ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von wenig mehr als 120.000 Euro wurde damit binnen kurzer Zeit zum Vertragspartner für ein Munitionsgeschäft, bei dem fast 60 Millionen Euro vorausgezahlt wurden. Die Neco-Gruppe besitzt zwar Erfahrung im Rüstungsbereich und produziert beziehungsweise vermarktet auch Waffen und Munition. Bei den von Estland bestellten größeren Artilleriekalibern fehlte nach den veröffentlichten Recherchen jedoch eine entsprechende Produktionshistorie. Trotzdem folgten nach den ersten Lieferproblemen weitere Verträge.
Munitionsmaterial liegt in einem europäischen Lager
Datasel beziffert den Wert der gelieferten Ware auf rund 58 Millionen Euro. Pevkur bestätigt ebenfalls, dass Munitionsmaterial im Wert von mehreren zehn Millionen Euro vorhanden ist. Es befindet sich nach seinen Angaben in einem Lager in einem europäischen Land und wurde von estnischen Vertretern überprüft. Für die ukrainische Artillerie brachte das Geschäft bislang keinen Nutzen. Nach Angaben der estnischen Seite sind die Lieferungen unvollständig und qualitativ mangelhaft. Deshalb wurde das Material nicht an die Ukraine weitergegeben. Datasel widerspricht dieser Darstellung und erklärt, Estland habe die Verträge vorzeitig beendet und dadurch selbst verhindert, dass die Lieferungen abgeschlossen werden konnten. Der Streit liegt inzwischen bei einem Schiedsgericht.
Die Chronologie wirft vor allem Fragen zur Beschaffungspraxis auf. Im November 2024 waren die ersten Schwierigkeiten bekannt. Danach unterschrieb RKIK noch zwei weitere Verträge mit demselben Lieferanten. Die Behörde setzte also weitere Millionen aufs Spiel, obwohl der ursprüngliche Zeitplan bereits geplatzt war. War man seitens der Verantwortlichen so schlampig, weil man gedacht hat, dass dafür ohnehin andere Stellen aufkommen würden?
Rechnungshof stößt auf Chaos in Milliardenhöhe
Der Munitionsdeal fällt in eine Zeit massiver Probleme innerhalb des estnischen Verteidigungsapparates. Der Rechnungshof konnte die ausgewiesenen Bestände an Verteidigungsgütern im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro anhand der vorhandenen Unterlagen nicht zuverlässig bestätigen. Die Prüfer fanden erhebliche Lücken in der Erfassung und Dokumentation von Material. Besonders auffällig war eine nachträgliche Korrektur des Warenbestandes um 99,7 Millionen Euro. Der ausgewiesene Bestand stieg von 723,9 auf 823,6 Millionen Euro. Die Streitkräfte konnten dem Rechnungshof nicht nachvollziehbar aufschlüsseln, welche Mengen und Güter hinter dieser Korrektur standen. Ein ausreichender Buchungsbeleg fehlte ebenfalls. Mehr als 60.000 Gegenstände im Wert von rund 300 Millionen Euro waren zudem nicht rechtzeitig ordnungsgemäß erfasst worden.
Auch bei der Weitergabe von Unterlagen lief offenbar einiges schief. RKIK-Chef Elmar Vaher musste einräumen, dass die Behörde dem Rechnungshof wichtige Verträge aus dem umstrittenen Munitionsgeschäft nicht ordnungsgemäß übermittelt hatte. Innerhalb des RKIK war man davon ausgegangen, die Dateien per E-Mail versandt zu haben. Beim Rechnungshof kamen die entscheidenden Verträge nach dessen Angaben nie an.
Pevkur übernimmt die politische Verantwortung
Verteidigungsminister Hanno Pevkur erklärte, er habe die Verträge selbst nicht gelesen und weder die Lieferanten ausgewählt noch die Verhandlungen geführt. Zuständig dafür sei das RKIK gewesen. Der frühere RKIK-Chef Magnus-Valdemar Saar erklärte hingegen, Entscheidungen dieser Größenordnung seien mit der Führung des Verteidigungsministeriums abgestimmt worden. Pevkur bestätigte, dass ihm die Beschaffungsvorgänge vorgelegt worden waren. Am Mittwoch kündigte der Minister seinen Rücktritt an. Er übernehme die politische Verantwortung für die Probleme im Verteidigungsbereich. Persönliches Fehlverhalten weist Pevkur zurück. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers bleibt er voraussichtlich noch geschäftsführend im Amt.
Seit Oktober 2025 ermittelt zudem die estnische Staatsanwaltschaft wegen möglicher Verstöße gegen Buchführungspflichten im Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums. Gegenstand des Verfahrens sind unter anderem die zum Jahresende 2024 ausgewiesenen Bestände. Bislang wurde öffentlich kein Beschuldigter benannt. Das Verfahren umfasst die Finanz- und Bestandsführung des Verteidigungsressorts und ist juristisch bislang nicht mit einem persönlichen Betrugsvorwurf gegen Pevkur im Datasel-Geschäft verbunden.
Fast 60 Millionen Euro gingen als Vorauszahlungen an einen Lieferanten, dem bei den bestellten Artilleriegranaten die entsprechende Produktionshistorie fehlte. Nach den ersten Problemen wurden weitere Verträge geschlossen. Heute liegt Munitionsmaterial im Wert von mehreren zehn Millionen Euro in einem europäischen Lager, Estland streitet mit dem Lieferanten vor einem Schiedsgericht und der zuständige Minister verlässt sein Amt. Die für die Ukraine vorgesehenen Granaten haben ihr eigentliches Ziel bis heute nicht erreicht.
