Ferat Koçaks Chat mit Firas Remmo ist viel mehr als eine peinliche Privatnachricht. Der Linken-Politiker kämpfte jahrelang gegen Berlins Umgang mit Clankriminalität, ließ Polizeieinsätze bis zu Uhrzeiten, Einheiten und Maschinenpistolen aufschlüsseln – und bat ausgerechnet einen Remmo-Sohn um Hilfe bei der Verbreitung seiner Rede gegen die Clan-Debatte. Gleichzeitig pflegte die Linke Neukölln Kontakte zu einem palästinensischen Netzwerk, unter dessen Dach laut Verfassungsschutz Hamas- und PFLP-Anhänger gemeinsam auftreten. Es ist an der Zeit für eine umfassende Aufklärung.
„Sagt allen euren Leuten, die sollen das teilen, bitte.“ Mit diesem Satz bat Ferat Koçak Firas Remmo am 17. Februar um Hilfe. Verschickt wurde ein Video seiner Bundestagsrede über die „hysterische Dauerdebatte“ um Clankriminalität. Remmo antwortete: „Gerne, Bruder.“ Aus einem früheren Teil des Chats stammt auch Koçaks Gruß an Issa Remmo: „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater.“ Koçak bestätigte die Echtheit des Chats. Zunächst habe er nicht gewusst, mit wem er schrieb; „kurz danach“ sei ihm Firas Remmos Identität bekannt geworden. Trotzdem schrieb er ihm später wieder und schickte ihm seine Rede zur Verbreitung. Koçak nennt das inzwischen einen Fehler und lässt seine parlamentarischen Funktionen vorerst „ruhen“. Bei vollständigen Bezügen.
Was für ein Heuchler!
— Georg Pazderski (@Georg_Pazderski) September 22, 2026
2025 beschwert sich Koczak im Innenausschuss, die PKS würde zur rassistischen Hetze gegen Migranten genutzt und lehnt Polizeimaßnahmrn gegen Clankriminalität ab.
Seit gestern wissen wir, er sitzt tief in der Tasche des Remmo-Clans.
pic.twitter.com/WImDpat5Fo
Ausgerechnet der Inhalt des Videos macht die Sache brisant. Am 29. Januar hatte Koçak im Bundestag erklärt, Menschen würden aufgrund ihres Nachnamens kriminalisiert und über Clankriminalität werde eine „hysterische Dauerdebatte“ geführt. Wenige Wochen später sollte ein Sohn ausgerechnet jener Familie, die seit Jahren wie kaum eine andere für die Berliner Clan-Problematik steht, diese Botschaft unter „allen euren Leuten“ verbreiten. Was für Leute hatte Koçak dabei eigentlich im Sinn?
Linke Clan-Verbindungen
Koçaks Remmo-Chat hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt spätestens 2019. Die Linke Neukölln schreibt in ihrem eigenen Rechenschaftsbericht, sie habe im Juli jenes Jahres gemeinsam mit Betroffenen die Initiative „Kein Generalverdacht“ gegründet. Es folgten Aktionen gegen die Berliner Clan-Politik und Veranstaltungen gegen die Razzien. Der Widerstand gegen den Anti-Clan-Kurs gehörte in Neukölln längst zum politischen Programm, Jahre bevor Koçaks Nachrichten an Firas Remmo öffentlich wurden. 2022 wollten Koçak und der Linken-Innenpolitiker Niklas Schrader sehr genau wissen, wie diese Einsätze abliefen. Ihre Anfrage vom 25. Februar verlangte für einzelne Anti-Clan-Einsätze Ort, Datum, Uhrzeit, Zweck, Einsatzkräftestunden sowie die beteiligten Behörden und Polizeieinheiten. Dazu kamen Fragen, bei welchen Einsätzen Maschinenpistolen oder andere Schnellfeuerwaffen offen getragen wurden und welche Gefahrenprognose dies rechtfertigte. Ort, Zeit, Einheit, Kräfteansatz, Bewaffnung – Koçak und Schrader erfragten alles.
WDR Monitor über Ferat Kocak und den Remmo Clan und Clankriminalität. #OerrBlog pic.twitter.com/fNtY9yH0dT
— ÖRR Blog. (@OERRBlog) September 23, 2026
Im September legten beide nach. Nun ging es um Hausdurchsuchungen bei Personen, die von der Polizei der sogenannten Clankriminalität zugerechnet wurden. Wieder interessierten sich Koçak und Schrader für die beteiligten Untergliederungseinheiten sowie die mitgeführten und eingesetzten Waffen. Die Fragen betrafen zurückliegende Durchsuchungen aus den Jahren 2017 bis 2021. Seit dem Remmo-Chat liest sich diese Akribie mit anderen Augen. Schrader führte die Abfragen später weiter. Hilfe kam auch von außerhalb des Parlaments. Die taz berichtete 2022, eine gemeinsame Anfrage von Koçak und Schrader zu 916 Anti-Clan-Einsätzen seit 2019 sei in Zusammenarbeit mit dem Berlin Justice Collective entstanden. Mehr als 16.000 Einsatzkräfte und über 120.000 Arbeitsstunden wurden dabei erfasst. Koçak sprach von „stigmatisierenden, razzienartigen Kontrollen“. Auch eine Anfrage zur Entwicklung des Polizeibudgets entstand laut taz gemeinsam mit dem Justice Collective.
Jorinde Schulz verbindet diese Strukturen auch personell. Die Linken-Politikerin nennt sich selbst Mitglied von „Kein Generalverdacht“ und Beirätin des Justice Collective. Sie ist außerdem Mitherausgeberin des Buches „Generalverdacht. Wie mit dem Mythos Clankriminalität Politik gemacht wird“. Partei, Initiative und Justice Collective waren personell eng verbunden.
Einer der Söhne von Issa Remmo teilt das auf Instagram. Es zeigt, dass der linke Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak wohl engere Kontakte zu den Remmos pflegt, sich mit ihnen zu Treffen zu verabredet und um Verbreitung seiner Videos bittet.
— Anabel Schunke (@ainyrockstar) September 21, 2026
Wie passt das zur Distanzierung der… pic.twitter.com/rgizgYVhCq
Extrem fragwürdige Verbindungen
Im Dezember 2022 zog die Linksfraktion die politische Schraube weiter an. Die Gewerbeüberwachung sollte vollständig aus dem Landeskriminalamt herausgelöst und der Wirtschaftsverwaltung übertragen werden. Die Fraktion lieferte das Schlagwort selbst: „Entpolizeilichung staatlicher Aufgabenwahrnehmung“. Strafverfolgung, Gefahrenabwehr und polizeiliche Amtshilfe sollten weiter möglich bleiben. Die Gewerbeüberwachung wollte man trotzdem aus dem LKA holen.
Parallel baute die Linke Neukölln Kontakte zum Hamas-nahen Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee, VPNK, auf. 2025 erklärte der Bezirksverband auf seiner eigenen Website, seit Monaten mit dessen Vertretern im Austausch zu stehen und gemeinsam mit ihnen auf die Straße zu gehen. Die Einschätzung des Verfassungsschutzes wies die Partei zurück. Bei den VPNK-Vertretern auf ihren eigenen Veranstaltungen wurde sie noch deutlicher: Sie hätten das „vollste Vertrauen“ der Linken Neukölln.
Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt das VPNK als Dach, unter dem PFLP-Anhänger gemeinsam mit Berliner Hamas-Anhängern auftreten. Im Bericht für 2024 heißt es, ein Großteil der antiisraelischen Kundgebungen seit dem 7. Oktober 2023 sei von PFLP-Anhängern angemeldet und durchgeführt worden, die dabei zusammen mit Hamas-Anhängern unter der Bezeichnung VPNK in Erscheinung traten. Die PFLP arbeite trotz ideologischer Unterschiede eng mit der Hamas zusammen. Das VPNK mobilisierte laut Verfassungsschutz zudem mit arabischsprachigen Flyern gezielt in der palästinensischen Diaspora und der arabischen Community.
This is an important post to understand how tonight’s German regional election was won by the far-left Linke party (25%)
— Visegrád 24 (@visegrad24) September 20, 2026
The picture shows Linke’s Turkish Bundestag member Ferat Koçak with the Palestinian Hamas-supporter Ibrahim Ibrahim at Linke’s election night party in the… pic.twitter.com/bPNrjvIYsk
Hisbollah, Hamas & die Linke
Einer der öffentlich auftretenden VPNK-Vertreter ist Ibrahim Ibrahim. Das Rechercheportal democ beschreibt ihn als langjährig in Berlin lebenden PFLP-Aktivisten. Im Oktober 2025 pries Ibrahim Hamas-Führer Yahya Sinwar als „standhaften Führer“ und „Märtyrerhelden“ und zollte auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah höchsten Respekt. Bereits 2025 trat Ibrahim als VPNK-Redner bei Veranstaltungen und Versammlungen auf – darunter im politischen Umfeld der Linken Neukölln und neben Ferat Koçak.
Nach der Berlin-Wahl stand Ibrahim wieder neben Koçak, diesmal auf einer Wahlparty. Koçak erklärte anschließend, an diesem Abend Hunderte Fotos gemacht zu haben und nicht gewusst zu haben, mit wem er dort posierte. Von gewalt- oder terrorverherrlichenden Aussagen distanzierte er sich ausdrücklich. Bei einem einzelnen Foto könnte man das abhaken. Koçaks eigener Bezirksverband kannte das VPNK allerdings längst so gut, dass er öffentlich von monatelangem Austausch und „vollstem Vertrauen“ sprach. Ibrahim selbst war zuvor bereits als dessen Vertreter im politischen Umfeld der Linken aufgetreten.
Ibrahim Ibrahim, oberster Vertreter des „Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees“ (VPNK) brüstet sich mit dem Wahlerfolg der Linken in Berlin.
— Sebastian Münzenmaier, MdB (@S_Muenzenmaier) September 23, 2026
Noch irgendwelche Fragen? Die Linke hat ein massives Problem mit Clans und Islamisten!
TM pic.twitter.com/ey9bZ6M8Az
Nach der Wahl wurde Ibrahim noch deutlicher. In einer Glückwunscherklärung im Namen des VPNK erklärte er, Mitglieder und Unterstützer des Komitees hätten zum Wahlerfolg der Linken beigetragen – durch Mobilisierung, Kontaktaufnahme mit Wählern und Förderung der politischen Beteiligung. Im Wahlkampf verbreitete er außerdem arabischsprachige Wahlwerbung für den Linken-Kandidaten Ahmed Abed. Und das VPNK freue sich auf eine „Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Die Linke“. Das VPNK spricht hier selbst von Mobilisierung und weiterer Zusammenarbeit (Report24 berichtete).
Erklärungen und Ausreden
Auch Issa Remmo tauchte auf den Wahlpartys der Linken auf. Aus Neukölln hieß es anschließend, er sei nicht eingeladen gewesen und es gebe keine politischen oder persönlichen Beziehungen zu ihm. Kurz darauf erschien der Chat seines Sohnes mit Koçak: „Grüße mit Respekt“ an den Vater, die Frage nach einem Treffen und später die Bitte, die Rede gegen die Clan-Debatte unter „allen euren Leuten“ zu verbreiten. Mit der Erklärung vom ungeladenen Partygast war die Remmo-Geschichte damit noch lange nicht erledigt.
Nicht nur veranstalteten Koçak u. @LinkeNeukoelln im Aug. 2025 gemeinsam mit Ibrahims Organisation (VPNK) ein Sommerfest. Bereits am 21. Juni 2025 stand Koçak zusammen mit ihm auf der Bühne der israelfeindlichen Kundgebung „United4Gaza“, zu der die @dieLinke mobilisiert hatte. pic.twitter.com/sesMalOJWA
— ThoSo (@th_so2) September 22, 2026
An Erklärungen mangelt es der Linken nicht. Koçak kannte Firas Remmo anfangs angeblich nicht. Ibrahim war angeblich nur einer von Hunderten Fotowünschen. Issa Remmo war angeblich nicht eingeladen. Der Verfassungsschutz liege angeblich beim VPNK falsch. Die detaillierten Polizeianfragen seien angeblich nur eine parlamentarische Kontrolle. Nur werden es inzwischen verdammt viele Erklärungen. Die Berliner Linke sollte deshalb endlich beantworten, wie all diese Kontakte, gemeinsamen Kampagnen und politischen Überschneidungen über Jahre entstehen konnten – und warum sie offenbar immer erst dann zum Problem werden, wenn sie öffentlich werden.
