Knapp 150.000 Euro Steuergeld für ein Holzgerüst mit Sitzbänken, Hochbeeten und etwas Sonnenschutz: Berlin leistet sich am Kaisersteg in Oberschöneweide eine sogenannte „Schatteninsel“. Allein im ersten Projektjahr flossen mehr als 56.000 Euro in Personalkosten, inzwischen wurden weitere Zehntausende Euro für Pflege, Koordination und „Monitoring“ bereitgestellt. Beim Bund der Steuerzahler sorgt das Ergebnis für Fassungslosigkeit.
Auf dem Platz am Kaisersteg steht seit Ende April ein überschaubares Ensemble aus Holzbalken, Sitzgelegenheiten, Pflanzkübeln und Schattenelementen. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick spricht von einem „Stadtmöbel-Ensemble“ und einem Pilotprojekt für einen besonders hitzebelasteten Standort. Bezirksbürgermeister Oliver Igel übergab die Konstruktion bei der Eröffnung am 29. April feierlich an die Nachbarschaft. Das Projekt entstand über eineinhalb Jahre hinweg in einem „partizipativen Prozess“. Beteiligt waren der Nachbarschaftsverein SchöneVibes Kollektiv e.V., die Regenmodule UG und das Planungsbüro AG.URBAN. Ziel sei es, die Aufenthaltsqualität zu verbessern und Erfahrungen für weitere Hitzeschutzmaßnahmen zu sammeln.
NGO WAHNSINN!
— Dr. David Lütke (@DrLuetke) September 3, 2026
Für diese Bretterbude zahlte Berlin 99.997 Euro Förderung an eine NGO als "Schatteninsel" (wegen Hitze dies das).
Davon wurden 56.097 Euro als Personalkosten verwendet. Der Rest ging in den Holzhaufen.
Der Steuerzahlerbund kocht vor Wut.https://t.co/AptR9QVkM3 pic.twitter.com/G7DJSuNOvP
Mehr als 56.000 Euro für Personal
Interessant wird das Berliner Hitzeschutzprojekt beim Blick auf die Rechnung. Nach Angaben des Bezirksamtes wurden für das Haushaltsjahr 2025 99.997,50 Euro Fördermittel ausgezahlt. Weitere 5.000 Euro steuerte der Projektträger selbst bei. Von den insgesamt 104.997,50 Euro entfielen 56.097,50 Euro auf Personal und 48.900 Euro auf Sachkosten. Damit wurde allerdings nicht bloß Holz gekauft, gesägt und zusammengeschraubt. Finanziert wurden auch ein mehrmonatiger Beteiligungsprozess, Auftritte bei Stadtteilfesten, ein Workshop samt Modell der Schatteninsel, Konzeptions-, Abstimmungs- und Genehmigungsprozesse sowie die Gewinnung ehrenamtlicher Paten und der Aufbau eines entsprechenden Netzwerks.
So funktioniert die deutsche Förderwirtschaft: Bevor ein paar Bänke und Hochbeete aufgestellt werden, braucht es erst Beteiligung, Konzepte, Koordination, Workshops und Netzwerke. Am Ende steht auf dem Platz eine Konstruktion, deren äußere Erscheinung kaum vermuten lässt, dass bereits ein sechsstelliger Betrag in das Projekt geflossen ist. Und bei den knapp 100.000 Euro blieb es nicht. Für 2026 wurden weitere 48.200 Euro aus dem Förderprogramm „Freiwilliges Engagement in Nachbarschaften“ gesichert. Damit sollen Freiwilligenkoordination, Wartung und Pflege, Aufwandsentschädigungen, Erweiterungen der Anlage, weitere Projektkoordination mit der Verwaltung und sogar ein eigenes „Monitoring“ bezahlt werden. Insgesamt summiert sich die öffentliche Förderung damit auf 148.197,50 Euro.
Steuerzahlerbund spricht von „armseliger Bretterbude“
Alexander Kraus, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler Berlin, besichtigte die Schatteninsel selbst. Sein Urteil fällt entsprechend vernichtend aus. Er bezeichnet die Konstruktion als „armselige Bretterbude“ und die Verwendung der Mittel als „kompletten Blödsinn“. Nach seiner Einschätzung könnten dort gleichzeitig lediglich sieben oder acht Menschen im Schatten sitzen. Auch die Antwort des Bezirksamtes auf die Frage nach der vorgeschriebenen Wirtschaftlichkeitsuntersuchung liest sich wie ein Lehrstück deutscher Bürokratie. Das Gebiet habe hohe Priorität beim Hitzeschutz, mit der Schatteninsel könnten Erfahrungen gesammelt und später auf andere Orte übertragen werden. Außerdem solle die „Hitzekompetenz“ gestärkt werden. Für die Einhaltung von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verweist die Verwaltung unter anderem auf Ausschreibung und Zuwendungsbescheid.
Die Sondernutzungserlaubnis für das Projekt läuft zunächst bis zum 1. Oktober 2028. Danach könnte die modulare Konstruktion weiter am Kaisersteg stehen oder andernorts erneut „erprobt“ werden. Kraus hätte für das Geld eine wesentlich bodenständigere Lösung bevorzugt: Nach seiner Rechnung hätte der Bezirk für rund 150.000 Euro etwa 50 Bäume pflanzen können. Die würden ebenfalls Schatten spenden, Wasser aufnehmen und an heißen Tagen für Kühlung sorgen – ganz ohne Beteiligungsworkshops, Freiwilligenkoordination und „Monitoring“.
Berlin hat sich stattdessen für die förderbürokratisch anspruchsvollere Variante entschieden. So steht am Kaisersteg nun ein Holzgerüst, für dessen Errichtung, Begleitung und Betreuung fast 150.000 Euro aus öffentlichen Kassen bereitgestellt wurden. Für den Steuerzahler dürfte zumindest eines daran nachhaltig sein: die Erinnerung daran, wie leicht sich sechsstellige Summen ausgeben lassen, sobald aus einer schattigen Sitzbank ein „Pilotprojekt“ wird.
