Wolodymyr Selenskyj hat dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko eine Frist von einer Woche gesetzt. Minsk soll Relaisstationen abschalten oder entfernen, die Russland angeblich bei Drohnenangriffen auf ukrainische Städte unterstützen. Geschieht das nicht, kündigte der ukrainische Präsident an, werde Kiew selbst handeln – eine Drohung, die weit über die bisherige Rhetorik hinausgeht und den Krieg erstmals offen in Richtung Belarus ausweiten könnte.
Im Präsidentenpalast in Kiew scheint man offensichtlich der Ansicht zu sein, dass man es nicht nur mit Russland, sondern auch gleich noch zusätzlich mit Belarus militärisch aufnehmen könnte. Denn am Freitag warnte Wolodymyr Selenskyj das nördliche Nachbarland vor Konsequenzen, sollte Minsk nicht angeblich vorhandene Relaisstationen abschalten. Diese sollen den russischen Truppen nämlich bei der Steuerung von Drohnen auf Ziele in der Ukraine helfen. Falls Lukaschenko nicht handle, werde die Ukraine es tun.
Selenskyj droht damit offen mit einem militärischen Angriff auf Belarus – einem formal nicht direkt am Krieg beteiligten Staat. Lukaschenko bemüht sich seit Langem um eine schwierige Doppelrolle. Einerseits stellt er Belarus als Staat dar, der nicht selbst in den Krieg ziehen wolle. Andererseits öffnete er bereits im Februar 2022 russischen Truppen, Raketen und Flugzeugen sein Territorium. Der Vorstoß auf Kiew erfolgte damals auch von belarussischem Boden aus. Bis heute ist Belarus eng in die russische Militär- und Logistikarchitektur eingebunden, ohne eigene Soldaten offiziell an die Front zu schicken.
Nach ukrainischen Angaben handelt es sich um mindestens vier Relaisstationen in zwei grenznahen Regionen. Sie sollen russischen Langstreckendrohnen helfen, ihre Ziele in der Ukraine anzusteuern. Unabhängige Belege für die konkrete Lage und Funktion dieser Anlagen wurden bislang allerdings nicht öffentlich vorgelegt. Das ist ein entscheidender Punkt: Die ukrainische Führung erhebt einen schwerwiegenden Vorwurf – und leitet daraus eine mögliche militärische Konsequenz ab. Doch will die Ukraine tatsächlich einen offenen Kriegseintritt Weißrusslands riskieren?

Wir sprechen hier von einer neuen Front von mehreren hundert Kilometern Länge, welche die ukrainischen Kräfte noch weiter überdehnen würde. Zudem liegt Kiew nahe an der Grenze zu Belarus. Denn auch wenn die weißrussische Armee nicht so groß ist und vor allem veraltetes Kriegsmaterial besitzt, würde dies die ukrainische Position dramatisch schwächen. Ohne Truppenabzüge an der Ostfront könnte Kiew die Nordgrenze nicht einmal auch nur ansatzweise verteidigen und würde Gefahr laufen, dass eine Frontlinie direkt vor den Toren der Hauptstadt verliefe.
Zwar will Minsk nicht offen in diesen Krieg hineingezogen werden, doch wenn ukrainische Truppen einmarschieren und diese Funkmasten zerstören, wird Lukaschenko darauf reagieren müssen. Allerdings hätte sich dann Selenskyj mit solch einer Aktion keinen Gefallen getan und die Lage seiner Armee noch weiter verschlechtert. Belarus mag zwar über keine sonderlich starke Armee verfügen, doch eine zusätzliche Nordfront kann sich Kiew nicht auch noch leisten.
