Corona-Maßnahmen: Fachgesellschaften prangern Umgang mit Alten und Kindern an

Symbolbild: KI

Bei der Sitzung der brandenburgischen Corona-Enquete-Kommission am 4. September wurden seitens Vertreterinnen medizinischer Fachgesellschaften die Folgen der Corona-Jahre für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eingeräumt. Auch negative Konsequenzen für alte Menschen gab man zu: Die mediale Verbreitung von Altersstereotypen führte zu Rückzug, Angst und Stigmatisierung. Grundlegende Kritik an der Corona-Politik suchte man aber vergebens.

Der folgende Artikel ist eine Übernahme vom Multipolar-Magazin:

Potsdam. (multipolar) Vertreterinnen medizinischer Fachgesellschaften sehen den Umgang mit älteren Menschen und Kindern während der Corona-Krise kritisch. Das ist das Ergebnis einer Sitzung der brandenburgischen Corona-Enquete-Kommission (4. September). Stefanie Bienioschek, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg, berichtete von einem zunehmenden Patientenaufkommen in der „mittleren Phase“ der Corona-Krise. Auch in den zwei Jahren nach Corona sei eine deutliche „Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“ beobachtbar gewesen (ab 1:19:41).

Gerade in dieser Phase habe es im Rückblick „etliche Dinge“ gegeben, die man besser oder anders hätte handhaben können (ab 1:16:44), erläuterte Bienioschek. Den speziellen Bedürfnissen der Kinder- und Jugendpsychiatrie hätten die Infektionsschutzmaßnahmen oftmals nicht Rechnung getragen. Bienioschek ging vor allem auf die Maskenpflicht ein, die „tatsächlich bis zum April 2023“ (ab 1:17:23) in Kraft gewesen sei. Es stelle „einen riesengroßen Unterschied“ dar, ob Kinder wegen einer Operation für einige Tage stationär aufgenommen worden seien oder ob sie sich mehrere Wochen in der Klinik aufgehalten hätten. Sie wisse nicht, was die Klinik gemacht hätte, wenn von Anfang an klar gewesen wäre, dass man „über drei Jahre einer Maskenpflicht unterworfen ist“ – „trotz Impfung, regelmäßiger Testung“ und Rachenabstrichen.

Bienioschek räumte zudem ein, dass die psychiatrische Versorgung in der Frühphase „ein Stück weit“ in den Hintergrund gerückt sei (ab 1:16:16). Betten seien für kinderpsychiatrische und auf COVID-19 positiv getestete Patienten vorgehalten worden, die Stationen seien „aber praktisch leer geblieben“. In dieser Phase habe es insgesamt „eher weniger Patienten“ gegeben. Über eine Unterauslastung berichteten auch Mitarbeiter anderer Krankenhäuser und von Rettungsdiensten.

Eva-Marie Kessler, Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, sagte, „die Vulnerabilität und Schutzbedürftigkeit älterer Menschen“ sei „schnell in den Mittelpunkt gerückt“ (ab 1:29:05). Kessler griff eine Studie auf, die von Januar 2020 bis Januar 2021 die bildliche Darstellung alter Menschen auf den „vier beliebtesten deutschen Online-Nachrichtenseiten“ untersuchte. Das häufigste Foto im ersten Corona-Jahr sei das der „alten, faltigen, knöcherigen Hand“ gewesen, das zweithäufigste Foto habe ältere Menschen am Rollator von hinten am Ende eines Ganges gezeigt. Mehrere Studien hätten ergeben, „dass sich die Bilder in den Köpfen über ältere Menschen und das Alter und das Alterserleben von Menschen“ „negativ entwickelt“ hätten, sagte Kessler weiter.

Ein negatives Altersbild habe „nachweislich“ einen ungünstigen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden im Alter. Aus ihrer eigenen klinischen Erfahrung als Psychotherapeutin wisse sie, dass die mediale „Wiederkehr des klassischen negativen Altersstereotyps“ bei manchen älteren Menschen Ängste und Rückzugsverhalten ausgelöst habe. Ferner hätten sich einige Betroffene stigmatisiert oder bevormundet gefühlt. In den Talkshows seien Menschen höheren Alters kaum vertreten gewesen, „obwohl sie ständig im Fokus der Aufmerksamkeit standen“. Ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie riet bereits im April 2020 dazu, auf Wörter wie „älter“ und „vulnerabel“ in der öffentlichen Kommunikation zu verzichten und von paternalistischen Empfehlungen Abstand zu nehmen.

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