Norwegens verschwiegener Gender Gap: Männer zahlen, Frauen kosten den Staat fünfmal mehr

(C) Report24/KI

Über den sogenannten Gender Pay Gap wird seit Jahrzehnten geklagt, mit Quoten, Förderprogrammen und immer neuen Gleichstellungsmaßnahmen soll er bekämpft werden. Eine Modellrechnung des norwegischen Statistikamtes zeigt allerdings einen Geschlechterunterschied, der politisch kaum jemanden zu interessieren scheint: Frauen verursachen dem Staat über ihr Leben hinweg netto rund fünfmal höhere Kosten als Männer. Nicht, weil für sie fünfmal so viel ausgegeben würde, sondern weil Männer wesentlich mehr in das Steuer- und Transfersystem einzahlen.

Norwegen gilt neben Island als eines der großen europäischen Vorzeigeländer der Gleichstellung. Umso bemerkenswerter sind jene Zahlen, die Statistics Norway (SSB) für eine 2020 geborene Kohorte errechnet hat. Über das gesamte modellierte Leben summieren sich die öffentlichen Ausgaben für einen Mann auf 26,7 Millionen norwegische Kronen, bei einer Frau auf 29,7 Millionen. Die Einnahmen des Staates unterscheiden sich dagegen massiv: 23,3 Millionen Kronen kommen im Durchschnitt von einem Mann, lediglich 12,8 Millionen von einer Frau. Unter dem Strich bleiben damit beim Mann 3,4 Millionen Kronen fiskalische Nettokosten, bei der Frau 17 Millionen. Das Verhältnis beträgt ziemlich genau eins zu fünf. Würde ein solcher Unterschied in die andere Richtung zeigen, dürfte der nächste „Gender Gap“ bereits erfunden sein. Ministerien würden Aktionspläne vorlegen, Gleichstellungsbeauftragte strukturelle Ursachen untersuchen und öffentlich finanzierte NGOs vor einer Benachteiligung von Frauen warnen. Bei 17 Millionen gegenüber 3,4 Millionen Kronen bleibt es dagegen erstaunlich ruhig.

Die Ursache liegt dabei jedoch nicht hauptsächlich in höheren staatlichen Ausgaben für Frauen. Diese liegen über den gesamten Lebenszyklus lediglich rund elf Prozent über jenen der Männer. Die eigentliche Differenz entsteht bei den Einnahmen. Männer liefern laut der SSB-Rechnung fast doppelt so viel Geld an den Staat ab. Bei den direkten Steuern der Haushalte stehen 8,3 Millionen Kronen von Männern 4,9 Millionen von Frauen gegenüber, auch bei Arbeitgeberabgaben und indirekten Steuern fällt der männliche Beitrag deutlich höher aus. SSB führt den Abstand vor allem auf höhere Erwerbseinkommen der Männer zurück. Frauen arbeiten im Durchschnitt weniger Stunden und verdienen pro Stunde weniger. Längere Lebenserwartung, Schwangerschaft, Geburt sowie höhere Ausgaben bei einzelnen Sozial- und Gesundheitsleistungen vergrößern die Differenz zusätzlich, sind laut den Statistikern aber nicht deren Hauptursache.

Damit bekommt der seit Jahren beklagte Gender Pay Gap eine Seite, die in der politischen Diskussion kaum vorkommt. Höhere Einkommen bedeuten nicht nur mehr Geld auf dem Konto. Sie bedeuten auch höhere Einkommensteuern, höhere Sozialabgaben, mehr Konsumsteuern und bei entsprechenden Tätigkeiten höhere Arbeitgeberbeiträge. Der Einkommensunterschied wird als männliches Privileg verbucht, der daraus resultierende höhere Beitrag zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates verschwindet dagegen aus politischen und ideologischen Gründen aus der Rechnung.

Der Staat ist weiblich, die Privatwirtschaft männlich

Die fiskalischen Zahlen passen zur Struktur des norwegischen Arbeitsmarktes. Im öffentlichen Sektor sind rund 70 Prozent der Beschäftigten Frauen, während der Privatsektor zu gut 63 Prozent von Männern geprägt ist. Gleichzeitig arbeiten Frauen wesentlich häufiger Teilzeit. Bei den 20- bis 66-Jährigen liegt die Teilzeitquote der Frauen bei 33,4 Prozent, bei Männern lediglich bei 15,8 Prozent. Und das, obwohl Frauen die Männer bei der höheren Bildung inzwischen deutlich überholt haben: 43,2 Prozent der Frauen verfügen über einen höheren Bildungsabschluss, bei Männern sind es 32,5 Prozent.

Noch deutlicher wird die Trennung beim Blick auf die einzelnen Branchen. In der Bauwirtschaft stellen Männer rund neun von zehn Beschäftigten. Transport und Lagerung sind zu gut 80 Prozent männlich, Bergbau sowie Öl- und Gasförderung zu knapp 78 Prozent, Industrie zu rund 75 Prozent. Auch Energieversorgung und technische Infrastruktur werden klar von Männern dominiert. Im Gesundheits- und Sozialwesen sieht es genau umgekehrt aus: Dort sind fast vier von fünf Beschäftigten Frauen. Im Bildungswesen liegt ihr Anteil bei rund zwei Dritteln.

Das erinnert stark an Island. Report24 zeigte dort bereits, wie weit sich die Arbeitswelt inzwischen auseinanderentwickelt hat: Frauen dominieren große Teile des öffentlichen Sektors, Männer dagegen viele privatwirtschaftliche, technische und exportorientierte Bereiche. Die damals zugespitzte Formel „Männer erwirtschaften, Frauen verwalten“ lässt sich zwar nicht eins zu eins auf Norwegen übertragen, die Grundstruktur ist jedoch dieselbe. Norwegen liefert lediglich zusätzlich die fiskalische Rechnung dazu.

Denn der norwegische Wohlfahrtsstaat finanziert sich nicht aus dem Nichts. Jene Beschäftigten, die höhere Einkommen erzielen, länger arbeiten und in privatwirtschaftlichen sowie exportstarken Branchen tätig sind, bringen entsprechend mehr Steuern und Abgaben auf. Dass Männer in diesen Bereichen stark überrepräsentiert sind, schlägt sich zwangsläufig in den Staatseinnahmen nieder. Gleichzeitig konzentrieren sich Frauen stärker auf Bereiche, deren Finanzierung selbst wiederum wesentlich aus Steuern erfolgt. Das bedeutet nicht, dass Lehrerinnen, Ärztinnen, Pflegerinnen oder Verwaltungsangestellte keine wirtschaftliche Leistung erbringen. Es zeigt allerdings, dass eine Volkswirtschaft nicht beliebig viele steuerfinanzierte Arbeitsplätze schaffen kann, ohne dass anderswo genügend Einkommen und Wertschöpfung entstehen, aus denen diese Ausgaben bezahlt werden. Doch genau an diesem Punkt wird die übliche Gleichstellungsdebatte erstaunlich selektiv.

Vom Gender Pay Gap zum Gender Tax Gap

Beim Einkommen wird jede statistische Abweichung zwischen Männern und Frauen akribisch vermessen. Frauen verdienen weniger? Gender Pay Gap. Frauen beziehen niedrigere Pensionen? Gender Pension Gap. Frauen sitzen seltener in Vorständen? Gender Leadership Gap. Dass Männer wesentlich mehr Steuern und Abgaben bezahlen, wesentlich seltener Teilzeit arbeiten und zahlreiche für Norwegens Export- und Realwirtschaft entscheidende Branchen dominieren, schafft dagegen keinen „Gender Tax Gap“. Auch die fast 70-prozentige Frauenquote im öffentlichen Sektor löst keine Debatte über strukturelle Benachteiligung von Männern aus. Eine Behörde oder Branche mit 70 Prozent Männern hätte man in der heutigen Gleichstellungspolitik schnell zum Problemfall erklärt. Bei umgekehrten Vorzeichen scheint das Geschlechterverhältnis weit weniger bedeutsam zu sein.

Genau hier liegt der Widerspruch. Unterschiede zwischen Männern und Frauen entstehen aus einer Vielzahl von Faktoren: Berufswahl, Arbeitszeit, Ausbildung, Familienplanung, Lebenserwartung, Risikobereitschaft und persönlichen Prioritäten. Ein statistischer Abstand allein beweist noch keine Diskriminierung. Bei der Diskussion über den Gender Pay Gap wird diese Selbstverständlichkeit jedoch regelmäßig ausgeblendet. Die norwegischen Zahlen führen vor Augen, wohin dieselbe Logik führen würde, wenn man sie konsequent auf sämtliche Unterschiede anwenden wollte. Dann müsste der Staat nicht nur den Gender Pay Gap veröffentlichen, sondern auch einen Gender Tax Gap, einen Gender Public Sector Gap und einen Gender Fiscal Gap. Und bei Letzterem stünde für Norwegen ein ziemlich beeindruckendes Ergebnis: 3,4 Millionen Kronen Nettokosten pro Mann gegenüber 17 Millionen pro Frau.

Doch ausgerechnet bei dieser Differenz endet die große politische Leidenschaft für die sogenannten „Gender Gaps“. Während der Einkommensvorsprung der Männer gesellschaftlich gerne problematisiert wird, verschweigt man gleichzeitig, dass Männer mit genau diesen höheren Einkommen einen erheblich größeren Teil des Staates finanzieren. Doch für die Kampfemanzen und die Feministen scheint dies offensichtlich nicht in dieselbe Rechnung zu gehören.

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