Annalena Baerbock hat weder promoviert noch eine wissenschaftliche Laufbahn vorzuweisen. Trotzdem soll sie an der renommierten Columbia University ausgerechnet „Global Leadership“ lehren. Ja, wirklich, das ist kein Scherz. Anschauungsmaterial bringt sie reichlich mit: Washington wirft ihr „Heuchelei“ und Kompetenzüberschreitung vor, Moskau bezweifelte ihre Neutralität und bei einer von ihr mitgetragenen UN-Gedenkzeremonie landete sogar ein Hamas-Kommandeur unter den Geehrten.
Wenn Annalena Baerbocks Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung am 8. September endet, bleibt die Grünenpolitikerin Medienberichten zufolge in New York. Ab Herbst soll sie an der Columbia University Professorin für „Global Leadership“ und Co-Direktorin des „Master of Public Administration in Global Leadership“ werden. Die Zusammenarbeit ist für drei Jahre vorgesehen. Das zehnmonatige Masterprogramm richtet sich an Führungskräfte mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung und soll strategisches Urteilsvermögen, Zusammenarbeit und Entscheidungsfähigkeit vermitteln. Und an der Universität scheint man tatsächlich zu glauben, dass die langjährige Grünen-Politiker dafür geeignet sein soll.
Im offiziellen Studienprogramm der Columbia University ist die zweite Stelle als Co-Direktor für das Studienjahr 2026/27 derzeit noch mit „To Be Announced in Fall 2026“ ausgewiesen. Die passende Lücke im Programm ist jedenfalls vorhanden. „Global Leadership“ passt als Überschrift hervorragend zu Baerbocks bisheriger Karriere. Nur vielleicht nicht ganz so, wie es die Columbia University meint.
Professorin geht auch ohne Promotion
Baerbocks akademische Laufbahn fällt überschaubar aus. Nach dem Vordiplom in Politikwissenschaft an der Universität Hamburg absolvierte sie an der London School of Economics einen Master of Laws. 2008 erhielt sie an der Freien Universität Berlin die Zulassung zur Promotion, brachte das Vorhaben aber nie zum Abschluss. In ihrer offiziellen Biografie beim Deutschen Bundestag steht deshalb knapp: „Zulassung zur Promotion – nicht abgeschlossen.“ Aber als Völkerrechtlerin wird sie dennoch geführt, auch ohne Diplom.
Für eine Professur an der Columbia reicht es trotzdem. Baerbock soll keine klassische Forschungsprofessur übernehmen, sondern eine praxisorientierte Stelle. Solche „Professors of Professional Practice“ rekrutiert die Universität ausdrücklich aus Personen mit herausgehobenen Karrieren außerhalb des Wissenschaftsbetriebs. Das Columbia-Handbuch hält sogar fest, dass diese Praxisprofessoren normalerweise nicht über die akademischen Qualifikationen für eine Tenure-Professur verfügen. Statt Forschung, Veröffentlichungen und Promotion zählt die berufliche Laufbahn. Knapp vier Jahre als deutsche Außenministerin und ein Jahr an der Spitze der UN-Generalversammlung liefern Baerbock diese Berufspraxis. Was sie dort vorgeführt hat, eignet sich durchaus für den Unterricht. Die genauen Titel der Vorlesungen wären allerdings noch zu klären.
Washington wirft Baerbock „Heuchelei“ vor
Wenige Tage vor Bekanntwerden ihres neuen Jobs krachte es bei den Vereinten Nationen noch einmal gewaltig. Anlass war das Verfahren zur Auswahl des nächsten UN‑Generalsekretärs. Baerbock hatte am 23. Juli eine öffentliche Veranstaltung mit den Kandidaten organisiert und anschließend das Publikum über deren Auftritte abstimmen lassen. Die Kandidaten selbst und Beobachter waren von dieser Aktion überrascht. Ein Großteil der Teilnehmer hatte mit der eigentlichen Wahl des Generalsekretärs überhaupt nichts zu tun.
Die US-Diplomatin Jennifer Locetta zerlegte Baerbocks Vorgehen am 19. August vor dem Sicherheitsrat. Die Publikumsabstimmung sei unfair, intransparent und beispiellos gewesen. Kein einschlägiger UN-Beschluss ermächtige die Präsidentin der Generalversammlung, solche Umfragen durchzuführen. Baerbock schrieb anschließend auch noch an den Sicherheitsrat und forderte, Kandidaten erst nach ihrer Teilnahme an einem Dialog mit der Generalversammlung in dessen Probeabstimmungen zu berücksichtigen. Washington warf ihr „Heuchelei“ vor und erklärte, das UN-Führungspersonal führe sich zunehmend wie „diplomatic superstars“ auf, anstatt sich an die Grenzen des eigenen Amtes zu halten.
Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja schloss sich der amerikanischen Kritik an und monierte ebenfalls die Rolle, die sich Baerbock im Auswahlverfahren selbst zuschrieb. Washington und Moskau gemeinsam gegen die deutsche Grünenpolitikerin – immerhin eine Form erfolgreicher internationaler Koalitionsbildung. Für eine künftige Professorin für „Global Leadership“ fast schon so etwas wie ein Leistungsnachweis.
Der Ärger Washingtons kam dabei nicht aus dem Nichts. Baerbock hatte die Vereinigten Staaten zuvor öffentlich wegen ausstehender UN-Beiträge angegriffen und Donald Trumps „Board of Peace“ scharf kritisiert. Beim Aspen Security Forum erklärte sie im Juli, dieses könne die Vereinten Nationen „never ever replace“. Dass ausgerechnet die amerikanische Regierung irgendwann genug von ihren Belehrungen hatte, überrascht wenig.
Russland bezweifelte ihre Neutralität
Der Vorwurf, Baerbock verwechsle ihre Rolle als Präsidentin der Generalversammlung mit jener einer politischen Aktivistin, begleitete sie bereits seit Beginn ihrer Amtszeit. Im Dezember 2025 eröffnete sie eine wiederaufgenommene Ukraine-Sondersitzung mit einer scharfen Rede gegen Russland und sprach von einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts. Moskaus stellvertretende UN-Botschafterin Maria Zabolotskaya entgegnete, Baerbocks Auftritt habe eher wie die Erklärung einer deutschen Vertreterin geklungen als wie die Rede der Präsidentin der Generalversammlung.
Schon während ihrer Kandidatur hatte die russische UN-Vertretung ihre Eignung bestritten. Dmitri Poljanski warf ihr im Mai 2025 extreme Voreingenommenheit, eine offen konfrontative Haltung gegenüber Russland und mangelndes Verständnis grundlegender diplomatischer Prinzipien vor. Die spätere Präsidentschaft änderte an Baerbocks politischem Auftreten wenig. Sie hatte lediglich das Rednerpult gewechselt, doch der anklagende, moralinsaure Stil blieb.
„Deutschland hat unsere Zeit verschwendet“
Ursprünglich sollte die erfahrene Spitzendiplomatin Helga Schmid Präsidentin der UN-Generalversammlung werden. Schmid hatte als Generalsekretärin der OSZE gearbeitet, hohe Funktionen im Europäischen Auswärtigen Dienst bekleidet und an den Verhandlungen über das iranische Atomabkommen mitgewirkt. Deutschland hatte sie längst als Kandidatin vorgestellt. Sie bereitete sich monatelang auf das Amt vor und führte zahlreiche Gespräche mit Diplomaten in New York. Dann zog Berlin ihre Kandidatur zurück und schickte Baerbock.
Der Tagesspiegel zitierte UN-Diplomaten, die das deutsche Manöver als „respektlos“ bezeichneten. „Deutschland hat unsere Zeit verschwendet“, erklärte einer von ihnen. Ein anderer warnte vor dem Eindruck, mächtige Staaten würden internationale Ämter für ihre politischen Interessen benutzen. Deutschlands Außenpolitik hatte damit bereits vor Baerbocks Amtsantritt für reichlich Verstimmung gesorgt. Der frühere deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen nannte den Austausch eine „Unverschämtheit“. Es sei nicht nachvollziehbar, „die beste und international erfahrenste deutsche Diplomatin durch ein Auslaufmodell zu ersetzen“. Die Bundesregierung behandelte einen internationalen Spitzenposten damit wie eine Anschlussverwendung für eine scheidende Grünenpolitikerin. „Ist das feministische Außenpolitik?“, fragte Heusgen.
Auch die anschließende Wahl Baerbocks verlief nicht so wie gewollt. Russland erzwang eine geheime Abstimmung. Von den 188 abgegebenen Stimmen entfielen 167 auf Baerbock, 14 Staaten enthielten sich. Sieben Delegationen schrieben demonstrativ den Namen Helga Schmid auf ihre Stimmzettel, obwohl diese längst nicht mehr kandidierte. Das Amt bekam Baerbock trotzdem. So funktioniert politische Führung schließlich auch: Die besser qualifizierte Kandidatin wird ausgetauscht, die Parteipolitikerin übernimmt – und lehrt anschließend „Global Leadership“.
Gedenkflamme für einen Hamas-Kommandeur
Auch die UN-Gedenkzeremonie für 136 im Vorjahr verstorbene Mitarbeiter der Vereinten Nationen liefert Stoff für künftige Vorlesungen. Am 8. Juni entzündeten UN-Generalsekretär António Guterres und Baerbock gemeinsam eine Gedenkflamme, während die Namen der Toten verlesen wurden. Unter ihnen befand sich Imad Yousif El Samhouri, ein langjähriger Lehrer und Schulleiter des Palästinenserhilfswerks UNRWA. UN Watch veröffentlichte später Fotos, Videos und Beiträge aus sozialen Netzwerken, die Samhouri zugleich als Feldkommandeur der Al-Qassam-Brigaden der Hamas ausweisen. In einem Hamas-„Märtyrer“-Video wird er als Kommandeur im Muhammad-al-Shamali-Bataillon präsentiert. Die Aufnahmen, über die auch Report24 berichtete, zeigen ihn bewaffnet, mit Granaten und beim Auftauchen aus Tunneln der Terrororganisation. Samhouri erklärt darin, man habe den Dschihad als Weg gewählt.
Der Mann leitete über Jahre UNRWA-Schulen, trat gemeinsam mit Hamas-Funktionären auf und wurde nach seinem Tod als Mitglied der „UN-Familie“ geehrt. Sein Name wurde vor Guterres und Baerbock verlesen, während beide an der Gedenkflamme standen. Der UN-Generalsekretär sprach bei der Zeremonie davon, die geehrten Mitarbeiter hätten die Welt zu einem besseren Ort gemacht. Als die Vorwürfe öffentlich wurden, erklärte UN-Sprecher Stéphane Dujarric, man sei über derartige Erkenntnisse zu ehemaligen Mitarbeitern „sehr besorgt“. Zum Zeitpunkt der Aufnahme Samhouris in die Liste seien keine entsprechenden Hinweise bekannt gewesen. Mehr als ein Jahrzehnt als UNRWA-Lehrer und Schulleiter, öffentlich sichtbare Nähe zu Hamas-Funktionären und später ein Auftritt im „Märtyrer“-Video – doch innerhalb des Hilfswerks will niemand etwas bemerkt haben.
Vom Fettnäpfchen ins Professorenzimmer
Für den Spott über Annalena Baerbock braucht es längst keine alten „360-Grad-Wenden“, hunderttausend Kilometer entfernte Länder oder Stromspeicher im Netz mehr. Ihre jüngste Bilanz genügt. Schon ihre Entsendung nach New York verärgerte Diplomaten, weil Berlin die erfahrene Helga Schmid kurzerhand aus dem Weg räumte. Russland stellte Baerbocks Neutralität infrage. Washington warf ihr Kompetenzüberschreitung und „Heuchelei“ vor und verspottete das Gebaren „diplomatischer Superstars“. Bei einer UN-Gedenkfeier stand sie schließlich an der Flamme, während der Name eines Hamas-Kommandeurs verlesen wurde.
Nun soll sie an einer der renommiertesten Universitäten der Welt internationale Führung lehren. Die Promotion blieb zwar unvollendet, doch Columbia sucht für diese Professur schließlich keine Wissenschaftlerin. Gesucht wird praktische Erfahrung. Davon bringt Annalena Baerbock tatsächlich reichlich mit. Vielleicht lautet ihre erste Vorlesung ja: Wie man der Welt einen Bären aufbindet, außenpolitisch einen Bock schießt – und anschließend Professorin für „Global Leadership“ wird.
