Erst ließ Spanien Zehntausende Marokkaner nach Ceuta gelangen, dann empörte sich die sozialistische Regierung über Italiens Grenzkontrollen. Nachdem Giorgia Meloni Madrids Ultimatum einfach zurückwies, schlägt Pedro Sánchez nun zurück: Seit Samstag werden auch Reisende aus Italien an spanischen Flughäfen und Häfen kontrolliert. Besonders fies: Italiens Maßnahmen richteten sich ausdrücklich gegen mögliche Sekundärmigration von Nicht-EU-Bürgern – Spanien kontrolliert nun ganz sozialistisch gleichmacherisch auch Italiener.
Am 30. Juli brach die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta zusammen. Innerhalb eines Tages gelangten nach den inzwischen von Madrid verwendeten Schätzungen rund 72.000 Menschen auf spanisches Gebiet, viele davon über das Meer oder an den Grenzanlagen vorbei. Die Bilder von Tausenden überwiegend jungen Männern gingen um die Welt. Elon Musk bezeichnete die Situation als „absolute Invasion“ und verglich entsprechende Aufnahmen mit dem Zombie-Film „World War Z“. Mindestens 80 Menschen kamen bei dem Massenansturm ums Leben.
Just kidding, this is the actual footage … pic.twitter.com/jYRpSWM24e
— Elon Musk (@elonmusk) July 31, 2026
Italien reagierte schnell. Die Regierung von Giorgia Meloni führte zum 1. August vorübergehend Kontrollen an den Luft- und Seegrenzen zu Spanien wieder ein. Die offizielle Begründung, die inzwischen auch auf der Webseite der EU-Kommission nachzulesen ist: Gefahr für öffentliche Ordnung und innere Sicherheit durch die massenhafte illegale Einreise nach Ceuta und das Risiko anschließender Sekundärbewegungen innerhalb des Schengenraums. Die in Brüssel angemeldete Maßnahme läuft zunächst bis zum 1. September.
Italien kontrolliert Migranten – Spanien kontrolliert Italiener
Madrid tobte. Die Regierung Sánchez bezeichnete das Vorgehen Italiens als „ungerechtfertigt“, den Interessen der Europäischen Union zuwiderlaufend und diskriminierend gegenüber der spanischen Bevölkerung. Italien sollte die Kontrollen bis Sonntag, den 9. August, einstellen, andernfalls werde Spanien „verhältnismäßige Maßnahmen“ ergreifen. Rom ließ sich davon wenig beeindrucken. Die italienische Regierung erklärte, man akzeptiere bei Fragen der nationalen Sicherheit und Grenzkontrolle weder Ultimaten noch Anweisungen aus dem Ausland.
Nun ist klar, was Sánchez unter „verhältnismäßig“ versteht. Seit Mitternacht von Freitag auf Samstag werden Passagiere kontrolliert, die mit Flugzeugen oder Schiffen aus Italien nach Spanien kommen. Geprüft werden Passpapiere, Staatsangehörigkeit sowie bei Drittstaatsbürgern Visa und Aufenthaltstitel. Die Kontrollen sollen bis zum 7. September laufen. In Barcelona wurden am Samstag bereits italienische Touristen von der Polizei kontrolliert.
Der Unterschied spricht Bände. Als Italien seine Maßnahme ankündigte, stellte Rom ausdrücklich klar, dass spanische und andere EU-Bürger davon nicht betroffen sein sollten; kontrolliert werden sollten gezielt Nicht-EU-Bürger, die aus Spanien einreisen. Madrid lässt hingegen auch italienische Staatsbürger überprüfen. Ausgerechnet jene Regierung, die Italiens Vorgehen als „diskriminierend“ geißelte, zieht die Schraube damit selbst weiter an. Für die Sozialisten gilt eben das Motto, wonach „alle Menschen gleich“ seien, weshalb man die Italiener gleich noch mit den Ausländern gleichsetzt.
Madrids bemerkenswerte Begründung
Für zusätzlichen Unterhaltungswert sorgt die offizielle Begründung der spanischen Regierung. Die Kontrollen seien wegen des „anhaltenden irregulären Migrationsdrucks“ aus Italien notwendig. So steht es tatsächlich in der von Reuters wiedergegebenen Erklärung. Eine Woche zuvor hatte Madrid noch darüber geschimpft, dass Rom nach dem Einfall Zehntausender Marokkaner in Ceuta genau mit diesem Argument seine eigenen Grenzen schützen wollte.
Dabei ist Italien im Schengenraum keineswegs ein exotischer Sonderfall. Deutschland kontrolliert derzeit seine Landgrenzen unter anderem wegen irregulärer Migration und Schleuserkriminalität, Österreich kontrolliert Grenzen zur Slowakei, Tschechien, Ungarn und Slowenien, Polen zu Deutschland und Litauen. Frankreich führt Kontrollen an sämtlichen Land-, Luft- und Seegrenzen unter anderem wegen islamistischer Terrorgefahr, Schleusernetzwerken und illegaler Migration durch. Schweden kontrolliert wegen organisierter Kriminalität und islamistischer Bedrohungen sogar sämtliche Binnengrenzen. All das führt die EU-Kommission selbst auf ihrer aktuellen Schengen-Übersicht auf.
22 Regierungschefs warnten vor „hybriden Bedrohungen“
Auch politisch steht Sánchez längst nicht nur Meloni gegenüber. Auf Initiative Italiens und Dänemarks unterzeichneten 22 europäische Staats- und Regierungschefs bereits am 1. August einen gemeinsamen Brief zur Ceuta-Krise. Darunter befinden sich unter anderem Giorgia Meloni, die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und Bundeskanzler Friedrich Merz. Die Unterzeichner warnten ausdrücklich vor „unkontrollierten Massenübertritten“, der Instrumentalisierung von Migration und anderen hybriden Bedrohungen. Sie erklärten sich sogar bereit, nötigenfalls vorübergehende Kontrollen an den europäischen Binnengrenzen zu verstärken oder wieder einzuführen.
Dazu kommt ein innenpolitischer Faktor, über den Sánchez weniger gern spricht. Seine Regierung hatte eine umfassende Regularisierung illegal im Land lebender Migranten beschlossen. Voraussetzung war unter anderem, dass die Betroffenen nachweisen konnten, bereits seit mindestens fünf Monaten in Spanien zu leben und vor dem 1. Januar 2026 eingereist zu sein. Nach Angaben der Associated Press gingen bis zum Ende der Antragsfrist mehr als eine Million Anträge ein. Genau solche Anreize werden von mehreren europäischen Regierungen als möglicher Pull-Faktor kritisiert.
Ceuta ist noch längst nicht erledigt
Madrid versucht unterdessen weiterhin, den Eindruck zu erwecken, die Ceuta-Invasion sei weitgehend abgearbeitet. Tatsächlich kehrte ein großer Teil der Eingedrungenen nach Marokko zurück. Wie viele Menschen zwischenzeitlich tatsächlich nach Ceuta gelangt waren und wie viele anschließend blieben, war jedoch schon in den ersten Tagen kaum verlässlich zu bestimmen. Noch am 8. August sprach die spanische Regierung von etwa 2.500 verbliebenen Migranten; lokale Vertreter hielten auch diese Zahl für zu niedrig.
Report24 hatte bereits früh auf genau diese Widersprüche hingewiesen. Während Madrid und zahlreiche deutschsprachige Medien die angeblich fast vollständige Rückkehr meldeten, berichteten Guardia-Civil-Vertreter und Journalisten vor Ort weiterhin von Tausenden Menschen in der Stadt. Auch die Situation im völlig überfüllten Aufnahmezentrum und Berichte über weitere Grenzübertritte passten schlecht zur offiziellen Erfolgsgeschichte. Report24 berichtete ausführlich über die fragwürdigen Rückkehrzahlen und die Lage vor Ort.
Schon unmittelbar nach dem Grenzsturm hatte Report24 zudem die Bilder aus Ceuta dokumentiert: Geschäfte wurden geplündert, Einwohner berichteten von Angriffen und großer Unsicherheit, während die Sicherheitskräfte mit der Masse der Eindringlinge offensichtlich überfordert waren. Den damaligen Bericht finden Sie hier.
Schengen zerbröselt an der Migrationsfrage
Der Streit zwischen Rom und Madrid zeigt inzwischen vor allem eines: Die offene Binnengrenze funktioniert nur, solange die Außengrenze funktioniert. Wenn Zehntausende Menschen innerhalb weniger Stunden die EU-Außengrenze überrennen können, beginnen die Mitgliedstaaten eben wieder selbst zu kontrollieren. Deutschland macht es, Österreich macht es, Frankreich macht es, Polen macht es – und nun stehen sich Spanien und Italien mit gegenseitigen Kontrollen gegenüber.
Giorgia Meloni dürfte mit Madrids Retourkutsche politisch leben können. Ausgerechnet Pedro Sánchez liefert ihr schließlich die beste Rechtfertigung für ihre Grenzpolitik frei Haus: Sobald die eigene Regierung glaubt, dass aus einem anderen EU-Land ein Migrationsrisiko droht, sind Passkontrollen plötzlich völlig selbstverständlich. Bei den Italienern natürlich.





