Bis zu 19,2 Milliarden Dollar wollte ein Investor in einen gewaltigen KI-Campus im US-Bundesstaat North Carolina stecken. Doch die Einwohner von Edgecombe County verlangten Antworten zu Strom, Wasser, Finanzierung und dem tatsächlichen Nutzen für ihre Gemeinde. Anfang Juli zog Energy Storage Solutions sein Angebot zurück – die Geldgeber wollten lieber in „freundlicheren Gemeinden“ investieren.
Noch Ende 2025 kündigte Energy Storage Solutions im Kingsboro Business Park bei Tarboro einen der größten Rechenzentrumskomplexe im Südosten der USA an. Auf bis zu 300 Acres – rund 121 Hektar – sollten innerhalb weniger Jahre mehrere Rechenzentren mit einer Gesamtleistung von 900 Megawatt entstehen. Das entspricht ungefähr der Leistung eines großen Kernreaktors. Firmenchef Dan Shaffer stellte Investitionen von bis zu 19,2 Milliarden Dollar und mehr als 1.000 Arbeitsplätze in Aussicht. Am 6. Juli 2026 verkündete County Manager Eric Evans dann das Ende: Das Unternehmen hatte sein Kaufangebot zurückgezogen, die hinterlegte Anzahlung wurde erstattet.
Große Versprechen, fehlende Antworten
Rechenzentren dieser Größenordnung benötigen rund um die Uhr gewaltige Mengen Strom. Energy Storage Solutions wollte den Campus deshalb überwiegend mit eigenen Erdgaskraftwerken versorgen und so verhindern, dass das öffentliche Netz unter der zusätzlichen Last zusammenbricht. Für die technische Vernunft dieses Ansatzes spricht einiges. Künstliche Intelligenz, medizinische Forschung, industrielle Automatisierung und moderne Sprachmodelle brauchen verlässliche Rechenleistung – und die lässt sich nicht nach Wetterlage hoch- und herunterfahren. Wind und Sonne können einen solchen Campus ohne gewaltige Speicher- und Reservekapazitäten nicht rund um die Uhr versorgen.
Doch mit eigenen Kraftwerken waren die Probleme nicht erledigt. Das Unternehmen bezifferte den Wasserbedarf auf etwa 500.000 Gallonen beziehungsweise knapp 1,9 Millionen Liter pro Tag. Das Wasser sollte aus Rocky Mount kommen, dessen Versorgung am Tar River hängt. Welches Kühlsystem eingesetzt werden sollte und wie sich der Verbrauch beim vollständigen Ausbau entwickeln würde, blieb offen. Noch im April hatte die Firma weder ausreichende Finanzierungsnachweise noch einen vollständigen formellen Vorschlag vorgelegt. Der Landkreis stoppte deshalb die weitere Prüfung, bis Energy Storage Solutions belegen konnte, dass das nötige Geld tatsächlich vorhanden war.
Auch die wirtschaftlichen Versprechen blieben unscharf. Die Namen der Investoren und späteren Betreiber wurden nicht veröffentlicht, ebenso wenig stand fest, welche Unternehmen die angekündigten Arbeitsplätze schaffen sollten. Auf dem Papier standen 19,2 Milliarden Dollar und mehr als 1.000 Jobs. Dahinter fehlten jedoch die Finanzierung, feste Mieter und belastbare Angaben zum tatsächlichen Nutzen für die Gemeinde. Ein Milliardenbetrag in einer Präsentation ist noch kein Milliardeninvestment.
Der Protest wurde zum Wahlkampfthema
Die Einwohner wollten diese Lücken nicht einfach übergehen. Sie gründeten die Initiative „Edgecombe Neighbors for Data Center Accountability“, sammelten Unterschriften und erschienen regelmäßig bei den Sitzungen der Bezirkskommission. Ihre Fragen betrafen den Wasserverbrauch, den Dauerlärm, die Energieversorgung, mögliche Folgekosten und die Zahl der dauerhaft vor Ort entstehenden Arbeitsplätze. Edgecombe County ist keine wohlhabende Region, die neue Industrie aus Bequemlichkeit ablehnen kann. Gerade deshalb verlangten die Bürger mehr als große Zahlen und schöne Versprechen.
Der Widerstand veränderte schließlich die politischen Verhältnisse. Der 69-jährige Armeeveteran David Batts lebt etwa eine Meile vom geplanten Standort entfernt und trat bei der Vorwahl der Demokraten gegen den langjährigen Commissioner Donald Boswell an. Auf seinen Wahlplakaten stand unmissverständlich: „Vote no for data centers“. Batts gewann die Vorwahl am 3. März mit 337 zu 162 Stimmen. Aus dem Protest gegen das Rechenzentrum war eine politische Abrechnung geworden.
Als Energy Storage Solutions Anfang Juli den Rückzug erklärte, fand Firmenchef Shaffer dafür eine aufschlussreiche Formulierung. Die Investoren hätten darauf bestanden, mit anderen Projekten in „friendlier communities“ fortzufahren – in „freundlicheren Gemeinden“. Freundlicher sind demnach wohl jene Orte, an denen niemand zu genau nach Wasser, Strom, Finanzierung und Folgekosten fragt. Der Landkreis beließ es nicht beim Ende dieses Projekts. Anfang August beschlossen die fünf anwesenden Commissioners einstimmig ein zweijähriges Moratorium für neue Rechenzentren. Während dieser Zeit sollen Regeln ausgearbeitet und die Folgen solcher Großanlagen geprüft werden. Innerhalb weniger Monate wurde aus der Aussicht auf ein 19,2-Milliarden-Dollar-Projekt ein kompletter Baustopp für die gesamte Branche.
Eine generelle Absage an Rechenzentren wäre dennoch der falsche Weg. Ohne sie gibt es keinen ernsthaften KI-Sektor, und ohne künstliche Intelligenz wird künftig kaum ein Industrieland technologisch an der Spitze bleiben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob solche Anlagen gebaut werden, sondern wo und unter welchen Bedingungen. Genügend Energie und Wasser, tragfähige Infrastruktur, klare Finanzierung und ein echter Nutzen für die betroffene Region müssen vor dem ersten Spatenstich feststehen. Die Kosten dürfen nicht später bei Stromkunden, Steuerzahlern oder der Gemeinde abgeladen werden.
„Umweltschutz ist Heimatschutz“ hat mit grüner CO2-Hysterie nichts zu tun. Es geht um sauberes Wasser, Versorgungssicherheit, Landschaft und ein lebenswertes Land für die kommenden Generationen. Technischer Fortschritt und der Schutz der eigenen Heimat schließen einander nicht aus. Beides zusammen verlangt jedoch eine bessere Planung als ein Milliardenversprechen mit unbekannten Geldgebern. Energy Storage Solutions sucht nun nach „freundlicheren Gemeinden“. Edgecombe County stellte lediglich die falschen Fragen – jedenfalls aus Sicht eines Investors, der offenbar lieber keine beantworten wollte.
