Die Eurokraten wollten Europa von russischer Energie unabhängig machen. Nun stammen bereits 63 Prozent der europäischen Flüssiggasimporte nach Wert aus den USA. Ursula von der Leyen stellt Washington obendrein Energiegeschäfte im Umfang von 750 Milliarden Dollar in Aussicht. Während Donald Trump den amerikanischen Energiekonzernen immer neue Absatzchancen eröffnet, entpuppt sich Brüssels großspurig verkündete Energiesouveränität zunehmend als Farce.
„Ab heute wird der EU-Energiemarkt stärker, widerstandsfähiger und vielfältiger sein.“ Mit diesen Worten feierte der zypriotische Energieminister Michael Damianos im Januar den EU-Beschluss zum vollständigen Ausstieg aus russischen Gasimporten. Europa mache damit einen gewaltigen Schritt in Richtung einer eigenständigen Energieunion, schwärmte er. Knapp neun Monate später dürfte man sich in Brüssel wünschen, die eigenen Statistiker würden etwas weniger genau hinschauen. Denn ausgerechnet die Daten von Eurostat zeigen auf, wie gewaltig die amerikanische Dominanz bei Europas Flüssiggasversorgung inzwischen geworden ist.
Im zweiten Quartal 2026 entfielen bereits 63,2 Prozent des gesamten EU-Flüssiggasimportwertes auf Lieferungen aus den Vereinigten Staaten. Anfang 2021 waren es noch 24,1 Prozent gewesen. Der amerikanische Anteil hat sich damit innerhalb von gut fünf Jahren mehr als verdoppelt. Auch bei Erdöl und Kohle mischen die USA kräftig mit. Beim Rohöl erreichen sie inzwischen 18,8 Prozent des EU-Importwertes, bei Kohle sind es 29 Prozent. Die Amerikaner haben sich einen gewaltigen Teil des europäischen Energiemarktes gesichert. Brüssel spricht derweil weiter von Diversifizierung und Unabhängigkeit.
Europas Energieabhängigkeit von den USA in einer Grafik. pic.twitter.com/ep0OzIrE6a
— Ralph Schoellhammer (@ralph_schoelli) October 10, 2026
Ein gutes Geschäft für die USA
Besonders hübsch für die Brüsseler Erfolgserzählung: Russland bleibt mit 17,3 Prozent weiterhin der zweitgrößte LNG-Lieferant der Union. Ab Anfang 2027 sollen auch die verbliebenen langfristigen Flüssiggasverträge mit Moskau unter das vollständige Importverbot fallen, Ende September 2027 folgen grundsätzlich die langfristigen Pipelinegasverträge. Die EU treibt den endgültigen Bruch voran, obwohl die Amerikaner den LNG-Markt bereits dominieren. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Lieferunterbrechungen und den europäischen Sanktionen hat sich der Gasmarkt grundlegend verändert. Doch ausgerechnet die angebliche Befreiung von geopolitischen Abhängigkeiten lässt eine neue Konzentration entstehen. Und die dürfte in Washington durchaus willkommen sein.
Donald Trump hat allen Grund, sich über die europäische Energiepolitik zu freuen. Im Juli 2025 verständigte er sich mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf einen Handelsrahmen, der amerikanischen Energieunternehmen Geschäfte im Umfang von insgesamt 750 Milliarden Dollar bis Ende 2028 ermöglichen soll. Flüssiggas, Erdöl und nukleare Energieprodukte stehen dabei im Mittelpunkt. Über die tatsächlichen Käufe entscheiden private Unternehmen, die gigantische Summe ist eine politische Zielgröße. Doch die Richtung ist eindeutig: Trump will amerikanische Energie verkaufen, und Brüssel hat ihm einen riesigen Absatzmarkt in Aussicht gestellt. Der US-Präsident setzt die Interessen seiner Wirtschaft durch. Von der Leyen verkauft den Europäern das Ergebnis als Beitrag zur Versorgungssicherheit.
Eine sauteure Geschichte
Wie schnell alternative Lieferanten ausfallen können, demonstriert der Persische Golf. Katar deckte im vierten Quartal 2025 noch 10,1 Prozent der europäischen LNG-Importe ab. Im zweiten Quartal 2026 waren es gerade einmal 0,3 Prozent. Die Unterbrechungen der Flüssiggastransporte durch die Straße von Hormus haben dem Golfstaat einen massiven Einbruch bei den Lieferungen nach Europa beschert. Für Brüssel eine unangenehme Erinnerung daran, wie verwundbar internationale Energielieferketten sind. Wenn ausgerechnet jetzt auch noch russisches Gas vollständig verschwinden soll, gewinnen die verbliebenen Großlieferanten zusätzliches Gewicht. Allen voran die USA.
Billig ist dieser Kurs für die Europäer ebenfalls nicht. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) bezeichnet amerikanisches LNG im Durchschnitt als teuerste Flüssiggasquelle für europäische Käufer. Die Analysten halten es mittlerweile für möglich, dass die USA bis 2028 sogar 80 Prozent der EU-LNG-Importe abdecken könnten. Die IEEFA-Energieexpertin Ana Maria Jaller-Makarewicz brachte das Scheitern der europäischen Strategie im Mai auf den Punkt: Der Wechsel von Pipelinegas zu LNG sollte Versorgungssicherheit und eine größere Lieferantenvielfalt bringen. Die Störungen im Nahen Osten und die übermäßige Abhängigkeit von amerikanischem Flüssiggas hätten gezeigt, dass dieser Plan an beiden Zielen gescheitert sei. Ausgerechnet die versprochene Sicherheit wird damit zum nächsten Risiko.
Auch die Wissenschaft liefert den Eurokraten wenig Anlass zum Feiern. Eine im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Energy Policy veröffentlichte Untersuchung analysiert den amerikanisch-europäischen Energiedeal. Der bezeichnende Titel lautet „Green deal, American rules“ – Grüner Deal, amerikanische Regeln. Die Forscher zeigen anhand ihrer Modellrechnung, dass eine vollständige Umsetzung des Abkommens die Konzentration der europäischen Öl- und Flüssiggasimporte auf die USA massiv verstärken würde. Die strategische Eigenständigkeit Europas würde dadurch nicht wachsen. Zusätzlich bezweifeln sie, dass die Vereinigten Staaten die zugesagten Liefermengen ohne erhebliche Umleitung bestehender Exporte oder einen Ausbau ihrer Produktion überhaupt bereitstellen könnten.
Ideologie schlägt Vernunft
Zudem stehen Europas Energieimporte ohnehin unter erheblichem Preisdruck. Eurostat meldete für das zweite Quartal 2026 einen Anstieg des gesamten Energieimportwertes um 39,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die importierte Menge wuchs lediglich um 0,4 Prozent. Verantwortlich für den kräftigen Anstieg waren vor allem höhere Energiepreise, insbesondere beim Erdöl. Der wachsende amerikanische Marktanteil erklärt diese Preisentwicklung allein nicht. Er verschärft allerdings die Frage, wie gut Europa künftig noch verhandeln kann, wenn sich seine Lieferbeziehungen immer stärker auf wenige Anbieter konzentrieren.
Washington kann seine wachsende Stellung im europäischen Energiemarkt jedenfalls als wirtschaftlichen Erfolg verbuchen. Amerikanische Unternehmen gewinnen Kunden, und Trump verfügt über einen zusätzlichen Hebel in den Beziehungen zur EU. Gerade dieser US-Präsident hat schließlich mehrfach gezeigt, wie offensiv er wirtschaftliche Macht für politische Ziele einsetzt. Die Eurokraten kennen seine Zollpolitik nur zu gut. Weshalb also sollten sie ausgerechnet bei der Energieversorgung darauf vertrauen, dass Washington seine starke Position niemals in Verhandlungen ausspielen wird?
Jahrelang warnte Brüssel davor, dass Putin Europas Abhängigkeit von russischem Gas als politisches Druckmittel nutzen könnte. Die Gefahr war real. Nun schafft die EU bei Flüssiggas eine neue Konzentration auf eine andere Weltmacht. Donald Trump sichert amerikanischen Unternehmen Absatzmärkte und stärkt Washingtons wirtschaftliches Gewicht. Ursula von der Leyen darf weiterhin von einer eigenständigen Energieunion schwärmen. Brüssel wollte Putins Gashahn loswerden. Jetzt hängt Europa bei Flüssiggas immer stärker an amerikanischen Tankern. Die Eurokraten nennen das Unabhängigkeit. In Washington dürfte man darüber herzlich lachen.