Doch kein milder Winter in Europa? Polarwirbel könnte ungewöhnlich früh kollabieren

(C) Report24/KI

Ein ungewöhnlich starker El Niño, überdurchschnittlich warme Ozeane und Aussichten auf einen vergleichsweise milden Winter in Europa: Doch nun rechnen europäische Wettermodelle mit einem möglichen Zusammenbruch des Polarwirbels – und das so früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Ausgerechnet die starke Erwärmung des tropischen Pazifiks könnte dabei eine Rolle spielen. Statt milder Atlantikluft könnte Europa im weiteren Winterverlauf also auch eisige Kälte aus dem Osten abbekommen.

Eigentlich stehen die Aussichten auf einen relativ milden europäischen Winter gar nicht so schlecht. Immerhin sorgt der außergewöhnlich starke El Niño für erhebliche Veränderungen der globalen Luftströmungen, die sich auch auf die Wetterverhältnisse in Europa auswirken. Doch die jüngsten Berechnungen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF) liefern nun eine Überraschung. Schon Anfang November könnte der Polarwirbel über der Arktis derart stark geschwächt werden, dass sich die dortigen Westwinde komplett umkehren. Ein solches Ereignis wurde seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen im Jahr 1959 noch nie so früh registriert.

Der bisherige Frührekord stammt vom 28. November und wurde in den Jahren 1968 und 2025 verzeichnet. Nun rechnen 23 von 50 klassischen ECMWF-Ensembleläufen vom 26. Oktober bereits bis zum 10. November mit einer solchen Windumkehr. Der hochauflösende Hauptlauf sieht sie sogar schon am 6. November. Die KI-basierten AIFS-Modelle sind mit zwölf von 50 entsprechenden Berechnungen allerdings deutlich zurückhaltender. Der Polarwirbel selbst ist derzeit noch ungefähr normal ausgeprägt. Trotzdem wäre eine bestätigte Windumkehr Anfang November ein meteorologischer Rekord, der auch die bisherigen Erwartungen für den europäischen Winter durcheinanderbringen könnte.

Ein früher Polarwirbel-Kollaps könnte frostig werden

Denn wenn der Polarwirbel zusammenbricht, kann dies die großräumigen Luftströmungen auf der Nordhalbkugel erheblich verändern. Bei einer solchen plötzlichen Stratosphärenerwärmung (Sudden Stratospheric Warming, SSW) schwächen sich die Westwinde in rund 30 Kilometern Höhe stark ab oder drehen sogar ihre Richtung. Einige Wochen später können sich die Auswirkungen auch beim Wetter am Boden bemerkbar machen. Bilden sich beispielsweise stabile Hochdruckgebiete über Skandinavien oder Grönland, wird die milde Atlantikluft teilweise blockiert. Dann kann stattdessen eisige Luft aus dem arktischen Raum und aus Sibirien nach Mitteleuropa strömen. Im Februar 2018 führte eine solche Entwicklung zum berüchtigten „Beast from the East“, der große Teile Europas mit Frost und Schnee überzog.

Ausgerechnet der starke El Niño könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Laut der amerikanischen Wetterbehörde NOAA lagen die Wassertemperaturen im zentralen tropischen Pazifik im September bereits um 2,1 Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Im östlichen Pazifik wurden regional sogar Abweichungen von mehr als vier Grad gemessen. Solche gewaltigen Wärmemengen beeinflussen die atmosphärische Zirkulation über weite Entfernungen hinweg. Unter anderem können dadurch großräumige Wellenbewegungen verstärkt werden, die bis in die Stratosphäre vordringen und den Polarwirbel schwächen.

Schon Anfang Oktober hatte der britische Wetterdienst Met Office darauf hingewiesen, dass ein starker El Niño während des Winters ganz unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Während zunächst eher mildes, feuchtes und windiges Wetter begünstigt wird, steigt später die Wahrscheinlichkeit einer Schwächung des Polarwirbels. Damit wächst auch die Möglichkeit heftiger Kälteeinbrüche. Die gegenwärtigen ECMWF-Berechnungen zeigen allerdings eine mögliche Störung bereits für Anfang November, also deutlich früher als für solche Ereignisse üblich.

Große Unsicherheit

Das macht die aktuellen Saisonprognosen interessant. Der europäische Copernicus-Klimadienst rechnet weiterhin mit überdurchschnittlichen Wintertemperaturen für weite Teile Europas. Gleichzeitig zeichnen sich im späteren Winter Veränderungen der großräumigen Luftdruckverhältnisse ab, die auch Hochdruckblockaden in nördlichen Regionen begünstigen könnten. Die Berechnungen liefern jedoch keine Garantie für einen durchgehend milden Winter.

Doch schon wenige hundert Kilometer Unterschied bei der Position eines kräftigen Hochdruckgebiets können darüber entscheiden, ob Mitteleuropa eisige Ostwinde oder weiterhin relativ milde Atlantikluft abbekommt. Für Deutschland könnte eine längere Frostperiode angesichts der dürftig gefüllten Gasspeicher jedenfalls äußerst unangenehm werden. Die Energiepolitik hat das Land schließlich in eine Situation gebracht, in der ein milder Winter eine erhebliche finanzielle Entlastung wäre.

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