Deutschlands Gasspeicher zu leer: Schon eine kurze Kältewelle könnte gefährlich werden

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Deutschlands Gasspeicher sind Ende September nur zu 57,74 Prozent gefüllt. Der EU-Schnitt liegt bei 71,33 Prozent. Zwar sprechen die derzeitigen Saisonprognosen eher für einen milden Winter, doch eine kurze, scharfe Kältephase im Januar oder Februar könnte reichen, um die Lage deutlich zu verschärfen. INES zeigt in seinem Extremszenario: Selbst 77 Prozent Speicherfüllung zum 1. November könnten dann nicht genügen.

In den deutschen Speichern lagen Ende September lediglich rund 143 Terawattstunden Gas. Die Bundesnetzagentur meldet einen Füllstand von knapp 58 Prozent und damit deutlich weniger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre. Frankreich, Italien und Polen stehen erheblich besser da. Für ein Land, das seine Energieversorgung nach dem Ende russischer Pipelineimporte neu ordnen musste, ist das ein verdammt dünner Puffer. Dabei darf der reine Prozentwert nicht mit einer vollen Lieferfähigkeit verwechselt werden. Der Füllstand bezieht sich auf das Arbeitsgas, also jene Menge, die regulär ein- und ausgespeichert werden kann. Wichtig bei einer ordentlichen Kältewelle ist jedoch auch, wie schnell dieses Gas ins Netz gelangt. Je leerer ein Speicher wird, desto stärker sinkt technisch bedingt seine maximale Ausspeicherleistung.

Leere Speicher, niedrige Ausspeicherleistung

Eine im Mai veröffentlichte Analyse von Compass Lexecon für Uniper zeigt für den durchschnittlichen deutschen Speicher, wie deutlich dieser Effekt ausfallen kann. Bei 60 Prozent Füllstand stehen noch rund 99 Prozent der maximalen Ausspeicherleistung zur Verfügung, bei 40 Prozent etwa 85 Prozent, bei 30 Prozent 73 Prozent und bei 20 Prozent nur noch rund 58 Prozent. Die jeweilige Kurve unterscheidet sich je nach Speicher, die Richtung bleibt dieselbe: Deutschland startet den Winter diesmal deutlich näher an jenem Bereich, in dem nicht nur die Menge, sondern auch die tägliche Lieferleistung schrumpft. Die Initiative Energien Speichern (INES), der Verband der deutschen Speicherbetreiber, hatte die Lage bereits Anfang September als historisch schwach bezeichnet. Damals waren die deutschen Speicher erst zu rund 53 Prozent gefüllt. Anfang September 2025 waren es noch etwa 71 Prozent gewesen. INES hielt einen Füllstand von 77 Prozent zum 1. November technisch noch für erreichbar – allerdings nur bei deutlich höherem Einspeichertempo.

Davon ist Deutschland Ende September noch weit entfernt. Aus den aktuellen Speicherständen ergibt sich eine Arbeitsgaskapazität von rund 247,5 Terawattstunden. Für 70 Prozent müssten bis Anfang November noch rund 30 Terawattstunden hinzukommen. Für 77 Prozent wären es knapp 48 Terawattstunden. Und selbst diese 77 Prozent wären im Ernstfall keine Garantie. Bei durchschnittlichem Winterwetter wäre die Versorgung laut INES weitestgehend gesichert, die Speicher würden bis Anfang April auf rund 38 Prozent sinken. Im Szenario eines extrem kalten Wetterjahres entstehen dagegen im Januar zeitweise Versorgungslücken von mehr als 25 Prozent des Tagesbedarfs.

Sorgt El Niño für ein Wetterglück?

Ausgerechnet das Wetter könnte Deutschland zunächst entgegenkommen. Copernicus sieht in seiner September-Saisonprognose für weite Teile Europas erhöhte Wahrscheinlichkeiten für überdurchschnittliche Temperaturen. Auch die historischen Vergleichsjahre des derzeit außergewöhnlich starken El Niño sprechen eher gegen einen durchgehend kalten Winter. Der aktuelle El Niño gehört zu den stärksten Ereignissen der Messgeschichte. NOAA meldete bereits für August Temperaturabweichungen von +1,8 Grad Celsius in der Niño-3.4-Region, +2,5 Grad in Niño-3 und +3,4 Grad in Niño-1+2. Die stärkste Erwärmung konzentriert sich damit derzeit weit im Osten des tropischen Pazifiks. Für Herbst und Winter erwartet NOAA mit hoher Wahrscheinlichkeit einen sehr starken El Niño.

Die historischen Vergleichsjahre liefern zunächst Entspannung. Der deutsche Winter 1982/83 kam auf rund +1,5 Grad Celsius, 1997/98 auf knapp +3,0 Grad und 2015/16 auf rund +3,6 Grad. Ein milder Winter bleibt deshalb das wahrscheinlichste Szenario. Nur sagt das wenig darüber aus, was zwischendurch passieren kann. 1982/83 folgte auf einen Januar mit fast vier Grad Monatsmittel ein Februar mit rund minus 1,7 Grad. Noch drastischer verlief 1986/87: Im Dezember lag Deutschland bei rund +2 Grad, im Januar bei fast minus 6 Grad. 2009/10 brachte eine stark negative Nordatlantische Oszillation zusammen mit ausgeprägten Blockadelagen einen Januar von rund minus 3,7 Grad.

Längere Kältephasen könnten problematisch werden

Für die Gasversorgung zählt deshalb nicht nur der Wintermittelwert. Ein warmer Dezember schont zunächst die Speicher. Baut sich danach ein kräftiges Hoch über Skandinavien oder Grönland auf und wird die Atlantikströmung abgeschnitten, kann sich die Lage innerhalb weniger Tage drehen. Dann steigt der Heizbedarf ausgerechnet zu einem Zeitpunkt stark an, an dem die Speicher bereits deutlich geleert sein können und die Ausspeicherkapazitäten schwinden. Aus der aktuellen Modelllage und den historischen Vergleichsjahren ergibt sich derzeit als Einschätzung eine Wahrscheinlichkeit von grob 60 bis 70 Prozent für einen überdurchschnittlich milden Winter in Deutschland und Mitteleuropa. Rund 20 bis 25 Prozent entfallen auf einen Winter nahe dem heutigen langjährigen Mittel, etwa 10 bis 15 Prozent auf einen insgesamt kalten Winter.

Bei einer einzelnen markanten Kältephase liegt das Risiko höher. Für zwei bis drei Wochen ausgeprägte Nord-, Nordost- oder Ostlage im Verlauf des Winters erscheint derzeit eine Größenordnung von etwa 20 bis 30 Prozent plausibel. Das ist keine offizielle DWD-Prognose, sondern eine Einordnung auf Basis der aktuellen Saisonmodelle und historischer Vergleichsjahre. Auch das britische Met Office verweist darauf, dass ein starker El Niño für Nordwesteuropa eher einen milden und unbeständigen Beginn des Winters begünstigt, das Risiko von Kälteeinbrüchen später in der Saison jedoch steigen kann.

Der LNG-Markt ist hart umkämpft

Doch auf dem Weltmarkt wartet kein bequemer Rettungsanker. Reuters berichtete Mitte September über niedrige europäische Speicherstände und erhebliche Risiken für den globalen LNG-Markt. Störungen rund um die Straße von Hormus haben einen Teil der Lieferungen aus dem Golf ausgebremst. Bei einem kalten Winter müsste Europa stärker mit asiatischen Käufern um zusätzliche LNG-Ladungen konkurrieren. Das Ergebnis wäre absehbar: ein massiver und teurer Preiskampf um knappe Ladungen.

Deutschland verfügt zwar über mehr Importwege als noch vor wenigen Jahren. Norwegisches Pipelinegas, LNG-Terminals und zusätzliche Lieferquellen verringern die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten. VNG-Chef Ulf Heitmüller hält die Versorgung trotz der niedrigen Speicherstände weiterhin für gesichert, nennt aber selbst einen strengen Winter, globale Knappheit und Infrastrukturprobleme als Risiken.

Unterm Strich setzt Deutschland damit auf Wetterglück. Bleibt der Winter mild, dürfte die Versorgung durchhalten. Kommt die Kälte jedoch spät und hart, treffen hoher Verbrauch, niedriger Speicherstand und sinkende Ausspeicherleistung gleichzeitig aufeinander. Deutschland braucht dafür keinen Jahrhundertwinter. Zwei oder drei Wochen klirrende Kälte zur falschen Zeit würden genügen, um offenzulegen, wie knapp der Gaspuffer tatsächlich bemessen ist.

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