Der Iran-Krieg frisst Amerikas strategische Ölreserven auf. Innerhalb weniger Monate hat Washington fast ein Drittel seines Notvorrats verbraucht, während auch weltweit die Lagerbestände zusammenschmelzen. Die Regierungen werfen immer mehr Öl auf den Markt, um die Folgen der Energiekrise abzufedern. Doch damit verspielen sie ausgerechnet jenen Sicherheitspuffer, der sie vor dem nächsten gewaltigen Versorgungsschock schützen soll.
Amerika fährt beim Öl auf Reserve – und leert ausgerechnet diese Reserve immer weiter. Tief unter Texas und Louisiana schrumpfen die staatlichen Notvorräte inzwischen auf einen historischen Tiefstand. Gerade einmal 283 Millionen Barrel waren am 2. Oktober noch eingelagert, so wenig wie seit 1982 nicht mehr. Ende Februar waren es noch 415 Millionen Barrel gewesen, Ende 2009 sogar mehr als 726 Millionen. Der Krieg gegen den Iran hat in gut sieben Monaten rund 132 Millionen Barrel aus den US-Notlagern verschwinden lassen. Und ein Ende der Versorgungskrise ist weiterhin nicht in Sicht.
Schon Biden bediente sich ordentlich
Schon Joe Biden hatte 2022 nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine kräftig zugelangt. Damals ließ seine Regierung 180 Millionen Barrel verkaufen, um die angespannten Ölmärkte zu entlasten. Anschließend kaufte Washington lediglich rund 59 Millionen Barrel zurück. Als die USA und Israel Ende Februar 2026 den Iran angriffen und der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv einbrach, waren die Speicher noch nicht wieder gefüllt. Nun setzt Donald Trump die Entnahmen fort. Weitere 172 Millionen Barrel sagte Washington im März für eine internationale Krisenaktion zu. Zwar handelt es sich diesmal überwiegend um Öldarlehen, die Unternehmen später samt Aufschlag zurückzahlen müssen. Doch manche Rücklieferungen werden erst Ende 2028 fällig. Bis dahin bleibt die staatliche Reserve entsprechend geschwächt.
Amerikas Ölabsicherung wird damit immer dünner. Der Erdölingenieur Siddharth Misra von der Texas A&M University hält bereits einen Bestand von 250 bis 300 Millionen Barrel für technisch bedenklich. Das US-Energieministerium sieht zwar noch deutlich mehr Spielraum, doch der Zustand der jahrzehntealten Lageranlagen bereitet ohnehin Sorgen. Laut US-Rechnungshof GAO erreichten die Speicher Ende 2025 nur noch 61 Prozent ihrer ursprünglich vorgesehenen maximalen Entnahmeleistung. Beim Wiederbefüllen waren es sogar lediglich 56 Prozent. Für den Ankauf von rund 250 Millionen Barrel zur Auffüllung der Reserven stehen nach Schätzungen des Energieministeriums etwa 20 Milliarden Dollar auf der Rechnung. Der Kongress hatte zuletzt lediglich 171 Millionen Dollar für neue Ölkäufe bereitgestellt. Washington kann seine Notreserven rasch anzapfen. Beim Wiederauffüllen sieht die Sache erheblich schlechter aus.
Weltweit leeren sich die Ölvorräte
Die Amerikaner stehen mit diesem Problem allerdings nicht alleine da. Die Internationale Energieagentur (IEA) hatte im März die größte koordinierte Ölfreigabe ihrer Geschichte beschlossen: 400 Millionen Barrel sollten helfen, die Folgen des Iran-Krieges einzudämmen. Anfang Oktober drängten die Mitgliedstaaten auf eine beschleunigte Freigabe der noch ausstehenden Mengen von rund 100 Millionen Barrel. Vor allem Diesel wird dringend benötigt. Rund 325 Millionen Barrel waren bis dahin bereits auf den Markt gebracht worden, wobei einzelne Staaten ihre ursprünglichen Zusagen sogar übertroffen hatten. Und obwohl die IEA-Staaten weiterhin rund 1,1 Milliarden Barrel staatlich gehaltene Notreserven besitzen, wächst mit jeder weiteren Entnahme die Abhängigkeit von einer baldigen Entspannung der Versorgungslage.
Seit Februar haben sich die weltweit erfassten Ölvorräte laut IEA bis Ende August bereits um 507 Millionen Barrel verringert. Allein im August verschwanden weitere 95 Millionen Barrel aus den Lagern. Besonders heftig trifft es die Dieselversorgung. Der Krieg im Persischen Golf und die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien haben erhebliche Mengen vom Weltmarkt genommen. Rohöl lässt sich aus den strategischen Reserven freigeben, beschädigte Raffinerien lassen sich damit allerdings nicht ersetzen. Für Speditionen, Landwirte und Industriebetriebe bedeutet das weiterhin hohe Kosten. Am Ende landet die Rechnung bei den Verbrauchern.
Der Sicherheitspuffer schwindet
Selbst aus Saudi-Arabien kommen inzwischen düstere Warnungen. Amin Nasser, Chef des weltgrößten Ölkonzerns Saudi Aramco, bezifferte die seit Kriegsbeginn ausgefallenen Öllieferungen Anfang Oktober auf nahezu drei Milliarden Barrel. Mehr als eine Milliarde Barrel hätten die Marktteilnehmer zum Ausgleich bereits aus ihren Lagerbeständen entnommen. Der Großteil davon stammte aus kommerziellen Vorräten. Nach Nassers Angaben befinden sich weltweit weniger als sechs Milliarden Barrel in solchen Lagern, von denen wiederum ein erheblicher Teil für den laufenden Betrieb benötigt wird. Der Ölmanager sprach in London von einem erschreckend dünnen Sicherheitspuffer. Seine Warnung sollte aufhorchen lassen: Selbst wenn die Straße von Hormus wieder vollständig geöffnet wird, könnte es bis zu zwei Jahre dauern, die geschrumpften Bestände aufzufüllen.
Damit droht der Weltwirtschaft nach der aktuellen Ölkrise bereits die nächste Belastung. Denn irgendwann müssen die geleerten Lager wieder gefüllt werden. Die Staaten werden dann zusätzlich zum normalen Verbrauch riesige Ölmengen aufkaufen müssen. Ausgerechnet nach einer schweren Versorgungskrise könnte dadurch ein neuer Nachfrageschub entstehen, der die Preise länger hochhält. Besonders Europa, dessen Wirtschaft massiv von Importen abhängt, müsste die Folgen tragen. Gleichzeitig versuchen bereits asiatische Staaten, ihre eigenen Vorräte aufzustocken. Der Wettbewerb um verfügbare Lieferungen könnte damit weiter zunehmen.
Es zeigt sich wieder einmal, dass sich besonders die Europäer mit ihrem Klimawahn selbst sabotiert haben. Viele Ölfelder werden nicht mehr genutzt, neue Ölfelder kaum mehr erschlossen und in den letzten Jahren so viele wichtige Raffineriekapazitäten abgebaut, dass selbst die vorhandenen Ölreserven nicht rasch genug verarbeitet werden können. Darunter leiden nun die Bevölkerung und die Wirtschaft.