China hat inzwischen mehr Solar- als Kohlekraftwerksleistung installiert. Was in vielen Schlagzeilen wie ein historischer Sieg der Photovoltaik klingt, zeigt vor allem einen grundlegenden Denkfehler der Energiedebatte: Installierte Leistung ist nicht gleich erzeugter Strom. Und ein Gigawatt wetterabhängige Leistung ist für ein Stromnetz etwas völlig anderes als ein Gigawatt steuerbare Kraftwerksleistung.
Ende Juli meldete China 1.286 Gigawatt installierte Photovoltaikleistung. Damit lag Solar erstmals knapp vor der Kohle mit 1.285 Gigawatt. Auf dem Papier hatte die Sonne die Kohle damit überholt – um gerade einmal ein Gigawatt und ausschließlich bei der Nennleistung. Die Zahl klingt vielleicht eindrucksvoll, sagt aber wenig darüber aus, wie viel elektrische Energie tatsächlich erzeugt wird. Gigawatt messen Leistung, Terawattstunden dagegen die Strommenge über einen bestimmten Zeitraum. Ein Kraftwerk mit einem Gigawatt Leistung könnte bei ununterbrochenem Volllastbetrieb innerhalb eines Jahres 8,76 Terawattstunden Strom produzieren.
Bei Solar- und Windkraft bleibt dieser theoretische Wert weit entfernt. Nachts produzieren Solaranlagen überhaupt nichts, morgens und abends wenig, Wolken drücken die Leistung zusätzlich. Windräder wiederum liefern nur dann viel Strom, wenn die Windverhältnisse passen. Das US-Energieministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass Erzeugungskapazität lediglich die maximale Leistung eines Generators bezeichnet und nicht mit der tatsächlich erzeugten Strommenge verwechselt werden darf.
China's solar capacity exceeds its coal capacity!
— John Raymond Hanger (@johnrhanger) September 1, 2026
Coal also falls below 50% of China's electricity in first half of 2026, for first time ever. Coal generated 49.7%.
July 2026 Capacity
Solar 1288 GW
Coal 1285 GW
Wind 660 GW
Hydro 436 GW
Nuclear 61 GWhttps://t.co/oA4ZAEWd2f pic.twitter.com/KGKLZLUAcc
Chinas Zahlen zeigen die gewaltige Lücke
Ende Juni verfügte China bereits über rund 1.272 Gigawatt Photovoltaik. Diese gigantische Solarflotte erzeugte im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 655,5 Terawattstunden Strom. Die chinesischen Kohlekraftwerke kamen im selben Zeitraum auf rund 2.500 Terawattstunden. Damit erzeugte die Kohle trotz nahezu identischer installierter Leistung fast viermal so viel Strom wie die Photovoltaik. Selbst Wind und Solar zusammen erreichten nur ungefähr die Hälfte der Kohleverstromung. Kohle stellte im ersten Halbjahr weiterhin 49,7 Prozent der chinesischen Stromerzeugung. Der Vergleich der bloßen Gigawattzahlen verschleiert diesen Unterschied vollständig. Auf dem Papier stehen 1.286 Gigawatt Solar neben 1.285 Gigawatt Kohle. Doch in der Realität der Stromerzeugung sieht es ganz anders aus.
Noch deutlicher wird das bei den Vollbenutzungsstunden. Diese Kennzahl rechnet die tatsächliche Stromproduktion so um, als hätte das Kraftwerk während dieser Zeit ständig mit voller Nennleistung gearbeitet. Der China Electricity Council meldete für das erste Halbjahr 2026 bei Kernkraftwerken 3.598 Vollbenutzungsstunden. Kohlekraftwerke kamen auf 1.998 Stunden, Windkraft auf 917 und Photovoltaik lediglich auf 527 Stunden.
Auf die 4.344 Stunden des ersten Halbjahres umgerechnet entspricht dies ungefähr 83 Prozent bei Kernkraft, 46 Prozent bei Kohle, 21 Prozent bei Wind und zwölf Prozent bei Solar. Damit wird auch deutlich, warum der Vergleich installierter Kapazitäten so irreführend sein kann. Ein Gigawatt Kernkraft, Kohle, Wind oder Solar erscheinen in derselben Statistik zunächst als identische Größe. Bei der tatsächlichen Stromproduktion sind diese Gigawatt keineswegs gleichwertig.
Bei Kohle und Gas bedeutet geringe Auslastung etwas anderes
Dabei darf auch der Kapazitätsfaktor nicht als einzig wichtige Kennzahl betrachtet werden. Kohle- und Gaskraftwerke laufen heute häufig nicht deshalb weniger, weil sie keinen Strom liefern könnten. Sie werden gedrosselt, weil ihre Produktion steuerbar ist. Wird viel Wind- oder Solarstrom ins Netz eingespeist, können konventionelle Kraftwerke ihre Leistung reduzieren. Fällt die wetterabhängige Produktion wieder ab, können sie hochgefahren werden. Gerade Gaskraftwerke werden teilweise gezielt für Spitzenlasten oder zur Netzstabilisierung vorgehalten und erreichen deshalb mitunter geringe jährliche Kapazitätsfaktoren.
Ein niedriger Kapazitätsfaktor bedeutet bei einem solchen Kraftwerk daher etwas völlig anderes als bei einer Solaranlage. Das Gaskraftwerk steht möglicherweise still, weil sein Strom gerade nicht benötigt wird. Die Solaranlage steht nachts still, weil sie mangels Sonnenlicht einfach keinen Strom erzeugen kann. Die US-Energiebehörde EIA beschreibt genau diesen Zusammenhang. Mit einem steigenden Anteil wetterabhängiger Stromerzeugung verändert sich die Fahrweise konventioneller Kraftwerke. Anlagen, die früher über lange Zeiträume gleichmäßig liefen, müssen ihre Produktion zunehmend dem schwankenden Restbedarf anpassen.
Verfügbarkeit entscheidet
Für ein Stromnetz zählt nicht nur, wie viel Energie über ein Jahr hinweg erzeugt wird. Entscheidend ist ebenso, ob Leistung dann verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird. Ein Gaskraftwerk kann zehn Stunden stillstehen und in der elften Stunde Leistung liefern, wenn die Nachfrage steigt. Eine Solaranlage kann um Mitternacht nicht hochgefahren werden – unabhängig davon, ob im Land 100, 1.000 oder 2.000 Gigawatt Photovoltaik installiert sind.
Auch eine massive Überdimensionierung ändert daran nichts. Mehr Solarmodule liefern an sonnigen Mittagen mehr Strom, nachts bleibt die Produktion trotzdem bei null. Mehr Windräder liefern bei guten Windverhältnissen mehr Strom, während großräumige Flauten weiterhin kaum Ertrag bringen. Eben deshalb reicht es nicht, bei der Energieversorgung lediglich installierte Gigawatt gegeneinander aufzurechnen. Ein Stromsystem benötigt jederzeit ausreichend verfügbare Leistung. Überschüsse am Mittag helfen wenig, wenn am Abend Millionen Haushalte und Betriebe weiterhin Strom benötigen.
China zeigt die Realität hinter den Rekordzahlen
China demonstriert diesen Unterschied derzeit besonders deutlich. Kein anderes Land hat eine derart gewaltige Solarflotte aufgebaut. Trotzdem hält Peking gleichzeitig an einer riesigen Kohlekraftwerksflotte fest. Das ist kein Widerspruch. Die Kohlekraftwerke liefern steuerbaren Strom, wenn Wind und Sonne nicht genügend Energie bereitstellen. Dass ihre durchschnittliche Auslastung sinkt, bedeutet nicht automatisch, dass sie überflüssig werden. Ein Teil ihrer Aufgabe besteht nämlich gerade darin, die schwankende Erzeugung aus Wind- und Solarkraftwerken auszugleichen.
So steht am Ende eine bemerkenswerte Zahlenspielerei: China besitzt inzwischen etwas mehr Solar- als Kohlekraftwerksleistung. Trotzdem erzeugt die Kohle noch immer fast viermal so viel Strom wie die Photovoltaik und deckt rund die Hälfte der gesamten Stromproduktion. Ein Gigawatt ist auf dem Papier immer ein Gigawatt. Für die reale Stromversorgung ist jedoch viel wichtiger, wie viele Stunden dieses Gigawatt an Leistung tatsächlich auch Elektrizität liefert – und ob es dann verfügbar ist, wenn der Strom auch tatsächlich gebraucht wird.
