„Biker und Hausfrauen“ zeigen Präsenz: Im Gespräch mit der Nachbarschaftswache in Wien

Heiko Köchel ist Mitbegründer der Nachbarschaftswache Cizekplatz (C) Kontrafunk

Nach Berichten über Gewalt, Drogenhandel und Einschüchterungen rund um den Cizekplatz in Wien-Donaustadt haben Anrainer und Motorradfahrer eine eigene Initiative gestartet. Sie wollen Präsenz zeigen, Vorfälle dokumentieren und Informationen an die Polizei weitergeben. Mitinitiator Heiko Köchel schildert im Gespräch, warum die Bürger aktiv wurden, weshalb sich die Situation seiner Wahrnehmung nach bereits verändert hat und wie man das „Stadtbild“ zurückerobern kann.

Seit Jahren sorgen Berichte über Sicherheitsprobleme rund um den Cizekplatz in Wien-Donaustadt für Unruhe unter Anrainern. Bewohner berichten von aggressiven Jugendgruppen, Vandalismus, Einschüchterungen und Gewalttaten. Zuletzt erlitt ein Mann bei einer Attacke schwere Verletzungen. Während Polizei und Bezirk eine Beruhigung der Situation konstatierten, fühlen sich nach Darstellung Betroffener weiterhin zahlreiche Menschen alleingelassen.

Nun haben Bürger selbst eine Initiative ins Leben gerufen. Motorradfahrer, Anrainer und nach Darstellung der Beteiligten auch ganz gewöhnliche Hausfrauen wollen gemeinsam Präsenz zeigen. Sie begleiten Kinder und ältere Menschen und verstehen ihre Tätigkeit ausdrücklich nicht als Ersatz für die Polizei. Einer der Mitinitiatoren ist Heiko Köchel.

Überfall brachte den Stein ins Rollen

Köchel stammt aus Brandenburg an der Havel und lebt nach eigenen Angaben seit 2019 in Österreich. Ursprünglich kam er beruflich ins Land, um Sicherheitskräfte in Hotels auszubilden. Während der Corona-Lockdowns sei sein damaliger Auftrag weggefallen, woraufhin er sich entschlossen habe, dauerhaft in Österreich zu bleiben.

Von den Problemen rund um den Cizekplatz erfuhr Köchel über seinen Bekanntenkreis. Eine nahegelegene BP-Tankstelle dient Motorrad- und Autofahrern als regelmäßiger Treffpunkt. Eines Abends habe die Gruppe erfahren, dass zwei Freunde am Cizekplatz zusammengeschlagen worden seien. Daraufhin seien mehrere Personen zum Platz gefahren, während sich die Verletzten bereits im Krankenhaus befanden.

Vor Ort seien sie von Jugendlichen beschimpft und respektlos behandelt worden. Gespräche mit Bewohnern hätten dann ein Bild ergeben, das weit über einen einzelnen Vorfall hinausging. Anrainer hätten berichtet, dass manche Menschen abends nicht mehr mit ihrem Hund hinausgehen wollten. Außerdem schildert er mutmaßlichen Drogenhandel: Personen würden spätabends mit E-Rollern durch die Straßen fahren und durch Klingeln oder Hupen auf sich aufmerksam machen. Alte Fahrzeuge und Roller würden als Übergabepunkte oder Lager genutzt.

Auch bei einem Treffpunkt für kleine Kinder habe es wiederholt Schwierigkeiten gegeben. Eltern hätten die Polizei verständigt, jedoch ohne ausreichenden Erfolg. Schließlich seien Kinder nicht mehr dorthin gebracht worden. Nach mehreren Stunden mit Anrainern sei für Köchel und seine Mitstreiter festgestanden: Sie wollten selbst aktiv werden.

Präsenz statt Selbstjustiz

Besonders hellhörig wurden die Beteiligten nach Köchels Schilderung, als jemand an sie herangetreten sei, der einen der mutmaßlichen Schläger kannte. Dieser habe sich entschuldigen wollen und darum ersucht, Anzeigen zurückzuziehen. Die Initiative habe daraufhin deutlich gemacht, dass die Vorfälle Konsequenzen haben müssten. Man habe verhindern wollen, dass Opfer oder Nachbarn eingeschüchtert würden und deshalb gegenüber der Polizei schwiegen.

Seitdem zeigen die Bürger nach eigenen Angaben jeden Abend ab 17 Uhr Präsenz. Köchel betont dabei ausdrücklich, niemanden angreifen, beschimpfen oder bedrohen zu wollen. Vielmehr gehe es darum, vor Ort zu sein, Anrainer zusammenzubringen und Informationen für die Polizei zu sammeln und weiterzuleiten.

Die Initiative wächst. Immer wieder kämen Menschen aus der Umgebung vorbei, die über Medien oder soziale Netzwerke von der Aktion erfahren hätten. Sie würden sich dazusetzen und dabei teilweise Nachbarn kennenlernen, die nur wenige Straßen entfernt wohnen und ähnliche Erfahrungen gemacht hätten.

Für Köchel ist das auch eine Wiederentdeckung klassischer Nachbarschaft: Früher habe man gewusst, wer in der Umgebung wohnt und welche Jugendlichen zu welchen Familien gehören. Dieses Gemeinschaftsgefühl entstehe nun teilweise wieder. Entscheidend sei aber, dass die Bürger nicht selbst die Aufgaben der Exekutive übernehmen. „Ohne Gewalt“ lautet seine Vorgabe; für die eigentliche Klärung sei die Polizei zuständig.

Eingreifen nur bei unmittelbaren Angriffen

Ganz passiv bleibt die Gruppe allerdings nicht. Wenn Köchel beobachte, dass jemand einen anderen Menschen angreife, gehe er dazwischen. Lasse sich der Angreifer nicht beruhigen, würde er ihn nach eigener Aussage zu Boden bringen und fixieren, während andere die Polizei rufen. Anschließend werde der Betreffende der Exekutive übergeben und eine Aussage gemacht.

Als Beispiel nennt er einen Vorfall mit einer nach seiner Darstellung psychisch kranken Frau, die mit einem Schraubendreher in der Tasche mehrfach auf eine etwa 18- oder 19-jährige Frau losgegangen sei. Die Initiative habe daraufhin Straßen beziehungsweise Wege blockiert, um zu verhindern, dass sich die Frau ihrem mutmaßlichen Opfer erneut nähert, bis die Polizei eintraf. Außerdem würden Fotos und Videos angefertigt und anschließend den Beamten übergeben.

Köchel hofft, dass es sich dabei um einen Ausnahmefall gehandelt habe. Die problematischen Gruppen hätten inzwischen erkannt, dass die Bürger aktiv seien. Gleichzeitig sei die zuständige Wohnungsbaugesellschaft informiert worden. Einige Familien hätten bereits Abmahnungen erhalten und würden sich deshalb zunehmend zurückziehen.

Verhältnis zur Polizei hat sich offenbar verbessert

Das Verhältnis zur Polizei beschreibt Köchel als zunächst schwierig. Anfangs sei die Initiative von Beamten teilweise pauschal als „Motorradgang“ wahrgenommen worden. Er habe darauf reagiert, indem er die Beamten aufgefordert habe, selbst vorbeizukommen und sich ein Bild von der Lage zu machen.

Inzwischen habe sich das Verhältnis nach seiner Darstellung deutlich gewandelt. Die Polizei fahre regelmäßig Streife, kümmere sich um Vorfälle und erkundige sich bei den Bürgern, ob sie etwas beobachtet hätten. Gleichzeitig habe der offene Drogenhandel in der Gegend offenbar abgenommen. Personen, die zuvor an verschiedenen Stellen verkauft hätten, seien zunehmend verschwunden oder hätten ihre Aktivitäten zumindest vor Ort eingestellt.

Die Bürgerinitiative fungiere dabei gewissermaßen als zusätzliches Paar Augen und Ohren. Polizisten hätten darauf hingewiesen, dass ihnen bei manchen Vorfällen schlicht die Beweise fehlten. Bis eine Streife nach anderen Einsätzen eintreffe, sei ein Geschehen oftmals bereits beendet. Hinweise, Fotos und Videos der Anrainer könnten deshalb helfen, Vorgänge zu dokumentieren und Ermittlungen zu ermöglichen.

Köchel sieht starken Zusammenhang mit Migration

Auf die Frage nach dem Migrationshintergrund der problematischen Jugendlichen äußert sich Köchel deutlich. Nach seiner persönlichen Einschätzung spiele dieser bei rund 80 Prozent der betreffenden Personen eine Rolle. Er nennt insbesondere Menschen beziehungsweise Familien mit Herkunft aus Afghanistan, Serbien und Syrien. Zugleich betont er, dass auch Österreicher und andere zugewanderte Europäer Teil solcher Gruppen seien.

Köchel führt die Probleme dabei auf mangelnden Respekt, fehlende Hemmschwellen sowie Integrationsdefizite zurück. Manche Jugendliche aus Österreich würden sich den Gruppen anschließen, weil sie deren Verhalten als attraktiv empfänden oder Konflikte mit ihnen vermeiden wollten. Dadurch bestehe aus seiner Sicht die Gefahr, dass weitere Jugendliche in diese Strukturen hineingezogen werden.

„Wegschauen“ ist keine Lösung

Kritik an Bürger- und Nachbarschaftswachen weist Köchel zurück. In seinen sechs Jahren in Wien habe er nach eigener Darstellung immer wieder erlebt, dass Menschen Probleme wahrnähmen und sich darüber beklagten, letztlich aber nicht handelten. Dieses Wegschauen führe seiner Ansicht nach dazu, dass sich die Situation weiter verschlechtere.

Auch die öffentliche Darstellung seiner Initiative sieht er kritisch. Manche Menschen hätten den Eindruck gewonnen, Motorradfahrer würden mit Baseballschlägern durch das Viertel fahren. Dies entspreche nicht dem, was die Gruppe tatsächlich macht. Er lädt Kritiker deshalb ein, sich die Initiative vor Ort anzusehen und mit den Beteiligten zu sprechen.

Seine Botschaft geht jedoch über den Cizekplatz hinaus. Bürger, die Sicherheitsprobleme in ihrem eigenen Wohngebiet wahrnehmen, sollten aus seiner Sicht Kontakt mit der örtlichen Polizei aufnehmen und klären, auf welche Weise sie deren Arbeit unterstützen könnten. Köchels Modell versteht sich damit nicht als Bürgerwehr neben dem Staat, sondern als organisierte Nachbarschaft, die hinsieht, dokumentiert, meldet und auf die Tätigkeit der zuständigen Behörden drängt.

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