Ceuta-Invasion: Militär warnte Madrid – Innenminister bestreitet Vorwarnung

(C) Report24/KI

Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte nach der Invasion von Ceuta, kein Geheimdienst habe vor etwas auch nur annähernd Vergleichbarem gewarnt. Doch „The Objective“ berichtet unter Berufung auf Quellen im spanischen Generalstab, dass der Militärgeheimdienst CIFAS bereits am 27. Juli einen massiven Angriff auf die Grenze als „höchstwahrscheinlich“ einstufte – und das drei Tage vor dem Zusammenbruch am Tarajal. Während die sozialistische Führung in Madrid weiter um ihre Version der Ereignisse kämpft, will die Audiencia Nacional inzwischen wissen, welche Warnungen tatsächlich vorlagen und wer davon wusste.

Am 30. Juli brach die spanische Außengrenze bei Ceuta zusammen. Zehntausende Menschen strömten aus Marokko in die nur rund 85.000 Einwohner zählende spanische Exklave, viele schwimmend um die Grenzanlagen von El Tarajal, andere in der Masse über die Übergänge und Küstenbereiche. Die Zahlen wurden anschließend mehrfach nach oben korrigiert.

Am 4. August erklärte Grande-Marlaska schließlich, insgesamt seien rund 72.000 Menschen illegal nach Ceuta gelangt, von denen nach seinen Angaben rund 70.000 bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt seien – was jedoch späteren Berichten zufolge nicht der Wahrheit entsprach. Mindestens 75 Menschen seien auf spanischer Seite ums Leben gekommen. Report24 hatte bereits über den vollständigen Kontrollverlust an der EU-Außengrenze und die gewaltigen Dimensionen der Invasion berichtet.

Marlaska erklärte anschließend, die Dimension der Invasion sei nicht vorhersehbar gewesen. Weder der spanische Geheimdienst CNI noch irgendein anderer spanischer oder europäischer Nachrichtendienst habe einen entsprechenden Hinweis geliefert. Zwar seien steigende Einreisezahlen erwartet worden, doch nichts habe auf ein Ereignis hingedeutet, das mit dem Grenzsturm von 2021 vergleichbar gewesen wäre – geschweige denn auf 72.000 Menschen. Der Innenminister nannte die Ereignisse „außergewöhnlich“ und „beispiellos“ und erklärte ausdrücklich, bei einer entsprechenden frühzeitigen Warnung hätte Madrid Notfallmaßnahmen zur Sicherung der Grenze getroffen.

CIFAS schrieb drei Tage vorher: „höchstwahrscheinlich“

Genau diese Darstellung bekommt nun ein erhebliches Problem. „The Objective“ berichtet unter Berufung auf Quellen im Estado Mayor de la Defensa, dem spanischen Generalstab, dass das Centro de Inteligencia de las Fuerzas Armadas (CIFAS) bereits am 27. Juli eine Nachricht verfasst hatte. Darin sei ein massiver Angriff auf die Grenze rund um die marokkanische Fiesta del Trono, den Throntag König Mohammeds VI., als „altamente probable“ – höchstwahrscheinlich – eingestuft worden. Drei Tage später marschierten die Menschenmassen tatsächlich in Richtung Ceuta.

Die Meldung soll vom Grupo de Trabajo del Área de Marruecos, also jener CIFAS-Arbeitsgruppe, stammen, die sich ausgerechnet mit Marokko beschäftigt. Noch interessanter ist der technische Weg des Dokuments: Die Nachricht sei im militärischen System SC2N registriert worden. Dieses nationale Führungs- und Kontrollsystem hinterlässt nach Angaben der von „The Objective“ zitierten Quellen eine elektronische Spur darüber, wer ein Dokument einstellt, wer darauf zugreift und ob es anschließend gelöscht wird. Das könnte für einige Beteiligte noch unangenehm werden. Denn politische Gedächtnislücken sind eine Sache – protokollierte Zugriffe auf ein militärisches Informationssystem eine andere.

Noch ist die CIFAS-Notiz selbst nicht öffentlich freigegeben worden. Die Enthüllung stützt sich auf Quellen aus dem Generalstab. Sollte die Audiencia Nacional das Dokument anfordern, dürfte sich allerdings relativ schnell klären lassen, ob es existiert, wann es eingestellt wurde und wer darauf Zugriff hatte. Gerade deshalb ist die Geschichte für Marlaska weitaus gefährlicher als irgendeine politische Wortklauberei darüber, was man unter einer „konkreten Warnung“ verstehen möchte.

Die Grenze stand längst unter massivem Druck

Selbst ohne CIFAS musste man Ende Juli schon sehr entschlossen wegsehen, um von der Entwicklung in Ceuta überrascht zu werden. Der Departamento de Seguridad Nacional (DSN), der direkt zum Apparat der spanischen Regierung gehört, veröffentlichte am 17. Juli die offiziellen Migrationszahlen des Innenministeriums. Bis zum 15. Juli waren demnach bereits 2.826 Menschen illegal auf dem Landweg nach Ceuta gelangt. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es 1.133 gewesen – ein Anstieg um rund 150 Prozent. Zusammen mit Melilla lagen die illegalen Landankünfte bei 2.991 und damit etwa 140 Prozent über dem Vorjahreswert.

Marlaska selbst bestätigte später noch eine andere Zahlenreihe. Zwischen dem 29. Juni und dem 12. Juli seien rund 500 Einreiseversuche registriert worden. Vom 13. bis zum 26. Juli waren es bereits 1.300. Binnen zwei Wochen hatte sich die Zahl damit weit mehr als verdoppelt. Parallel warnte die Guardia Civil öffentlich vor den Folgen eines Urteils des Obersten Gerichtshofs, das unmittelbare Zurückweisungen von Migranten erschwerte, die Ceuta schwimmend erreichten. Bereits am 15. Juli zitierten spanische Medien Beamte mit der Warnung: „Das kann jederzeit kollabieren.“ Zu diesem Zeitpunkt waren allein im ersten Halbjahr 2.582 illegale Landankünfte in Ceuta registriert worden, 164 Prozent mehr als im Vorjahr.

Und während diese Zahlen nach oben schossen, klappte nicht einmal der geplante personelle Ausbau der Grenzsicherung. Für den Sommer sollten am Tarajal 20 zusätzliche Polizisten eingesetzt werden. Anfang Juli waren davon gerade einmal drei Stellen besetzt. Polizeigewerkschaften führten dies darauf zurück, dass versetzte Beamte Reise und Unterkunft teilweise selbst hätten bezahlen müssen. Die bestehende Mannschaft sollte den sommerlichen Hochbetrieb also weitgehend allein stemmen – an einer Grenze, an der sich die Zahl der illegalen Übertritte gerade vervielfachte. „Außergewöhnlich“ war am 30. Juli vor allem die Größenordnung. Dass sich an dieser Grenze etwas zusammenbraute, stand dagegen längst in den eigenen Statistiken der Regierung.

Erst verschwanden die Berichte, dann tauchten sie wieder auf

Noch merkwürdiger wurde die Geschichte nach der Invasion. Zwei Berichte des Departamento de Seguridad Nacional vom 11. und 17. Juli, in denen genau diese stark steigende Migrationsbewegung dokumentiert worden war, waren plötzlich nicht mehr öffentlich abrufbar. Wer die weiterhin existierenden Adressen aufrief, bekam lediglich „Acceso denegado“ – Zugriff verweigert angezeigt. Auch aus dem allgemeinen öffentlichen Verzeichnis des DSN waren die Meldungen verschwunden, während Google sie weiterhin indexiert hatte.

Nachdem „The Objective“ am 6. August darüber berichtete, ging es erstaunlich schnell: Nur wenige Stunden später waren die beiden Berichte wieder da. Der Bericht vom 17. Juli ist auch jetzt wieder auf der offiziellen Seite des DSN abrufbar und weist schwarz auf weiß die 2.826 illegalen Einreisen nach Ceuta und den Anstieg um 150 Prozent aus. Eine öffentlich nachvollziehbare Erklärung dafür, warum beide Dokumente ausgerechnet während der Debatte über angeblich nicht vorhandene Vorwarnungen mehrere Tage lang gesperrt waren, liegt bislang nicht vor.

Das war nicht einmal der erste seltsame Umgang des DSN mit Informationen über Ceuta. Am 31. Juli veröffentlichte die Kommunikationsverantwortliche der Behörde auf der offiziellen Webseite eine Meldung, wonach innerhalb von 24 Stunden schätzungsweise mehr als 49.000 Menschen illegal nach Ceuta gelangt seien. Die Meldung wurde kurz darauf gelöscht. Die Beamtin wurde nach Recherchen von „El País“ noch am selben Tag telefonisch aus dem Amt entfernt – während ihres Urlaubs. Inzwischen spricht selbst Marlaska von insgesamt 72.000 Einreisen.

Man muss keine Verschwörungstheorie bemühen, um darin ein höchst interessantes Muster zu erkennen: Erst verschwindet eine offizielle Meldung über das Ausmaß der Invasion samt ihrer Verfasserin, anschließend sind ausgerechnet jene Regierungsberichte nicht mehr zugänglich, die den massiven Anstieg an der Grenze bereits Wochen zuvor dokumentiert hatten. Nach der öffentlichen Berichterstattung darüber sind die Dokumente plötzlich wieder online.

Jetzt will eine Richterin die Warnungen sehen

Inzwischen beschäftigt sich auch die Audiencia Nacional mit der Sache. Richterin María Tardón ordnete am 5. August an, dass die Informationsabteilung der Guardia Civil detailliert mitteilen soll, ob ihre Einheiten in Ceuta in den Tagen vor dem 30. und 31. Juli Erkenntnisse erhalten hatten, die vor dem bevorstehenden Massenansturm hätten warnen können. Zuvor hatte sie bereits von der Nationalpolizei einen Bericht verlangt, um zu klären, ob hinter der Invasion eine abgestimmte oder von einer kriminellen Organisation gesteuerte Aktion stand.

Ausgangspunkt sind Vorermittlungen nach einer Anzeige von Iustitia Europa. Die Organisation will unter anderem mögliche Straftaten gegen die Staatssicherheit, Förderung illegaler Migration, Menschenhandel, organisierte Kriminalität und eine mögliche Unterlassung der Strafverfolgung untersucht wissen. Tardón stellte in ihrer Entscheidung fest, dass die bislang vorliegenden Vorgänge Merkmale aufweisen, die auf eine mögliche Straftat hindeuten könnten. Das bedeutet noch keine Anklage gegen Marlaska oder andere Regierungsmitglieder, sehr wohl aber: Die Frage nach den Warnungen wird nicht mehr nur in Talkshows und Parlamenten gestellt.

In sozialen Medien werden bereits die Artikel 404, 408 und 450 des spanischen Strafgesetzbuches ins Spiel gebracht – Amtsmissbrauch beziehungsweise Rechtsbeugung durch Amtsträger, vorsätzliche Unterlassung der Strafverfolgung und die unterlassene Verhinderung bestimmter Straftaten. Eine CIFAS-Warnung allein erfüllt diese Tatbestände noch nicht automatisch. Viel interessanter wäre der Nachweis einer Entscheidungskette: Wer kannte die Warnung, wer entschied anschließend was und wurden Sicherheitskräfte trotz konkreter Erkenntnisse bewusst nicht rechtzeitig eingesetzt? Denn genau dort könnte aus einem simplen politischen Versagen eine strafrechtlich relevante Angelegenheit werden.

Marlaska und Robles müssen erklären, wer was wusste

Auch parlamentarisch wächst der Druck. Der vom zentristischen PP dominierte Senat hat Innenminister Marlaska, Verteidigungsministerin Margarita Robles und Außenminister José Manuel Albares zur Ceuta-Krise vorgeladen. Die Regierung möchte ihre Minister dagegen erst zwischen dem 25. und 28. August im Kongress auftreten lassen und versuchte, die früheren Senatstermine abzuwenden. Senatspräsident Pedro Rollán warnte die Minister inzwischen schriftlich vor möglichen Konsequenzen, sollten sie einer ordnungsgemäßen Vorladung ohne ausreichende Begründung fernbleiben.

Dabei geht es längst um mehr als die Frage, ob Madrid ein paar zusätzliche Polizisten hätte schicken sollen. Report24 hatte bereits die Möglichkeit analysiert, dass Marokko die Migration erneut als politisches Druckmittel gegen Spanien eingesetzt haben könnte. Die spanischen Behörden waren mit einer explosionsartig steigenden Zahl illegaler Grenzübertritte konfrontiert, Polizisten warnten vor einem bevorstehenden Kollaps, die eigenen Sicherheitsberichte dokumentierten die Entwicklung und nach den neuesten Enthüllungen hielt der Militärgeheimdienst einen Grenzansturm drei Tage vorher sogar für „höchstwahrscheinlich“. Trotzdem behauptete Marlaska anschließend, kein Nachrichtendienst habe etwas Vergleichbares vorhergesehen. Vielleicht setzt die sozialistische Führung in Madrid deshalb so große Hoffnungen auf die „richtige Interpretation“ ihrer Worte. Das SC2N dürfte sich für Interpretationen allerdings weniger interessieren als für Fakten.

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