Washington versichert weiterhin, die US-Streitkräfte verfügten über genügend Waffen für jeden notwendigen Einsatz. Gleichzeitig melden Reuters, die Washington Post und das Center for Strategic and International Studies (CSIS) bei mehreren der wertvollsten Raketensysteme dramatisch geschrumpfte Bestände. Der Iran-Krieg legt damit ein Problem offen, das über Jahre gewachsen ist: Die Vereinigten Staaten verschießen moderne Präzisionswaffen erheblich schneller, als ihre Rüstungsindustrie sie ersetzen kann.
Reuters veröffentlichte am Dienstag Zahlen, die selbst für die größte Militärmacht der Welt bemerkenswert sind. Nach Angaben mehrerer mit den Beständen vertrauter Personen hat die US Army im fünfmonatigen Krieg gegen den Iran „praktisch alle“ verfügbaren ATACMS und Precision Strike Missiles (PrSM) eingesetzt. Wie viele Raketen tatsächlich noch in den Depots liegen, wollten die Quellen nicht nennen. Beide Systeme gehören zu den wichtigsten bodengestützten Präzisionswaffen der Army. ATACMS erreichen Ziele in mehreren hundert Kilometern Entfernung, die neueren PrSM sollen sie schrittweise ersetzen und noch größere Reichweiten ermöglichen. Jede dieser Raketen kostet mehr als eine Million Dollar.
Das Problem beschränkt sich längst nicht auf diese beiden Systeme. Nach Reuters-Angaben haben die Vereinigten Staaten seit Kriegsbeginn auch etwas weniger als die Hälfte ihres weltweiten Bestands an Tomahawk-Marschflugkörpern verschossen. Die Washington Post berichtete unter Berufung auf US-Regierungsquellen sogar von mehr als 850 Tomahawks allein im ersten Kriegsmonat, dazu mehr als 1.300 taktische ballistische Raketen der Army in den ersten Wochen. Gerade solche Waffen erlauben Angriffe aus großer Entfernung, ohne Piloten über stark verteidigtes Gebiet schicken zu müssen. Werden sie knapp, bleiben weiterhin Bomben und andere wesentlich zahlreicher vorhandene Waffen – allerdings müssen die Flugzeuge dafür näher an ihre Ziele heran.
🚨BREAKING: Fox’s Jennifer Griffin just aired exact U.S. missile stockpile numbers live
— Right Pulse News (@RightPulseNewss) August 7, 2026
“Patriot interceptors down to 759-827… THAAD at 234-278”
THIS PUTS AMERICAN TROOPS IN DANGER! 🔥🇺🇸🚨 pic.twitter.com/PTtivYzaJL
Bei Patriot und THAAD wird es eng
Noch heikler sieht es bei der Raketenabwehr aus. Das CSIS schätzte Ende Juli, dass den US-Streitkräften inzwischen weniger als 1.000 Patriot-Abfangraketen und nur noch rund 250 THAAD-Interceptor zur Verfügung stehen. Zwischen Februar und Juli sollen rund 65 Prozent der Patriot-Bestände verbraucht worden sein; bei THAAD lag der verbliebene Bestand mindestens 38 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Reuters konnte die geheim gehaltenen Inventarzahlen selbst nicht einsehen, zwei mit den internen US-Daten vertraute Quellen bestätigten jedoch, dass die CSIS-Schätzungen mit den Regierungszahlen übereinstimmen.
Report24 hatte bereits in der Anfangsphase des Iran-Krieges auf eben dieses Problem hingewiesen. Damals ging CSIS-Experte Mark Cancian noch von etwa 1.600 Patriot-Abfangraketen aus. Gleichzeitig wurden die Systeme bereits in der Ukraine gebraucht, US-Stützpunkte im Nahen Osten mussten gegen iranische Raketen geschützt werden und amerikanische Verbündete standen ebenfalls auf der Bestellliste. Fünf Monate später ist aus dem damaligen Engpass ein ernsthaftes strategisches Problem geworden.
Der Ukraine-Krieg hat dazu beigetragen, allerdings weniger umfassend, als häufig behauptet wird. Laut einer aktuellen CSIS-Analyse wurden seit 2022 rund 600 Patriot-Abfangraketen an die Ukraine geliefert; ein Teil stammte aus amerikanischen Beständen, andere wurden neu produziert oder von europäischen Staaten bereitgestellt. Hinzu kamen ATACMS – amerikanische Medien sprechen von mehreren hundert Stück – und große Teile der verfügbaren Stinger-Bestände. Bei den meisten anderen der insgesamt 102 von Washington an Kiew gelieferten Waffenkategorien spielt die Ukraine für die derzeitigen Engpässe bei strategischen Raketen dagegen kaum eine Rolle. Der massive Verbrauch im Iran hingegen hat die Lage bei Patriot, THAAD, PrSM, Tomahawk und anderen Hochleistungswaffen erheblich verschärft.
The United States has used nearly all of its stockpile of long-range precision missiles during the war with Iran, according to a CBS News report citing U.S. officials. The weapons affected include the Army Tactical Missile System (ATACMS) and the Precision pic.twitter.com/CTSnv9DXXQ
— IBTimes UK (@IBTimesUK) August 7, 2026
Jahrzehntelang für kurze Kriege geplant
Die eigentliche Ursache reicht noch weiter zurück. Nach dem Ende des Kalten Krieges richtete Washington seine Streitkräfte auf begrenzte regionale Kriege aus. Riesige Munitionslager und Produktionsanlagen für einen langwierigen Krieg gegen eine Großmacht galten als teuer und überflüssig. Parallel schrumpfte die amerikanische Rüstungsindustrie gewaltig: Nach Angaben des CSIS sank die Zahl der großen Luftfahrt- und Rüstungs-Hauptauftragnehmer von 51 auf gerade einmal fünf. Produktionslinien wurden auf effiziente Friedensfertigung getrimmt, Reserven und kurzfristig aktivierbare Kapazitäten verschwanden. Als nach der Eskalation in der Ukraine 2022 plötzlich wieder massenhaft Munition gebraucht wurde, ließ sich diese Entwicklung nicht einfach rückgängig machen.
Und Amerika hat seitdem reichlich geschossen. Unter Joe Biden verschoss die US Navy im Kampf gegen die Huthi Hunderte SM-2-, SM-3- und SM-6-Abfangraketen sowie mindestens 135 Tomahawks. Viele weitere hochwertige Abfangraketen wurden 2024 gegen iranische Angriffe auf Israel eingesetzt. Im Zwölf-Tage-Krieg 2025 feuerten die US-Streitkräfte laut CSIS rund 150 THAAD-Interceptor ab. Ukraine, Huthi, Iran und andere Einsätze trafen damit auf eine Rüstungsindustrie, deren Produktionskapazität schon vor diesen Kriegen kaum auf einen solchen Verbrauch ausgelegt war.
Die Trump-Regierung versucht inzwischen mit gewaltigen Summen gegenzusteuern. Ende Juli wurde ein Rahmenvertrag mit Lockheed Martin im Umfang von bis zu 58,6 Milliarden Dollar für Patriot-Abfangraketen bekannt. Anfang August folgte ein mehr als drei Milliarden Dollar schweres Abkommen mit Lockheed Martin und Northrop Grumman zur Ausweitung der Produktion wichtiger Patriot- und THAAD-Komponenten. Das Kriegsministerium will die Patriot-Kapazität langfristig verdreifachen und die THAAD-Produktion vervierfachen. Bei Tomahawk soll die jährliche Produktion für die USA von derzeit nur etwa 60 Stück auf letztlich 1.000 steigen.
Die Betonung liegt auf langfristig. Selbst mit Milliardenaufträgen stehen morgen keine zusätzlichen Raketen im Depot. Das CSIS rechnet damit, dass in Sachen Patriot, THAAD und Tomahawk unter den derzeitigen Lieferplänen mindestens drei Jahre benötigt werden, um wieder auf das Niveau von vor dem Iran-Krieg zu kommen. Rheinmetall-Chef Armin Papperger erklärte erst am Freitag, auch die geplante deutsch-amerikanische ATACMS-Produktion könne die amerikanischen Arsenale nicht kurzfristig auffüllen. Zwei Jahre würden dafür keinesfalls reichen. Erste Umsätze aus der gemeinsamen Produktion mit Lockheed Martin erwartet Rheinmetall überhaupt erst 2028.
Milliarden gegen leere Depots
Washington öffnet deshalb die Geldschleusen. Für den laufenden Iran-Krieg fordert das Weiße Haus zusätzlich 67 Milliarden Dollar vom Kongress. Nach von Bloomberg ausgewerteten Pentagon-Unterlagen sollen allein 18,2 Milliarden Dollar davon in die Wiederauffüllung hochwertiger Raketenbestände fließen. Vorgesehen sind demnach 5,75 Milliarden Dollar für THAAD-Interceptor, 5,57 Milliarden für PAC-3-MSE-Patriot-Raketen und 1,9 Milliarden Dollar für SM-6. Das CSIS brachte das Problem bereits auf den Punkt: Geld ist inzwischen weniger das Problem als Zeit. Zwischen Bestellung und Auslieferung moderner Raketen liegen häufig zwei bis vier Jahre.
Wie ernst Washington den industriellen Engpass nimmt, zeigt ein weiterer ungewöhnlicher Schritt. Das Pentagon führte Gespräche mit General Motors, Ford und anderen großen amerikanischen Industriekonzernen darüber, ob sie Teile ihrer Produktionskapazitäten für Waffen und militärische Komponenten einsetzen könnten. Im Juni aktivierte Trump zusätzlich den Defense Production Act, um Engpässe bei Raketenmotoren, Zündsystemen, Elektronik und anderen kritischen Komponenten schneller zu beseitigen. Im Juli folgte eine weitere Anordnung zur Absicherung heimischer Lieferketten für strategisch wichtige Materialien. Wenn das Kriegsministerium in Detroit anklopft, geht es längst nicht mehr um ein paar fehlende Kisten Artilleriemunition.
Donald Trump weist Berichte über leere amerikanische Arsenale dennoch zurück. Die USA hätten „massive Mengen“ an Munition, erklärte er diese Woche; das Kriegsministerium betont ebenfalls, die Streitkräfte verfügten über alles, was sie zur Durchführung ihrer Aufträge benötigten. Das muss kein völliger Widerspruch sein: An Bomben, Artilleriemunition und zahlreichen anderen Waffen mangelt es Amerika nicht. Kritisch sind bestimmte hochwertige Systeme, die in einem Krieg gegen China, Russland oder Nordkorea kaum kurzfristig ersetzt werden könnten. Eben diese strategischen Raketen wurden in den vergangenen Jahren in außergewöhnlichem Tempo verbraucht.
Darin liegt inzwischen das militärstrategische Risiko. Die Vereinigten Staaten können den Krieg gegen den Iran nach Einschätzung des CSIS mit ihren vorhandenen Waffen weiterführen. Ein gleichzeitig ausbrechender größerer Konflikt im westlichen Pazifik wäre eine andere Rechnung. Milliarden lassen sich vom Kongress bewilligen. Die dafür benötigten THAAD-, Patriot- oder Tomahawk-Raketen lassen sich deshalb trotzdem nicht binnen Wochen bauen.






