Ende September, mitten in der eigentlichen Hurrikan-Hochsaison – und im gesamten Atlantik hat sich 2026 noch kein einziger Hurrikan gebildet. Das gab es zu diesem Zeitpunkt seit 112 Jahren nicht mehr. Die bisherige Sturmenergie liegt satte 93 Prozent unter dem langjährigen Normalwert. Neben El Niño, Windscherung und trockener Luft könnte ausgerechnet eine ungewöhnlich stabile Atmosphäre die Entwicklung der Wirbelstürme zusätzlich ausbremsen.
Sechs benannte Tropenstürme, null Hurrikane, null schwere Hurrikane. So sieht die Bilanz des Atlantiks am 22. September aus. Arthur, Bertha, Cristobal, Dolly, Edouard und Fay schafften allesamt den Sprung zur Hurrikanstärke nicht. Noch eindrucksvoller ist der sogenannte ACE-Wert, der Stärke und Lebensdauer tropischer Wirbelstürme zusammenfasst: Er liegt 2026 bislang bei gerade einmal 6,2. Das sind 93 Prozent weniger als zu diesem Zeitpunkt normalerweise zu erwarten wären. Nach dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020 fehlen dem Atlantik zu diesem Zeitpunkt vier Hurrikane und zwei schwere Hurrikane.
Seit 1914 musste der Atlantik nicht mehr so lange auf den ersten Hurrikan warten. Am 21. September war 2026 die erste Atlantiksaison seit 1914, die bis zu diesem Datum keinen einzigen Hurrikan hervorgebracht hatte. In der seit 1966 satellitengestützten Beobachtungsära wurde der bisherige Rekord für den spätesten ersten Hurrikan ohnehin bereits am 11. September gebrochen. 1914 war eine der nur zwei bekannten Atlantiksaisonen seit Beginn der Aufzeichnungen 1851, in denen überhaupt kein Hurrikan registriert wurde. Die andere war 1907. Bei derart alten Daten bleibt allerdings ein Vorbehalt: Über dem offenen Ozean könnten damals Wirbelstürme unentdeckt geblieben sein.
Tropensturm Fay hätte die historische Serie beinahe beendet. Das System erreichte Windgeschwindigkeiten von rund 110 Kilometern pro Stunde und blieb damit knapp unter der Hurrikan-Schwelle. Danach brach Fay regelrecht zusammen. Starke Windscherung und trockene Luft hatten dem Sturm den Saft abgedreht.
🏆 WE DID IT! 🏆
— Chris Martz (@ChrisMartzWX) September 21, 2026
For the first time since 1914, there have been no North Atlantic hurricane formations by September 21st.
Fay did not attain hurricane strength overnight, and has since weakened, with maximum sustained wind speeds dropping from 70 to 50 mph. Weakening is… pic.twitter.com/Os9Ldd2ziv
El Niño sorgt für Ruhe im Atlantik
Der Hauptgrund für die ungewöhnliche Flaute liegt Tausende Kilometer entfernt im Pazifik. Dort verstärkt sich derzeit ein außergewöhnlich kräftiger El Niño. NOAA meldete im September für die zentrale Niño-3.4-Region deutlich überdurchschnittliche Wassertemperaturen. Für Herbst und Winter sieht die Behörde eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für einen besonders starken El Niño. Dessen Wirkung auf den Atlantik ist seit langem bekannt: Er verändert die großräumigen Windströmungen und erhöht die vertikale Windscherung. Junge tropische Systeme werden dadurch auseinandergezogen, bevor sie sich zu kräftigen Wirbelstürmen organisieren können. Auch 1914/1915 war eine El-Niño-Saison.
Dazu kam in diesem Jahr immer wieder trockene Luft aus Richtung Sahara. Hurrikane brauchen enorme Mengen feuchter Luft und hochreichende Gewitter. Dringt trockene Luft in die Zirkulation ein, kann diese Entwicklung schnell abgewürgt werden. Auch einfach nur warme Meere reichen offenbar nicht. Über dem tropischen Atlantik war die Atmosphäre 2026 ungewöhnlich stabil. Die „Washington Post“ verweist darauf, dass der Temperaturunterschied zwischen unteren und oberen Schichten der Troposphäre seit Beginn der Hurrikansaison der zweitkleinste seit Beginn der entsprechenden Datenreihe im Jahr 1940 war. Dadurch steigt warme, feuchte Luft schlechter auf. Ohne diese gewaltigen aufsteigenden Luftmassen fehlen auch jene Gewittertürme, aus denen sich Tropenstürme und Hurrikane entwickeln.
Erwärmt sich die obere Troposphäre stärker als die Luft darunter, schrumpft das Temperaturgefälle. Die Atmosphäre wird stabiler und der vertikale Luftaustausch schwächer. Hurrikanforscher Michael Lowry hält es laut „Washington Post“ für möglich, dass diese Entwicklung dazu beiträgt, den Höhepunkt der Atlantiksaison weiter nach hinten in Richtung Oktober und November zu verschieben. Meteorologe Andy Hazelton sieht ebenfalls ein auffälliges Muster seit etwa 2010. Ob daraus bereits ein dauerhafter Trend abgeleitet werden kann, ist bislang offen.
No hurricanes by Sept 21st for the first time since 1914.
— Wall Street Mav (@WallStreetMav) September 22, 2026
USAID gets defunded, now this happens. 🤨 Coincidence? pic.twitter.com/pS6w6NrmDl
Trockene Bedingungen auf den Karibikinseln
Warmes Meerwasser allein macht eben noch keinen Hurrikan. Es liefert Energie, doch ohne passende Luftfeuchtigkeit, geringe Windscherung, genügend atmosphärische Instabilität und geeignete großräumige Strömungen passiert erstaunlich wenig. Der Atlantik ist warm – und trotzdem bleibt die große Hurrikan-Maschine bislang stehen. Selbst NOAA hatte die Ruhe in diesem Ausmaß nicht erwartet. Anfang August setzte die Behörde die Wahrscheinlichkeit einer unterdurchschnittlichen Atlantiksaison bereits auf 75 Prozent herauf. Trotzdem rechnete sie noch immer mit zwei bis sechs Hurrikanen, bis zu zwei schweren Hurrikanen und einem saisonalen ACE von 30 bis 90 Prozent des Medians. Fast sieben Wochen später steht die Hurrikan-Zahl weiterhin bei null.
Für einige Karibikinseln hat die Flaute allerdings eine unangenehme Nebenwirkung. Tropische Systeme liefern dort während der Saison erhebliche Regenmengen. Laut „Washington Post“ hat sich die Trockenheit seit Juni verschärft, teilweise gerade weil die üblichen Tropenstürme ausgeblieben sind. An den Küsten der USA dürfte sich die Trauer darüber in Grenzen halten: Bislang gab es weder einen Atlantik-Hurrikan noch entsprechende Sturmfluten und Milliardenschäden.
Die Saison läuft noch bis Ende November. Ein später Hurrikan kann also immer noch entstehen, wenngleich es derzeit noch nicht so aussieht. Doch die bisherige Bilanz steht: 93 Prozent weniger Sturmenergie, null Hurrikane und die längste Flaute seit 112 Jahren. Warmes Atlantikwasser war reichlich vorhanden. Doch das allein reicht nicht aus.
