Netto-Null bis 2050 gehört längst zum festen Inventar westlicher Politik. Regierungen beschließen Ausstiegsdaten, Verbote und Billionenprogramme, ohne den vollständigen Bedarf an Kraftwerken, Speichern, Netzen, Rohstoffen und Arbeitskräften offenzulegen. Der Ökonom Tore Andøl hat genau diese Rechnung aufgemacht – und kommt zu einem vernichtenden Ergebnis.
Die Rechnung des norwegischen Ökonomen beginnt mit der heutigen Wirklichkeit. Die Menschheit verbraucht jährlich rund 600 Exajoule Energie, rund 86 Prozent davon stammen weiterhin aus Öl, Gas und Kohle. Der fossile Anteil ist seit 2015 zwar leicht gesunken, der absolute Verbrauch fossiler Energieträger legte im selben Zeitraum jedoch um etwa 13.500 Terawattstunden zu. Allein dieser zusätzliche Verbrauch entspricht ungefähr dem Sechsfachen der jährlichen Öl- und Gasförderung auf dem norwegischen Kontinentalschelf.
Wind und Solar wachsen ebenfalls kräftig, allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau. Solarenergie deckt nach Andøls Auswertung rund 1,7 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs, Windkraft etwa 1,6 Prozent. Trotz der enormen Ausbauzahlen wuchsen Öl, Gas und Kohle in absoluten Mengen stärker. Im Jahr 2025 kam nach den Daten des Energy Institute erneut mehr als die Hälfte des weltweiten Verbrauchszuwachses aus fossilen Quellen. Auch die CO2-Emissionen steigen weiter. Seit dem Pariser Klimaabkommen nahmen die energiebedingten Emissionen laut Andøl um rund neun Prozent zu. Die Welt hat den fossilen Verbrauch nicht ersetzt, sondern zusätzlich Windräder, Solaranlagen und Wasserkraftwerke gebaut. Europas Politiker reden vom Ausstieg, während der globale Energiehunger ungebremst wächst.
Zwölf Terawatt müssen ständig verfügbar sein
Andøl rechnet für das Jahr 2050 mit einem weltweiten Energiebedarf von rund 370 Exajoule. Diese Zahl liegt deutlich unter einer einfachen Fortschreibung des heutigen Verbrauchs, weil sie die höheren Wirkungsgrade elektrischer Geräte, Motoren und Heizsysteme berücksichtigt. Viele Energieverluste heutiger Verbrennungstechnologien würden durch eine Elektrifizierung tatsächlich verschwinden. Gleichzeitig unterstellt er ein jährliches Wachstum der nutzbaren Energienachfrage von lediglich einem Prozent – eben weil solche Effizienzeffekte dämpfend wirken.
Doch selbst mit diesen – für die Vertreter der Netto-Null-Ideologie – günstigen Annahmen müsste die Welt 2050 ständig etwa zwölf Terawatt Leistung bereitstellen. Nicht gelegentlich, nicht nur bei Sonnenschein und nicht nur dann, wenn auch tatsächlich genügend Wind weht. Industrie, Krankenhäuser, Wasserwerke, Verkehr, Landwirtschaft, Kühlketten und Kommunikationsnetze benötigen jederzeit Strom. An diesem Punkt aber endet die Milchmädchenrechnung mit installierten Gigawatt an Leistung und beginnt die Frage nach tatsächlich verfügbarer Energie.
Politiker vergleichen gerne die Nennleistung eines Solarparks mit jener eines Gas-, Kohle- oder Kernkraftwerks. Damit wird verschleiert, dass ein Solarmodul nachts gar nichts und ein Windrad bei Flaute kaum etwas liefert. Entscheidend ist nicht die Zahl auf dem Typenschild, sondern die gesicherte Leistung eines Kraftwerks (siehe auch unsere Analyse hier). Dafür braucht es Speicher, Reservekraftwerke oder gewaltige Überkapazitäten.

Eine Million neue Windräder wären nur der Anfang
Für seine Modellrechnung teilt Andøl die künftige Versorgung zwischen Wind, Solar und Kernkraft auf. Bis 2050 müssten demnach jährlich jeweils rund 210 Gigawatt Wind- und Solarleistung hinzukommen. Beim Wind wären das ungefähr 40.000 neue Anlagen mit je fünf Megawatt – Jahr für Jahr, ein Vierteljahrhundert lang. Am Ende stünden mehr als eine Million zusätzliche Windräder auf der Welt herum, die jedoch je nach Verschleiß nach etwa 10 bis 20 Jahren wieder ausgetauscht werden müssen.
Der Flächenbedarf wäre ebenfalls enorm. Andøl kalkuliert mit rund 80.000 Quadratkilometern für Solaranlagen und etwa 415.000 Quadratkilometern für Windparks. Straßen, Leitungen, Umspannwerke, Wartungsflächen, Speicher und neue Hochspannungsnetze kommen noch hinzu. Offshore-Anlagen verringern zwar den Landverbrauch, erhöhen dafür aber Bau-, Wartungs- und Anschlusskosten.
Der jährliche Solarausbau von zuletzt rund 500 Gigawatt zeigt, dass die Produktion großer Mengen an Modulen grundsätzlich möglich ist. Daraus folgt jedoch nicht, dass sich dieser Ausbau über Jahrzehnte beliebig fortsetzen lässt. Bestehende Anlagen müssen nach Ablauf ihrer Lebensdauer ersetzt werden, während gleichzeitig neue Kapazitäten hinzukommen sollen. Kupfer, Aluminium, Stahl, Silizium, seltene Metalle, Fachkräfte, Schiffe, Kräne und Netzanschlüsse stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Mehr als ein neuer Atomreaktor pro Tag
Wind und Solar allein sichern keine durchgehende Versorgung. Andøl setzt deshalb zusätzlich genügend Kernkraftleistung an, um den Bedarf auch bei fehlender wetterabhängiger Produktion zu decken. Seine Rechnung ergibt rund 420 neue Reaktoren mit jeweils einem Gigawatt Leistung pro Jahr. Das wären mehr als ein neuer großer Reaktor pro Tag und mehr als 10.000 Reaktoren bis 2050. Die gesamte heute betriebene Kernkraftwerksflotte der Welt verfügt nur über knapp 400 Gigawatt Leistung.
Im Bau befinden sich derzeit rund 80 Gigawatt. Andøls Szenario verlangt somit jedes Jahr ein Mehrfaches der gegenwärtig weltweit im Bau befindlichen Kapazität. Dafür fehlen nicht nur Geld und politische Genehmigungen, sondern auch Hersteller, Spezialisten, Lieferketten und geeignete Standorte. Und auch die Versorgung mit ausreichend spaltbarem Brennmaterial (Uran) ist in dieser Kalkulation noch eine unsichere Variable. Denn schon jetzt reicht die jährliche Förderung kaum aus, um den Bedarf zu decken.
Einige Annahmen seiner Modellrechnung sind angreifbar. Nicht jede Kilowattstunde Wind- und Solarstrom benötigt zwingend eine eigene Kilowattstunde Kernkraft als direkte Reserve, sofern Netze, Wasserkraft, flexible Verbraucher, Gaskraftwerke und Speicher zusammenspielen. Doch auch dann verschwindet das Problem nicht. Es verteilt sich lediglich auf zusätzliche Leitungen, Reservekapazitäten und Speicher, die ebenfalls gebaut und bezahlt werden müssen.
Daraus ergibt sich eine Frage, der die grüne Energiewende gerne ausweicht: Weshalb soll eine Volkswirtschaft parallel ein wetterabhängiges Kraftwerkssystem und eine nahezu vollständig gesicherte Reserve aufbauen? Kernkraftwerke liefern rund um die Uhr Strom. Werden sie ohnehin für Flauten und Nächte benötigt, sinkt der wirtschaftliche Nutzen einer zusätzlich errichteten riesigen Wind- und Solarflotte erheblich.
Batterien retten die Rechnung nicht
Batteriespeicher eignen sich gut, um Strom für einige Stunden zu verschieben. Sie können Mittagsspitzen auffangen, Frequenzen stabilisieren und kurzfristige Schwankungen ausgleichen. Eine moderne Volkswirtschaft muss jedoch nicht nur die Nacht, sondern auch mehrere Tage mit geringer Wind- und Solarproduktion überstehen. Bei längeren Dunkelflauten wächst der Speicherbedarf auf Größenordnungen, die in den politischen Ausbauplänen kaum vorkommen. Auch hierfür haben wir bereits eine Analyse vorgenommen.
Für eine hauptsächlich mit Solarenergie und Batterien versorgte Welt errechnet Andøl einen notwendigen jährlichen Solarausbau von rund 2.300 Gigawatt. Hinzu kämen etwa 8.000 Gigawattstunden neue Batteriespeicher pro Jahr. Das wäre ungefähr das Dreißigfache des Speicherzubaus von 2025 – und würde gerade einmal genügend Energie für einen normalen Tag ohne ausreichende Solarproduktion bereitstellen.
Bei heutigen Preisen würden diese Batterien jährlich rund eine bis eineinhalb Billionen Dollar kosten. Also rein nur der Bau und die Installation. Ein zweiter Puffertag verdoppelt die Rechnung, eine Woche vervielfacht sie. Batterien verschleißen zudem und müssen ersetzt werden – und die dafür benötigten natürlichen Ressourcen stehen dafür nicht einmal ansatzweise bereit. Ein System, das nur mit immer neuen Billioneninvestitionen wenige zusätzliche Stunden Versorgungssicherheit gewinnt, kann nicht als billige Energieversorgung verkauft werden.
Auch der häufig thematisierte Stromaustausch mit Nachbarländern löst das Problem nur begrenzt. Großwetterlagen erfassen ganze Regionen, nicht einzelne Windparks. Wenn Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Dänemark gleichzeitig wenig Wind haben, hilft die nächste Grenzleitung nicht weiter. Strom kann nur importiert werden, wenn anderswo tatsächlich ein Überschuss besteht.
Mehr als 60 Billionen Dollar für die Stromerzeugung
Andøl schätzt allein die Kosten der benötigten Stromerzeugungsanlagen auf mehr als 60 Billionen (also 60.000 Milliarden) Dollar. Und schon das ist günstig gerechnet, da die stark erhöhte Nachfrage nach den dafür benötigten Materialien auch die Preise dafür in die Höhe treiben wird. Netzausbau, Speicher, Reservekraftwerke und die Elektrifizierung der Verbraucher sind darin zudem noch nicht vollständig enthalten. Fahrzeuge, Heizungen, Stahlwerke, Chemieanlagen, Schiffe, Baumaschinen, Landmaschinen und Teile des Flugverkehrs müssten ersetzt oder grundlegend umgebaut werden. Auch die Herstellung von Dünger und Grundstoffen würde deutlich mehr Strom benötigen.
Damit erreicht die Rechnung Größenordnungen von mehreren globalen Jahreswirtschaftsleistungen. Doch Geld allein würde das Problem ebenfalls nicht lösen. Es fehlen Produktionskapazitäten, Rohstoffe, Ingenieure, Facharbeiter, Häfen, Leitungen und Genehmigungsverfahren. Die regierenden Politiker können Billionenprogramme für den totalen energetischen Umbau beschließen, aber keine zehntausende Kernkraftwerke, Millionen Windräder und weltumspannende Stromnetze herbeidrucken.
Die laufenden Ersatzinvestitionen werden ebenfalls völlig unterschätzt. Windräder, Solarmodule und Batterien müssen nach einigen Jahrzehnten erneuert werden und ein Großteil davon kann zudem nicht einmal wirklich recycelt werden. Der gewaltige Ausbau würde 2050 nicht enden. Ein großer Teil der bis dahin errichteten Anlagen müsste dann bereits wieder ersetzt werden. Und das laufend, jährlich, mit einem weiterhin hohen finanziellen und ressourcentechnischen Aufwand.
Der fossile Ausstieg wird zur Versorgungsgefahr
Andøl warnt deshalb vor einem vorschnellen Ende neuer Öl- und Gasprojekte. Bestehende Felder verlieren jedes Jahr einen Teil ihrer Förderleistung. Ohne Investitionen in neue Quellen und Fördergebiete sinkt das Angebot, lange bevor eine vollständige Ersatzversorgung verfügbar wäre. Das Ergebnis wären massiv steigende Preise, Versorgungsengpässe und neue geopolitische Abhängigkeiten.
Reiche Staaten könnten sich die knappen Energieträger zunächst noch leisten. In armen Ländern träfen höhere Preise unmittelbar Landwirtschaft, Düngemittelproduktion, Kühlung, Transport und Lebensmittelversorgung. Doch eben dort entscheidet eine bezahlbare Energieversorgung über die wirtschaftliche Entwicklung, die Gesundheit und die Lebenserwartung. Eine künstlich erzeugte Versorgungslücke würde dabei nicht das Klima retten, sondern zuerst die Ärmsten treffen.
Andøls Warnung vor Milliarden Toten bei einem abrupten Ölausstieg mag vielleicht übertrieben sein. Der Kern seiner Aussage bleibt dennoch richtig: Öl und Gas sind nicht nur Treibstoffe. Sie werden für Düngemittel, Kunststoffe, Medikamente, Bauprodukte, Maschinen, Transporte und unzählige industrielle Prozesse benötigt. Ein politisch erzwungener Ausstieg ohne ausreichend verfügbaren Ersatz hätte Folgen, die weit über höhere Stromrechnungen hinausgehen.
Netto-Null scheitert an der industriellen Realität
Netto-Null bis 2050 verlangt nach Andøls Modell einen Kraftwerks- und Infrastrukturausbau, den keine Volkswirtschaft der Geschichte auch nur annähernd bewältigt hat. Die Rechnung setzt bereits hohe Effizienzgewinne und ein gedämpftes Nachfragewachstum voraus. Trotzdem bleiben Millionen Anlagen, zehntausende Reaktoren, riesige Speicher, neue Netze und Kosten von weit über 60 Billionen Dollar. Westliche Regierungen beantworten diese Größenordnung mit Verboten, CO2-Steuern und immer neuen Zieljahren. Eine belastbare Vollkostenrechnung legen sie nicht vor.
Stattdessen werden Wind- und Solarstrompreise präsentiert, bei denen Speicher, Reservekraftwerke, Netzstabilisierung und Ersatzinvestitionen fehlen. So lässt sich jede Technologie billig rechnen. Die Welt wird Windkraft, Solarenergie, Kernkraft, Wasserkraft, Öl, Gas und Kohle noch lange parallel benötigen. Technischer Fortschritt kann den fossilen Anteil schrittweise senken. Ein erzwungener Ausstieg innerhalb von 25 Jahren gefährdet dagegen Versorgung, Wohlstand und politische Stabilität. Netto-Null ist kein realistischer Energieplan. Es ist ein politisches Ziel ohne ausreichende Kraftwerke, ohne bezahlbare Speicher und ohne industrielle Grundlage.






