Dem Iran droht die wichtigste Devisenquelle wegzubrechen. Im September wurde laut vorläufigen Tankerdaten kein iranisches Rohöl mehr auf Tanker verladen, gleichzeitig stürzt der Rial von einem Rekordtief zum nächsten. US-Finanzminister Scott Bessent behauptet inzwischen, Teheran werde diese Woche erstmals überhaupt „kein Öl auf dem Wasser“ und damit keine neuen Öleinnahmen haben. Donald Trump erhöht den Druck auf die iranische Führung damit genau dort, wo es besonders wehtut: beim Geld.
Die iranische Ölindustrie steht vor dem Kollaps. Im August wurden noch rund 250.000 Barrel iranisches Rohöl pro Tag auf Tanker verladen. Im September dann gar nichts mehr. Zu diesem Ergebnis kamen vorläufige, von Bloomberg ausgewertete Tankerdaten; auch Kpler und Vortexa registrierten keine neuen iranischen Rohöl-Verladungen. Weil iranische Tanker ihre Positionssignale teilweise erst lange nach dem Auslaufen einschalten, können sich die Zahlen noch ändern. Der Einbruch gegenüber den Vormonaten ist trotzdem deutlich erkennbar.
Die US-Seeblockade trifft damit den wirtschaftlichen Lebensnerv des Iran. Vor dem Krieg floss ein großer Teil des iranischen Öls nach China, trotz jahrelanger Sanktionen und immer neuer Versuche Washingtons, dieses Geschäft auszutrocknen. Seit Mitte Juli soll laut Kpler kein iranischer Rohöltanker mehr die amerikanische Blockadelinie Richtung Asien passiert haben. Damit schafft die Blockade, was die Sanktionen über Jahre nicht geschafft hatten: Sie bringt den Ölstrom Richtung Asien weitgehend zum Erliegen. Die Blockade der Straße von Hormus mag zwar den Handel der arabischen Golfstaaten massiv eingeschränkt haben – doch auch der Iran selbst hat nun seine wichtigste wirtschaftliche Lebensader verloren.
Die Wirtschaftskrise verschärft sich
Ganz versiegt sind die Lieferungen nach China allerdings noch nicht. Teheran hatte größere Mengen Rohöl in schwimmenden Lagern vor Asien gebunkert und konnte daraus weiter Käufer bedienen. Dieser Vorrat ist endlich. Wird verkauft, ohne dass neues Öl nachkommt, leert sich der Puffer. Bessent glaubt, dass Teheran inzwischen an diesem Punkt angekommen ist. „Zum ersten Mal überhaupt, seit sie mit der Ölförderung begonnen haben, wird der Iran diese Woche kein Öl mehr auf See haben“, sagte der US-Finanzminister im Gespräch mit Axios-Gründer Mike Allen. Seine Schlussfolgerung fiel noch deutlicher aus: „Sie werden keine Einnahmen mehr haben.“
Der Rial zeigt, unter welchem Druck die iranische Wirtschaft bereits steht. Am Samstag waren für einen US-Dollar zeitweise rund 2,688 Millionen Rial fällig, nach 2,632 Millionen am Vortag. Binnen eines Jahres verlor die iranische Währung mehr als die Hälfte ihres Außenwertes, die Inflation liegt inzwischen bei mehr als 70 Prozent. Die Zentralbank will deshalb über staatliche Banken bis zu zwei Milliarden Dollar verkaufen. Viele Iraner sichern ihre Ersparnisse derweil mit Dollar und Gold.
Washington greift zugleich weitere Einnahme- und Finanzkanäle an. Das US-Finanzministerium nahm am 1. Oktober Teile der iranischen Auto-, Bahn-, Stahl- und Fertigungsindustrie ins Visier. Zusätzlich geht es gegen das sogenannte A7-Netzwerk vor, über das Teheran nach amerikanischer Darstellung Sanktionen umgehen und Geld bewegen konnte. Bessent nennt die Kampagne „Operation Economic Outcast“. Mitten in dieser angespannten Lage trat am Sonntag Ölminister Mohsen Paknejad zurück. Präsident Masoud Pezeshkian akzeptierte seinen Rücktritt und setzte den bisherigen Chef der staatlichen National Iranian Oil Company, Hamid Bovard, vorläufig an seine Stelle. Offiziell waren persönliche Gründe ausschlaggebend; das Präsidialamt erklärte, Paknejad habe bereits zuvor um seinen Rücktritt gebeten.
Teheran muss sich entscheiden
Auch Teherans Hebel über die Straße von Hormus wird kleiner. Andere Produzenten am Persischen Golf haben ihre Exporte wieder stark hochgefahren. Ende September lagen die Rohölausfuhren des Nahen Ostens an mehreren Tagen bereits über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten nutzen Pipelines, alternative Häfen und Umladungen, um die Engpässe in der Meerenge teilweise zu umgehen.
Teheran hält trotzdem an seinen sieben Bedingungen für eine vollständige Öffnung der Straße von Hormus fest. Parlamentspräsident Mohammad Baqer Qalibaf erklärte am Wochenende, die Meerenge werde erst vollständig freigegeben, wenn diese Forderungen erfüllt seien. Außenminister Abbas Araqchi warnte Washington gleichzeitig vor weiteren militärischen Angriffen.
Trump erhöht auch verbal den Druck. Am Freitag erklärte der US-Präsident, der Iran müsse sich entscheiden. Es gebe den „easy way“ und den „hard way“. Was der harte Weg bedeutet, ließ er offen. Für das Mullah-Regime Teheran tickt unterdessen die wirtschaftliche Uhr immer weiter. Solange kaum neues Öl das Land verlässt, fehlen frische Devisen – während Washington weitere Finanzwege abschneidet und der Rial immer tiefer fällt. Je länger dieser Zustand anhält, desto kleiner wird der Spielraum der iranischen Führung.
