Sie greift wieder um, die Kriegstreiberei. Russland bereite sich darauf vor, EU- bzw. NATO-Staaten anzugreifen. Ja, der böse Iwan ist wieder in den Schlagzeilen. Doch jenseits sämtlicher Propaganda stellt sich eine Frage, die offensichtlich kaum jemand bereit ist, vorzutragen: Warum sollte Präsident Putin dies überhaupt tun?
Ein Kommentar von Heinz Steiner
Alle paar Monate wieder werden die Menschen im europäischen Wertewesten mit medialen Warnungen vor einem Krieg mit Russland überschwemmt. Geheimdienste, Militärs, Politiker und Journalisten bilden hierbei geradezu eine propagandistische Einheitsfront. So auch gerade jetzt wieder, wo die AfD die Wiederaufnahme von Gaslieferungen aus Russland ins Spiel bringt und „Unsere Demokratie“ dies als perfekte Gelegenheit zur Desavouierung der Rechtspartei nutzen möchte. Ungeachtet dessen, wie man zum Krieg in der Ukraine und zu Russland steht, gilt es dennoch, sich an Fakten, realistische Szenarien und jene Tatsachen zu halten, die für eine Bewertung der aktuellen Lage unerlässlich sind.
Zuerst müssen wir uns einmal mit den militärischen Fakten auseinandersetzen. Hätten die Sowjets (also der Warschauer Pakt) damals, so um 1983/84, in Europa einmarschieren wollen, wäre das Verhältnis für den Osten deutlich besser gewesen. Rund eineinhalbmal mehr Militärpersonal, Panzerabwehr-Lenkwaffenwerfer, Schützen-/Transportpanzer. Ein noch besseres Verhältnis bei der Artillerie. Doppelt so viele Kampfpanzer und Kampfhubschrauber und rund zweieinhalbmal so viele Kampfflugzeuge in Europa. In den meisten Bereichen (von den Atomwaffen ganz zu schweigen) hätten die kommunistischen Truppen die europäischen NATO-Länder um mindestens das Eineinhalbfache übertroffen. Selbst bei einer vollständigen Mobilmachung hätten sich rund 4,5 Millionen NATO-Soldaten mit weniger als 18.000 Kampfpanzern einer kommunistischen Streitmacht von rund sechs Millionen Soldaten und gar mehr als 46.000 Kampfpanzern gegenübergestellt.
Russland ist dabei den Krieg weiter nach Westen zu tragen. Bis zu seiner nächsten Eskalation scheint es nur noch Wochen zu dauern. https://t.co/A3JwLsxnn7
— Volker Beck 🐋 🇺🇦🇮🇱🇪🇺🇩🇪 (@Volker_Beck) September 19, 2026
Und heute? Die Sowjetunion und den Warschauer Pakt gibt es nicht mehr und viele dieser Länder sind mittlerweile sogar NATO-Mitglieder. Mit Stand 2024 hatte die NATO rund 1,24-mal so viele Soldaten in Europa wie Russland, rund 1,7-mal so viele einsatzbereite Kampfjets, mehr als dreimal so viele Kampfpanzer, knapp dreimal so viele Artilleriesysteme und ebenfalls eine maritime Übermacht. Zudem verschlingt der Krieg in der Ukraine deutlich mehr russische Militärressourcen, als es bei den NATO-Ländern der Fall ist. Das Verhältnis hat sich also schon ohne die russischen Kriegsverluste deutlich zugunsten der transatlantischen Militärallianz gedreht.
Was ist mit der gegenseitigen Vernichtung?
So, und dieses durch die Kriegsanstrengungen in der Ukraine bereits personell und waffentechnisch ausgelaugte Russland soll nun planen, den Krieg weiter in den Westen zu tragen? Da fragt man sich schon, in welcher Phantasiewelt die Kriegstreiber im Westen leben. Insbesondere auch deshalb, weil die westlichen Unterstützer der Ukraine in den vergangenen Jahren immer wieder diverse vorab deutlich gemachte rote Linien Moskaus überschritten haben, Kiew sogar noch aktiv dabei helfen, Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen – und der Kreml dennoch versucht, die diplomatischen Kanäle zu bemühen.
In Kürze sind es fünf Jahre, seitdem Westeuropa der Ukraine maximale Mengen an Waffen, maximalen Umfang an Aufklärungsinformationen und maximale Ressourcen für den Krieg gegen Russland geliefert hat. Westeuropa hat der Ukraine alle Panzer, eine riesige Menge an Raketen, Bomben,…
— Martin Kuban (@MartinKuban) September 19, 2026
Hierbei geht es nicht um Moral oder Unmoral. Hier geht es nur darum, die Realitäten anzuerkennen. Klar, Russland hat ein gewaltiges Raketenarsenal – und dazu noch neue Hyperschallwaffen, gegen die die westliche Luftraumabwehr (noch) keine effektive Verteidigung hat. Doch die NATO würde entsprechend zurückschlagen – die gegenseitige Vernichtung wäre wohl gewiss. Und genau diese militärstrategische Gewissheit ist es, die man der Bevölkerung vorenthält. Aus welchen Gründen auch immer. Dabei weist die russische Führung immer wieder darauf hin, dass eine solche Eskalation nicht gewünscht wird, eben weil man sich über die fatalen Folgen durchaus im Klaren ist. Doch das wird seitens der westlichen Politiker, Militärs und deren medialen Sprachrohre kaum kommuniziert.
Der einzige wirkliche Grund, warum man sich im Kreml für einen Angriff auf den Westen entscheiden würde, wäre die pure Existenzangst. Wenn es um das nackte Überleben von Mütterchen Russland ginge, dann wäre ein solches Szenario denkbar. Doch dann nicht etwa, indem russische Truppen ins Baltikum oder nach Polen einmarschieren, wie es die westlichen Agitatoren immer wieder behaupten. Vielmehr würde es ein „Die oder wir“-Szenario sein. Das heißt: Ein gezielter breiter Schlag mit taktischen Atomwaffen und die Vorbereitung einer zweiten Welle nach einem NATO-Gegenschlag. Wir sprechen hier von einem vollumfänglichen Atomkrieg und nicht von einem langwierigen Stellungskrieg, wie wir ihn in der Ukraine sehen.
Will man uns für dumm verkaufen?
Wenn ich mir all diese Umstände, Fakten und Realitäten so ansehe, stelle ich mir die Frage, ob man die Menschen für dumm verkaufen möchte. Der Einmarsch in die Ukraine ist nämlich sicherheitspolitisch eine komplett andere Kategorie als ein Angriff auf die NATO. Dass es im Zuge der hybriden Kriegsführung auch zu diversen niederschwelligen Aktionen im Wertewesten kommt, ist selbstverständlich – immerhin helfen diese Länder der Ukraine aktiv dabei, russische Soldaten zu töten und mittels Langstreckendrohnen wichtige Energieinfrastrukturen sogar im russischen Hinterland zu zerstören. Auch Cyberangriffe gehören mit dazu – und mir braucht niemand zu sagen, dass die westlichen Geheimdienste keine ähnlichen Aktionen in Russland durchführen.
Seit eh und je werden von beiden Seiten und auf beiden Seiten Spionage- und Sabotageaktionen durchgeführt. Der Kalte Krieg hat nicht aufgehört, nur weil sich die Sowjetunion und der Warschauer Pakt aufgelöst hätten. Wäre man wirklich an einer Integration Russlands interessiert gewesen, hätte man Putins Angebot damals vor Jahrzehnten hinsichtlich eines NATO-Beitritts auch ernsthaft in Erwägung gezogen. Dann wären militärische Interventionen wie in Georgien oder der Ukraine wohl niemals geschehen, noch mehr ehemalige Sowjetrepubliken (inklusive der Ukraine und Georgiens) wären mittlerweile wohl ebenfalls in der NATO und viele andere kleine Konflikte (Transnistrien, Abchasien, Südossetien …) wären wohl mittlerweile gelöst. Doch das war nicht gewollt, weil einige Gruppen im westlichen Establishment solche permanenten Konflikte augenscheinlich brauchen.
„Generalinspekteur Breuer…wendet sich direkt an die🇩🇪Bevölkerung: Ohne Sie sind wir als Soldaten zum Scheitern verurteilt… Kriege werden nicht mit Spekulationen gewonnen, Kriege werden mit Soldaten gewonnen.“
— Zentrale Ermittlungsstelle (@ZentraleV) September 19, 2026
Ja, schickt die CDU/SPD/Grünen-Wähler zuerst!https://t.co/NDAl5kKjBo
Auch im aktuellen Fall – der intensivierten Panikmache vor einem möglichen russischen Angriff – wird dasselbe Playbook verwendet. Ich denke nicht, dass diese Leute tatsächlich von einem richtigen russischen Angriff auf die NATO ausgehen. Auch sie wissen, dass dies einen Dritten Weltkrieg im „full scale mode“ auslösen würde, was niemand möchte. Doch die tagtäglich transportierten Schlagzeilen mit Warnungen und Drohungen haben einen völlig anderen Zweck: Die Bevölkerung soll die extreme Aufrüstung samt der Umleitung enormer Finanzmittel an den militärisch-industriellen Komplex tolerieren. Dass sich die Staaten dadurch noch höher verschulden und die nationalen Budgets geradezu zerfetzt werden, spielt dabei keine Rolle.
Auf die Frage, warum Russland die NATO bzw. einen NATO-Staat überhaupt militärisch angreifen sollte, haben die Daueralarmisten nämlich auch keine befriedigende Antwort parat. Denn einen wirklich logischen Grund dafür gibt es nicht. Finden kleine „Sticheleien“ statt? Ja, natürlich. Ist ein voll ausgewachsener Dritter Weltkrieg mit Atomwaffeneinsatz möglich? Im allerschlimmsten Fall durchaus. Doch die ständig kolportierten Szenarien wie ein Einmarsch in die baltischen Länder oder gar nach Polen sind angesichts der bestehenden NATO-Mechanismen einfach nur unlogisch. Denn dies würde nämlich fast unweigerlich in einer nuklearen Eskalation münden, die keine Seite will. Doch warum traut sich kaum jemand, dies auch öffentlich laut auszusprechen?
