Ein 16-jähriger italienischer Staatsbürger mit ausländischen Wurzeln sitzt unter dem Verdacht der Unterstützung des Islamischen Staates im Gefängnis. Ermittler fanden bei ihm massenhaft IS-Propaganda, Kontakte zu Personen aus dem Umfeld der Terrororganisation, Videos von Hinrichtungen und eine russischsprachige Anleitung für den Bau eines improvisierten Sprengsatzes; in seinen Chats erklärte der Jugendliche, er wolle sich nach seinem 18. Geburtstag den Islam-Terroristen anschließen. Dies ist jedoch kein Einzelfall: Laut Europol waren 2025 allein 108 der 347 Menschen, die wegen dschihadistischer Terrorstraftaten festgenommen wurden, höchstens 18 Jahre alt.
Eigentlich machte der 16-Jährige mit seiner Familie Urlaub in der Provinz Grosseto. Dann standen die Terrorermittler vor ihm. Die Mailänder Polizei nahm den Jugendlichen auf Anordnung des Jugendgerichts fest; er lebt in der Provinz Como, besitzt die italienische Staatsbürgerschaft und wird von den Behörden als Italiener „ausländischer Herkunft“ bezeichnet. Welche Herkunft seine Familie hat, machten die Behörden nicht öffentlich. Bis dahin war der Jugendliche weder vorbestraft noch in radikalen Kreisen aufgefallen. Erst ein Hinweis des italienischen Inlandsgeheimdienstes AISI brachte die Ermittler auf seine Spur: Ein Nutzer verbreitete über mehrere Profile einer Messenger-Plattform dschihadistische und IS-freundliche Propaganda. Die Spezialeinheit der italienischen Staatspolizei, Digos, führte die Accounts schließlich zu dem 16-Jährigen zurück.
Was die Ermittler anschließend auf seinen Geräten und in seinen Accounts fanden, hatte mit pubertärer Provokation nichts mehr zu tun. Der Jugendliche nutzte regelmäßig VPN-Dienste und weitere Werkzeuge, um seine Spuren im Netz zu verschleiern, und griff damit auf eine bekannte Propagandaseite des sogenannten Islamischen Staates zu. Die Polizei beschlagnahmte eine große Menge an IS-Dateien in verschiedenen Sprachen, Propagandavideos über militärisches Training, Hinrichtungen und sogenannte Anasheed – jene religiösen Kampfgesänge, die seit Jahren zum akustischen Inventar der Dschihadisten gehören. Dazu kamen antisemitische, neonazistische und rassistische Inhalte. In einem russischsprachigen Video mit dem Logo des Islamischen Staates wurde zudem erklärt, wie sich aus leicht verfügbaren Materialien ein improvisierter Sprengsatz herstellen lässt. Russisch versteht der Jugendliche laut den Ermittlern problemlos. In seinen Chats soll er zudem behauptet haben, bereits selbst an Propagandamaterial für IS mitgearbeitet zu haben. Die Ermittler stießen darüber hinaus auf Kontakte zu Personen, die sie der Terrororganisation zurechnen.
„Wenn ich zwei Jahre älter wäre, wäre ich bei ihnen“
Noch deutlicher wird die Sache in der Haftanordnung der Mailänder Jugendrichterin Laura Margherita Pietrasanta. Nach den dort wiedergegebenen Ermittlungsakten beschränkte sich der Jugendliche keineswegs darauf, verbotene oder besonders brutale Videos zu sammeln. Er habe mehrfach den Wunsch geäußert, sich nach seinem 18. Geburtstag den IS-Terroristen anzuschließen, und sich darauf bereits „konkret vorbereitet„. Dazu zählt die Richterin ausdrücklich das Ansehen und Verbreiten von Hinrichtungsvideos sowie von Anleitungen für den Bau von Sprengsätzen. In einer über Discord geführten Unterhaltung schrieb der 16-Jährige sinngemäß: „Wenn ich zwei Jahre älter wäre, wäre ich bei ihnen.“ In einer anderen Passage erklärte er, wenn man die Eltern anderer Menschen in die Luft sprenge, müsse man damit rechnen, dass dadurch noch mehr Radikale entstünden. Die Richterin beschreibt eine zunehmende Radikalisierung, „besondere Gerissenheit und Hartnäckigkeit““ sowie den bewussten Versuch, den Sicherheitsbehörden mit VPN-Diensten auszuweichen. Das beschlagnahmte Material spreche nicht für einen einmaligen Ausflug in irgendeine dunkle Ecke des Internets, sondern für eine gefährliche Entwicklung mit einer konkreten Wiederholungsgefahr. Deshalb ordnete das Gericht die Untersuchungshaft an.
Dass der Jugendliche scheinbar mühelos zwischen IS-Videos, NS-Propaganda, antisemitischem Material und weißem Rassismus hin- und hersprang, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Im digitalen Extremistenmilieu ist diese bizarre Mischung inzwischen jedoch keineswegs ungewöhnlich. Europol beschreibt junge Radikalisierte, die die klassischen Ideologien oft nur oberflächlich verstehen und stattdessen Versatzstücke aus verschiedenen Gewaltideologien zusammensetzen. Beim 16-Jährigen fanden die Ermittler neben IS-Symbolen auch Hakenkreuze, „White Power“-Material und Videos aus dem neonazistischen Milieu. Der Hass braucht offenbar nicht einmal mehr ein geschlossenes Weltbild. Für manche Jugendliche reichen die Faszination für Gewalt, eindeutige Feindbilder und die Vorstellung, Teil eines großen Kampfes gegen die bestehende Gesellschaft zu sein.
Salvini und der „perfekt integrierte“ Italiener
Matteo Salvini brauchte für seine Reaktion nur zwei Sätze. „Ein weiterer ‚italienischer‘ Junge ausländischer Herkunft, gut erzogen und perfekt integriert. Bereit, im Namen des islamischen Terrorismus Bomben zu bauen…“, schrieb der Lega-Chef auf X. Dieser Sarkasmus trifft einen wunden Punkt der europäischen Integrationsdebatte. Auf dem Papier ist der 16-Jährige Italiener. Er hatte keine Vorstrafen, war den Behörden nicht als Extremist bekannt und verbrachte seinen Urlaub ganz gewöhnlich mit seiner Familie. Gleichzeitig soll er sich im Netz auf den Anschluss an den IS vorbereitet, Terrorpropaganda verbreitet und gelernt haben, wie man einen Sprengsatz baut. Wer Integration nur daran misst, ob jemand einen europäischen Pass besitzt, eine Schule besucht und bisher nicht bei der Polizei aufgefallen ist, setzt offensichtlich falsche Maßstäbe an.
Un altro ragazzo “italiano” di origine straniera ben educato e perfettamente integrato. Pronto a costruire bombe nel nome del terrorismo islamico… pic.twitter.com/GbmcEhPatY
— Matteo Salvini (@matteosalvinimi) August 7, 2026
Doch der 16-Jährige aus Como ist längst kein exotischer Einzelfall. Ein Blick in die Europol-Zahlen zeigt, wie jung die dschihadistische Szene in Europa inzwischen geworden ist. Im European Union Terrorism Situation and Trend Report 2026 zählt Europol für das Jahr 2025 insgesamt 486 Festnahmen wegen Terrorstraftaten in der EU. 347 davon – mehr als sieben von zehn – entfielen auf den dschihadistischen Terrorismus. Von diesen 347 Verdächtigen waren 108 höchstens 18 Jahre alt; bei weiteren 15 fehlte die Altersangabe. Damit gehörte mindestens jeder dritte festgenommene Dschihadismus-Verdächtige zu einer Altersgruppe, in der andere Jugendliche Führerschein, Lehrstelle oder Abschlussprüfung im Kopf haben. Italien meldete allein 26 Festnahmen im Zusammenhang mit dem dschihadistischen Terrorismus. Zugleich registrierte Europol 2025 europaweit 24 dschihadistische Anschläge beziehungsweise Anschlagsversuche: neun Täter vollendeten ihre Tat, 15 Vorhaben verhinderten die Sicherheitsbehörden. Fünf Menschen starben, 81 wurden verletzt.
Die Terrororganisationen wissen längst, wo sie ihre nächste Generation finden. Europol beschreibt ein digitales Ökosystem, in dem Interessenten zunächst über offen zugängliche Plattformen mit Propaganda, Memes, kurzen Videos oder scheinbar weniger radikalen Inhalten angefüttert und anschließend in kleinere, abgeschottete und technisch besser geschützte Räume gelockt werden. Dort verschwinden öffentliche Profile hinter privaten Gruppen, verschlüsselten Messengern, wechselnden Accounts und Anonymisierungsdiensten. Dieselben Kanäle dienen der Propaganda, dem Austausch von taktischen Informationen und der Weitergabe von Anleitungen für die Vorbereitung von Anschlägen. Der 16-Jährige aus Como liest sich beinahe wie ein Fallbeispiel aus dem Europol-Bericht: verschiedene Profile, VPN-Dienste, abgeschottete Gruppen, immer härteres Material, Kontakte zu Gleichgesinnten und schließlich Bombenbau-Videos. Ein sauberer Strafregisterauszug sagt über diese Parallelwelt herzlich wenig aus.
Schon wieder Minderjährige im Visier der Terrorfahnder
Und Italien musste in diesem Sommer nicht zum ersten Mal wegen eines derart jungen Verdächtigen ausrücken. Erst am 17. Juli nahm die Polizei in der Provinz Pavia eine 17-jährige italienische Staatsbürgerin fest, die in mehreren geschlossenen dschihadistischen Gruppen aktiv gewesen sein soll. Auf ihren Geräten lag unter anderem eine Anleitung für den Bau eines Sprengstoffgürtels. In Chats mit italienischen und ausländischen Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen aus dem IS-Umfeld äußerte sie laut Polizei den Wunsch nach einem „Martyrium im Namen Allahs“. Die Ermittler sprachen von einer fortgeschrittenen Radikalisierung und sogar von der konkreten Möglichkeit, dass die Jugendliche unmittelbar zu einer Gewalttat übergehen könnte. Wenige Wochen später folgt nun der 16-Jährige aus Como.
Und wer glaubt, das Problem verschwinde nach dem 18. Geburtstag, muss nur wenige Wochen weiter zurückblicken. Ende Mai nahmen die italienischen Behörden in der Brianza den damals 21-jährigen Zakaria Ben Haddi fest, der in Italien geboren wurde und dessen Eltern aus Marokko stammen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft verherrlichte er über Instagram und TikTok IS-Anschläge gegen Christen und den Westen, beschwor das „Martyrium“ und veröffentlichte Äußerungen, die nach Einschätzung der Ermittler auf eine unmittelbar bevorstehende Gewalttat hindeuteten. Die Polizei griff zu, bevor er mit einem One-Way-Ticket nach Marokko fliegen konnte. Wieder ein junger Mann, wieder in Italien geboren, wieder eine Radikalisierung über das Internet – und wieder mussten die Terrorfahnder herausfinden, was im normalen Alltag angeblich niemand bemerkt haben wollte.
Mit dem italienischen Pass verschwindet das Problem eben nicht. Die linken Politiker in Europa können noch so oft von gelungener Integration sprechen – wenn Jugendliche gleichzeitig in IS-Kanälen hängen, Hinrichtungsvideos verschicken und Bombenbau-Anleitungen sammeln, hat die Realität dieses politische Wunschbild längst zerlegt. Einwanderung endet sicherheitspolitisch nicht mit der Einbürgerung und auch nicht mit der zweiten Generation. Entscheidend ist, welche kulturellen, religiösen und politischen Bindungen tatsächlich entstehen, welche Parallelmilieus fortbestehen und welchen Einfluss islamistische Netzwerke über das Internet auf Jugendliche ausüben. Europas Sicherheitsbehörden müssen heute Minderjährige beobachten, die äußerlich vollkommen unscheinbar leben, während sie zu Haus von internationalen Terrornetzwerken Propaganda herunterladen, mit Extremisten chatten und sich Wissen über Sprengsätze aneignen. Je jünger diese Szene wird, desto schwieriger wird ihre Erkennung – und desto höher wird der Preis für jene Politik, die Integration jahrelang mit einem Pass, einem Schulbesuch und möglichst wenigen unbequemen Fragen verwechselte.





