Von Pokémon Go zur Militärdrohne: Spieler fütterten Militärsoftware zur Zielerfassung

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Pikachu jagen, Pokébälle sammeln und nebenbei für einen milliardenschweren Tech-Konzern die reale Welt vermessen: Millionen Spieler lieferten Niantic über Jahre Aufnahmen von Straßen, Plätzen, Parks und Gebäuden. Der Konzern nutzte dieses Material für 3D-Karten und sein Visual Positioning System. Heute wird genau diese Ortungstechnik für autonome Systeme, Geheimdienste und das Militär angeboten – darunter auch Drohnen, die weiter navigieren sollen, wenn das GPS gestört oder ausgeschaltet ist.

Während die Spieler virtuelle Monster suchten, sammelte Niantic etwas wesentlich Wertvolleres: Bilder der realen Welt aus Fußgängerperspektive. Über sogenannte AR-Mapping-Aufgaben konnten Nutzer Orte mit ihren Smartphone-Kameras abfilmen und die Aufnahmen hochladen. Als Gegenleistung gab es virtuelle Belohnungen im Spiel. Niantic bekam dafür Bildmaterial, das für Karten, 3D-Modelle und visuelle Ortung Gold wert war. Wie groß dieser Datenschatz inzwischen ist, erklärt Niantic Spatial selbst: Mehr als 300 Millionen von Nutzern beigesteuerte Scans und über 30 Milliarden positionsbestimmte Bilder realer Orte stehen dem Unternehmen zur Verfügung. Mit solchen Aufnahmen wurden 3D-Karten aufgebaut und Systeme trainiert, die anhand eines Kamerabildes erkennen sollen, wo sich ein Gerät befindet und wohin es blickt.

Das sogenannte Visual Positioning System, kurz VPS, arbeitet dabei ohne die übliche Abhängigkeit von Satellitensignalen. Eine Kamera sieht Gebäude, Straßen, Mauern oder andere markante Punkte, die Software gleicht sie mit bereits erfassten Orten ab und errechnet daraus die eigene Position. Genau das wird interessant, sobald GPS gestört, manipuliert oder völlig unbrauchbar ist.

Millionen Spieler als kostenlose Kartografen

Für einen Kartenkonzern ist dieses Modell nahezu perfekt. Google musste für Street View eigene Fahrzeuge mit Spezialkameras durch Städte schicken. Niantic hatte Millionen Nutzer bereits draußen auf den Straßen – mit Kamera, GPS und Internetverbindung in der Tasche. Und diese Nutzer kamen an Orte, die ein Kartenauto niemals erreicht: schmale Wege, Parks, Treppen, Innenhöfe, Fußgängerzonen und andere Bereiche abseits der Straße. Der Konzern musste dort keine bezahlten Teams hinschicken. Die Spieler erledigten einen Teil der Arbeit freiwillig.

Niantic machte daraus keinen Hehl. Das Unternehmen erklärte selbst, dass Aufnahmen aus Pokémon Go, Ingress und Scaniverse in den Aufbau seiner 3D-Karten und KI-Modelle einflossen. Das ist der eigentliche Coup hinter dem Handyspiel: Die Nutzer sahen ein zusätzliches Spielelement. Für Niantic war es gleichzeitig eine billige Möglichkeit, die physische Welt Stück für Stück aus der Sicht von Fußgängern erfassen zu lassen.

Das Spiel wurde verkauft – die Kartentechnik blieb

2025 wurde der Konzern aufgespalten. Scopely übernahm Pokémon Go, Pikmin Bloom, Monster Hunter Now und weitere Teile des Spielegeschäfts für 3,5 Milliarden Dollar. Niantic Spatial blieb eigenständig und behielt die Systeme für 3D-Karten, visuelle Ortung und KI. Damit war der Weg frei, die Technik unabhängig vom Spielebereich zu vermarkten. Der Hintergrund von Niantic-Gründer John Hanke macht diese Entwicklung zusätzlich interessant. Noch vor Niantic gründete er Keyhole, ein Unternehmen für digitale Weltkarten. Google kaufte Keyhole 2004, die Technik wurde später zu einem wichtigen Baustein von Google Earth.

Vor dem Google-Verkauf war allerdings bereits der amerikanische Geheimdienstapparat auf Keyhole aufmerksam geworden. 2003 investierte In-Q-Tel, die von der CIA finanzierte Beteiligungsgesellschaft, in das Unternehmen. Der Auftrag kam von der damaligen National Imagery and Mapping Agency, dem Vorläufer der heutigen National Geospatial-Intelligence Agency. In-Q-Tel beschreibt selbst, wie schnell die Technik militärisch eingesetzt wurde: Schon wenige Wochen später wurde Keyhole im Pentagon verwendet und unterstützte amerikanische Truppen im Irak. Hankes Kartentechnik und der US-Sicherheitsapparat kennen sich also seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Vom PokéStop zur Drohne

Im Dezember 2025 kündigte Niantic Spatial eine Partnerschaft mit Vantor an. Hinter dem Namen steckt das frühere Maxar Intelligence, einer der wichtigsten kommerziellen Lieferanten von Satellitenbildern und Geodaten für den amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparat. Niantic und Vantor wollen ihre Ortungssysteme miteinander verbinden. Niantic liefert sein bodengestütztes VPS, Vantor seine für Luftfahrzeuge entwickelte Raptor-Technik. Die Unternehmen nennen selbst mögliche Anwendungen für autonome Drohnen, Fahrzeuge, AR-Brillen und andere Systeme im Einsatz.

Das Ziel ist klar: Maschinen sollen sich auch dann orientieren können, wenn GPS ausfällt. Für moderne Streitkräfte ist das sehr interessant. Elektronische Störsender gehören längst zum Schlachtfeld. GPS-Signale werden blockiert oder gefälscht, Drohnen verlieren ihre Position oder werden vom Kurs abgebracht. Eine Drohne, die Gebäude, Straßen und Gelände mit ihrer Kamera erkennt, kann sich davon unabhängiger machen. Und für solche Einsatzbedingungen wird Niantics VPS heute angeboten.

Der Pentagon-Apparat kann bereits zugreifen

Niantic Spatial steht inzwischen auch ganz offiziell im amerikanischen Beschaffungsapparat. Im Mai 2026 erhielt das VPS den Status „Awardable“ im Tradewinds Solutions Marketplace des US-amerikanischen Chief Digital and Artificial Intelligence Office. Damit können amerikanische Regierungsstellen die Technik direkt verhandeln und beschaffen. Damit ist die Reise vom Smartphone-Spiel zum Verteidigungsmarkt einfach nur eine Geschäftspolitik. Spieler scannten Orte. Niantic baute daraus Karten und Ortungssysteme. Jahre später wird die daraus entwickelte Technik mit einem großen US-Aufklärungsunternehmen gekoppelt und für autonome Systeme in GPS-gestörten Einsatzgebieten vermarktet.

Nach Medienberichten über die militärische Nutzung reagierte Niantic Spatial mit einem Dementi. Pokémon-Go-Daten würden seit dem Verkauf des Spiels an Scopely nicht mehr mit Niantic Spatial geteilt. Auch eine direkte Übergabe alter Pokémon-Go-Aufnahmen an Vantor bestreitet das Unternehmen. Der wichtigste Punkt bleibt trotzdem bestehen: Niantic hat selbst bestätigt, dass Nutzeraufnahmen aus seinen Spielen beim Aufbau seiner Karten und Ortungssysteme verwendet wurden. Die daraus entwickelte Technik wird heute an Kunden aus Verteidigung und Geheimdienst verkauft und gemeinsam mit Vantor für Drohnen und andere autonome Systeme weiterentwickelt.

Das Dementi beantwortet damit nur eine Frage: Ob Vantor alte Pokémon-Videos direkt erhält. Eine unangenehmere Frage lautet: Wie viele Spieler hätten freiwillig ihre Umgebung für Niantic abgefilmt, wenn ihnen damals gesagt worden wäre, dass die daraus entwickelte Ortungstechnik später einmal auf dem Markt für Rüstungskonzerne landen würde?

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