Die Moralkeule ist die beliebteste Waffe der Linken und der Wokeria: Sie sind die „Guten“, sie stehen auf der „richtigen“ Seite. Denken sie. Die Realität zeigt vielfach das Gegenteil. Ihre peinliche Doppelmoral ist psychologisch erklärbar – und politisch äußerst nützlich. Den größten Schaden richten jene Kräfte im Machtapparat an, die diese Mechanismen gezielt nutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Und dabei ironischerweise den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen.
Lesen Sie auch den ersten Teil dieser Reihe:
„Kein Mensch ist illegal.“ Der Satz gehört zum festen Inventar linksgrüner Rhetorik. Solange die Menschen, um die es geht, weit weg sind oder zumindest in anderen Städten untergebracht werden, funktioniert die Formel einwandfrei. Sie kostet nichts und markiert die eigene Gruppenzugehörigkeit und moralische Überlegenheit.
Interessant wird die Sache, wenn das Asylzentrum plötzlich nicht mehr in der Problemstadt irgendwo in der Peripherie geplant wird, sondern in der eigenen, linksgrün geprägten Nachbarschaft. Dann kippt die Stimmung. Plötzlich ist von „fehlender Infrastruktur“ und unpassenden Bedingungen die Rede. Die gleichen Leute, die zuvor jede Kritik an unkontrollierter Zuwanderung als rassistisch gebrandmarkt haben, entdecken schlagartig die Notwendigkeit von Begrenzung und Steuerung – zumindest vor der eigenen Haustür. Im Englischen nennt man das NIMBY.
NIMBY steht für „Not In My Backyard“, also sinngemäß: „Nicht in meinem Hinterhof.“ Gemeint ist eine Haltung, bei der jemand ein Vorhaben eigentlich befürwortet, sich aber vehement dagegen wehrt, sobald die konkreten Nachteile im eigenen Dunstkreis entstehen. Der Ausdruck stammt aus dem angloamerikanischen Raum und verbreitete sich schon seit den 1970er- und 1980er-Jahren. Typische Streitobjekte waren damals etwa Deponien, Kraftwerke oder Straßen, deren lokale Konsequenzen wie Lärm, Luftverschmutzung, Verkehr oder Wertverluste selbst die Befürworter nicht tragen wollten. Das klassische Muster lautet also: „Ja, wir wollen X – aber bitte nicht hier!“
Ein moderner Fall von NIMBY wäre beispielsweise, wenn jemand den Ausbau der Windenergie fordert, aber gefälligst keine Windräder in Sichtweite seines Wohnorts errichtet haben will. Oder jemand skandiert wacker „Wir haben Platz!“, protestiert aber gegen ein Flüchtlingsheim im eigenen Viertel. Man kennt’s.
Lass die anderen leiden!
Im Deutschen haben wir mit dem Sankt-Florian-Prinzip praktisch dieselbe Denkfigur. Der Name bezieht sich auf den heiligen Florian von Lorch, der traditionell als Schutzpatron gegen Feuer beziehungsweise der Feuerwehr verehrt wird. Dahinter steht der bekannte Spruch: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“
Die Aussage ist somit eine Spur härter als beim NIMBY: Das Problem soll nicht gelöst, sondern so verlagert werden, dass es andere trifft. Das bildet die linke Doppelmoral besonders gut ab. Mehr Asylzentren und Unterkünfte für Migranten? Gerne! Die Konsequenzen kennt man sehr wohl, denn man selbst will nicht mit ihnen leben. Andere sollen sie aber ausbaden. Ist das moralisch?
All die Fälle, in denen Bewohner linksgrüner Hochburgen plötzlich auf die Straßen strömten, um gegen kulturelle Bereicherung und „geschenkte“ neue Mitbürger zu protestieren, belegen, dass diese Klientel keineswegs so naiv ist, wie sie sich gibt. Sie weiß, was für eine Belastung die von ihr unterstützte Politik für die Bevölkerung ist. Es ist ihr einfach egal, solange sie selbst nicht betroffen ist. Die eigene Moral ist an die Bedingung geknüpft, dass die Kosten bei anderen anfallen. Wird diese Bedingung verletzt, bröckelt die Haltung. Dann rationalisiert man eilig das eigene Ausscheren („ausgerechnet hier passen die Bedingungen aber gar nicht!“), tut sich mit seinen Gesinnungsgenossen zusammen und leistet die Art Widerstand, die man bei anderen zuvor als „menschenfeindlich“ angeprangert hat.
Dennoch ist man stets bemüht, sich von den bösen „Anderen“ abzugrenzen. Massenmigration bleibt natürlich toll. Nur, wissen Sie, leider, leider, leider, wäre in unserem schönen Ort die Infrastruktur katastrophal überlastet. Ach, und der Ort hat den armen Migranten doch auch gar nichts zu bieten. Zünden Sie doch einfach das Nachbardorf an! (Oder vielleicht das Nachbardorf des Nachbardorfs. Nicht, dass die Neubürger sich doch noch hierher verirren.)
Auch die Politik kennt die Realität
Man sollte nicht meinen, dass die linksgrüne Wählerschaft sich hier von Politikern und Parteisoldaten unterscheidet. Die negativen Konsequenzen des eigenen politischen Handelns werden den meisten früher oder später im Kontakt mit der Realität bewusst werden. Denken Sie, linksgrüne Politiker wissen nicht um all die Umfragen, die belegen, dass junge Mohammedaner die Scharia für wichtiger als die Gesetze im Land halten? Dass politische Akteure die Entrechtung von Frauen, Ehrenmorde, Gruppenvergewaltigungen und die offene Ablehnung von Queer- und Gendergaga durch Migranten wirklich konsequent ausblenden?
Wenn man seine eigene Anhängerschaft über Emotion und Zugehörigkeit mobilisiert statt über Problemlösung und Sachpolitik, ist die Wirklichkeit schlichtweg vernachlässigbar. Identität ist ein billiges Mobilisierungsinstrument. Und wenn man sich in Wahrheit sowieso Wählerstimmen durch Migranten erhofft, egal, wie sehr sie westliche Werte, Demokratie und Rechtsstaat verachten, stimmt man auch bereitwillig ein Klagelied über „Islamfeindlichkeit“ an. Es geht nicht um gute Politik, es geht um Macht.
Umso gefährlicher leben Abweichler. Man erinnere sich an Boris Palmer, der zwar überwiegend als klassischer Grüner auftrat, seine Partei aber in der Migrationsdebatte zu mehr Realismus aufforderte. Nach langem Hin und Her ist er aus der Partei ausgetreten. Wenn in den eigenen Reihen jemand Fakten anspricht, die das Welt- und Selbstbild der Gruppe angreifen, gilt das als Verrat der Eigenen und obendrein als Wasser auf die Mühlen der sogenannten Feinde. Darum wirken viele politische Positionen auch so starr, selbst wenn die Faktenlage und die Gegebenheiten sich längst geändert haben. Bevor man den identitären Zusammenhalt gefährdet, hält man lieber an einer gescheiterten Linie fest.
Der aktuelle Machtapparat beharrt auch deswegen so starr auf seinen veralteten Grundannahmen, weil auf diesen Ideologien ganze Karrieren und Existenzen aufgebaut wurden. Sie sind institutionell verankert, wurden in Gesetze und Förderstrukturen gegossen. Jedes Zurückweichen bestätigt den politischen Gegner. Hier hat sich eine Art immunologisches System gebildet: Im Kampf um den Machterhalt müssen widersprechende Daten umgedeutet, relativiert oder moralisch abgewertet werden.
NIMBY funktioniert nicht mehr
In Deutschland und anderen westlichen Nationen ist aktuell gut beobachtbar, was passiert, wenn die Wirklichkeit zu offensichtlich mit politischen Narrativen kollidiert: Weil rechte Parteien angesichts nicht zu leugnender Negativeffekte linker Politik massiven Auftrieb erhalten, bildet sich links eine Art Einheitsidentität, die sich moralisch homogenisiert („wir verteidigen die Demokratie“), während die Gegenseite als Feind und existenzielle Bedrohung markiert und entmenschlicht wird. Inhaltliche Konflikte werden zu reinen Identitätskonflikten – statt Gegenargumente vorzubringen, spricht man der unliebsamen Seite das Mitspracherecht ab. „Ihr seid Nazis, euch hören wir nicht zu.“ Damit delegitimiert das System sich selbst. Es wird scheitern.
Wir-gegen-die-Grenzen lockern sich spätestens dann, wenn ein gemeinsames Interesse (oder eine gemeinsame Bedrohung) wichtiger wird als die interne Spaltung. Das Versagen der aktuellen Politik ist bereits in sehr vielen Hinterhöfen angekommen – NIMBY funktioniert also nicht mehr. Der Zankapfel messert bereits in zu vielen Gärten. Gerade die Massenmigration schafft unübersehbare Probleme auf mehreren Ebenen, die das politisch-ideologische Gruppendenken in der Bevölkerung mehr und mehr aufweichen. Und auch innerhalb der politischen Einheitsfront knarzt es gewaltig im Gebälk.
Die Frage ist nur, ob in Bälde genug Akteure innerhalb des aktuellen Kartells erkennen, dass man mit dem eigenen Kurs dem Untergang geweiht ist – oder ob man bis zum endgültigen Bruch auf ihm beharrt.
