Trans-Demokratie: Das moralische Monopol der Unmoralischen

Symbolbild: KI

Die Moralkeule ist die beliebteste Waffe der Linken und der Wokeria: Sie sind die „Guten“, sie stehen auf der „richtigen“ Seite. Denken sie. Die Realität zeigt vielfach das Gegenteil. Ihre peinliche Doppelmoral ist psychologisch erklärbar und politisch äußerst nützlich. Den größten Schaden richten jene Kräfte im Machtapparat an, die diese Mechanismen gezielt nutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Und dabei ironischerweise den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen.

Gespräche mit einem gewissen Menschenschlag fühlen sich an, als wäre man wieder im Sandkasten gelandet: Ein falsches Wort und das Geplärr folgt auf dem Fuße – am Ende werden theatralisch Sandburgen zertrampelt und es fliegen Plastikschaufeln.  

Schnappatmung und Empörung sind heute Werkzeuge der Diskurssteuerung. Unliebsame Aussagen werden nicht auf Basis von Argumenten und Fakten betrachtet. Stattdessen kritisiert man die Chuzpe, dass sie überhaupt in den Raum gestellt werden. Dieses Abwürgen von Debatten haben selbsternannte Gut- und Bessermenschen perfektioniert. Fällt ein Satz, der von der gewünschten Linie abweicht, kommt die moralische Einordnung: Das ist rechts, Nazi, rassistisch, menschenfeindlich, was auch immer. (Das ist das Geplärr.) Und weil böse ist, wer Böses sagt, gilt damit gleich der ganze Gesprächspartner als delegitimiert. Er ist aus dem Club von „Vielfalt“, „Solidarität“, „unsere Werte“ und „unsere Demokratie“ ausgestiegen. (Ab jetzt dürfen Schaufeln fliegen.)

Man handelt in der Überzeugung, eine moralische Monopolstellung innezuhaben. Diese hat sich immerhin über Jahrzehnte aufgebaut: Der linke Marsch durch die Institutionen war wahrscheinlich erfolgreicher, als manche seiner frühen Protagonisten zu träumen gewagt hätten. Linke Deutungen, egal wie absurd sie sein mögen, beherrschen weite Teile der Medien, der Kulturindustrie, der Universitäten, der Lehrerzimmer, der großen Kirchenapparate, der NGOs und des öffentlichen Dienstes. Wer in diesen Sphären Karriere machen oder auch nur ungestört arbeiten will, weiß in der Regel, welche Sätze man sagen darf und welche nicht. Das ist Macht, und sie strahlt nach außen. Es ist aber auch Identität.

Politische Überzeugungen als Identität

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer sich auf der „richtigen Seite der Geschichte“ wähnt, bezieht daraus ein außerordentlich stabiles Selbstwertgefühl. Man gehört zu den Guten und man kämpft gegen die Bösen. Man steht auf der Seite der Schwachen, der Opfer, und verteidigt sie gegen Ungerechtigkeit und Attacken der Mächtigen. Man ist praktisch Batman (in einigen Fällen eher Batman auf Bürgergeld, aber sei’s drum).

Dieses Gefühl ist psychologisch extrem belohnend: Es entlastet von Selbstzweifeln, es gibt dem eigenen Leben Bedeutung, und es liefert fertige Feindbilder, an denen man sich abarbeiten kann. Es erspart einem auch Denkarbeit, denn wenn man Sachverhalte nicht mehr analysieren, sondern nur mehr moralisch einordnen muss, muss man sich nicht mit unliebsamen Tatsachen auseinandersetzen. Dieses Selbstbild ist nicht an Fakten gebunden, sondern an ein Gefühl moralischer Überlegenheit.

Nebenbei wird man darüber auch gleich zum Mitglied einer (in vielen Bereichen immer noch herrschenden) Gang. Menschen sind Gruppentiere. Das Gefühl von Zugehörigkeit gibt uns Sicherheit. Es zu verlieren, wirkt bedrohlich. Wer in bestimmten beruflichen und privaten Kreisen den Konsens verlässt, riskiert Konsequenzen, von kritischen Blicken über offene Ausgrenzung bis hin zum Ende von Freundschaften oder gar beruflichen Nachteilen. In diversen Milieus gilt die korrekte „Haltung“ als Ausweis von Klugheit und Anständigkeit. Wer negativ auffällt, verliert nicht nur seinen Mitgliedsausweis, sondern obendrein auch seinen Status. 

Die Sozialpsychologie erörtert diese Phänomene im Kontext der Social Identity Theory. Diese Theorie geht davon aus, dass Menschen ihr Selbstbild nicht bloß aus individuellen Eigenschaften beziehen, sondern sich stark über Gruppen definieren – auch und gerade über ihre politischen Lager. Sie übernehmen die Identität ihrer Gruppe und internalisieren ihre Normen, Werte und Verhaltensweisen. Politische Meinungen sind damit keine durch Fakten veränderlichen Überzeugungen mehr, sondern Teil der eigenen Identität und entsprechend emotional aufgeladen. Wer seine Meinung ändert, müsste zugleich seine Identität und Gruppenzugehörigkeit hinterfragen. Innerhalb der eigenen Gruppe ist der Zusammenhalt groß und man nimmt sich und seinesgleichen als überlegen wahr. Menschen, die anderen Gruppen zugeordnet werden, werden dagegen tendenziell abgewertet und gelten als „Feind“. 

Ein Geschenk an die Mächtigen

Diese Einordnungen helfen uns im praktischen Umgang mit diesen Mechanismen wenig. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass man in vielen politischen Debatten nicht um Fakten kämpft – man kämpft mit psychologischen Prozessen, die viel stärker wirken. Debatten eskalieren nicht, weil man eine Kriminalitätsstatistik wiedergibt, sie eskalieren, weil diese Statistik als Angriff auf ein Weltbild, ein Selbstbild und auf eine ganze Gruppenidentität gewertet wird. Diese vermeintliche Bedrohung führt zu den fliegenden Plastikschaufeln. Während ein Gesprächspartner auf Sachebene argumentieren will, zieht der andere längst in den Krieg, als hätte man gerade nicht nur ihn, sondern auch seine Eltern, Großeltern und überhaupt den gesamten Familienclan beleidigt. Gesellschaftlich wirkt das verheerend, doch für politische Mächte, die ein geeintes Volk fürchten, ist das erstrebenswert. Deswegen macht man sich diese Mechanismen politisch und medial zunutze.

Vor diesem Hintergrund wird auch die absurde Doppelmoral der „moralisch Überlegenen“ erklärbar. Denn die vermeintlich „Guten“ sind objektiv nicht ansatzweise so „gut“, wie sie sich sehen. Sie verharmlosen Gewalt, untergraben die Rechte von Frauen und jenen Minderheiten, für die sie zu kämpfen vorgeben, fördern Strukturen, die sie eigentlich ablehnen, und schaden den Armen und Schwachen. Diese blinden Flecken können als Symptom eines Abkopplungsprozesses von der Realität betrachtet werden. Vor allem zeigen sie aber die Niederträchtigkeit eines polit-medialen Komplexes, der Widersprüche deckt, um die Spaltung aufrechtzuerhalten und zu verstärken. 

Diese Artikelreihe beleuchtet einige besonders peinliche Bruchstellen im Meinungsmonopol der linken Bessermenschen und wie sie das Geschäftsmodell eines Machtapparats entlarven, der von Polarisierung abhängt. 

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